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24.08.2007 - WISSENSCHAFTSTHEORIE

Von der faulen Vernunft zum Spaghetti-Monster

Die Klippen des Kreationismus - 2. Folge: Langzeitkreationismus und Intelligent Design

von Josef Tutsch

 
 

Satire auf Intelligent Design - Bobby
Hendersons "Flying Spaghetti Monster"

Der hierzulande bekannteste kreationistische Wissenschaftler war vermutlich Professor Kuckuck vom Museu Sciencias Naturaes in Lissabon. Es habe nicht eine, sondern drei "Urzeugungen" gegeben, lehrte Kuckuck: "Das Entspringen des Seins aus dem Nichts, die Erweckung des Lebens aus dem Sein und die Geburt des Menschen."

Bevor Sie jetzt im Konversationslexikon nach Kuckuck suchen: Es handelt sich um eine Figur aus der Feder Thomas Manns, in den "Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull". Die meisten amerikanischen Kreationisten von heute würden diesen Weggenossen sehr misstrauisch ansehen, nicht ohne Grund. Kuckuck vertrat eine Evolutionslehre: "Aus dem Tierischen sei durch Abstammung, wie man sage, in Wirklichkeit durch ein Hinzukommendes, das so wenig bei Namen zu nennen sei wie das Wesen des Lebens, wie der Ursprung des Seins, der Mensch hervorgegangen."

Aber auch im christlich-fundamentalistischen Kreationistenspektrum Nordamerikas gibt es tatsächlich eine Richtung, die den Evolutionsgedanken aufgenommen hat. Was dieser "evolutionistische Kreationismus" nicht akzeptiert, ist das Wechselspiel von Mutationen und Selektionen, das unter Biologen im Gefolge von Charles Darwin als Ursache für Entstehen und Untergehen von Arten angesehen wird. Ab und zu habe der Schöpfer eben doch direkt in den Prozess eingreifen müssen, vor allem, um die Genese des Menschen zu garantieren.

Erschaffung der Vögel, aus
dem Aberdeen Bestiary
(12. Jahrhundert)
Ein Grenzfall, ein recht weitgehender Kompromiss mit der Biologie, wie sie heutzutage in Schulen und Hochschulen gelehrt wird. Aber auch die übrigen Richtungen, die sich heute in den USA unter dem Sammelbegriff "Kreationismus" tummeln, sind Kompromisse – Versuche, unser naives Alltagsbewusstsein einerseits, die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft andererseits irgendwie in Übereinstimmung zu bringen. So wird inzwischen auch von vielen Kreationisten akzeptiert, dass die Welt nicht vor 6.000, sondern vor Milliarden von Jahren entstanden ist.

Mit dem wörtlich gelesenen Bibeltext ist dieser "Langzeitkreationismus" freilich nicht in Übereinstimmung zu bringen. Aber da hilft eine einfache Gedankenbrücke: Die sechs Tage der Schöpfungsgeschichte seien nicht wörtlich zu verstehen, sie stünden für viel längere Zeiträume, Hauptsache, es bleibe Platz für ein direktes göttliches Eingreifen an den Schlüsselpunkten im Prozess. Daneben finden sich auch ausgefallenere oder einfallsreichere Argumentationswege. Zu einiger Berühmtheit ist die sogenannte "Lückentheorie" gelangt. Zwischen dem ersten Satz der Bibel "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde" und dem zweiten Satz "Die Erde war wüst und leer", so der Gedanke, könnte es eine zeitliche Lücke gegeben haben, wenn man nämlich das "war" als "wurde" auffasst. Dann könnte man eine frühere Schöpfung annehmen, die vielleicht durch eine Katastrophe, der Sintflut ähnlich, vernichtet wurde.

"Unlocking the Mystery
of Life", populäre
Informationsschrift
von Intelligent Design
 
Von solchen Bibelspekulationen will die renommierteste aller kreationistischen Lehren, seit ein paar Jahren unter dem Titel "Intelligent Design" geläufig, Abstand halten. Intelligent Design versteht sich als Wissenschaft, als eine wissenschaftliche Theorie in Konkurrenz zu anderen Theorien – vorläufig wohl als Außenseitermeinung, wie es der Darwinismus oder die Psychoanalyse in ihren Anfängen auch waren, aber mit der Hoffnung, irgendwann zur herrschenden Lehre aufzusteigen. Das Argument ist uralt, die "Uhrmacheranalogie", im angelsächsischen Bereich machte sie der Theologe William Samuel Paley um 1800 populär. Uhren (heutzutage würde man vielleicht sagen: Fernsehen und Computer) gäbe es nicht, wenn sie nicht jemand geplant und gemacht hätte; für Tiere und Menschen, die viel komplizierter sind, müsste dasselbe gelten.

William Dembski, einer der führenden Theoretiker von Intelligent Design, vergleicht die Paläobiologie gern mit der Arbeit der Archäologen: Wenn eine Statue aufgefunden wird, finden sich daran eindeutige "signs of intelligence", die auf einen Künstler schließen lassen. In der philosophischen Tradition heißt das der "teleologische Gottesbeweis", der Gottesbeweis aus dem Argument der Zweckmäßigkeit. Die Welt, wie wir sie vorfinden, sei derart zweckmäßig eingerichtet, dass sie sich nicht durch "Zufall" erklären lasse. Also auch nicht durch bloße "Entwicklung" oder allenfalls dann, wenn eine Intelligenz dahinter stehe, die notfalls immer wieder einmal steuernd eingreift.

Charles Darwin kari-
kiert um 1860
 
Nun könnte vermutlich jeder von uns sich ein paar Welten ausdenken, die physisch und moralisch zweckmäßiger eingerichtet wären, als die unsrige; aber sei’s drum. "Dieser Beweis verdient jederzeit mit Achtung genannt zu werden", schrieb Immanuel Kant, der die Gottesbeweise insgesamt in seiner "Kritik der reinen Vernunft" gründlich destruierte. "Er ist der älteste, klarste und der gemeinen Menschenvernunft am meisten angemessene." Kants kritischem Scharfblick entging jedoch nicht, dass dieses Argument keinesfalls einen "Weltschöpfer", sondern allenfalls einen "Weltbaumeister" wahrscheinlich machen könnte. Also jemanden, der aus dem gegebenen Stoff, so gut wie möglich, eine zweckmäßig eingerichtete Welt geformt habe.

Auf Dembskis Archäologengleichnis angewandt: Dass Besucher aus dem Weltraum à la Erich von Däniken die Pflanzen, Tiere und Menschen auf der Erde verursacht haben sollten, wäre demnach ebenso wahrscheinlich wie das Eingreifen eines biblischen Schöpfergottes. Tatsächlich hüten sich die Theoretiker von Intelligent Design wohlweislich, den Bogen zur Gotteslehre der monotheistischen Religionen zu schlagen; nur in der Popularisierung der Lehre, unter christlich-fundamentalistischen Anhängern, wird diese Identifikation umstandslos vorgenommen, entsprechend dem Bibelvers: "Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut."

Führende amerikanische Politiker
wie auch Präsident Bush äußern
sich wohlwollend über "ID"
 
Die Zurückhaltung der Theoretiker mag taktisch bedingt sein. Wenn Intelligent Design Chancen haben soll, im Schulunterricht gelehrt zu werden, dann muss der amerikanischen Verfassungstradition gemäß ein religiöser Anschein vermieden werden. Die Strategie geht gerade umgekehrt dahin, die etablierte Naturwissenschaft als atheistische Ideologie zu verdächtigen. Unfreiwillige Unterstützung erhalten die Propagandisten von "ID", wie die modische Abkürzung lautet, dabei gelegentlich von renommierten Biologen, zum Beispiel Richard Dawkins, die sich persönlich zum Atheismus bekennen und in der Öffentlichkeit wohl nicht immer deutlich machen, was naturwissenschaftliche Erkenntnis ist und was ihre philosophische Position.

