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17.07.2007 - FRÜHGESCHICHTE

Schmelztiegel oder Krieg der Kulturen?

Kelten, Römer und Germanen am Rhein

von Josef Tutsch

 
 

Elefant tritt eine gallische Kriegstrompete
nieder, Rückseite einer Caesar-Münze
(49/48 v. Chr.)

"Als die Römer frech geworden, zogen sie nach Deutschlands Norden ...“ Im Herbst 2009 steht das Zweitausend-Jahr-Jubiläum der "Schlacht im Teutoburger Wald“ an. 1909, beim eintausendneunhundersten Jahrestag, wurde Viktor von Scheffels Lied gegen die frechen Römer als eine der vielen Hymnen der Deutschen, neben "Heil dir im Siegerkranz“ und "Deutschland, Deutschland über alles“ und der "Wacht am Rhein“, gesungen. Die Vernichtung von drei römischen Legionen unter dem Feldherrn Varus durch aufständische Germanen im Jahre 9 nach Christus, irgendwo in Westfalen oder im südlichen Niedersachsen, galt als Geburtsstunde der deutschen Nation.

Dergleichen Geschichtsklitterung wird man sich 2009 wohl verkneifen; historisch ernsthaft kann von "Deutschen“ erst gut acht Jahrhunderte nach dem Kaiser Augustus und seinem unglücklichen Feldherrn die Rede sein. Im Rheinischen Landesmuseum Bonn spürte man im Vorfeld des Jubiläums das Bedürfnis, die Zeitgeschichte der Jahrhunderte um Christi Geburt in einem breiteren Bogen zu entrollen, also klarzustellen, dass die Begegnung zwischen Römern und Germanen nicht bloß in diesem einen, für spätere Jahrhunderte freilich legendären Ereignis bestanden hat. Und dass es in diesem Miteinander und Gegeneinander noch eine dritte,  von den nationalen deutschen Liedsängern des 19. Jahrhunderts  vergessene Völkergruppe gegeben hat, die Kelten.

Römischer Reiterhelm aus Xanten
Bild: Rhein.Landesmuseum Bonn
"Krieg und Frieden“ hat das Rheinische Landesmuseum seine große Ausstellung überschrieben, Untertitel "Kelten –  Römer – Germanen“.  Es ist klar, dass "Kelten“ und "Germanen“ Sammelbezeichnungen sind, mit denen zwar moderne Sprach- und Kulturhistoriker etwas anfangen können (und bereits die alten Römer etwas anfangen konnten), nicht aber die Betroffenen selbst. Der Kurator der Ausstellung, Michael Schmauder, umreißt das Thema mit Mut zur Provokation noch etwas anders: "Wer sind wir Rheinländer?“ Kurzum: Eine Region sucht ihre Identität im zusammenwachsenden Europa. Zu Ende des Zweiten Weltkriegs hat Carl Zuckmayer das Thema von der "großen Völkermühle Europas“ in seinem Drama "Des Teufels General“ angeschlagen: "Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie ... Und dann kam ein griechischer Arzt dazu oder ein keltischer Legionär ...“

In Bonn wird die Frage von der archäologischen Seite her angegangen. Drei Dutzend Fundstellen am Mittel- und Niederrhein sind mit den Grabungsergebnissen aus den letzten Jahrzehnten dokumentiert, Fundorte links des Rheins, wo die römische Herrschaft seit Caesars Eroberungszügen auf drei Jahrhunderte fest gefügt war, und rechts des Rheins bis hinein nach Westfalen, also in jenem Gebiet, das zu unterwerfen Varus nicht gelang. Die Niederlage führte in Rom zur Entscheidung, den Rhein als Grenze des Imperiums zu akzeptieren. Im Begleitbuch zur Ausstellung greift Dirk Krausse vom baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege die viel diskutierte Frage auf, warum Statthalter und Feldherr Varus, anders als seine Kollegen bei den Kelten in Gallien, mit der "Romanisierungs“-Politik im rechtsrheinischen Germanien eigentlich gescheitert ist. Die Germanen, meint Krausse, waren im Vergleich mit den Kelten zivilisatorisch "sozusagen mehrere Jahrhunderte im Rückstand“, ihnen dürfte es wesentlich schwerer gefallen sein, den Kulturwandel als positiv zu akzeptieren. 

