Berlin, den 09.02.2012 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

07.06.2007 - KULTURGESCHICHTE

Langlebigkeit, Stacheldraht, Masturbation

oder was ist Kulturgeschichte?

von Josef Tutsch

 
 

"Erst kommt das Fressen ..." - und auch
das hat seine Kulturgeschichte (Ferreris
Film "Das große Fressen", 1973)

"Kulturgeschichte“ ist seit den späten 1980er, frühen 1990er Jahren die große Mode in den Geisteswissenschaften geworden, ähnlich wie es eine Generation zuvor die Sozialgeschichte war und im 19. Jahrhundert die politische Geschichte. Den größten Eifer entfalten, wie üblich, die Konvertiten; so wurde an den russischen Hochschulen nach der Wende das Fach "Kulturologija“ eingeführt, das sich mit der russischen Identität befasst und von ehemaligen Marxismus-Leninismus-Lehrern unterrichtet wird, die sonst beschäftigungslos wären.

Aber im Ernst: Was ist eigentlich "Kulturgeschichte“, was tun "Kulturhistoriker“, welches Selbstverständnis, abgegrenzt etwa von der Sozialgeschichte, legen sie ihrer Arbeit zugrunde? Es geht um das Selbstverständnis jener Disziplinen, die man herkömmlich "Geisteswissenschaften“ nennt; tatsächlich ist ja neben "Kulturgeschichte“ auch der noch umfassendere Ausdruck "Kulturwissenchaften“ im Gespräch. Dass dergleichen in der aktuellen Public-relations-Maschinerie des "Jahrs der Geisteswissenschaften“ untergeht – nun ja. Aber in vielen Fächern, je nachdem, bei welchem Professor der Student gelernt hat, sind solche Fragen längst examensrelevant. Zwei Kulturhistoriker an der Universität Augsburg, Silvia Serena Tschopp und Wolfgang E. J. Weber, haben jetzt ein Studienhandbuch über "Grundfragen“ vorgelegt.

Kulturgeschichte des
Schweins ...
Und da lautet die Vorfrage natürlich: Was ist Kultur, also das, was Gegenstand der Kulturgeschichte sein soll?. Nach einem Schnelldurchgang durch die Theoriehistorie kommt Tschopp zu dem Schluss: "Favorisiert wird zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Auffassung von Kultur, die materielle, symbolisch-hermeneutische und handlungsorientierte Aspekte integriert.“ Das klingt so weit gefasst wie nur irgend denkbar, und ein Blick auf den Büchermarkt der letzten Jahre gibt den Autoren Recht. Da finden sich, wie der Nestor der Kulturhistorie, Peter Burke, formuliert hat, "Kulturgeschichten der Langlebigkeit, des Stacheldrahts und der Masturbation“. Die in Deutschland früher gewohnte Entgegensetzung von Kultur und Zivilisation (im Sinne von Geist einerseits, Eisenbahn und Zahnpasta andererseits) spielt kaum noch eine Rolle.

"Gesamtheit der Hervorbringungen des Menschen auf allen Gebieten des Lebens“ also oder, noch umfassender, "Totalität menschlicher Erfahrungen“. Unbestreitbar, dieser "weite“ Kulturbegriff hat seine Logik. Kehrseite ist, wie Weber und Tschopp nüchtern zur Kenntnis nehmen, eine "Entgrenzung des kulturhistorischen Forschungsfeldes“. Damit lässt sich also keine wissenschaftliche Disziplin gegen andere Disziplinen abgrenzen. Bei älteren Zeitgenossen werden sich Erinnerungen einstellen: Vor ein paar Jahrzehnten hieß es, dass Gesellschaft alles sei und darum alles Gesellschaftstheorie. Man darf getrost vermuten, dass dieses Verfließen ins Unendliche den Weg für etwas Neues, eben den "cultural turn“, frei gemacht hat.

des venezianischen
Karnevals ...
Tschopp und Weber berichten über die Diskussionen seit den 1980er Jahren, unter Stichworten wie "Neue Kulturgeschichte“ oder "Historische Kulturwissenschaft“ eine besondere Art des wissenschaftlichen Zugriffs auf dieses weite Feld zu umreißen, eine besondere Betrachtungsweise, die auf die unterschiedlichsten Gegenstände angewendet werden kann, also eine kulturhistorische "Methode“. Auch hier mag, so die beiden Autoren, die Vielfalt "den Eindruck einer gewissen Unübersichtlichkeit begünstigen“. Sie versuchen es, da der große wissenschaftstheoretische Wurf für die Neue Kulturgeschichte vorläufig ausgeblieben ist, mit einem additiven Ansatz, einem Erstens, Zweitens, Drittens.

Da ist erstens eine Rückkehr der historischen Akteure in die Geschichte zu beobachten. Nicht dass die Historiker zurück wollten zur Geschichte der "großen Männer“; aber die unpersönlichen Strukturen und Prozesse haben ebenso wohl ein Ungenügen hinterlassen. Man versucht also, Mikro- und Makroperspektive zu integrieren: Die historisch wandelbaren Praktiken der Weltdeutung- und Wirklichkeitsbewältigung sind eben bei aller Bedingtheit durch Institutionen nicht ohne Akteure, lebende Menschen, zustande gekommen.

des Trinkens ...
Dabei herrscht eine bunte Vielfalt; Alltagsleben und Unterschichtenperspektiven werden ebenso thematisiert wie Elitenkultur. Kopfschmerzen hat im Augsburger Institut für Europäische Kulturgeschichte anscheinend die Behauptung von Neurobiologen (prominentes Beispiel: Gerhard Roth) gemacht, ihre Forschungen hätten bewiesen, dass alle menschlichen Entscheidungen neuronal determiniert seien. Durchaus unbegründete Kopfschmerzen: Offenkundig hindert eine biologistische Reduktion ebenso wenig wie eine ökonomistische daran, dass Einstellungen und Handlungsformen, wie auch immer hervorgebracht, ihre Geschichte und Kulturgeschichte haben.

Zweitens – das ist vielleicht der wichtigste Punkt – wird geschichtliches Handeln primär als "symbolisches“ Handeln verstanden. Dahinter steht tatsächlich ein Wandel des Menschenbildes, weg vom puren, vordergründig rational und egoistisch handelnden homo oeconomicus. Der amerikanische Kulturanthropologe Clifford Geertz hat diese Sicht prägnant zusammengefasst: "Ich meine, dass der Mensch ein Wesen ist, das in selbst gesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist.“ Geertz bezieht sich auf die Theorie des deutschen Soziologen Max Weber von der sinnstiftenden Funktion kultureller Praktiken. In der Neuen Kulturgeschichte erlebt Max Weber zur Zeit eine zweite Renaissance, nachdem bereits die Sozialgeschichte sich immer wieder auf Weber bezogen hatte.

des Weihnachtsbaums...
Vielleicht lässt sich diese neue Perspektive mit Bert Brecht verdeutlichen. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Ins Feld der Kultur gehört nicht bloß die "Moral“, auch das "Fressen“ hat seine Symbolik und seine Kulturgeschichte, nämlich in all dem, was über das bloß Biologische hinausgeht. Brecht selbst hätte diese Feststellung kaum verwundert. Er wollte einen neuen, provozierenden Akzent setzen, einen Kontrapunkt zu der älteren Aussage, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebe.  Das gesunde Selbstbewusstsein der Kulturgeschichte zeigt sich nicht zuletzt darin, dass ihre Vertreter gern auf ein Gebiet hinübergreifen, das früher wie selbstverständlich der Biologie zugerechnet wurde. Auch die Geschlechter, der Körper, die Sexualität haben ihre Geschichte. Wiederum liegt eine Parallele nahe: Die Sozialgeschichte nahm Impulse aus der Arbeiterbewegung auf, die Kulturgeschichte knüpft an Feminismus und Homosexuellenemanzipation an.

Der dritte Punkt ist das, was in den letzten Jahren unter dem Stichwort "linguistic turn“ Furore gemacht hat. Dass Geschichte primär in Textform belegt ist, dass Geschichtswissenschaft allemal sprachlich formuliert ist und oft als Erzählung daherkommt, war natürlich immer bewusst. Erst in den letzten Jahrzehnten jedoch sind Positionen aufgekommen, die bestreiten, dass Sprache einen Zugang zur außersprachlichen Welt ermöglicht, ja dass ein Jenseits der Sprache überhaupt vorstellbar sei. Für die Geschichtswissenschaft ist vor allem die Darstellung des Amerikaners Hayden White über die "historische Einbildungskraft“ einflussreich geworden. Zwischen Geschichtsschreibung und Geschichtsdichtung, behauptete White, gebe es allenfalls einen graduellen Unterschied, beide seien "Erzählung“.

des Kusses ...
Eine ungeheuerliche Provokation für ein Fach, das doch "Wissenschaft“ sein will. Tschopp stellt denn auch klar: Der Begriff von Geschichtswissenschaft kann nur sinnvoll sein, wenn ein Anspruch auf Wahrheit im Sinne außersprachlicher Realität zugrunde gelegt wird. Aber dass in dieser Provokation einiges an Wahrheit liegt, hat zum Beispiel auch Burke anerkannt: "Historiker und vor allem empiristische oder positivistische Historiker litten früher unter der Krankheit der Buchstabengläubigkeit. Viele von ihnen behandelten Dokumente als durchsichtige Quellen und achteten kaum auf deren Rhetorik.“

In dieser Hinsicht ist, wie ein Blick auf populärwissenschaftliche Bücher und Fernsehmagazine lehrt, von der Neuen Kulturgeschichte noch viel zu lernen. Bemerkenswert, wie intensiv sich seit etwa anderthalb Jahrzehnten Bilder mit ihrer andersartigen Logik und ihrer "besonderen Suggestivkraft“ als eine zweite historische Quellengattung neben die Texte geschoben haben – das Schlagwort "iconic turn“ hat sich dafür eingebürgert. Und unter dem Titel "performative turn“ oder Theatralität auch Rituale und Zeremonien, die aber oft doch bloß in sprachlicher Vermittlung die Zeiten überdauert konnten.

des Fußballes ...
"Der geschichtswissenschaftliche Diskurs in Deutschland ist gegenwärtig durch eine bemerkenswerte Gelassenheit gekennzeichnet“, resümiert Tschopp. Ein verderbliches "anything goes“? Man glaubt, ein leichtes Unbehagen über mangelnde systematische und methodische Klärungen durchklingen zu hören. Aber schließlich schrieb vor über hundert Jahren kein Geringerer als Jacob Burckhardt in der Einleitung zu seiner "Griechischen Kulturgeschichte“: "Wir sind ‚unwissenschaftlich’ und haben gar keine Methode, wenigstens nicht die der andern.“

Und kein Geringerer als Peter Burke stellte vor zwei Jahren nüchtern fest, das modische Interesse an der Kulturgeschichte sei zwar für ihn als Praktiker eine angenehme Erfahrung; aber Moden könnten in der Geschichte ("Kulturgeschichte“) nun einmal nicht lange anhalten. Was wohl wird bleiben? Sicherlich die Aufmerksamkeit auf Phänomene, die zuvor der historischen Aufmerksamkeit entgangen waren (der von Burke angeführte Stacheldraht und vieles andere), hoffentlich auch das Misstrauen gegen den Buchstaben. Und vielleicht auch eine gewisse Skepsis gegenüber der früher so selbstverständlichen "Leitvorstellung, historische Dynamik sei notwendigerweise als Fortschritt zu konzipieren“. Es muss ja nicht gleich, wie Tschopp und Weber das für die gegenwärtige Diskussion konstatieren, eine generelle "Ablehnung modernisierungstheoretischer Ansätze“ sein.


und des Kolonialismus
Neu auf dem Büchermarkt:

Silvia Serena Tschopp, Wolfgang E. J. Weber: Grundfragen der Kulturgeschichte,
in der Reihe "Kontroversen um die Geschichte“, herausgegeben von Arnd Bauerkämper, Peter Steinbach und Edgar Wolfrum,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007 (ISBN 978-3-534-17429-4), 16,90 €


Mehr auf dem Büchermarkt:
Peter Burke: Was ist Kulturgeschichte?,
Frankfurt am Main 2005


Mehr im Internet:
Kulturgeschichte
Universität Augsburg, Institut für Europäische Kulturgeschichte
Scienzz-Dossier zur Kulturgeschichte





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
kurz gemeldet

First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.

Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.

Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.

Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.

Goldmann Environmental Prize

scienzz dossiers aktuell     

Philosophie und Wissenschaftstheorie > mehr

Gesichter der Goethezeit > mehr

Klassische Denker der Politik und Soziologie
> mehr

Das Papsttum - Glanz und Elend einer zweitausend- jährigen Geschichte
> mehr

Bilder, Worte, Wirklich- keiten > mehr

kurz gemeldet

Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.

Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.

Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.

Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.

In einem erloschenen Vulkan auf  der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.

Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.

scienzz-partner

... LEUTE in scienzz

03.08.2009 - MATHEMATIK
Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin

 "Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr

wissenswert

17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE

EVIDENCE
how do we know what we know?

"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr


Anzeige 

fahrrad.de Standard Banner ohne Bild 125x125