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05.07.2007 - ARCHÄOLOGIE
Gold, Pferde und Hanf
Berlin zeigt Kunst und Kultur der Skythen
von Josef Tutsch
 | | Aufsatz einer Zipfelhaube aus
Issyk, Kirgisistan
Bild: Präsidentenzentr. Astana
| | | Andere Völker, andere Sitten. Den alten Griechen kam nichts von dem, was Reisende aus fremden Ländern berichteten, so "barbarisch" vor wie die Gewohnheit, Wein ohne beigemischtes Wasser zu trinken. Irgendwie muss dieses Fremdartige aber auch seinen Reiz gehabt haben. Wenn jemand beim fröhlichen Gelage den Wein "reiner" trinken wolle, dann pflegte er zum Diener zu sagen: "Gib ihn auf skythische Art!".
Die „Skythen“, Barbaren eben in den Augen der Griechen. Eigentlich kein Volk, wie wir heute wissen, sondern eine ganze Gruppe von Stämmen, im 1. Jahrtausend vor Christus angesiedelt in halb Europa und Asien von Ungarn bis zur Mongolei, ohne staatlichen Zusammenhang, verbunden nur durch Ähnlichkeiten der Kultur. Die Griechen blickten auf diese Barbaren wohl auch mit Neid, vor allem deshalb, weil ihre Könige als sagenhaft reich galten. Kein Wunder, Athens Ernährung zum Beispiel war abhängig von den Getreidelieferungen aus den Ländern jenseits des Schwarzen Meers. Zwei Jahrtausende später, im 17. und 18. Jahrhundert, als die russischen Zaren ihr Reich nach Süden und Osten hin ausdehnten, gelangten Zeugnisse des sagenhaften Skythengoldes in die kaiserlichen Schatzkammern von Sankt Petersburg.
 | Kurgan von Basucij Log (Chakassien/ Russland) - Bild: DAI
| Inzwischen bemühen sich die Archäologen, den Schatzgräbern zuvor zu kommen. In Berlin ist nun eine Bestandsaufnahme zu sehen, die Ergebnisse aktueller Grabungen in Zentralasien und Südsibirien eingereiht in die dreihundertjährige Entdeckungsgeschichte dieses verschollenen Volkes. In diesem Fall ist der Superlativ nicht übertrieben: Es handelt sich um die umfassendste Bestandsaufnahme von Kunst und Kultur der Skythen, die jemals zu sehen war. Da tut es keinen Abbruch, dass die staunenswerte Gesamtzahl von 6.000 Exponaten sich großenteils aus der Summierung vieler winziger Stücke und Stückchen, etwa kleiner Zierplättchen von den Totengewändern, ergibt.
In diesem Zusammenhang gleich das bedauerlichste Manko der Schau: An vielen Vitrinen hätte man sich eine Lupe gewünscht. Und noch ein Punkt zur privaten Vorsorge: Kälteempfindliche Besucher sollten mit Schal kommen; einer der Räume ist stark abgekühlt. Dort sind die Funde aus dem Altaigebirge zu sehen, in diesem Fall weniger Gold als eine Menge organischer Materialien von Holz über Leder bis Wolle und Seide, die Aufschluss über den Alltag im 1. Jahrtausend vor Christus, auch jenseits spektakulärer Prachtentfaltung, ermöglichen. Großenteils unscheinbare Reste, für die Wissenschaft, wie der Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, Wilfried Menghin, betont, oft jedoch viel interessanter als das glänzende Gold.
 | Hirsch von der Kopfbedeckung des Fürsten in Arzan 2, Tuva Bild: Eremitage St. Petersburg
| Mitten im Raum liegt, durch die Kälte wohlerhalten, eine Mumie. Der etwa 60-jährige Mann, haben die Mediziner herausgefunden, war offenbar Reiter und hat sich hauptsächlich von Fleisch ernährt, er litt an Arthrose sowie heftigen Zahnfleisch- und Nebenhöhlenentzündungen. Vor 2.500 Jahren wurde er mit Pelzmantel und vergoldetem Kopfschmuck beigesetzt.
Ob es sinnvoll sein kann, im Museum echte Leichen zu präsentieren, wäre freilich eine andere Frage. Jedenfalls gibt das der Ausstellung einen Zug von Realismus, sowohl was die Arbeit der Archäologen als auch was die skythische Kultur selbst angeht. Die Funde stammen fast alle aus den monumentalen Grabhügeln, den sogenannten "Kurganen", die über den toten Fürsten aufgeschüttet wurden. Es sind die einzigen Architekturzeugnisse, die uns die halbnomadisch lebenden Skythenvölker hinterlassen haben.
 | Blick in das Fürstengrab Arzan 2 in Tuva (Südsibirien) - Bild: DAI | Wenn man dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot im 5. Jahrhundert vor Christus glauben will, nahm der Grabkult für verstorbene Könige eine zentrale Stellung in Religion und Gesellschaft ein. Die einbalsamierten Körper, schreibt Herodot, wurden vierzig Tage lang durch das Land gefahren und dann mitsamt ihrem goldenen Hausrat beigesetzt. Frauen und Knechte sowie, nicht zuletzt, Pferde mussten ihm in den Tod folgen. Rund um den Kurgan wurden dann fünfzig zuvor erwürgte Reiter auf eigens präparierten Pferden zur Bewachung aufgestellt.
"Unsere Ausgrabungen haben Herodots Schilderung wenigstens in Teilen bestätigt", sagt Hermann Parzinger, Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts, der 2001 bis 2003 in der Region Tuva an der russisch-mongolischen Grenze die Arbeiten am Grabhügel „Arzan 2“ geleitet hat. Mit der Ausstellung ist Parzinger sozusagen bei sich selbst zu Gast: Im kommenden Frühjahr Frühjahr wird er Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Gleich beim Eintritt in die Ausstellung gewinnt der Besucher einen Eindruck von der Monumentalität solcher Grabhügel, die sich, pyramiden- oder kegelförmig, bis zu 22 Meter hoch gen Himmel erstrecken. Im Lichthof des Martin-Gropius-Baus ist ein Teil eines Kurgans maßstabgetreu nachgestellt. Bloß ein Viertel der Anlage, mehr ließen die Dimensionen des Gebäudes nicht zu.
 | "Goldener Reiter" aus Kul'-Oba (Krim) Bild: Ermitage St. Petersburg
| Man ahnt, dass die politische und gesellschaftliche Elite der Skythen sich turmhoch über den Rest ihres Volkes erhoben hat, ähnlich den ägyptischen Pharaonen und den Königen Mesopotamiens. In der Weltpresse wurden die Funde von Arzan 2 rasch als Sensation gewertet, vergleichbar dem Grab des Tut-ench-Amun. Noch eine Parallele zu Ägypten: Auch in Tuva hatten die Nachfolger des Fürsten allen Grund, Grabräuber auf eine falsche Fährte zu locken. Das Zentrum der Anlage ist leer, die Leiche ein wenig abseits beigesetzt: ein etwa 45 Jahre alter Mann mit Waffen und Schmuck. Verstorben ist er an Prostatakrebs, seine jüngere Frau ging, bester Gesundheit, mit ihm ins Grab.
Wie es zu einer solchen, nach unseren Begriffen und schon nach denen der alten Griechen extremen gesellschaftlichen Schichtung kam, bleibt zu diskutieren. Anscheinend spielte ein Klimawandel eine Rolle. Anfang des 1. Jahrtausends vor Christus wurde es im südlichen Sibirien zunehmend feucht, es entstanden attraktive Weidegründe, die rasch wachsenden Reichtum ermöglichten. Die Schmuckherstellung blühte auf, mit Gold als bevorzugtem Material. Als Motiv waren Tiere beliebt: Hirsche, Pferde und Panther; Parzinger verweist auf Anregungen aus dem nördlichen China.
 | Rekonstruktion des Goldenen Mannes von Issyk Bild: Präsi- dentenzentrum Astana
| Dennoch – mit den Skythen von Tuwa hat das südliche Sibirien eine weitgehend eigenständige Kultur hervorgebracht, zwar ohne Schrift und ohne Städte, aber mit einem bewundernswerten Kunstgewerbe. Ohne dass es eine zentrale politische Organisation gegeben hätte, breitete sich die Kultur der skythischen Völker über Kasachstan, Südrussland und die Ukraine bis in die Karpaten aus. In der Schwarzmeerregion weist die Kunst statt der fernöstlichen deutlich griechische Einflüsse auf. 1883 wurde sogar in der Niederlausitz ein Goldschatz aus skythischer Produktion gefunden; vielleicht war er als Kriegsbeute dorthin gelangt.
