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24.07.2007 - ANTIKE KUNST

"... wie wohl ein trunkener Mensch singen würde"

Berliner Altertumswissenschaftler bringen Standardwerk neu heraus: Sämtliche antiken Texte zur griechischen Kunst

von Josef Tutsch

 
 

Athena Parthenos, verkleinerte
Kopie nach der Kolossalstatue
des Phidias auf der Akropolis
(Athen, Nationalmuseum)

Es gibt Bücher, die in der jeweiligen Fachwelt so unverzichtbar geworden sind wie das Gesangbuch in der Kirche und die außerhalb der Disziplin dennoch kaum jemand kennt, nicht einmal dem Namen nach. Zum Beispiel der "Overbeck". In den 1860er Jahren hatte der Leipziger Professor für Klassische Archäologie Johannes Adolf Overbeck 2.500 antike Texte zu Plastik und Malerei zusammengetragen, großenteils aus den klassischen Texten, aber auch von den Inschriften, soweit die Monumente damals bereits ausgegraben waren. 1868 kam das Standardwerk "Die antiken Schriftquellen zur Geschichte der bildenden Künste bei den Griechen" heraus. Seitdem wird es keinen Wissenschaftler und Studenten der Archäologie gegeben haben, der den "Overbeck" nicht immer wieder zur Hand genommen hätte.

Jetzt arbeiten Philologen und Archäologen der Freien Universität Berlin  mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft an einer neuen Ausgabe. Die Quellenbasis in der vorliegenden Ausgabe genügt heutigen Aufgaben längst nicht mehr; seit 1868 haben die Ausgrabungen etwa 1.300 weitere Inschriften zu Tage gefördert. In drei Jahren soll nun der "Neue Overbeck" vorliegen, fünf umfangreiche Bände, in denen die Texte auch gleich mit der Abbildung jener Plastiken oder Gemälden kombiniert werden, die ihnen die Forschung zugeordnet hat. Wenn man sich jetzt schon einen ersten Einblick verschaffen will: Bis zum 14. Oktober 2007 zeigt die Abguss-Sammlung antiker Plastik in Berlin einige Beispiele.

Johannes Adolf Overbeck
27.3.1826 - 8.11.1895

Unvermeidlich ist es eine Ausstellung geworden, in der es viel zu lesen gibt. Wer mag, kann sich als Epigraph versuchen, als Inschriftendeuter. Gleich das älteste der ausgestellten Stücke, eine weibliche Marmorstatue aus Delos, Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus, trägt auf seiner Basis drei Verse, in denen sich der Künstler nennt: "Mikkiades hat dieses schöne Standbild gefertigt ..." Oder ist dieser Mikkiades aus Chios vielmehr der Stifter des Werkes und sein im Folgenden genannter Sohn Archermos der Bildhauer? In der "Naturgeschichte" des römischen Schriftstellers Plinius sieben Jahrhunderte später wird immerhin ein Bildhauer Archermos aus Chios erwähnt. Ist Archermos identisch mit einem Archennos oder Archennon, der, vielleicht mit einem Schreibfehler, im Kommentar zu einem Stück des Komödiendichters Aristophanes vorkommt? Vor allem auf diesen Text stützt sich die These, dass in der delischen Statue die Siegesgöttin Nike dargestellt sei. Auch eine Inschrift auf der Athener Akropolis, drei Jahrzehnte nach jener auf Delos, nennt Archermos als Schöpfer einer Statue. Es könnte sich um ein Alterswerk des Künstlers handeln oder um das eines sonst unbekannten Enkels.

Fragen über Fragen. Ein knapper Kommentar, der in Ausstellung und Katalog dem Text und seiner Übersetzung beigegeben ist, erläutert die Interpretationsprobleme. Dem Laien geben schon die Buchstaben Rätsel auf; die Inschrift, nur fragmentarisch erhalten, ist in einem lokalen Alphabet abgefasst, das von dem unserer Schulbücher abweicht. Für den kurzen Text mit seinen etwa 15 Wörtern sollen nicht weniger als 15 unterschiedliche Ergänzungsversuche vorliegen; unnötig zu sagen, dass sich die Unsicherheiten in der Übersetzung noch potenzieren. À propos Übersetzung: Darin wird einer der auffälligsten Unterschiede zwischen altem und neuem Overbeck liegen. Die Ausgabe von 1868 brachte bloß die griechischen oder lateinischen Originale.  Damit sei die Sammlung, so der Gräzist Bernd Seidensticker und der Archäologe Klaus Stemmer von der FU Berlin im Katalog, "für viele an den Texten Interessierte nicht mehr zu nutzen".

Marmorstatue der Nike
aus Delos, Athen, Na-
tionalmuseum)

Noch auffälliger: Johannes Overbeck kam ohne Abbildungen aus. Damals war die fotografische Technik noch kaum entwickelt. Beim Blick in eine andere Schrift Overbecks, seine "Geschichte der griechischen Plastik", stellt man allerdings überrascht fest, dass Overbeck die fehlenden Abbildungen anscheinend auch kaum vermisst hat: "Die schriftlichen Nachrichten der Alten sind die Hauptquelle, die Monumente wesentlich nur als deren Ergänzung zu betrachten." Dergleichen wird heutzutage kein Archäologe mehr sagen wollen. Damals hatte sich die "Klassische Archäologie" als Wissenschaft von den materiellen, sinnlich wahrnehmbaren Hinterlassenschaften der Antike gerade erst von der Leitwissenschaft Philologie emanzipiert.

Beinahe möchte man glauben, die Wissenschaftler damals wären der antiken Kunst ohne viel Interesse für das Optische gegenübergetreten, das für uns doch den Begriff von "Kunst" erst ausmacht. Tatsächlich schrieb Overbeck eine große Monographie über Pompeji, ohne die klassische Stätte jemals gesehen zu haben. Andererseits trieb er an seinem Leipziger Institut den Aufbau der Abguss-Sammlung energisch voran; sein Ziel: die "Herstellung einer möglichst vollständigen Reihenfolge kunstgeschichtlich charakteristischer, namentlich aber datierbarer Monumente". Dass solche Abgüsse mit ihrer Dreidimensionalität selbst gegenüber moderner Fotodrucktechnik ihre Vorzüge haben, lässt sich in der Berliner Ausstellung sozusagen hautnah erleben.

Statue des Dichters Anakreon
(Kopenhagen, Ny Carlsberg
Glyptotek)

Dabei ist freilich ein Sammelwerk, wie es Overbeck zusammengestellt hat, heute noch weniger entbehrlich als zu früherer Zeit. Als 1506 in Rom eine Statuengruppe gefunden wurde, konnten die herbeigerufenen Kunstkenner, es waren Michelangelo und sein Künstlerkollege Giuliano da Sangallo, aus ihrer Erinnerung an eine Textstelle in der "Naturgeschichte" des Plinius diesse Kunstwerk rhodischer Bildhauer aus dem 1. Jahrhundert vor Christus sofort identifizieren. Es handelte sich um den trojanischen Priester Laokoon mit seinen Söhnen, von Schlangen erwürgt. Wer könnte heute sicher sein, dass ihm in dieser Situation sofort entsprechende Assoziationen beikommen würden?

1756 konnte Johann Joachim Winckelmann eine Marmorstatue des Gottes Apollon, den sogenannten "Eidechsentöter", ebenfalls anhand einer Pliniusstelle, als Werk von der Hand des berühmten Künstlers Praxiteles aus dem 4. Jahrhundert vor Christus feststellen. Oder genauer als spätere Kopie nach dem Bronzeoriginal des Praxiteles. In den letzten Jahrzehnten ist die Arbeit an der gegenseitigen Zuordnung von Texten einerseits, Statuen und Gemälden andererseits weit vorangeschritten. So gilt jetzt eine Kopenhagener Marmorstatue als Kopie nach einem Bronzebild des Dichters Anakreon, das der Reiseschriftsteller Pausanias im 2. Jahrhundert nach Christus bei seinem Rundgang über die Akropolis gesehen hatte: "Er ist in einer solchen Haltung dargestellt, wie wohl ein trunkener Mensch singen würde."

Bakche des Bildhauers
Skopas, Dresden, Skulp-
turensammlung)

In einer Statuette, die offenbar eine rasende Frau aus dem Gefolge des Gottes Bakchos oder Dionysos darstellt, sehen die Forscher die Nachahmung eines Werkes, von dem der spätantike Schriftsteller Kallistratos in hymnischen Worten schrieb, dass "der Stein, hinstrebend zu freier Bewegung zu tanzen wusste". Wir gewinnen eine Vorstellung, wie Bildwerke damals auf ihre Betrachter gewirkt haben. Kallistratos nennt auch den Namen des Künstlers: Skopas aus Paros, 4. Jahrhundert vor Christus. Das erlaubt es den Archäologen, das Werk mit einem anonymen Epigramm in Verbindung zu setzen: "Wer ist diese Frau? - Eine Bakche. - Und wer meißelte sie? - Skopas. - Und wer versetzte sie in Raserei: Bakchos oder Skopas? - Skopas."

Schade, dass keine einzige kunsthistorische Fachschrift des Altertums erhalten geblieben ist. Aus den Passagen, die Plinius in seine Enzyklopädie eingestellt hat (angehängt je nach dem verwendeten Material an die Behandlung der Metalle und der Gesteine), lassen sich nur ganz allgemeine Züge rekonstruieren. Zeitweise wurde die Anschauung gepflegt, dass sich die Kunst zu immer größerer Naturwahrheit und technischer Perfektion entwickelt hätte; immer wieder taucht der Vermerk auf, dieser oder jener "erste Erfinder" habe all seine Vorgänger mit einer Neuerung übertroffen. Andererseits wird in der römischen Kaiserzeit ein "Klassizismus" beherrschend, die Annahme, dass es mit der Kunst etwa seit 300 vor Christus abwärts gegangen sei.

Apollon,"Eidechsentöter"
(Paris, Louvre)

Ein Großteil dessen, was im "Overbeck" zusammengestellt ist, wurde in Verehrung für eine Kunst geschrieben, die damals bereits viele Jahrhunderte alt war, mit all den Missverständnissen, die eine solche Distanz unvermeidlich mit sich bringt. Etwa sind die Berliner Archäologen zu dem Schluss gekommen, dass jene durch Winckelmann identifizierte Apollonstatue keineswegs den Gott zeigt, wie er gerade eine Eidechse tötet: "Zu erschließen ist vielmehr ein spielerisches Necken der Eidechse." Andererseits können die antiken Schriftsteller, denen die inzwischen oft beschädigten Kunstwerke unversehrt vor Augen standen, uns oft dazu verhelfen, den Eindruck zu vervollständigen. Zum Beispiel bei jener Bakche des Skopas: Kallistratos berichtet, dass die – heute fehlenden – Arme ein soeben geopfertes Zicklein hielten und das Opfermesser.


Ausstellung
Text und Skulptur. Berühmte Bildhauer und Bronzegießer der Antike in Wort und Bild
in der Abguss-Sammlung antiker Plastik Berlin
Schloss-Straße 69b, 14059 Berlin-Charlottenburg
Do - So 14 - 17 Uhr, Eintritt frei


Katalog
herausgegeben von Sascha. Kansteiner, Lauri Lehmann, Bernd Seidensticker und Klaus Stemmer,
Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York
in der Ausstellung 15,- €, im Buchhandel 19,80 €



Mehr im Internet:
Abguss-Sammlung antiker Plastik Berlin
DFG-Projekt: Der neue Overbeck 
scienzz artikel Kunst der Antike 
 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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