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06.11.2004 - MANIERISMUS

Die Sichtbarkeit der Engel

Tintorettos Altersmalerei - eine "unmögliche" Kunst

von Josef Tutsch

 
 

Jacopo Tintoretto 1518-1594

Giorgio Vasari, der Kritikerpapst des 16. Jahrhunderts, war schockiert von Tintorettos Bildern. Die Pinselstriche zeigten "mehr Kraft als Urteil", wirkten "wie vom Zufall hingeworfen", man hätte den Eindruck, die Malerei wäre irgendwie "unfertig" geblieben. In der Fachterminologie der Zeit: Vasari vermisste den "disegno", die "Zeichnung". Vasari konnte bei Jacopo Tintoretto das nicht entdecken, was er vor allem an Michelangelo so bewunderte - das Konzept, den Werkplan, den klaren Entwurf, mit dem der Künstler die göttliche Schöpfung nachahmte.

Wir können dieses Befremden auch heute noch nachvollziehen. Anders als bei den Malern der Früh- und Hochrenaissance wirken Tintorettos Bilder aus der Nähe betrachtet tatsächlich wie unausgearbeitete Skizzen; tritt man ein paar Schritte zurücktritt, formen sich Figuren und Szenen. Das gilt erst recht, wenn mit den materiellen Mitteln der Malerei das Flüchtige oder Immaterielle dargestellt werden soll - seien es atmosphärische Phänomene wie Licht und Nebel, sei es das Übersinnliche, wie zum Beispiel die Engel.

Carolin Bohlmann, Thomas Fink und Philipp Weiss, drei junge Kunsthistoriker der Freien Universität Berlin, haben sich unter diesem Tintoretto, AbendmahlAspekt Tintorettos letztes großes Werk, das "Abendmahl" von 1594 in der venezianischen Kirche San Giorgio Maggiore, vorgenommen. Dass in diesem Gemälde die katholische Lehre von der Eucharistie Bild geworden ist, hat bereits vor acht Jahrzehnten Max Dvorak festgestellt: "Das Erleben des Wunders der Transsubstantiation, das Unsagbare, das Mysterium gewinnt bildlichen Ausdruck."

"Transsubstantiation", das bedeutet, in den Worten des Tridentinischen Konzils von 1551, dass in Brot und Wein des Abendmahls "unser Herr Jesus Christus wirklich, wahrhaftig und substantiell enthalten" sei. Damit widersprach die katholische Kirche Calvin, der die Eucharistie als ein bloßes Symbol deuten wollte. Die Maler der Gegenreformation hatten also eine sehr reale Durchdringung von Irdischem und Göttlichem aufs Bild zu bringen. Leider ist bis heute ungeklärt, welche kunsttheoretischen oder philosophisch-theologischen Programme Tintoretto auf seine revolutionäre Darstellungsweise gebracht haben könnten. Der Vorschlag der drei Nachwuchswissenschafter: "Tintorettos Abendmahl mit dem Neuplatonismus des Origenes zu lesen".

Das klingt überraschend. Der Kirchenvater des 3. Jahrhunderts nach Christus hat erstmals in der Geschichte des Christentums eine Synthese von platonischer Philosophie und biblischem Glauben entworfen, war in seiner Rechtgläubigkeit aber immer umstritten. Vor allem Venedig, San Giorgio Maggioreseine Idee, am Ende der Zeiten würde auch der Satan erlöst, fand den Widerspruch des kirchlichen Lehramtes. Aber es gibt Belege, dass Origenes gerade im späten 16. Jahrhundert von der katholischen Theologie neu rezipiert worden ist. So wurde auch die Behauptung vertreten, die Lehre des Tridentinums zur Eucharistie finde sich bereits bei Origenes.

Eine unhistorische Betrachtungsweise, gewiss. Aber nicht nur für die Theologen der katholischen Gegenreformation, auch für die Kunsttheoretiker der Zeit gab es bei dem alten Kirchenvater etwas zu entdecken. Origenes lehrte, in gut neuplatonischer Tradition, eine Art "Lichthierarchie": Gott als unwahrnehmbares Licht macht alles sichtbar, wird selbst aber nicht gesehen; die Menschen andererseits bewegen sich mit ihren soliden, undurchsichtigen Körpern im Bereich irdischer Sichtbarkeit, mit Christus als Mittler. Die Engel bezeichnete Origenes als Gottes "Feuerflammen"; die Nähe des Menschen zu Gott werde durch die Intensität an göttlichem Feuer, an brennendem Licht gemessen.

Und genau diese Abstufung, stellen Bohlmann, Fink und Weiss fest, ist in Tintorettos Gemälde von der Stiftung des Abendmahls Tintoretto, Abendmahl (Ausschnitt)wiedergegeben: Links oben das leuchtende Feuer der Öllampe, die sich in Strahlen und Wellen zu Engelsgestalten formiert; die dünne Malerei lässt, sozusagen in himmlischer Körperlosigkeit, den Untergrund durchscheinen. Vorn rechts die irdische Gesellschaft der Diener, ganz körperlich und plastisch wiedergegeben. Und dazwischen Christus inmitten seiner Jünger.

Die Gläubigen, die sich in der Benediktinerkirche San Giorgio Maggiore versammelten, werden durch das Abendmahls-Bild - das übrigens, an der rechten Chorseite angebracht, vom Langhaus her nur in der Schräge zu sehen war - verblüfft gewesen sein: Je näher man sich auf die Engelwesen zuzubewegen versuchte, desto mehr löste sich deren Körperlichkeit ins Unsinnliche (oder, wenn man so will, Übersinnliche) auf. Man könnte sagen, dass Tintoretto seine Aufgabe sehr wörtlich genommen hat: Er sollte das Unsichtbare sichtbar machen, zugleich aber auch in seiner Qualität als "eigentlich" unsichtbar der Wahrnehmung entziehen. Im Grunde eine unmögliche Aufgabe - allein den Propheten sei es vergönnt, die Engel anzuschauen, mahnte Origenes.

Offen bleiben muss vorerst, wie man sich die Vermittlung von Origenes' Neuplatonismus zu Tintoretto zu denken hat - über eine Ausbildung des Malers in Kunsttheorie ist so gut wie nichts bekannt. Eine andere Forschungsaufgabe steht aber fest. Wenn Tintorettos Licht-Malerei den dogmatischen Forderungen der Gegenreformation entspricht, dann liegt die Frage nahe, wie die großen protestantischen Maler des Manierismus oder des Barock mit diesem Problem umgegangen sind. Zum Beispiel Rembrandts "Emmausmahl" gut sechs Jahrzehnte später. Gerade dieses Gemälde war für Generationen gläubiger Christen der Inbegriff eines religiösen Bildes in der Neuzeit.


Mehr im Internet:
scienzz artikel Kunst der Renaissance

 


 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

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