Ausstellung zum "Jahr der Geisteswissenschaften" im Berliner Pergamon-Museum
von Josef Tutsch
Roy Lichtenstein, Knock, Knock
1961/1975
In irgendeiner sizilianischen Dorfkirche soll eine Madonna stehen, deren Mantelsaum der Künstler mit arabischen Schriftzeichen geschmückt hat. Wer Arabisch lesen kann, wird vom Inhalt allerdings verblüfft sein. Dort steht das islamische Glaubensbekenntnis "Es gibt keinen Gott außer Gott". Dass der Künstler im hohen Mittelalter versteckte Kritik an der christlichen Marienverehrung üben wollte, ist aber ganz unwahrscheinlich. Er fand die arabische Schrift, ohne sie verstehen zu können, eben dekorativ und setzte sie als Schmuckelement ein.
"Kommunikationsschaum" nennt so etwas Moritz Wullen, Direktor der Berliner Kunstbibliothek. "Bild" und "Sprache", zwei Systeme, die wir in getrennten Regionen unseres Gehirns zu bearbeiten pflegen, kommen zusammen, überlagern und vermischen sich – in diesem Fall mit dem Ergebnis, dass der Betrachter entweder gar nichts versteht oder, nachdem er verstanden hat, vielleicht irritiert, vielleicht belustigt ist.
Es geht um Bild und Sprache, genauer: optisch wahrnehmbare Sprache, also Schrift. Zum Jahr der Geisteswissenschaften präsentieren die Berliner Staatlichen Museen auf der Museumsinsel eine Ausstellung unter dem Titel "Das ABC der Bilder". Warum ABC? "Die Geisteswissenschaften – ABC der Menschheit" hat das Bundesbildungsministerium sein Wissenschaftsjahr überschrieben, mit der Argumentation, die Geisteswissenschaften seien vor allem durch Sprache geprägt; "Sprache" im weitesten Sinne sei sowohl der hervorragende Gegenstand der Geisteswissenschaften – vom Altgriechischen bis zur modernen Musik, von mittelalterlicher Kunst bis zur Ideengeschichte – als auch die Basis ihrer Forschungen.
"Für alle diese Fächer ist Sprache von großer Bedeutung", formuliert das Ministerium seine Auffassung von den Geisteswissenschaften. Der Leserrätselt seit einem halben Jahr, ob eine durchdachte Wissenschaftstheorie dahinter steht oder doch bloß der Einfall einer Werbefirma. Aber Kurator Wullen hat das Motto wörtlich genommen; im Museum, um den Augen etwas zu bieten, wird aus dem "ABC der Menschheit" ein "ABC der Bilder". Die Ohren sind dann im Herbst an der Reihe, in Dahlem soll eine zweite Ausstellung "Das ABC der Töne" folgen, mit Proben aus dem Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums, das die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt hat und das beim Publikum doch so gut wie unbekannt ist.
Zunächst also die optische Seite des Themas. Herausgekommen ist ein Durchmarsch durch so gut wie alle Abteilungen der Berliner Museumslandschaft. Auch ein Durchmarsch durch die Jahrhunderte und Jahrtausende. Der Sprechblasen-Trick zum Beispiel ist keine Erfindung moderner Comic-Zeichner. Hier stehen die "sprechenden" Comic-Helden in einer Reihe mit Prophetengestalten aus dem späten Mittelalter, die ein Spruchband über der Schulter tragen, ein Bibelzitat darauf. Und mit einer betenden Figur aus dem alten Ägypten, das Gebet ist auf der Tafel zu lesen, die die Figur vor sich hält.
Schade, dass es vom Vortrag der Moritatensänger im 18. oder 19. Jahrhundert keine Videoaufzeichnungen gibt. So muss sich der Museumsbesucher mit einer Tafel begnügen, auf der die erschröcklichen Begebenheiten von der "Rabenmutter" demonstriert wurden. Zum Glück hat das Museum den Text beigelegt. Probe: "Ein Kapitän, der weit in fernen Landen, musst in der Heimat lassen Weib und Kind zurück; doch zu der schönen Frau sich bald Anbeter fanden. Vorüber war der armen Kinder Glück ..."
Ein kleines Gesamtkunstwerk, Bild und Schrift und Ton; vor benachbarten Installationen moderner Künstler lässt sich über Wort- und Bildnachrichten in Medien von heute nachdenken. Aber auch wer "Kunst" im traditionellen Wortsinn sucht, wird in der Ausstellung nicht enttäuscht. Zum Beispiel William Hogarth’ satirische Serie vom Leben eines Wüstlings, 1735: Textinformationen sind den Darstellungen nicht nur als Unterschriften beigegeben, sondern auch direkt in die Bilder integriert. Das nächste Beispiel ist schon rein von der Ausdehnung her beeindruckend und demzufolge in seiner Gesamtheit kaum je zu sehen:Albrecht Dürers Entwurf einer Ehrenpforte für Kaiser Maximilian von 1515. Man bemerkt, dass Dürer, wie seine Zeitgenossen, von den ägyptischen Hieroglyphen fasziniert war. Natürlich musste ihm deren Bedeutung verschlossen bleiben.
"Kommunikationsschaum". Eine Madonna mit Bekenntnis zu Allah kann die aktuelle Ausstellung im Berliner Pergamon-Museum freilich nicht bieten. Aber die Antikensammlung hat ein paar altgriechische Vasen beigesteuert. Neben den Bildern tragen sie, wie damals üblich, auch Schriftzeichen; Töpfer und Maler haben ihre Werke oft mit Namen signiert, manchmal wurde auch den Stars aus der Welt der Schönen und Reichen gehuldigt, die gerade Stadtgespräch waren – ähnlich wie heutzutage in der Yellow press.
Die Vasen, die zur Zeit im Pergamon-Museum ausgestellt sind, geben aber auch Griechischkundigen eine allzu harte Nuss auf. Was sich dort als "Schrift" präsentiert, ist in keiner Weise als "Sprache" zu deuten. Offenkundig arbeiteten in dieser keramischen Werkstatt Analphabeten; was auf den Vasen der Konkurrenz zu sehen war, wurde ohne Sinn und Verstand imitiert ... Das lässt sich von dem chinesischen Landschaftsbild nebenan nun wirklich nicht sagen: Es ist aus lauter "echten" Schriftzeichen zusammengesetzt. Dieselbe Machart zeigt ein Lutherkopf aus dem 17. Jahrhundert.
Goerges Braque: Stillleben mit Glas und Zeitung, 1913
Schwer zu sagen, inwieweit jeweils weltanschauliche und kunsttheoretische Konzepte dahinter stehen. "Das Wort sie sollen lassen stahn", dichtete Martin Luther in seinem Kirchenlied "Ein feste Burg ist unser Gott". Wollte der Künstler in seinem posthumen Porträt Luthers Prinzip von der Alleingeltung der Heiligen Schrift verbildlichen? Mehr als sonst in Kunstausstellungen bemerkbar, öffnet sich in jedem Stück eine eigene Welt – die sich dann oft doch wieder verrätselt und verschließt.
Einen extremen Fall bieten da die Emblembücher der frühen Neuzeit. Bildzeichen wurden mit moralischen oder religiösen Sinnsprüchen zusammengedacht, nach einer für Außenstehende kaum nachvollziehbaren Systematik. Wenn uns auf Gemälden des Manierismus oder des Barocks etwas vorderhand unverständlich vorkommt: Oft stecken solche "Embleme" dahinter. Das Thema würde eine eigene Ausstellung lohnen, aber die aktuelle Berliner Schau schlägt rasch den Bogen zur Moderne. In Paul Klees Bild "Büchse der Pandora" von 1920 ist der Mund als Vagina dargestellt, vom Tiefsinn zum Kalauer ist eben nur ein Schritt.
Picasso und Braque erlagen dem optischen Reiz der Alphabetzeichen und haben Zeitungsschriftzeilen gern in ihre kubistischen Bilder eingebaut, A. R. Penck wollte sich nicht mit den real vorhandenen Schriften begnügen und bastelte aus Strichmännchen 1968 ein eigenes Phantasie-ABC. Mit ihrem Beitrag zum Wissenschaftsjahr 2007 bieten die Berliner Museen nicht mehr als ein paar Probebohrungen auf diesem weiten Feld. Dem Besucher werden eine Menge Beispiele einfallen, die keinen Platz gefunden haben. Bild und Sprache (oder Schrift), zwei Welten treffen aufeinander? Diese "Welten" entspringen wohl nur unseren eingefahrenen Denkgewohnheiten.
Eine anregende Ausstellung, aber, wie gleich hinzuzufügen ist, auch eine anstrengende. Was mag ein Besucher vom Thema mitbekommen, der sich bei seinem Rundgang durchs Museum, nach Pergamon-Altar und Ischtar, mehr zufällig hierher verirrt? Anders als zum Beispiel bei Gemälden von Rembrandt oder archäologischen Ausgrabungsstücken stellt sich nicht der – freilich trügerische – Eindruck her, dass man vieles "einfach so" sieht. Wohl in der Furcht, irgendwie belehrend daher zu kommen, waren die Veranstalter mit einer durch die Ausstellung führenden Beschriftung auch ein wenig zurückhaltend.
Martin Kippenberger: Das Ende des Alphabets, 1989 Bild: Gal. Gisela Capitaan
Dabei sind die wissenschaftlichen Grundlagen zweifellos vorhanden. Die Grenzen zwischen Universität und Museen seien durchlässig geworden, erklärt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp von der Humboldt-Universität, der Museumsinsel gerade benachbart. Wahrscheinlich sind die werden die Erfinder des Wissenschaftsjahres im Ministerium, sollte es sie einmal in die Ausstellung verschlagen, ganz verblüfft sein, was sich alles aus dem von ihnen vorgegebenen Thema machen lässt. Aber mit dem didaktischen Konzept, da hapert es. Ausstellungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts brauchen ja nicht unbedingt jenen Emblembüchern aus dem 16. Jahrhundert nachzueifern.
ABC der Menschheit, der Bilder, der Töne ... Oder auch XYZ. 1989 hängte Martin Kippenberger ein großes X aus Reifengummi an die Welt, daneben ein Y und ein Z aus Holz und Kork. Titel: "Das Ende des Alphabets." Man sollte sich die Zeit nehmen, eine Weile über dieses Wort "Ende" nachzudenken. Welche Bedeutung haben Sprache und Schrift noch in unserer von der Bilderwelt der neuen Medien dominierten Alltagswelt? Mag sein, dass Kippenberger frühere Diskussionen über ein "Ende" im Sinn hatte, ein Ende der Kunst, wie es Hegel-Schüler gerade in den 1960er und 1970er Jahren aus dem Werk ihres Meisters ablesen wollen. Dabei wollte Hegel vielmehr sagen, dass die Kunst im Vergleich zu Wissenschaft und Philosophie aufgehört habe, "das höchste Bedürfnis des Geistes zu sein". Ein Mehr an Pessimismus hinsichtlich der Zukunftsaussichten von Sprache und ABC wäre wohl auch heute unangebracht.
Ausstellung: "Das ABC der Bilder" bis 9. September im Pergamon-Museum Berlin
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
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Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
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03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
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"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr