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23.05.2007 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Er gab Pflanzen und Tieren ihre Namen

Vor 300 Jahren wurde Carl von Linné, Schöpfer der Taxonomie, geboren

von Josef Tutsch

 
 

Carl von Linné
* 23. Mai 1707 in Rashult,
+ 10. Januar 1778 in Uppsala

Ob dem Professor der Medizin und der Botanik jemals eingefallen ist, sich mit Adam zu vergleichen? Grund hätte er gehabt; denn Adam, ist in der biblischen Schöpfungsgeschichte zu lesen, "gab allem Vieh, allen Vögeln des Himmels und allem Feldgetier Namen". Genau das tat auch Carl von Linné, freilich nicht in einer natürlichen Umgangssprache, sondern in der Wissenschaftssprache Latein. Linné tat noch mehr. Ebenso wie die Tiere unterwarf er das Pflanzenreich seiner Nomenklatur (ganz nebenbei, heute vergessen, übrigens auch das Reich der Gesteine und Mineralien), und als er 1778 nach einem halben Jahrhundert Klassifikationsarbeit starb, hinterließ er ein nach damaligen Begriffen vollständiges "System der Natur". Wiederum ein dreiviertel Jahrhundert später fand Charles Darwin den Schlüssel, dieses System als Stammbaum zu interpretieren.

Davon freilich hatte Linné keine Vorstellung. Für ihn waren die "Arten" unveränderlich, eine scheinbar selbstverständliche Voraussetzung. Hat sich der Pfarrerssohn aus Rashult im südschwedischen Smaland, als er in der letzten Auflage seines "Systems" 4.387 Tierarten aufführte, jemals Gedanken gemacht, wie der biblische Noah es geschafft haben mag, von jeder Art zwei Exemplare in seiner Arche durch die Sintflut zu retten? Linnés Projekt war, in die Schöpfung Gottes eine menschenmögliche Ordnung zu bringen. In einem nachgelassenen Manuskript legte er eine Art Glaubensbekenntnis nieder: "Dürft' ich einmal sehen dein heimliches Walten und dann verstehen. So hebe Du auch mich vom Staube zu Dir auf, nur einen Augenblick zu sehen, wie Du lenkest aller Welten Lauf, die Ursache zu sehen der Dinge sonder Zahl, die wunderlich geschehen."

llustration aus der "Hochzeit der
Pflanzen", Ausgabe 1746
Die Idee für sein Lebenswerk muss ihm bereits in Studententagen gekommen sein, 1728 oder 1729 in Uppsala.  Es gab Anregungen. 1682 hatte der Engländer John Ray den Versuch unternommen, die Pflanzen nach Bau und Aussehen vergleichbarer Organe zu ordnen, 1700 entwickelte der Franzose Joseph Pitton de Tournefort ein System der Pflanzen nach der Beschaffenheit der Blütenkronen. Linnés erste Abhandlung war "Die Hochzeit der Pflanzen" überschrieben. Hinter dem poetischen Titel verbarg sich eine höchst nüchterne Konzeption, hätte Linné sich damit den Tieren zugewandt, wäre er zweifellos in den Ruf eines Pornographen gekommen: Linné wollte die Pflanzen nach ihren Fortpflanzungsorganen, den Geschlechtsmerkmalen, sortieren: nach Blütenblättern, Staubblättern und Stempeln.

Aber zunächst ging der junge Wissenschaftler auf eine Studienreise durch Lappland. Die Pflanzenwelt Nordskandinaviens muss für ihn eine ähnliche Offenbarung gewesen sein wie später die Finken der Galapagos-Inseln für Darwin, Linnés Reisebericht stellt bis heute für die breite Öffentlichkeit das lesbarste seiner Werke dar. 1735 zog er für drei Jahre nach Holland, in Leiden erschien die erste Ausgabe des "Systems". Das Verfahren orientierte sich an der scholastischen Logik des Mittelalters und war in seiner Schlichtheit genial: Jede Pflanze erhielt einen Doppelnamen, zusammengesetzt aus der übergeordneten "Gattung" und der spezifischen "Art". Um die Gattungen wieder in größere Einheiten eingliedern zu können ("Ordnungen", "Klassen", "Reiche"), stellte Linné seinen Traum, Gott über die Schulter sehen zu können, hintan: "Es ist keine Hoffnung, in unserer Zeit ein natürliches System zu finden, kaum unsere spätesten Enkel werden es können. Aber inzwischen will man ja die Pflanzen kennen, folglich müssen wir künstliche Klassen als Nothelfer annehmen."