Atheismus, das ist das Stichwort. Bereits Kant hatte es als biologisches Forschungsprogramm formuliert, Ordnung und Zweckmäßigkeit in der Natur "aus Naturgründen und nach Naturgesetzen" zu erklären; hier seien "selbst die wildesten Hypothesen, wenn sie nur physisch sind, erträglicher als eine hyperphysische, das ist die Berufung auf einen göttlichen Urheber, den man zu diesem Behuf voraussetzt". Ein methodischer Naturalismus also, wenn man so will, auch ein methodischer Atheismus. Die Wissenschaftskritiker aus den Reihen von Intelligent Design deuten diese Methode in ein Dogma um, und in der christlich-fundamentalistischen Traktätchenliteratur ist dieser Atheismus, der aller modernen Naturwissenschaft inhärent sein soll, denn auch für all das mitverantwortlich, was als sozialer Misstand gewertet wird, von Ehescheidung und Homosexualität bis zu Abtreibung und Pornographie.

Michelangelos Erschaffung des Menschen
in der Sixtinischen Kapelle, Rom um 1510

 
Am Rande bemerkt: Auch Professor Kuckuck fände da keine Gnade. Thomas-Mann-Kenner wissen, dass seine sehr spezielle Lehre von den drei Urzeugungen auf dem Hintergrund der atheistischen Metaphysik eines Arthur Schopenhauer zu lesen ist. Die Erkenntnislücken, die Naturwissenschaftler lassen müssen – oder heute noch lassen müssen –, führen eben nicht zwangsläufig zum persönlichen Schöpfergott, wie ihn das Christentum predigt. Statt dessen kämen ja auch allerlei andere Erklärungen für die Zweckmäßigkeit in der Natur in Frage, zum Beispiel eine unpersönliche Weltkraft. Oder Dänikens Außerirdische. Oder das "Flying Spaghetti Monster", das der amerikanische Physiker Bobby Henderson vor zwei Jahren als Parodie auf Intelligent Design aufgebracht hat.

Den Anhängern von Hendersons Spaßreligion dient das Monster inzwischen auch als wissenschaftstheoretisches Schibboleth. Es wurde ein Preisgeld von 1 Million Dollar ausgesetzt für jeden, "der den empirischen Beweis erbringen kann, dass Jesus nicht der Sohn des Fliegenden Spaghetti-Monsters ist". Genau darin liegt auch das Problem einer Auseinandersetzung mit Intelligent Design: Das Konzept entzieht sich einer empirischen Widerlegung. Dass hinter den Phänomenen Kreationismus und ID  eine Beunruhigung steht, die man ernst nehmen sollte, ist eine andere Geschichte. Die Theologie spricht vom Menschen als Krone der Schöpfung und Ebenbild Gottes, die Biologie lehrt seine Abstammung von affenähnlichen Vorfahren – diese doppelte Perspektive muss sich in Konflikten austragen.

... und Hendersons "Fliegendes Spaghetti-
Monster", in Michelangelos Szene einge-
stellt
Der parallele Konflikt spielt sich, von der Öffentlichkeit viel weniger beachtet, auch in den Geisteswissenschaften ab. Seit der Aufklärung bemühen sich die Historiker und Philologen, die auf den theologischen Lehrstühlen zum Alten und zum Neuen Testament sitzen, ohne übernatürliche Erklärungen, also ohne göttliche Inspiration der heiligen Schrift und ohne Wundertaten Christi, auszukommen. Offenbar ist es aber die größere Zumutung an den Menschen, sich selbst in die Verwandtschaft der Affen stellen zu sollen. Immanuel Kant, der vor über zwei Jahrhunderten von Intelligent Design noch nichts wusste, kannte das Argumentationsmuster, aus den vorläufigen Lücken der Naturerkenntnis das Übernatürliche hervorholen wie der Varietézauberer die Kaninchen aus dem Hut, bereits sehr genau. Er brandmarkte es als das Verfahren einer "faulen Vernunft".



Lesen Sie Folge 1 von Die Klippen des Kreationismus 
Ein Tag ist ein Tag ist ein Tag
Die junge Erde oder der Kurzzeitkreationismus


Mehr im Internet:
Kreationismus - Wikipedia
Creation Museum
Hort des Kreationismus, scienzz 16.02.2007
Als die Natur ihre Geschichte erhielt, scienzz magazin 14.08.2006








Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

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