Vor 800 Jahren wurde Elisabeth von Thüringen, Namenspatronin unzähliger Hospitäler, geboren
von Josef Tutsch
Elisabeth von Thüringen (*7. Juli 1207,
† 17. November 1231) Darstellung in der
Marburger Elisabeth-kirche, um 1470
Nahezu jede größere Stadt in Mitteleuropa hat ihr "Elisabethkrankenhaus“. Elisabeth, damit könnte die Mutter Johannes des Täufers gemeint sein, von der das Lukasevangelium erzählt, viel wahrscheinlicher jedoch jene ungarische Prinzessin, die es Anfang des 13. Jahrhunderts nach Eisenach und später nach Marburg verschlagen hat. Durch ihren Einsatz für die Armen und Kranken wurde Elisabeth zur großen Repräsentantin des karitativen Engagements im hohen Mittelalter, zu einer Zeit, wo eine moderne Sozialpolitik noch nicht erfunden war.
Die Historiker stehen bei Elisabeth vor demselben Paradox wie bei Franz von Assisi: Es war ein Leben im hellen Licht der Geschichte und bleibt dennoch von Legenden umwoben. Ihr Vater war König Andreas II. von Ungarn. Im Alter von vier Jahren wurde sie mit dem gerade zehnjährigen Sohn des Landgrafen von Thüringen verlobt und auch gleich nach Eisenach geschickt; die beiden künftigen Ehepartner sollten gemeinsam aufgezogen werden. Das Heiratsprojekt war Teil eines politischen Kalküls: Ungarn und Thüringen standen im Machtkampf zwischen den Dynastien der Welfen und der Staufer um die deutsche Königskrone beide auf staufischer Seite.
Elisabeth bei der Krankenpflege (Marburg, Elisabethkirche)
Drei Jahre nach der Verlobung erreichte Elisabeth die Nachricht vom Tod ihrer Mutter. Es hieß, Untertanen hätten sie wegen ihrer Habgier erschlagen, andere Gerüchte behaupteten, der Vater habe sie hinrichten lassen. Jedenfalls erzählt die Legende, Königin Gertrud sei ihrer Tochter im Traum erschienen und habe um ihre Fürbitte gebeten. Doch zunächst hatte Elisabeth andere Sorgen. Als 1216 ihr Verlobter starb, wollte der Hof sie nach Ungarn zurückschicken. Dann entschloss sich aber Ludwig, der jüngere Bruder des Verstorbenen, in das Verlöbnis einzutreten. 1221, Elisabeth war vierzehn Jahre alt, nach damaligen Gebräuchen ehemündig, fand die Hochzeit statt.
Die Ehe soll glücklich gewesen sein. Spätere Überlieferung freilich wollte wissen, Landgraf Ludwig wäre durch Elisabeths Fürsorge für Arme und Kranke höchst irritiert gewesen und erst durch göttlichen Eingriff überzeugt worden. Der Nachwelt am bekanntesten ist das "Rosenwunder“: Als Elisabeth heimlich Brot in die hungernde Stadt trug, boten sich dem kontrollierenden Landgrafen, der mehr auf auskömmliche Ernährung seines Hofes achtete, nur Rosen im Korb dar. Die Legende scheint im 15. Jahrhundert aufgekommen zu sein; durch Moritz von Schwinds Fresko von 1854/55 auf der Wartburg ist sie bis heute dem breiten Publikum geläufig. 1867 hat Franz Liszt die Szene zum Höhepunkt seines Oratoriums von der heiligen Elisabeth ausgeformt. Anmerkung des Komponisten in der Partitur: "An dieser Stelle soll das Orchester wie verklärt klingen.“
Das Rosenwunder (Wartburg, Fresko vom Moritz von Schwind, 1855)
Es gibt die Geschichte auch in einer drastischeren Version: Elisabeth hätte einen aussätzigen Knaben gewaschen und gesalbt und ihn zur Pflege ins eheliche Bett gelegt. Als ihr Ehemann unerwartet zurückkam und die Bettdecke wegzog, sah er statt des Knaben den gekreuzigten Christus. Historisch wird durch den Schleier der Legenden hindurch sichtbar, dass im 13. Jahrhundert, in der Zeit neu aufblühender städtischer Kultur in Europa, in den Eliten die Aufmerksamkeit auf soziale Not gewachsen war. Auch in den weltliche Eliten, um genau zu sein: Es erregte Verwunderung und wohl auch Anstoß, dass eine vornehme Dame die Caritas nicht den kirchlichen Amtsträgern überlassen wollte.
Um 1226 kam der Mann nach Eisenach, der Elisabeths weiteres Leben bestimmen sollte, ein Mönch mit Namen Konrad. Er war ein radikaler Vertreter asketischer Tugenden, wie sie damals auch durch Franz von Assisi gepredigt wurden. Unser Fleisch sei "die Wand, die uns von der Anschauung Gottes trennt", so hat es ein späterer Franziskanermönch formuliert. Konrads Argumente überzeugten Elisabeth; sie gelobte ihm Gehorsam – mit einer einzigen Klausel: die Rechte des Landgrafen dürften nicht eingeschränkt werden.
Das Rosenwunder (frühes 16. Jahrhundert)
Dieser Vorbehalt entfiel sehr bald. 1227 kam aus Brindisi die Nachricht, dass Landgraf Ludwig auf dem Kreuzzug ins Heilige Land verstorben war. Was folgte, ist nie ganz aufgeklärt worden. Die Legende berichtet, Elisabeth sei durch ihren Schwager Heinrich Raspe und durch ihre missgünstige Schwiegermutter von der Wartburg vertrieben worden – eine Hofintrige, die in Liszts Oratorium zur prachtvollen Opernszene wird. Möglich ist auch, dass Elisabeth selbst den Ausbruch suchte aus einem Milieu, das ihre Ideale nicht verstehen wollte. Sie ging zunächst nach Bamberg, wo ihr Onkel Bischof war. Dort erreichte sie ein Heiratsantrag von Kaiser Friedrich II.
Der Vorgang ist geeignet, die nüchternsten Historiker ins Träumen zu bringen. Friedrich, der ungewöhnlichste aller Kaiser des Mittelalters (Jacob Burckhardt nannte ihn, zweifellos überzeichnend, "den ersten modernen Menschen auf dem Throne“), und Elisabeth, die auf ihre Art ebenfalls "modern“ war, mit ihrer Aufmerksamkeit auf die Probleme der einfachen Menschen, aber zugleich doch so weltabgewandt ... Es ist nicht dazu gekommen, die junge Witwe lehnte ab; vielleicht auch wollte der Beichtvater diese Ehe nicht. Nachdem Elisabeth die Herausgabe ihres Witwenvermögens erlangt hatte, folgte sie ihrem Konrad nach Marburg, wo sie ein Spital stiftete.
Elisabeth (aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders, um 1500)
Papst Gregor IX. soll sich persönlich beim Eisenacher Hof für Elisabeths Belange eingesetzt haben. Und wie wiederum die Legende erzählt, nahm er dem heiligen Franziskus auf dessen Wunsch hin den Mantel von den Schultern und sandte ihn Elisabeth zu. Historisch oder nicht, die Verknüpfung beider Biographien hat ihren Sinn. 1221, gerade im Jahr von Elisabeths Heirat, hatte Franziskus einen organisatorischen Rahmen für das religiöse Laienengagement geschaffen. Sowohl Männer als auch Frauen, konnten sich den Mönchen und Nonnen in einem "Dritten Orden“, dem der "Tertiarier“, anschließen.
Sicherlich näherten sich die vornehmen Damen und Herren den klösterlichen Idealen von Keuschheit, Armut und Gehorsam in ganz unterschiedlichem Grade an. Mit Beichtvater Konrad freilich hatte Elisabeth keine Wahl. Er verlangte seiner geistlichen Tochter immer härtere Bußübungen ab. Die Landgrafenwitwe verbrachte ihre letzten beiden Jahre im Krankendienst; beim geringsten Anzeichen von Ungehorsam, ist überliefert, pflegte sie der fromme Mann zu geißeln. Am 17. November 1231 verstarb Elisabeth, völlig ausgemergelt, im Alter von nur 24 Jahren.