Titelblatt zum "System der
Natur", 1758
"Dürft’ ich einmal sehen ..." Der Weg zum Lebenstraum war mit Jahrzehnten der Detailarbeit gepflastert, die zehn Folioseiten, die Linné in Leiden herausgebracht hatte, wuchsen während seiner Professorenkarriere in Uppsala auf das Dreihundertfache an. Der Erfolg des "Systems" lag gerade in seiner Formalität begründet, sie erlaubte es Linné – und erlaubt es seinen Nachfolgern bis heute – jeweils neu gefundene und beschriebene Arten einzusortieren. Nur dieser streng formale Charakter des Systems wird es den Zeitgenossen zumutbar gemacht haben, dass sie im Tierreich auch die Gattung "Homo" fanden und die Art "Homo sapiens", den "wissenden Menschen" – diesen Ausdruck hat Linné eingeführt. Daneben war noch eine zweite Menschenart aufgelistet, der "Homo troglodytes" oder "Homo nocturnus",Höhlenmensch oder Nachtmenschen; vermutlich war der Schimpanse gemeint.

Dass Darwin ein Jahrhundert später auf der Grundlage dieses Systems die neuzeitliche Weltanschauung umstülpen würde, konnte Linné nicht ahnen; aber seiner eigenen Bedeutung in der Wissenschaftsgeschichte war er sich gewiss. "Die Botanik", schrieb er in er autobiographischen Notiz über sich selbst in der dritten Person, "baute er von Grund auf an der Stelle der früheren, verfallenen, so dass, von seiner Zeit an zu rechnen, diese Wissenschaft ein ganz anderes Ansehen und eine ganz neue Epoche erhalten hat." In den Grundzügen hat sich Linnés System der "binären Nomenklatur" bis heute gehalten, ein "L." hinter den lateinischen Tier- und Pflanzennamen verweist auf den Urheber. Im Zeitalter des Computers gibt es Pläne, die Worte durch Zahlencodes zu ersetzen – Ausgang der Diskussion ungewiss, menschlichen Gehirnen wie sie nun einmal konstruiert sind, ist "Panthera leo" für den Löwen (Linné schrieb "Felis leo") wohl doch eingängiger als eine willkürliche Zahlenkombination.

Das Porträt aus dem Jahre 1775
zeigt Carl von Linné drei Jahre vor
seinem Tod
Der Naturforscher selbst freilich hat im "System der Natur" nicht sein letztes Wort gesehen. Im Nachlass fand sich ein umfangreiches Manuskript unter dem Titel "Nemesis divina", die "göttliche Vergeltung". Der Text hat die naturwissenschaftliche community zutiefst verstört. Linné referierte penibel Histörchen, von denen er gehört oder gelesen hat, Histörchen, in denen sich seiner Meinung nach menschliche Schuld in einer Art von Automatismus rächt. Kleine Probe: Ein "Bauernknecht schwängert zwei Frauen auf einmal. Die eine Magd wird eine öffentliche, ehrlose Hure. Die andere mordet heimlich ihr Kind. Der Bauernknecht nimmt die zweite zur Frau. Sie bekommt, als sie einmal braut, Schwindel, fällt in den Braukessel und wird zu Tode gekocht. Die erste Magd verheiratet sich und es ergehet ihr wohl."

"... denn alle Schuld rächt sich auf Erden", heißt es in einem Goethe-Gedicht. Wir sind gewöhnt, Dichtung und Naturwissenschaft in getrennten Abteilungen unseres Denkens zu verwalten, Linné dagegen sah offenbar keinen Widerspruch zwischen seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten und solchen Rekonstruktionsversuchen einer "Moral" in der Gesellschaft und Geschichte – beides war der Versuch, Gott ein wenig über die Schulter zu schauen. Aber jenseits strenger Naturwissenschaft einerseits, theologischer Spekulation andererseits hat sich Linné auch in unser Alltagsleben eingeprägt. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte der schwedische Astronom Anders Celsius die hunderteilige Temperaturskala eingeführt: vom Siedepunkt des Wassers bei 0 Grad bis zum Gefrierpunkt bei 100 Grad. Es war Linné, der nach Celsius’ Tod die Skala in die uns gewohnte Richtung umkehrte.


Mehr im Internet:
Carl von Linné
Als die Natur ihre Geschichte erhielt, scienzz magazin 14.08.2006

 

 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

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