Berlin, den 26.06.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

27.07.2007 - MEDIENWISSENSCHAFT

In Alltagskleidung nach Mittelerde

Oder wenn Filme die Sinnfrage wach halten

von Josef Tutsch

 
 

Kaum 4 Prozent aller Deutschen erachten die Religion heute noch als den wichtigsten Faktor für die Herausbildung ihrer persönlichen Identität, ergab 2004 eine repräsentative Umfrage des Kölner Zentralarchivs für empirische Sozialforschung. Das wird in früheren Zeiten ganz anders ausgesehen haben, nur dass es damals  keine repräsentativen Umfragen gab. Irgendetwas hat sich geändert, was genau, ist eine der umstrittensten Fragen der modernen Soziologie. Einen vieldiskutierten Ansatz lieferte bereits vor vier Jahrzehnten der Konstanzer Soziologe Thomas Luckmann. Die Religiosität sei nicht verschwunden, sondern sozusagen "unsichtbar" geworden, sie habe sich aus den etablierten Kirchen in eine schwerer zu beobachtende Privatheit verlagert.

Seitdem haben sich empirisch arbeitende Sozialwissenschaftler zu Hauf an den Versuch gewagt, diese "unsichtbare Religion" dennoch irgendwie sichtbar zu machen, Vor einem Jahrzehnt hat der Religionswissenschaftler Arno Schilson den Begriff "Medienreligion" in die Debatte eingeführt, mit der These, dass Menschen von heute – Menschen christlicher Tradition, "Christen" – ihre Hoffnungen nicht mehr aus der Bibel ziehen, sondern aus der populären Unterhaltungsindustrie.  Der Professor für praktische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität, Wilhelm Gräb, und seine Mitarbeiter sind jetzt der Frage nachgegangen, mit welchen Gedanken sich Filmzuschauer tragen, wenn sie an ihre Kinobesuche zurückdenken.

Man könnte die Frage ebenso zu dem aktuellen Harry-Potter-Rummel stellen, auch wenn darin nicht eigentlich Religion zur Debatte steht, sondern vielmehr Magie, eine archaische, im Lichte moderner Naturwissenschaft nicht effektive Form von Technik. Gegenstand der Berliner Studie sind Filme wie "Verschollen",  "Lola rennt", die "Truman Show" und "The Day after tomorrow". Die Theologen haben Interviews mit mehr oder weniger nachdenklichen Zuschauern durchgeführt. Natürlich darf man keine tiefschürfenden ästhetischen Analysen erwarten. Typisch scheint, was die Forscher von einer Zuschauerin des Films "Verschollen", jener Robinson-Geschichte mit Tom Hanks, zitieren: "Was wohnt dem Menschen inne? Worauf kann er sich stützen? Weshalb überlebt er eigentlich? Was zählt im Leben wirklich?"

Wieviel Prozent des Publikums von dergleichen Fragen bewegt wurden, muss freilich offen bleiben. Vielleicht wäre die Analyse repräsentativer geworden, wenn man nach den Familien-, Krankenhaus- und Kriminalserien im täglichen Fernsehprogramm gefragt hätte. Noch spannender wäre zu wissen, ob durch den Film oder durch die Reflexionen danach Leben oder Denken oder Fühlen der Zuschauer sich irgendwie verwandelt haben. Wahrscheinlich gilt hier im Kino genau wie in der Kirche und übrigens auch bei der Lektüre der großen Dichtungen von Homer über Dante und Shakespeare bis Goethe der Satz, dass es eben "religiös musikalische" und religiös unmusikalische Menschen gibt.

Und vor allem viele, deren "Musikalität" geweckt werden kann. Für Außenstehende ist an dem Berliner Projekt vor allem verblüffend, wie bescheiden die Theologen als traditionelle Sinndeuter unserer Kultur knapp 170 Jahre nach Feuerbachs Feststellung, das Geheimnis der Theologie sei die Anthropologie, und fast 130 Jahre nach Nietzsches "fröhlicher Wissenschaft", dass Gott tot sei, geworden sind. Es wimmelt von Formeln wie "Abschied vom substanziellen Charakter von Religion". Vor einem halben Jahrtausend prägte Martin Luther die Parole von der "Freiheit eines Christenmenschen", Freiheit von einer Institution wie der Kirche. Die moderne Medienreligion ist vom Standpunkt moderner Menschen her, die ihre Autonomie hochhalten, wohl noch ein Stück attraktiver als Luthers Bindung an das Bibelwort.

Dabei scheint der Ausdruck "Religion" für dieses Phänomen nicht einmal ganz glücklich. Er suggeriert eine Verbindlichkeit der Inhalte, die diese "Sinndeutungsangebote"  gerade nicht haben.  "Ihre (der Medienreligion) symbolische Ausdruckskraft bleibt bruchstückhaft", schreibt einer der Mitarbeiter des Berliner Projekts, Christian Nottmeier, "und das macht sie so attraktiv." Kurzum: Es geht "nicht um Antworten auf letzte Fragen, sondern darum, solche Fragen überhaupt erst hervorzurufen bzw. wach zu halten". Vielleicht steht es heute mit der Religion ja ähnlich, wie vor fast 350 Jahren der französische Schriftsteller La Rochefoucauld von der Liebe behauptete:  "Es  gibt Leute, die sich niemals verliebt hätten, wenn sie nicht von der Liebe hätten sprechen hören", behauptete vor fast 350 Jahren der französische Schriftsteller La Rochefoucauld. Es mag Leute geben, die sich nie die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt hätte, wenn nicht irgendein Film sie darauf gestoßen hätte.

Probe aus dem Interviewmaterial, zum Film "Lost": "Wenn kein Mensch da ist, ist es notwendig, um nicht verrückt zu werden, dass man sich etwas anderes schafft. Und dass das dann einem hilft, irgendwie über die Runden zu kommen ..."Man kann dergleichen ziemlich banal finden; aber Hochmut beiseite: Es sind genau die Fragen, auf die auch die etablierten Hochreligionen Antworten zu geben versuchen. Viele Kirchenvertreter werden dennoch anmerken, dass solcher "Medienreligion" der Maßstab fehlt, an dem sich irgendetwas messen ließe. Alte Inhalte mithin, denen die Verbindlichkeit abhanden gekommen ist. So kann Nottmeier in "Verschollen" eine ganze Reihe Transformationen traditionell-christlicher Motive aufzeigen, von der Hoffnung über Schuld und Buße bis zur Neugeburt. Im Mittelpunkt allerdings steht eine Episode, die das Filmbuch eher aus der Religionskritik zum Beispiel bei Sigmund Freud entwickelt haben wird: die "Erschaffung" eines Kommunikationspartners aus einem blutverschmierten Volleyball.

Es war ein Glücksfall für die Berliner Theologen, dass gerade in diesen Jahren Peter Jacksons monumentaler Dreiteiler "Der Herr der Ringe" herauskam.  Der gläubige Katholik J. R. R. Tolkien wäre von dem Gedanken, dass seine Sagen aus Mittelerde für ihr Publikum in die Funktion der biblischen Geschichten eintreten könnten, sehr beunruhigt gewesen. Die "Ring-Convention 2003" in Bonn gab Kristin Merle und Jörg Metelmann Gelegenheit, unter den Tolkien-Fans ethnologische Feldforschung zu betreiben. Schon rein optisch muss es eine merkwürdige Situation gewesen sein: die Theologen in Alltagskleidung, die Gemeindemitglieder, je nach der angenommenen Rolle, in die verschiedenen Moden von Mittelerde gewandet.

 
Bloß Spielerei, bloß Kostümierung ohne Ernsthaftigkeit? Schwer zu sagen. Einmal "wirklich in Mittelerde leben zu können", sei sehr oft als "größter Wunsch" geäußert worden, berichten Merle und Metelmann. Direkt auf Religion oder Spiritualität angesprochen, kamen unwirsche Reaktionen wie "Meine Fresse. Sinn des Lebens oder was?" Andererseits waren Szenen zu beobachten, die in ihrer feierlichen Zeremonialität jeder kirchlichen Liturgie Ehre gemacht hätten. Vor allem natürlich zu den Höhepunkten, wenn dem Vorsprecher auf die Zeile "One Ring to rule them all" die Gemeinde zu antworten hatte: "One Ring to find them, One Ring to bring them all and in the darkness bind them".

Solche Gemeinschaftserlebnisse fehlen übrigens in einer anderen, hochkulturell anerkannten "Ring"-Gemeinde, die ansonsten mit den Tolkien-Fans einige Ähnlichkeiten aufweist, nämlich der um Richard Wagners "Ring des Nibelungen". Man darf unterstellen, dass das Publikum nach mancher Opernvorstellung dieselben Probleme von Welt und Leben wälzt wie im Kino. Mit welchen Folgerungen eigentlich für die Lebenspraxis über den Theater- oder Kinoabend hinaus? Aber das ist eine Frage, die sich auch hinsichtlich der etablierten Religionen sehr schwer beantworten lässt. Leben "religiös unmusikalische" Menschen etwa weniger moralisch als "musikalische"? Oder irgendwie anders moralisch?

Das Forschungsprojekt der Berliner Theologen wirft mehr Frgen auf, als es beantworten kann. Es wird noch schwieriger, wenn man auf spezifische Inhalte blickt. Bei Tolkien ist, wie Marle und Metelmann beobachtet haben, die Helden- oder Erlöserrolle sozusagen "pluralisiert": "Das Gute kann nur durch die Solidarität der vielen gerettet und aufrecht erhalten werden." In den Äußerungen von Zuschauern: "Es gibt keine Superhelden, sie würden es nicht schaffen, wenn sie nicht zusammenarbeiten, wenn sie nicht zusammenhalten würden."

Das Kino als moralische Anstalt zur Förderung der Solidarität, von Tugenden, wie sie in einer demokratischen Gesellschaft gefordert sind?  Dass da ein Vakuum zu füllen ist, scheint unbestreitbar, aber es bleibt eben die Frage, mit welchen Inhalten gerade. Merle und Metelmann stellen fest, dass "antidemokratische, rassistische, frauenfeindliche Elemente", die sich Tolkiens Buch an manchen Stellen eben auch bemerkbar machen, von den Fans mit dem stereotypen Argument der Zeitbedingtheit beiseite gewischt wurden. In dieser Hinsicht scheint sich die Tolkien-Gemeinde nun wirklich nicht von einem Bibelleser-Kreis zu unterscheiden: Dass das eine oder andere im Text inakzeptabel ist, tut der autoritativen Geltung nicht im Geringsten Abbruch. Man versucht, einfach darüber hinwegzulesen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Wilhelm Gräb, Jörg Herrmann, Kristin Merle, Jörg Metelmann, Christian Nottmeier: "Irgendwie fühl ich mich wie Frodo ...!" Eine empirische Studie zum Phänomen der Medienreligion,
Peter Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 1861-4329, 3-631-55145-2, 49,80 €



Mehr im Internet:
Humboldt-Universität zu Berlin, Seminar für Praktische Theologie
scienzz artikel Film
scienzz artikel Sinnfragen






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet