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04.09.2007 - SOZIOLOGIE

Auguste Comte, Wissenschaftler und Hoherpriester

Vor 150 Jahren starb der Vater der modernen Soziologie

von Josef Tutsch

 
 

Auguste Comte
* 19.1.1798 in Montpellier
† 5.9.1857 in Paris

Dass Platon seinen idealen Staat mit Hilfe eines Tyrannen verwirklichen wollte, hängt der Philosophie bis heute nach. Ob Auguste Comte, einer der Ahnväter der modernen Soziologie, gelegentlich an die Ausflüge des antiken Philosophen in die praktische Politik gedacht hat? Als Louis Bonaparte, der Neffe von Kaiser Napoleon, 1851 in Frankreich durch einen Staatsstreich die Macht ergriff, hielt sich Comte allen Ernstes bereit, das Amt eines obersten Priesters in der Religion zu übernehmen, deren Institutionalisierung von Staats wegen er von dem Diktator erwartete.

Aber der neue Kaiser dachte nicht daran, eine Religion zu stiften. Comte freilich ließ sich nicht entmutigen. Als er am 5. September 1857, vor 150 Jahren starb, wurde er von seinen Anhängern tatsächlich als Hoherpriester verehrt. Heutigen Wissenschaftlern sind solche Erinnerungen an die Frühzeit der Soziologie – es war Comte, der diesen Ausdruck prägte – ein wenig genierlich. Ein Seitenblick auf andere Disziplinen mag trösten. Astronomie und Astrologie bildeten viele Jahrhunderte lang eine Einheit, Chemie und Alchemie waren schon von der Etymologie her ursprünglich dasselbe, auch Technik und Magie haben sich erst allmählich auseinander entwickelt.

Comte auf Briefmarke
Comte selbst hat diese Entwicklung der Wissenschaft aus – im Rückblick betrachtet – unordentlichen Ursprüngen ausführlich reflektiert; es ist der heute bekannteste Aspekt seiner Lehre, das "Drei-Stadien-Gesetz". In ihrer "Kindheit" führte die Menschheit, so rekonstruierte Comte die Weltgeschichte, alle Rätsel auf Gott oder die Götter zurück, in der "Jugend" wurden diese persönlich gedachten Mächte durch abstrakte Wesenheiten ersetzt, erst der "erwachsene" Mensch verzichtete auf metaphysische Spekulationen und beschränkte sich auf "echte Beobachtungen", auf "wirklich erreichbare und unseren Bedürfnissen angemessene Erkenntnisse".

Vom "theologischen" Stadium sollte der historische Prozess mit Notwendigkeit über das "metaphysische" zum "positiven", wissenschaftlichen Stadium führen, positiv wegen der "positiven" Befunde, die allein als verlässliche Stütze der Wissenschaft in Frage kamen. Comte nannte seine Theorie denn auch "Positivismus"; der wertende Beiklang wird ihm nicht unwillkommen gewesen sein. Dabei wollte er keineswegs auf eine Anhäufung zusammenhangloser Fakten hinaus, die mit dem Begriff heutzutage umgangssprachlich verbunden wird. Ihm ging es um die "Gesetze der Erscheinungen". Der wahre Geist der Soziologie, beteuerte Comte immer wieder, bestehe darin, die Gegenwart als Erzeugnis der Vergangenheit zu begreifen. Und, noch ehrgeiziger, "aus dem, was ist, aufgrund der Unwandelbarkeit der Naturgesetze das zu erschließen, was sein wird".

Der Lehrer: der Frühsozialist
Claude Henri de Saint-Simon
Vorbild war die Astronomie. Deren Wissenschaftlichkeit, glaubte Comte, werde sich schließlich auch in der komplexesten aller Disziplinen, eben seiner neuen Soziologie, durchsetzen. Comte war der erste Denker, der die moderne Industriegesellschaft als eigenständiges Phänomen, losgelöst von den Traditionen der Staatsphilosophie wie der Nationalökonomie, zu fassen versuchte. Bei konservativen Zeitgenossen brachte ihn sein deterministischer Ansatz allerdings in Verruf. Ein akademischer Lehrstuhl blieb ihm "wegen der unmoralischen Falschheit seines mathematisierenden Materialismus" versagt. Aber es war der Geist der Zeit; seit der Aufklärung versuchten alle Denker Europas, den "Fortschritt" auf den Begriff zu bringen. "Ich studiere jetzt nebenbei Comte, weil die Engländer und Franzosen so viel Lärm um den Kerl machen", schrieb Karl Marx an Friedrich Engels. "Was sie daran besticht, ist das Enzyklopädische. Aber das ist jammervoll gegen Hegel ... Und dieser Scheißpositivismus erschien 1832!" Also im Jahr nach Hegels Tod.

Was Marx vermisste, war die Dialektik – sei es die der Ideen wie bei Hegel, sei es die der ökonomischen Interessen und der Klassenkämpfe, die er selbst ausarbeitete. In der Tat, Comtes Geschichtsbild wirkt verblüffend harmonisch und sein Bild von der Zukunft noch viel mehr. Mit dem wissenschaftlichen Fortschritt müsste sich auch die Humanität wie von selbst durchsetzen; an die Stelle der Krieger würden die Industriellen, an die Stelle der Priester die Soziologen treten. In der neuen Gesellschaft, glaubte Comte, hätten die Kriege ihre Funktion verloren, sie würden also aufhören.

"Ordnung und Fortschritt": Comtes
Devise auf der brasilianischen Flagge
Anderthalb Jahrhunderte danach fordern solche Prophezeiungen einen ironischen Kommentar heraus. Aber gemach: Die Utopie, die Marx von der kommunistischen Gesellschaft ausgemalt hat ("morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe"), liest sich viel phantastischer als alles, was Comte und die frühen Sozialisten um Henri de Saint-Simon, in deren Kreis Comte seinen Ausgang nahm, geschrieben haben. Der Unterschied liegt vielmehr darin, dass bei Comte für den Übergang keine Revolution vorgesehen  war.

"Ordem e progreso", "Ordnung und Fortschritt", die Formel des "positivistischen" Alternativkonzepts findet sich heute auf der Flagge Brasiliens. "Keine gesellschaftliche Ordnung kann sich aufrichten und dauern, wenn sie sich nicht mit dem Fortschritt verträgt", schrieb Comte, "kein Fortschritt kann sich vollziehen, wenn er sich nicht auf Befestigung der Ordnung richtet." Comtes Zeitgenossen, dem Liberalen John Stuart Mill, wurde es zuviel: "Dass irgendetwas nicht reguliert sein solle, ist ihm unerträglich. Bei ihm muss das Reich der Phantasie so systematisch gestaltet werde wie das Reich des Beweises."

Die "heilige Gefährtin" und
"positivistische Jungfrau":
Clotilde de Vaux
Vorbild war wiederum Platon. Auch der antike Philosoph hatte für seinen idealen Staat alle Details im vorhinein festlegen wollen. Die Psychologie, die dahinter steht, hat der Friedrich Jonas in seiner Geschichte der Soziologie mit einer Aussage des Philosophen René Descartes zu verdeutlichen gesucht: Häufig sei "nicht soviel Vollkommenheit in den Werken vorhanden, die aus mehreren Stücken zusammengesetzt und von verschiedenen Meistern angefertigt sind, als in denen, woran nur ein einziger gearbeitet hat". Ein Liberaler wie Mill hätte dazu gesagt, dann müsse man sich bei der Gesellschaft eben mit weniger Vollkommenheit zufrieden geben. Aber Comte wollte das Vollkommene.

Seine Soziologie sollte denn auch beides sein: nicht "nur" Wissenschaft, sondern auch Religion und sogar Kirche Comte bewunderte das "geordnete" Sozialsystem des Mittelalters, erglaubte, in seiner neuen Gesellschaft den Katholizismus irgendwie ersetzen zu müssen. Im Ergebnis wurde die katholische Kirche vielmehr imitiert, man könnte auch sagen: parodiert. Eine Großbürgersgattin, die Comte sehr verehrt hatte, stilisierte er nach ihrem Tod zur "heiligen Gefährtin", "positivistischen Jungfrau" und "Personifikation der Menschheit", man glaubt sich in die Musikdramen Richard Wagners hineinversetzt Die positivistische Kirche (in Brasilien besteht sie noch heute, als "Igreja positiva de Brasil") erhielt sogar Sakramente, als höchstes eine Art Heiligsprechung: Ausgewählte Menschen werden zu "wahrhaften Organen des großen Wesens" erklärt.

Denkmal vor der Pariser Sorbonne
Friedrich Jonas im historischen Rückblick "Der Positivismus, der mit dem Ideal strenger Wissenschaftlichkeit aufgetreten war, lief sich in einer neuen Metaphysik fest." Comte hatte diese Kritik gar nicht verstanden; was zwei Generationen später sein Kollege Max Weber seinen Studenten zu sagen pflegte – wer Unterhaltung wünsche, solle ins Lichtspiel gehen, wer Predigt wolle, ins Konventikel – hätte er schlicht als bösartig empfunden. Comte war eben Repräsentant eines Übergangs. In einer Zeit, wo sich die Spezialdisziplinen ausbildeten, hielt er an der überkommenen Vorstellung einer Einheit von Wissenschaft und Metaphysik, Wissenschaft und Ethik, Wissenschaft und Politik fest.

In den folgenden Jahrzehnten zeigte sich bald die Schwäche dieser Doppelung. Von der Warte strenger Wissenschaft aus war Comtes Positivismus eben nicht so ganz Wissenschaft, sondern Metaphysik. Und als politische Metaphysik, stellt Jonas nüchtern fest, "war er dem Marxismus und dem Sozialdarwinismus, die an bestimmte Interessenlagen anknüpfen konnten, unterlegen". Von heute aus ist es nicht ganz leicht, diesem frühen Klassiker der Soziologie gerecht zu werden. Aber man wird dem französischen Soziologen Raymond Aron zustimmen müssen, der nach den Erfahrungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu dem Schluss kam: Comtes Lehre ist weniger absurd als andere quasi-religiöse Ideen, die ansonsten durch die Sozialwissenschaften geistern. "Sie lehrt nicht, eine Gesellschaft vor anderen Gesellschaften zu lieben, was zu einem Stammesfetischismus führt, oder die soziale Ordnung der Zukunft zu lieben, die niemand kennt und in deren Namen man die Skeptiker auszurotten beginnt. Lieben sollen wir die überragende Größe, deren einige Menschen fähig waren und zu der sich alle Menschen erheben sollen."


Mehr im Internet:
Auguste Comte - Wikipedia

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

 

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