Der Elisabethschrein in Marburg
Ein Lebensschicksal, aus dem sich jede folgende Zeit das herausgenommen hat, was sie zu brauchen meinte. Bald nach Elisabeths Tod setzten die "Wunder“ an ihrem Grab ein, 1235 wurde sie heilig gesprochen, im folgenden Jahr begann der Deutsche Orden mit dem Bau der Elisabethkirche über dem Grab. Gerade mit ihrer Heiligkeit brachte sie ihre Nachkommen drei Jahrhunderte später freilich in die Bredouille. Nachdem Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen sein Land 1526 der Reformation angeschlossen hatte, versuchten ihm seine Prediger klarzumachen, er dürfe den "Götzendienst“ um die allseits verehrte Stammmutter des Hauses Hessen nicht länger dulden. 1539 endlich beugte sich Philipp den Argumenten. Er ließ den Sarkophag in der Marburger Elisabethkirche leer räumen und die Gebeine an anderer Stelle, für die Öffentlichkeit unzugänglich, beisetzen.
Das führte zu diplomatischen Verwicklungen zwischen dem Landesherrn und dem Orden als Eigentümer der Kirche. Nach seiner Niederlage im Schmalkaldischen Krieg musste Philipp die Reliquien zurückerstatten. Es stellte sich heraus, dass von dem Leichnam inzwischen nur noch der Schädel, die beiden Schulterblätter und sieben weitere Knochen übrig waren. Alles andere war im Lauf der Zeit verschenkt oder gestohlen worden, natürlich in aller Frömmigkeit – wie das späte Mittelalter das nun einmal verstanden hat. Bereits beim Begräbnis, wird glaubwürdig berichtet, hätten die Verehrer Stücke von den Tüchern abgerissen, mit denen das Haupt bedeckt war, Strähnen vom Haupthaar und die Ränder von den Nägeln abgeschnitten, angeblich sogar einen Finger.
Die "Elisabeth-Kemenate" in der Ei- senacher Wartburg im historisti- schen Stil des 19. Jhdts
Heute liegt das Haupt der Heiligen in der Wiener Elisabethinenkirche. Inzwischen freilich interessiert sich die Öffentlichkeit nicht mehr für die religiösen Intentionen, die Elisabeth wichtig waren, sondern – in Kompensation des Wirtschaftsbetriebs – vielmehr für ihr karitatives Engagement, ein frühes Beispiel sozialer Fürsorge. Und natürlich geben die Intrigen am Thüringer Landgrafenhof, vor allem aber die Kasteiung der jungen Frau durch einen fanatischen Priester und Ketzerverfolger (der bereits bei seinen Zeitgenossen so verhasst war, dass er im Jahr 1233 erschlagen wurde) seit der Romantik ein beliebtes Motiv historischer Dramen, Romane und Erzählungen ab.
Das berühmteste Beispiel künstlerischer Rezeption brachte 1845 Richard Wagner mit seinem "Tannhäuser“ auf die Opernbühne. Von der historischen Figur war freilich nicht viel mehr als der Name geblieben: Elisabeth als die heiratsfähige Nichte des Landgrafen, die sich im Gebet verzehrt, weil der Ersehnte ihrer himmlischen Liebe die irdische Lust im Venusberg vorgezogen hat. Wie überhaupt Wagner mit seinen Quellen sehr frei verfuhr: Der Sängerkrieg auf der Wartburg, um den es sich in "Tannhäuser“ dreht, soll um 1200 stattgefunden haben, als Elisabeth noch gar nicht geboren war. Dem gebürtigen Ungarn Franz Liszt gab sein Oratorium 1867 Gelegenheit, seinen Schwiegersohn Wagner wenigstens in einem Punkt zu korrigieren: Elisabeth wurde wieder zur ungarischen Prinzessin.
Das hinderte Kaiser Wilhelm II. nicht daran, sie als eine Art protestantische Nationalheilige der Deutschen zu reklamieren. In der Eisenacher Wartburg können die Touristen die Zeugnisse der kaiserlichen Politik bewundern. Der Oldenburger Kirchenmaler August Oetken hat dort Mosaiken im neobyzantinischen Stil, wie er Anfang des 20. Jahrhunderts Mode war, neben oder gegen die Fresken Moritz von Schwinds gesetzt. Während der Spätromantiker Bilder von menschlicher Barmherzigkeit und göttlicher Wunderkraft gemalt hatte, brachte Oetken Szenen aus dem Leben einer regierenden Fürstin, einer Ehefrau mit weltlichen, politischen Aufgaben an die Wand. Ob sich Elisabeth darin wiedererkennt hätte?
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