Sprachstörungen bei Kindern nehmen zu – und treffen oft auf Ignoranz
Inga Göbel und Eva Rauls
Tom ist ein sechsjähriges Energiebündel, dessen Leidenschaft das Fußball spielen ist. Tagtäglich tobt er mittags nach der Schule mit seinen Freunden auf dem Bolzplatz, unterbrochen nur von fantasievollen Geschichten, die das kleine Plappermaul gerne erzählt. An sich nichts Bemerkenswertes, doch wenn man genauer hinhört, merkt man schnell, dass Toms Aussprache von der seiner Spielkameraden abweicht. Der Junge ist jedoch kein Einzelfall; mit ihm leiden derzeit 5 Prozent der Kinder im Grundschulalter an sogenannten SprachEntwicklungsStörungen (SES).
SES: Der Entwicklungs- rückstand beträgt min- destens 6 Monate und betrifft mindestens eine der folgenden vier Be- reiche: Aussprache, Sprachverständnis, Grammatik und Wort- schatz.
Doch was bedeutet dieses in den letzten Jahren scheinbar immer häufiger auftretende Phänomen eigentlich konkret für die Betroffenen und mit welchen Konsequenzen haben sie zu kämpfen? Sprache hat in unserer Gesellschaft eine herausragende Funktion und ist für den schulischen Bereich unabdingbar. Bereits zu Beginn des ersten Schuljahres vorhandene sprachliche Schwierigkeiten können die Kinder in ihrer weiteren Lernentwicklung drastisch einschränken, wirken demotivierend und verzögern somit meist die gesamte Entwicklung. Zudem haben kommunikationsbeeinträchtigte Menschen einen schweren Weg in der Gesellschaft zu gehen, da sie sowohl bei der Berufswahl als auch im alltäglichen sozialen Umgang Benachteiligungen und viele Rückschläge hinnehmen müssen.
Hat sich die gesamte Sprachkultur unserer Gesellschaft so gravierend verändert? Verlernen die Kinder heutzutage das normierte Sprechen? Wer trägt Schuld daran, dass gerade in den letzten Jahren immer mehr Kinder mit sprachlichen Einschränkungen zu kämpfen haben? In Wirklichkeit gab es schon immer Kinder mit Sprach-/ Sprechentwicklungsproblemen, doch in den letzten Jahren richtete sich vermehrt das Augenmerk der Öffentlichkeit (auch gerade nach PISA und IGLU) auf die Sprache der Kinder und die Wissenschaft beschäftigt sich verstärkt mit dem doch noch sehr unerforschten Gebiet. Genauso wie jedes zweite Kind heutzutage scheinbar eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat, so scheint auch jedes Kind von Sprach-, Sprech-, Schluck- oder Stimmproblemen betroffen. „Dabei fallen die Kinder nur vermehrt auf, weil die Auffälligkeiten durch die Öffentlichkeit und das derzeitige Forschungsinteresse bekannter werden“, konstatiert die Logopädin Kathrin Mahl.
PISA (Programme for Inter- national Student Assess- ment/ international stan- dardisierte Leistungsmes- sung): Diese Studie testet die Bereiche Naturwissen- schaft, Mathematik und Lesekompetenz der Schüler im Alter von 15 Jahren in 32 Staaten.
IGLU (Internationale Grund- schul-Lese-Untersuchung): In dieser Studie werden Lesefähigkeiten bzw. das Leseverständnis von Viert- klässlern zwischen 35 Län- dern verglichen.
In beiden Studien schneidet das deutsche Bildungssy -stem regelmäßig unter- durchschnittlich ab.
Allerdings wurde von den jeweiligen Fachwissenschaften noch nicht eindeutig beantwortet, wo genau die Ursachen liegen. Mit Sicherheit kann man nur sagen, dass es sich nicht um eine einzelne Ursache handelt, sondern in der Regel mehrere Faktoren zu einer Störung führen und ihr Aufrechterhalten bedingen können. Daher spricht man auch von einer multifaktoriellen Erklärung.
Gerade dem Bereich der soziokulturellen Ursache misst die Logopädin Mahl große Bedeutung für die Sprach- und Sprechprobleme der Kinder zu. „Es ist ja kein Wunder, dass den Kindern das Gefühl für Sprache und Rhythmus fehlt. Immer weniger Eltern kennen heutzutage noch Kinderlieder, Fingerspiele oder Reime auswendig. Das zeigt doch, welchen geringen Stellenwert diese für die Entwicklung der Kinder so wichtigen Sprachspiele in den heutigen Familie haben. Fernseher und Computer vermitteln den Kindern diese Fähigkeiten nicht!“
Bei logopädischer Therapie ist Kreativität gefragt
Die Klassenlehrerin sorgte sich um Tom, der ganze Laute ersetzte (z.B.: anstelle von Fisch sagte er Pisch) oder eine Lautassimilation (Lautangleichung) vornahm, je nachdem wie es für ihn einfacher zu sprechen war (aus gespielt machte er gepielpt). Daher legte sie seinen Eltern eine ärztliche Untersuchung nahe. Dabei gilt es Stimme und Sprache, die nicht von den körperlichen und geistigen Gegebenheiten des Stimmträgers getrennt werden können, ganzheitlich zu betrachten. Differenzialdiagnostisch sollten Allgemeinmediziner, HNO-Arzt sowie Psychologe zusammenarbeiten, um etwaige Schädigungen z.B. des Hörvermögens, der auditiven Verarbeitung oder andere körperliche und seelische Gebrechen sowie verminderte Intelligenzleistungen als Ursache für die Defizite auszuschließen.
Bei eben diesen Untersuchungen stellte sich bei Tom heraus, dass sein Sprachentwicklungsdefizit keine körperlichen und geistigen Ursachen hat und die Intelligenzleistung dem Durchschnittswert seiner Alterstufe entspricht. Um dennoch die Retardierung in Angriff zu nehmen, ist eine ausführliche Untersuchung bei einem Spezialisten nötig. Mit Hilfe eines Logopäden kann nach einer eingehenden Explorations-Phase, bei der der Sprachheilpädagoge biographische und anamnestische Informationen über das Kind erhält und eine vollständige Diagnose erstellt, mit Übungen begonnen werden. Je nach dem zu erahnenden bzw. offensichtlichen Problem werden verschiedene Test durchgeführt und anschließend wird der notwendige Therapieweg eingeschlagen.
Sinnvolle Diagnose oder problematische Stigmatisierung? Doch warum wird erst gehandelt, wenn es schon fast zu spät ist? Viele Kinder könnten schon wesentlich früher diagnostiziert werden, wenn Eltern und Erzieher ihr Augenmerk von Anbeginn der Kindesentwicklung auf den Sprach- und Sprechverlauf richten und sich dementsprechend nicht vor (Eltern-) Umfragen und deren Ergebnissen scheuen würden.
Warum haben Toms Eltern nicht schon eher einen Spezialisten aufgesucht? Warum haben sie die diagnostische Einordnung gescheut und ihren Sohnemann solange mit dem Böben spielen lassen und nicht dieses Ungetüm in einen Löwen verwandelt? Oft denken Eltern nach dem Motto: „Er ist ja noch ein Kind. Er lernt das schon noch!“ Doch wie heißt es so schön: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr!“ Unklar bleibt Laien, wo genau die Grenze zwischen einem gravierenden Sprachdefizit und einer zwar verspäteten, aber durchaus normalern Sprachentwicklung liegt.
Sinnvoll erscheint es hier, vergleichende diagnostische Beobachtungsbögen (wie z.B.. ELFRA–1 und ELFRA–2) zur Verfügung zu stellen, um aufkommende Sprachdefizite ans Tageslicht zu bringen, die erfahrungsgemäß für Eltern und auch für Kinderärzte schwer zu erkennen sind. Mit dem zehnminütigen Elternfragebogen-1 können Risikokinder bereits im Alter von 12 Monaten „identifiziert“ werden. Weiterführend dazu bietet ELFRA–2 die Möglichkeit, Zweijährige in puncto grammatikalischer Entwicklungsstufen und ihrem produktivem Wortschatz zu prüfen.
Logopädische Therapiesitzung
All dem zum Trotz sollte nicht vergessen werden, dass diese so genannten "Screening-Instrumente" (systematisches Testverfahren zur Durchleuchtung verschiedener Sprachprobleme) keine hundertprozentigen Ergebnisse liefern, sondern lediglich herausstellen, ob das Kind zum richtigen Zeitpunkt die nötige Sprachfähigkeit im Verhältnis zu den allgemeingültigen Erfahrungen erlangt hat. Erreichen sprachauffällige Kinder bei ELFRA–2 die kritische Wortschatzgrenze von fünfzig Wörtern nicht, so sollte das Testergebnis mit dem SprechEntwicklungsTest für Zweijährige (SETK–2) überprüft werden. Hierbei wird nicht allein das Sprachproblem herausgestellt, sondern auch das vorhandene Sprachpotential erfasst, wozu es einige Zeit mehr benötigt, als bei einem Schnelltestverfahren mittels ELFRA.
Ein adäquater Test für Kinder ab dem dritten bis einschließlich dem neunten Lebensjahr, und somit auch insbesondere für Schulanfänger, bietet der HeidelbergerSprachEntwicklungsTest (H-S-E-T von Grimm&Schöler, 1978), der die sprachlich-linguistische und sprachlich-pragmatische Kompetenz misst. Als drei Basisstufen der kindlichen Mitteilungsbedürfnisses gelten Kommunikationskanäle, psycholinguistische Prozesse und Organisationsebenen; diese Grundlagen decken visuell-auditive Bereiche, individuelle Wahrnehmung und Abläufe der Wiederholbarkeit ab. Daraus resultierend entwickelten sich zahlreiche Subtests, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen und sprachliche Fähigkeiten differenzieren.
Im Gegensatz zur bloßen Symptombeschreibung durch ELFRA will der H-S-E-T sehr ausgiebig Wissensvorsausetzungen und Verarbeitungsmechanismen erfassen, um die entsprechende wahrnehmungs- und sprachproduktive Kompetenz des Risikokindes darzulegen. Durch die Normierung des Tests ist die gemessene Leistung des Einzelfalls innerhalb der Subtests vergleichbar mit den hypothetischen Testergebnissen anderer Kinder, die einen ähnlichen Entwicklungsstand haben sollten.
Screening-Instrumente: ELFRA-1(Alter 12 Monate): Sprach-produktion, das Sprachverständnis sowie Gesten und Feinmotorik ELFRA-2 (Alter 2 Jahre): grammati-kalische Entwicklungsstufen und produktiver Wortschatz SETK-2 (Alter 2 Jahre): vorhandene Sprachpotenzial
Standardisierter Test: HSET (Alter 3-9 Jahre): Messung der wahrnehmungs- und sprachproduktiven Kompetenzen
Ganz wichtig ist jedoch, dass das Ergebnis keinesfalls als Endurteil interpretiert werden sollte, da das Kind bei entsprechender Förderung Fortschritte macht und diese durch einen erneuten Test aufgezeigt werden können. Neben ärztlich abgestimmten Verfahren können Eltern die Lernerfolge ihrer Kinder spielerisch mit Übungen fördern und unterstützen, ohne sie jedoch zu überfordern. Detailliertere Angaben macht der Deutsche Bundesverband für Logopädie.
Die Forschung geht derzeit in die Richtung, dass man anhand von Schreimustern der Säuglinge bereits erkennen kann, ob das Kleinkind eventuell in seiner Sprach-, Sprech- oder Stimmentwicklung gefährdet sein wird. Die Risikokinder weisen unterschiedliche Intonationshöhen beim Schreien und Lallen auf. Aufgrund dieser Erkenntnisse untersucht man zusätzlich die Umgebungsfaktoren der auffälligen Säuglinge, ob dort bereits elterliche Dispositionen (z.B.: der Vater war früher ein Stotterer) vorliegen.
Zurückblickend auf Toms Behandlungsverlauf ist ersichtlich, dass frühzeitigere Beachtung der Sprachentwicklung durch die Eltern und das gesamte soziale Umfeld zu einer möglichen Vermeidung oder schnelleren Verbesserung hätte beitragen können. Früherkennung ist der Schlüssel zum Therapieerfolg.
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.
Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.
Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
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03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
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17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr