Alfred Döblin
* 10. August 1878 Stettin
† 26. Juni 1957 Emmendingen
"Das Werk Döblins wurde und wird nicht notiert", sagte Günter Grass 1967 in einer Rede zum zehnten Todestag unter dem Titel "Über meinen Lehrer Döblin". "Döblin lag nicht richtig. Er kam nicht an. Der progressiven Linken war er zu katholisch, den Katholiken zu anarchistisch, den Moralisten versagte er handfeste Thesen, fürs Nachtprogramm zu unelegant, war er dem Schulfunk zu vulgär."
Daran hat sich inzwischen einiges geändert. Der Lesegeschmack, was das Vulgäre angeht, hat sich auch unter Schullehrern gewandelt, und vor allem hat ein Fernseh-Großereignis einen von Döblins Romanen über das lesende Publikum hinaus bekannt gemacht: Rainer Werner Fassbinders vierzehnteilige Produktion nach "Berlin Alexanderplatz", mit Günter Lamprecht in der Hauptrolle. Aber der Ruhm des Autors hängt auch heute noch an diesem einzigen Titel. Der Rest des Werkes ist, wenn man so will, "nicht angekommen": anderthalb Dutzend Romane, viele Erzählungen, mehrere Dramen, ein Versepos, eine Menge Essays ...
Alfred Döblin, Porträt von Else Meidner, 1927
Vor allem die Werke aus dem französischen und amerikanischen Exil sind dem deutschen Publikum kaum zur Kenntnis gelangt. Beim letzten Roman "Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende" leistete sich das Buchwesen in der Bundesrepublik Deutschland eine veritable Blamage. Döblin fand keinen Verleger; der Roman musste in der DDR erscheinen, für deren "Sozialismus" Döblin, anders als viele seiner Literatenkollegen aus dem Exil, eigentlich keine Sympathien hatte.
Döblin hatte bereits die 50 Jahre hinter sich gelassen, als er 1929 seinen großen Erfolg herausbrachte. Es waren die "Goldenen 20er Jahre", golden wohl weniger in der sozialen Realität als für den deutschen Roman, der sich damals, mehr als ein Jahrhundert nach den internationalen Erfolgen Goethes und E. T. A. Hoffmanns, auf der Ebene der Weltliteratur zurückmeldete: Thomas Manns "Zauberberg", Kafkas "Prozess" und "Schloss", Brochs "Schlafwandler", Musils "Mann ohne Eigenschaften".
Titel der Erstausgabe von "Berlin Alexanderplatz", gestaltet von Rudolf Großmann, 1929
Und eben Döblins "Berlin Alexanderplatz". Vom Thema her schrieb der Berliner Arzt populärer, wenn man so will, "moderner" als seine Kollegen in Wien, Prag und München. "Mein ärztlicher Beruf hat mich viel mit Kriminellen zusammengebracht", schrieb Döblin später, "ich hatte ein eigentümliches Bild von dieser unserer Gesellschaft, wie es da keine so straff formulierbare Grenze zwischen Kriminellen und Nichtkriminellen gibt." Der Roman stellte den Totschläger und Zuhälter Biberkopf als im Grunde sympathischen Mitmenschen dar, als Opfer der Verhältnisse. "Der Mann hat vor, anständig zu sein, da stellt ihm das Leben ein Bein."
Bereits auf dem Schutzumschlag der Erstausgabe konfrontierte der Roman den Leser mit einer "sehr klaren Belehrung": "Man fängt nicht sein Leben mit guten Worten und Vorsätzen an, mit Erkennen und Verstehen fängt man es an und mit dem richtigen Nebenmann." Beim Publikum hat sich die "Geschichte von Franz Biberkopf" als der deutsche Großstadtroman par excellence eingeprägt. Die Großstadt, gesehen als ein ganz und gar nicht glanzvolles Massenphänomen. "Ich kenne den Berliner Osten seit Jahrzehnten", schrieb Döblin, "weil ich hier aufgewachsen bin, zur Schule ging, später auch hier meine Praxis begann."
Plakat zum Film "Berlin Alexanderplatz" von 1931
Ein "realistischer", "naturalistischer" Roman? Beim Blick auf Döblins Manuskripte könnte man sogar glauben, es handle sich bloß um eine Montage von Zeitungsausschnitten, Flugblättern, Reklamesprüchen, Schlagertexten, Wetterberichten und Parteiprogrammen. Auf den Seiten mit der Handschrift finden sich die – oft nur wenig bearbeiteten – Rohmaterialien eingeklebt. Literaturhistoriker haben viel über mögliche Einflüsse von Dos Passos’ "Manhattan Transfer" und Joyces "Ulysses" spekuliert, beide 1927 auf Deutsch erschienen. Heute vermutet man eher, dass Döblin seine so verblüffend ähnliche Erzähltechnik bereits entwickelt hatte, bevor ihm der Engländer und der Amerikaner zu Gesicht kamen.
Noch verblüffender vielleicht sind die Ähnlichkeiten von Döblins Prosa mit der Filmtechnik, die hart überschnittenen Bilder und polyperspektivischen Ansichten. Was das angeht, hat der Berliner Germanist Gert Mattenklott beobachtet, ist "Berlin Alexanderplatz" sogar konservativer als Döblins frühere Roman und erst recht konservativer als die theoretische Position, die der Autor schon zehn Jahre zuvor in einem Essay formuliert hatte. Dieser Umstand war wohl auch "die Bedingung dafür, dass das Werk ein breiteres Lese- und gar Filmpublikum erreicht hat".
Die Formeln nach "Njuten" in "Berlin Alexanderplatz"
Berühmt geworden ist die Passage, wo Franz seine Braut erschlägt. "Was mit dem Brustkorb der Frauensperson geschehen war, hängt zusammen mit den Gesetzen von Starre und Elastizität und Stoß und Widerstand." Wohl aus einem abgelegten physikalischen Studienbuch exzerpierte Döblin eine Passage über Newtons ("Njutens") Bewegungsgesetze, mitsamt den zugehörigen mathematischen Formeln. Ob dem Autor bewusst war, dass er sich in die Tradition der "Buddenbrooks" stellte? Ein Vierteljahrhundert vor "Berlin Alexanderplatz" hatte Thomas Mann den Tod des kleinen Hanno nicht als Erzählung dargestellt, sondern in der Form eines lexikalischen Artikels: "Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt ..." Wieder Döblin: "Die Spirale des Schaumschlägers wird zusammengepresst, das Holz selbst trifft auf. Auf der anderen Seite, Trägheits-, Widerstandsseite: Rippenbruch 7.-8. Rippe, linke hintere Achsellinie." ' "Bei solcher zeitgemäßen Betrachtung kommt man gänzlich ohne Erinnyen aus", folgt als Kommentar des Erzählers – ohne die Rachegöttinnen der griechischen Mythologie. Im Ernst freilich wollte Döblin keineswegs ohne Mythologie auskommen. Es gibt kaum eine Seite im Roman, auf der nicht biblische Motive und Zitate anklingen würden, von Abraham, dem aufgegeben ist, seinen Sohn zu opfern, über den leidenden Hiob, der dennoch nicht an Gott verzweifeln will, bis zur Hure Babylon, dem Inbegriff des Bösen, worin der "von Natur aus gute" Franz Biberkopf versinkt. Ebenso offenkundig sind die Anspielungen auf die antike Mythologie, fleißige Philologen haben auch Bezüge zu Goethes "Faust" gefunden.
Plakat zu Rainer Werner Fassbinders Fernsehfil, 1979
Döblin, stellte Fassbinder fest, als er 1980 daran ging, den Roman fürs Fernsehen zu verarbeiten, "erzählt jeden Handlungsfetzen, und wäre er noch so banal, als einen in sich bedeutungsvollen und großartigen Vorgang, als Teil einer nur scheinbar geheimnisvollen Mythologie." Nur "scheinbar geheimnisvoll"? Zwei Jahre vor dem Berlin-Roman war eine naturphilosophische Schrift "Das Ich über der Natur" erschienen. "Diese Welt", behauptete Döblin, "ist eine Welt zweier Götter. Es ist eine Welt des Aufbaus und des Zerfalls zugleich. In der Zeitlichkeit erfolgt diese Auseinandersetzung, und wir sind daran beteiligt."
Das lässt sich weder von der jüdischen Tradition her, in welcher der junge Döblin aufgewachsen war, noch mit den Kategorien des römischen Katholizismus, zu dem er im amerikanischen Exil konvertierte, sinnvoll deuten. Man fühlt sich eher an Spekulationen der indischen Religionsphilosophie erinnert. Gleichzeitig mit diesem philosophischen Essay dichtete Döblin ein Versepos nach Motiven des indischen Nationalepos "Mahabharata". In einfache Formeln ist Döblins "Philosophie" offenbar nicht zu fassen. In einem Nachwort zu "Berlin Alexanderplatz" stellte er 1932 fest, in seinen epischen Werken würde jedes Mal die "bei der geistigen Vorarbeit erreichte Gedankenposition" erprobt – und am Schluss des Werkes sei sie bereits wieder überwunden und erschüttert.
Fassbinder bei den Dreharbeiten
Da traf Grass schon das Richtige: Döblin versagte "handfeste Thesen". So werden Moralisten und Ideologen immer wieder enttäuscht. 1924 erschien "Berge, Meere und Giganten" – der Roman lässt sich als negative technische Utopie lesen, die Giganten sind eine Entartung des Menschen, nur die Natur selbst vermag den "alten" Menschen wieder in sein Recht zu setzen. Ein paar Jahre später brachte Döblin eine zweite Fassung heraus; darin war ganz unerwartet zu lesen: "Jede Natur müssen wir wie Eierschalen hinter uns lassen." Unwahrscheinlich, dass der Autor bloß auf ein technikversessenes Publikum spekulierte.
Bereits 1915 war ein "chinesischer Roman" erschienen, "Die drei Sprünge des Wang-lun". Ein junger Mann ist aus Gerechtigkeitsempfinden zum Räuber und Mörder geworden; dann jedoch überzeugt ihn die Lehre vom "Nicht-Handeln" – Leben in radikaler Gewaltlosigkeit als Vorwegnahme des Paradieses. Nachdem sich herausgestellt hat, dass es unmöglich ist, in einer gewaltsamen Welt als "wahrhaft Schwacher" zu leben, greift der Held zum bewaffneten Aufstand. Dessen Scheitern bringt ihn wieder zurück zum "Nicht-Handeln". Es ist unübersehbar, bei welcher Position Döblins Sympathien liegen. Aber der Künstler Döblin hat sich wohl gehütet, wie Bert Brecht es später tat, seine Sympathien in "Lehrstücken" zu fixieren.
Alfred Döbli, Porträt von Rudolf Großmann, 1932
In "Berlin Alexanderplatz" haben viele Kritiker eine Rückwendung vom Fernen Osten zur jüdischen Bibel gesehen. Ein weltanschaulicher Bruch? Eine frühe Notiz zum China-Roman deutet darauf hin, dass Döblin im wandernden Volk der "wahrhaft Schwachen" nichts anderes gesehen hat als das Volk Israel in der Wüste. Und umgekehrt steht der Berlin-Roman mit seinen Bildern aus Bibel und Antike unter Voraussetzungen, die mehr mit einer indisch inspirierten Privatmythologie zu tun haben als mit jüdischer oder christlicher Theologie: die Welt zweier Götter, von "Aufbau und Zerfall" zugleich.
Steht am Ende des Romans, nach den "Opfern", eine "Auferstehung", wird Franz Biberkopf als "neuer Mensch" geboren? Der Erzähler hält seine letzten Sätze verwirrend vielstimmig: "Es geht in die Freiheit, die Freiheit hinein, die alte Welt muss stürzen, wach auf, du Morgenluft." "Und Schritt gefasst und rechts und links und rechts und links, marschieren, marschieren, wir ziehen in den Krieg." Aber eben auch: "Dem Menschen ist gegeben die Vernunft, die Ochsen bilden statt dessen eine Zunft."
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.
Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
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Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
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03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
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17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr