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09.08.2007 - WISSENSCHAFTSTHEORIE

Ein Tag ist ein Tag ist ein Tag

Die Klippen des Kreationismus -
1. Folge: Die junge Erde oder der "Kurzzeitkreationismus"

von Josef Tutsch

 
 

Neue Attraktion in Kentucky: Das Creation
Museum präsentiert eine Naturgeschichte,
die dem Bibelwort entsprechen soll
Im Hörsaal des Creation Museums in Kentucky, so ging es durch die Weltpresse, vibrieren die Sitze. Das ist kein Konstruktionsfehler des Hauses, das erst im Mai dieses Jahres eröffnet wurde, vielmehr soll den Zuhörern ein Eindruck vermittelt werden, wie Noahs Arche in den Wellen der Sintflut geschwankt hat. Denn die Sintflut, wie sie im 1. Buch Mose geschildert wird, steht im Zentrum des Geschichtsbildes, das Museumsgründer Ken Ham dem Publikum vermitteln will.

Die Sintflut fand im Jahr 2501 vor Christus statt; so jedenfalls hat es im 17. Jahrhundert der englische Bischof James Ussher ausgerechnet. Ussher wollte die Zeitangaben in den Erzählungen und Stammbäumen der Bibel wörtlich nehmen, angefangen bei den sechs Schöpfungstagen. Sein Ergebnis: An einem Sonntag, dem 23. Oktober 4004 vor Christus, sprach Gott "Es werde Licht". Für die Erschaffung Adams glaubte Ushers Zeitgenosse, der Cambridger Universitätsprofessor John Lightfoot, sogar eine Uhrzeit feststellen zu können: 9 Uhr morgens.

"Es werde Licht!" Bibelillustration
von Gustave Doré, 1865

Demnach hätten wir also vor einem Jahrzehnt das sechstausendjährige Bestehen der Welt und der Menschheit feiern können; merkwürdig, dass dieses Jubiläum anscheinend niemanden interessiert hat. Zahlenspielereien mit der Bibel sind heutzutage wenigstens hierzulande nicht mehr en vogue. Frühere Generationen haben aus solchen Daten mithilfe des Bibelspruchs, dass beim Herrn ein Tag ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag, die wildesten Prophezeiungen herausgesponnen. Immerhin würden wir heute, den Kalender von Ussher und Lightfood und die Gleichung 1 Tag = tausend Jahre zugrunde gelegt , sozusagen am siebten Tag der Schöpfung leben, an jenem Tag, wo der Bibel zufolge Gott ruhte.

Mit solch symbolischer Vertauschung von Tagen und Jahrtausenden haben die "Kurzzeitkreationisen" um das Creation Museum von Kentucky aber nichts im Sinn. Für sie gilt, wie schon für Ussher, der Satz "Ein Tag ist ein Tag ist ein Tag." Zwei Jahrhunderte lang war Usshers Aufstellung der offiziellen anglikanischen Bibelausgabe, der "King-James-Bible", als Anhang beigefügt.

Dinosaurier (hier in einem Film von
Walt Disney) haben Heimatrecht im
Creation Museum ...
 

Es war längst nicht der einzige Versuch, aus der Bibel eine Chronologie der Naturgeschichte zu destillieren. Im 8. Jahrhundert behauptete der englische Theologe Beda Venerabilis das Jahr 3952 vor Christus sei der Termin der Weltschöpfung gewesen; um 1600 legte sich der calvinistische Philologe Joseph Justus Scaliger auf das Jahr 3950 fest. Im alten Byzanz nahm man den 1. September 5508 an; der Kalender auf dieser Grundlage galt in Russland bis zu Zar Peter dem Großen.

Und im jüdischen Gottesdienst wird bis heute eine Weltära benutzt, die mit dem Herbst des Jahres 3861 vor Christus beginnt. Auch der große Physiker Isaac Newton schaltete sich in die Debatte ein. Seiner Ansicht nach war die Welt 534 Jahre jünger als von Ussher berechnet. Grund für diese Differenzen: Die Zeitangaben in der Bibel sind weder vollständig noch widerspruchsfrei. Legt man die griechische Übersetzung des Alten Testaments zugrunde, kommen ein paar Jahrhunderte mehr heraus als beim hebräischen Text. Über weite Strecken mussten – und müssen – Berechnungsversuche auf Daten der profanen Geschichte des Alten Orients zurückgreifen, um die Bibel zu ergänzen.

Sintflut, Fresko von Michelangelo in
der Sixtinischen Kapelle, um 1510
 
Bereits wenige Jahrzehnte nach Usshers Entwurf machte sich der holländische Philosoph Baruch de Spinoza in seinem "Theologisch-politischen Traktat" über soviel chronologische Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Bibel lustig. Seine Feststellung: Über weite Strecken habe ein Redakteur "Geschichten abgeschrieben und ohne nähere Untersuchung anderen Geschichten einverleibt". Zum Beispiel die Geschichte von Juda und seiner Schwiegertochter Thamar im 1. Buch Mose. Die Story erstreckt sich über drei Generationen; den Zeitangaben zufolge müsste sie sich in höchstens 22 Jahren abgespielt haben. 

Solche Merkwürdigkeiten häufen sich in dem Zahlengerüst, das die wörtlich gelesene Bibel bietet. Noch zwei Beispiele aus Spinozas Darstellung, einem frühen Beispiel historischer und philologischer Arbeit an der Bibel: Der Patriarch Jakob muss, als er um seine Braut freite, "in sehr vorgerücktem Alter gestanden haben, nämlich 84 Jahre". Andererseits können seine Söhne Simeon und Levi, als sie eine Stadt plünderten und alle ihre Einwohner mit dem Schwert niedermachten, kaum zwölf und elf Jahre alt gewesen sein. Davon zu schweigen, dass natürlich auch das Lebensalter des sprichwörtlichen Methusalem, 969 Jahre, in alle diese Chronologien, vom alten Byzanz bis zum amerikanischen Kreationismus unserer Tage, eingegangen ist.

...der Neandertaler ist nichtzugelas-
sen - Denkmal vor dem Museum im
rheinischen Mettmann)

Seit dem 19. Jahrhundert liegt das Hauptproblem aller Kurzzeitkreationisten aber eher in der Frage, wie sich die Fossilienfunde – zum Beispiel  Dinosaurier und Neandertaler – in diesen wenigen tausend Jahren unterbringen lassen. Eine Lösung fiel schon 1857 einem gewissen Philip Henry Gosse ein. Gott habe die Welt erst vor ein paar tausend Jahren geschaffen, aber sie sie viel älter aussehen lassen – offenbar, um die Naturwissenschaftler hinters Licht zu führen. "Omphalos-" oder "Nabeltheorie" benannte Gosse sein Konzept.

Es geht um den Nabel unseres Stammvaters Adam. Darüber hatten sich bereits die mittelalterlichen Scholastiker Gedanken gemacht. Da der erste Mensch als Erwachsener geschaffen wurde, wäre davon auszugehen, dass er keine Nabelschnur hatte. Gosse nahm jedoch an, dass Gott Adam einen Nabel mitgegeben hatte, wie anderen Menschen auch. Eine scheinbare Vergangenheit wurde also miterschaffen. Schade, dass Gosse 1857 nicht auch an eine scheinbare Abstammung vom Affen gedacht haben kann; Darwins Buch von der "Entstehung der Arten" kam erst zwei Jahre später heraus.

Arche Noah, aus dem oberöster-
reichischen "Heilsspiegel", 14. Jh.

Dieser eigentlich doch geniale Einfall der vorgetäuschten Jahrmilliarden findet unter heutigen Kurzzeitkreationisten allerdings wenig Beifall. Statt dessen soll die biblische Sintflut die Lösung bringen: "So wurde vertilgt alles, was auf dem Erdboden war, vom Menschen an bis zum Vieh und zum Gewürm und zu den Vögeln unter dem Himmel; das wurde alles von der Erde vertilgt. Allein Noah blieb übrig und was mit ihm in der Arche war."

Aber an dieser Stelle verheddern sich die Kreationisten mit ihrer Forderung, die Bibel wörtlich auszulegen. Sind die Dinosaurier tatsächlich in der Sintflut untergegangen, kann Noah den Befehl des Herrn, von jeder Tierart mindestens ein Paar mit an Bord zu nehmen, nicht wörtlich befolgt haben. Wurden sie jedoch über diese Katastrophe hinweg gerettet, müssen sie irgendwann früher oder später ausgestorben sein; die Sintflut erklärt dann nichts. In christlich-fundamentalistischen Kreisen Nordamerikas wird diese Frage kontrovers diskutiert.

James Ussher, Klassiker der Bibel-
chronologie

Und zwar offenkundig mit viel Interesse beim Publikum: Aktuellen Meinungsumfragen zufolge glauben in den USA um die 50 Prozent aller Einwohner, dass Gott die Welt vor nicht allzu langer Zeit geschaffen habe. Es ist eine Diskussion, die sich fast ausschließlich in den protestantischen Kirchen abspielt. Luther und Calvin wären über diesen Erfolg ihrer Reformation verwundert gewesen. Sie hatten die Bibel den kirchlichen Autoritäten entwunden und in die Verantwortung des einzelnen Gläubigen übertragen. Es war ein Ausgangspunkt des modernen Individualismus: jeder Leser allein mit sich und dem heiligen Text. Diese Laienexegese wurde jedoch oft viel wörtlicher, "fundamentalistischer", als es die Dogmatik der alten Kirche jemals gewesen war.



Lesen Sie Folge 2 von Die Klippen des Kreationismus 
Von der faulen Vernunft zum Spaghettimonster
Langzeitkreationismus und "Intelligent Design"


Mehr im Internet:
Kreationismus - Wikipedia
Creation Museum
Hort des Kreationismus, scienzz 16.02.2007
Als die Natur ihre Geschichte erhielt, scienzz magazin 14.08.2006
Christlicher Fundamentalismus hierzulande, scienzz 22.06.2004








Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

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