Wenigstens einige Stücke kann somit auch das Berliner Frühgeschichte-Museum zu dieser Ausstellung beitragen. Kustos Manfred Nawroth verweist stolz auf die Reihe prominenter Leihgeber, die großen Museen von Budapest bis Nowosibirsk, voran natürlich die Petersburger Eremitage, die heute auch den Zarenschatz aufbewahrt. Kompliment auch für die Berliner Museumsdidaktiker: Die Exponate sind, selbst bei solch großen Ausstellungen bis heute nicht selbstverständlich, zu einem lebendigen Spaziergang inszeniert – von Ost nach West, von der mongolischen Grenze bis an die Oder. Filme zeigen die Archäologen bei der Arbeit, Fotografien in großem Format lassen in die offengelegten Gräber blicken, lebensgroße Puppen mit rekonstruierter Kleidung demonstrieren, wie man sich die alten Skythen vorstellen darf.
 | Goldschmuck aus dem Fürstengrab Arzan 2 in Tuva - Bild: DAI | Auch an kindliche Besucher ist gedacht. Ein Hörspiel, das am Eingang auszuleihen ist, führt anhand ausgewählter Exponate auf eine Reise nach Sibirien und ins 1. Jahrtausend vor Christus. In eine versunkene Welt: Um das Jahr 200 verschwanden die Skythen aus der Geschichte, die Umstände sind noch nicht recht geklärt. Die Führungsschichten, vermutet Parzinger, wurden beseitigt, der Rest wurde in anderen Völkern assimiliert. Für fast zweitausend Jahre, bis die russischen Zaren sich für das Skythengold interessierten, blieben vor allem die Berichte der griechischen Historiker über dieses "Barbarenvolk". Halb und halb sagenhafte Berichte: Etwa Herodot brachte die Skythen mit den Amazonen, dem bewaffneten Frauenvolk aus der griechischen Mythologie, in Zusammenhang.
Kein Wunder, dass die Archäologen aufmerksam wurden, als sie Frauengräber mit Waffenausstattung fanden. Gab es bei den Skythen womöglich nicht nur Reiterkrieger, sondern auch Reiterkriegerinnen? Eine Frage, die sich vorläufig nicht beantworten lässt, Spuren von einem ganzen Frauenvolk in Waffen kamen jedenfalls nicht zu Tage. Aber für eine andere Überlieferung aus der Antike wurden Anhaltspunkte gefunden. Herodot berichtete, die Skythen würden im Schwitzbad Hanfsamen auf die glühenden Steine werfen, um Rauch und Dämpfe hervorzubringen. Aufguss nennt man so etwas heutzutage, nur dass die Polizei gegen einen Hanfaufguss vermutlich einschreiten würde. Aber tatsächlich, in den Königsgräbern der Skythen fanden sich sowohl Utensilien für Rauschzeremonien als auch Hanfkörner.
 | Griechen kämpfen gegen Amazo- nen, attische Vase Bild: SMB, Antikensammlung | Ausstellung: Im Zeichen des Goldenen Greifen – Königsgräber der Skythen, bis 1. Oktober im Martin-Gropius-Bau, Berlin-Kreuzberg, Stresemannstraße/Niederkirchnerstraße Geöffnet täglich von 10 bis 20 Uhr
Katalog Prestel Verlag, München - Berlin, ISBN 978-3-7913-3855-2, im Buchhandel 49,95 €
Ergänzend zeigen das Museum für Ostasiatische Kunst in Berlin-Dahlem bis zum 7. Oktober "Ordosbronzen" (mit Tiermotiven verzierte Plaketten, die zum Schmuck auf Kleidung und Pferdezaumzeug genäht waren) aus dem nordwestlichen China und das Pergamon-Museum auf der Museumsinsel bis zum 21. Oktober unter dem Titel "Griechen – Skythen – Amazonen" Einblicke in die Begegnung von griechischer und skythischer Kultur am Schwarzen Meer – mit weiteren Informationen zum Amazonenmythos.
Mehr im Internet: Im Zeichen des Goldenen Greifen Nomadenkunst - Ordosbronzen Griechen - Skythen - Amazonen Skythen - Wikipedia
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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