Detail des Schatzfundes von Hambach-
Niederzier, vielleicht als Opfer für eine
kelltische Gottheit niedergelegt
Bild: Rhein. Landesmuseum Bonn
Wirklich primitiv darf man sich die Verhältnisse aber nicht vorstellen. "Als die römischen Truppen an den Rhein kamen“, stellt Hans-Helmut Wegner vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz fest, "fanden sie eine wirtschaftlich gut entwickelte Region mit einer blühenden Wirtschaft, weit reichenden Handelsbeziehungen, stark differenziertem Handwerk und ausgeprägter Geldwirtschaft vor.“ Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches dauerte es ein rundes Jahrtausend, bis diese Höhe wieder erreicht war. Dennoch: Varus, schreibt Krausse, "beging in dieser ohnehin kritischen Situation offensichtlich den Fehler, den Druck zur Verhaltensanpassung auf die Einheimischen zu erhöhen.“

Kulturwandel kann eben sehr anstrengend sein. Krausse erlaubt sich eine Abschweifung: "Auch heute, im Zeitalter der Globalisierung, führt gerade der Versuch, Bevölkerungen, die nach unserer Auffassung eher noch in einer mittelalterlichen Welt leben, quasi über Nacht und par force ins 20. Jahrhundert zu zerren, häufig zu erbittertem Widerstand und zur Entstehung nativistischer Bewegungen.“ Die Schweizer Archäologin Caty Schucany ergänzt, dass  die römische Seite Gründe hatte, sich mit dem Ergebnis abzufinden: Das Imperium "hatte offensichtlich nicht die Kraft oder die Kapazität, weitere Gebiete mit zugezogenen Menschen mit ähnlichem kulturellen Hintergrund zu besiedeln“, "es lohnte sich für Rom nicht, weitere Gebiete Germaniens zu erobern“.

Detail vom Reiterhelm aus Xanten
Bild: Rhein. Landesmuseum Bonn
Alles Mosaiksteine zu einer Theorie, warum das römische Reich am Rhein Halt gemacht hat und einige Jahrhunderte später unter dem Ansturm der germanischen Völker zugrunde gegangen ist. Die archäologischen Befunde, erläutert Schucany, bestätigen, dass "Romanisierung“ viel weniger eine römische Verwaltungsmaßnahme war als eine Reaktion der unterlegenen Völker, vor allem ihrer Eliten. Man übernahm "unverzüglich alle Wahrzeichen der römischen Macht als Statussymbole, auf dass das Prestige Roms auch auf sie abfärbe“, "man wollte Römer sein, ohne in allem genau zu wissen, was das eigentlich heißt“.

Zum Beispiel beim Tischgeschirr. So wurden in den Rheinlanden die Backplatten aus dem Mittelmeergebiet gern nachgeahmt; aber ein näherer Blick zeigt, dass die Nachahmungen gar nicht geeignet waren, ins Feuer gestellt zu werden, sie dienten also lediglich als Auftrageplatten. Schucany: "Offensichtlich hatte man nicht verstanden, dass die auf diesen Platten im Süden servierten Gerichte – Soufflés – schon in ihnen zubereitet wurden.“ Schade, wir wissen nicht, was bei den romanisierten Kelten und Germanen anstelle der Soufflés auf den Tisch kam. Bemerkenswert, dass eine der keramischen Formen aus dem Süden bei Kelten und Germanen am Rhein so gut wie gar kein Interesse fand, nur in den Lagern römischer Legionen haben die Archäologen ein paar Exemplare ausgegraben: die großen Schüsseln, die als Waschbecken dienten. Schucany: "Ganz offensichtlich lud man zwar zu einer möglichst in römischer Art gedeckten Tafel, die Sitte einer vorangehend erfolgenden Waschung kannte man aber nicht.“

Elbgermanisches Gefäß aus
Alfter bei Bonn
Bild: Rhein. Landesmus. Bonn
 
Auch bei der Totenbestattung änderte sich einiges. Bernd C. Oesterwind vom Eifelmuseum Mayen hat beobachtet, dass am Mittelrhein die Sitte, Teile der militärischen Rüstung ins Grab mitzugeben, im späten 1. Jahrhundert nach Christus außer Gebrauch kam. Wahrscheinlich wurde dieser alte, heimische Brauch angesichts der neuen Vorbilder aus dem Süden längst als Anachronismus empfunden. Aber Oesterwind vermutet auch einen aktuellen Anlass. 69/70 nach Christus hatte es einen Aufstand gegeben. Es ist damit zu rechnen, dass weite Teile der Bevölkerung daraufhin entwaffnet wurden. In den Grabbeigaben spiegelt sich auch die vielleicht nachhaltigste Revolution, die Rom der nordeuropäischen Küche bereitet hat. Bis etwa 20 vor Christus sind in keltischen Gräbern immer wieder "Schinken und fleischreiche Körperpartien großwüchsiger Hunderassen“ zu finden. Krausse: "Das genussvolle Verspeisen von Hunden war eine keltische Tradition, die wahrscheinlich sehr schnell als ekelerregend tabuisiert wurde.“

In der Viehwirtschaft muss es, wie die Statistik bei den gefundenen Knochen ausweist, Anfang des 1. Jahrhunderts nach Christus, als die römische Herrschaft links des Rheins allmählich etabliert war, eine bemerkenswerte Verschiebung gegeben haben. Der Anteil der Rinder steigt gegenüber Schafen, Ziegen und Schweinen deutlich an, wie Thomas Becker, Düsseldorf, analysiert hat. Den beginnenden Zusammenbruch der römischen Herrschaft Ende des 3. Jahrhunderts fanden die Prähistoriker Arie J. Kalis (Universität Frankfurt)  und Jutta Meurers-Balke (Universität Köln) dagegen im Blütenstaub der Bodenschichten widergespiegelt. Die Kurven von Eiche und Erle steigen an: "Offenbar kam die Nutzung des Feuchtgrünlandes weitgehend zum Erliegen.“ Die Pollenanalyse vermag sogar kriegerische Ereignisse aufzuzeigen. Ein markanter "Birkengipfel“ lässt auf großflächige Brandereignisse schließen; nach Bränden ist die Birke nämlich das erste Gehölz, das sich rasch ansiedelt und ausbreitet.

Römische Katapultwaffe zum
Verschießen von Pfeilen
Bild: Regionalmuseum Xanten
Natürlich möchten die Archäologen auch gern überprüfen, was bei antiken Schriftstellern von der grausamen Religion der Kelten zu lesen ist. Bevor Asterix und Obelix ihr Publikum fanden, waren es vor allem diese knappen und dunklen Hinweise, die bei der Nachwelt das Bild von den Kelten geprägt haben. Tatsächlich, berichtet Gerhard Bauchhenß vom Rheinischen Landesmuseum, wurden gelegentlich neben Tier- auch Menschenknochen gefunden. Aber es ist klar, dass sich die Rituale aus Knochen und Geschirr nicht vollständig rekonstruieren lassen. Der umgekehrte Fall liegt beim Kult der "Matronen“-Göttinnen vor, der in der Kölner Buch und auf den Randhöhen der Eifel eine der verbreitetsten Religionsformen war – die archäologischen Museen sind voll von Weihereliefs. Es gibt jedoch keine einzige literarische Quelle, die Auskunft über den Inhalt dieses Kultes geben würde. 

Bis heute geheimnisumwittert sind auch die Druiden, die bereits Caesar so befremdlich vorkamen. Anders als aus Rom gewohnt, hatte dieses keltische Kultpersonal eine eigene Legitimation, unabhängig von der politischen Elite. Kein Wunder, dass die römische Besatzungsmacht hier allen Grund sah, die vorgefunden Verhältnisse gewaltsam zu brechen. Ansonsten darf man sich die Zustände wohl eher gemischt vorstellen, "Krieg und Frieden“ eben. Schmelztiegel Rheinland oder vielmehr "clash of civilizations“? Das eine Bild wäre so einseitig wie das andere. Dabei forderte die Romanisierung damals durchaus ihre Opfer. Längst nicht immer konnten sich die einheimischen Stämme dem Druck derart erfolgreich entziehen wie im Jahr 9 nach Christus die  germanischen Cherusker. Zum Beispiel im Fall der linksrheinischen Eburonen  reagierte bereits Caesar auf Widerstandsversuche mit der militärischen Vernichtung. Andererseits gliederte sich etwa der Stamm der Ubier der römischen Herrschaft bereitwillig ein.

Wieder errichteter gallorömischer
Tempel bei Pommern
Bild: M. Neumann
 
"Germanien ist erobert“, "die Germanen sind besiegt“, steht gelegentlich auf römischen Münzen. Der Historiker Tacitus vermerkte allerdings ironisch, über die Germanen sei weit öfter feierlich "triumphiert“ worden, als dass man sie tatsächlich besiegt habe. Anlässe dazu boten bereits 55 und dann wieder 53 vor Christus Caesars Übergänge über den Rhein mit zwei kurzen Expeditionen ins rechtsrheinische Gebiet. Der genaue Ort von Caesars Brückenschlag wurde im 19. und 20. Jahrhundert heiß diskutiert. Favorit war lange Zeit das Neuwieder Becken; Michael Gechter vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege kommt jedoch zu dem Schluss, dass es sich eher um den Süden der Kölner Bucht gehandelt haben dürfte, wahrscheinlich knapp unterhalb der Siegmündung.

In diesem Fall ist der Termin für eine Zweitausendjahr-Feier allerdings längst verstrichen. Wo jedoch haben wir übernächstes Jahr die Varusschlacht zu begehen? Wo lag der Ort des "großen Mordens“, das Viktor von Scheffel vor anderthalb Jahrhunderten in seinen recht ungelenken Versen besungen hat? "Plötzlich aus des Waldes Duster brachen kampfhaft die Cherusker, mit Gott für Fürst und Vaterland stürzten sie sich wutentbrannt auf die Legionen ...“ In Heinrich Heines "Deutschland – ein Wintermärchen“ klingt es weniger pathetisch: "Das ist der Teutoburger Wald, den Tacitus beschrieben. Das ist der klassische Morast, wo Varus stecken geblieben. Hier schlug ihn der Cheruskerfürst, der Herrmann, der edle Recke; die deutsche Nationalität, die siegte in diesem Drecke.“

Weihestein für die Matronen,
gefunden in Bonn vor dem
Münster
Bild: Rhein. Landesmus.
Jüngere Forschungen erlauben den Schluss, dass der "Morast“, der früher zumeist im Teutoburger Wald geortet wurde, vielmehr am Wiehengebirge liegt, am Kalkrieser Berg nördlich von Osnabrück. Sogar den Hinterhalt der Germanen glauben Achim Rost und Susanne Wilbers-Rost vom neu eingerichteten Museum in Kalkriese identifizieren zu können. Für das Publikum sind die Funde freilich nicht sehr spektakulär. Die siegreichen Germanen konnten ihre Toten samt Ausrüstung bergen, bei den gefallenen Römern dagegen wurde "gefleddert“, was zu brauchen war. Einige Jahre später besuchte eine römische Expeditionsarmee das Schlachtfeld und bestattete die Skelettreste.


Ausstellung
Krieg und Frieden. Kelten – Römer – Germanen,
bis 6. Januar 2008 im Rheinischen Landesmuseum Bonn



Ausstellungskatalog
Primus Verlag, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-89678-349-3, 39,90 €, während der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum kartoniert für 19,90 €


Mehr im Internet:
Rheinisches Landesmuseum: Krieg und Frieden
Schlacht im Teutoburger Wald 
scienzz artikel Römisches Altertum
scienzz artikel Germanen

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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