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30.08.2007 - DEUTSCHE LITERATUR
"Jetzt ist alles verstummt ..."
Die griechische Antike in der deutschsprachigen Literatur der 1930er und 1940er Jahre
von Josef Tutsch
 | | "Die Partei", Statue von Arno Breker,
heute in Nörvenich
| | | "Da drängt der Olymp, dort der Parnass. Es wird einem dabei ganz heiß. Alte Jugenderinnerungen tauchen auf. Ein Traum geht in Erfüllung ... Athen! O, wie glücklich ich bin." Dergleichen wird in Dutzenden und Hunderten von Reisetagebüchern durch Griechenland zu lesen sein. Aber es war nicht irgendjemand, der da am 21. September 1936 bei der Ankunft in Athen seine Empfindungen niederlegte. Es war Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Wirklich unbehaglich werden diese Zeilen jedoch erst, wenn man sich klar macht, dass der Minister in seinem Tagebuch keine Propaganda beabsichtigt haben kann. Mit seiner Griechenland- und Antikensehnsucht war es ihm genauso ernst wie so vielen anderen deutschen "Bildungsbürgern", die sich diesen Traum erfüllten.
Das Thema hatte 1779 Goethe mit seiner "Iphigenie auf Tauris" aufgegeben: "Das Land der Griechen mit der Seele suchend ..." Die Oxforder Germanistin Daria Santini hat jetzt eine späte, von Forschung und Publikum partiell ausgeblendete Phase dieser Sehnsüchte unter die Lupe genommen, die deutschsprachige Literatur der 1930er und 1940er Jahren . Es war für deutsche und später auch für österreichische Schriftsteller eine Zeit der gespaltenen Existenz-, Produktions- und Rezeptionsbedingungen: das Dritte Reich einerseits, das Exil andererseits.
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Thomas Mann
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Beide Seiten waren nicht nur durch die deutsche Sprache weiterhin miteinander verbunden. Sowohl in der Heimat wie im Exil berief man sich auf das "klassische" Erbe. Santini will denn auch diese anderthalb oder zwei Jahrzehnte als Ganzes betrachten: Thomas Manns "Joseph"-Roman neben den Propagandastücken des nationalsozialistischen Theaters, Gottfried Benns Gedichte neben – ja, auch das gehört zur "Literatur", wenn man den Begriff nur weit genug fasst - Goebbels’ Tagebüchern. Während die offiziöse Literatur im "Reich" sich in den Dienst der Ideologie stellte, griffen die Exilautoren oft zu einer allegorischen Umwandlung von Wirklichkeit. Santini: "Ihre Welt war hauptsächlich eine innere Welt."
Mythologische oder entlegen-historische Motive als Möglichkeit der Gegenwartsflucht? Dass das nicht so sein muss, weiß das Publikum durch den Roman "Joseph und seine Brüder"; der Autor Thomas Mann hat in seinem Briefwechsel mit dem ungarischen Religionswissenschaftler Karl Kerényi ausführlich diskutiert, wie man "dem Faschismus den Mythos wegnehmen und ihn ins Humane umfunktionieren" könne. Bei einem Großteil der Exilliteratur offenbart Santinis Querschnitt vor allem Ratlosigkeit. Ohne Umschweif ausgesprochen findet es sich in einer kleinen Erzählung von Anna Seghers: "Wie schrecklich jetzt die Stille ist. Hat man auch furchtbare Götter gegen sich gehabt, so war man doch immer zusammen in einer Welt mit den Göttern. Jetzt ist alles verstummt."
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Reminiszenz an das antike Olympia: Stadion für die Spiele 1936 in Berlin
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Am ehesten die Lyrik, demonstriert Santini am Beispiel Gottfried Benns, habe in dieser Zeit – und zwar auch innerhalb des Dritten Reiches – einen freien Umgang mit dem Mythos zugelassen. Bemerkenswert an dieser Studie sind jedoch vor allem die Ausführungen über die nationalsozialistische Dichtung, wenn man das so nennen will; und das, obwohl die Produktion all der regimenahen Schriftsteller, von dem unpolitischen Gerhart Hauptmann abgesehen, heute wohl nur noch historisches Interesse beanspruchen kann. Schon die Bemühungen des NS-Regimes um den Theaterbetrieb wären ein Thema für sich. Ein Konzept hatte bereits 1928 der Schriftsteller Hanns Johst, später Präsident der Reichsschrifttumskammer, unter dem merkwürdigen Titel "Ich glaube!" vorgelegt.
Darin verband Johst die Berufung auf die Antike mit einer Absage an die deutsche Bildungstradition: "Goethe wie Schiller erkannten im griechischen Tempel die mütterliche Blutsbindung für alles Theater der Welt, aber leider versuchten sie die griechische Vollkommenheit einfach auf den deutschen Kulturbetrieb zu übernehmen ... Es blieb irgendwo Allegorie, Studium, Bildung." Johsts Erklärung "Die Gottheit, der metaphysische Hintergrund" trage in Deutschland ein anderes Gesicht als in Griechenland. Damit waren, wie Johst an anderer Stelle dunkel raunend verkündete, "die mythologischen Rätsel der Mütter und des Himmels" gemeint.
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Gottfried Benn
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Zurück in den Urgrund, das war die Generalrichtung der nationalsozialistischen Kulturpolitik. 1944 versuchte sich die Germanistin Elisabeth Frenzel in einer reichlich gequälten Argumentation, um die deutsch-völkischen Prinzipien mit der Begeisterung für die Antike in Einklang zu bringen: "dass, wie wir heute wissen, wir in der griechischen Kunst ja nicht ein uns artfremdes und -fernes Ideal aufstellen, sondern dass sich drin derselbe nordische Geist in einer anderen Variante offenbarte, der auch in unseren germanischen Schöpfungen seinen Niederschlag fand."
Tatsächlich, vieles was Santini da aus den 1930er und 1940er Jahren zum Thema "Hellas und Germanien" anführt, liest sich wie eine Übertragung von Hegels Satz "bei dem Namen Griechenland ist es dem gebildeten Menschen in Europa, insbesondere uns Deutschen, heimatlich zumute" in die nationalsozialistische Rassenlehre. Der Literaturwissenschaftler Paul Böckmann 1941: Der Glaube an die religiösen Ursprünge der "hellenisch-deutschen Lebenseinheit" gewährleiste den Deutschen die Bereitschaft zur Tat und die Kraft, "die das eigene Leben binden und den überpersönlichen Zusammenhang mit dem natürlichen und seelischen Dasein gewährleisten". Auch der renommierte Altertumswissenschaftler Walther Rehm formulierte 1936 eine Gleichsetzung von Graecophilie und deutschem Patriotismus: "Der Glaube an Griechisches ist also nur ein Gleichnis für den Glauben an das Hoch- und Rein-Menschliche und darum auch für den Glauben an das Deutsche."
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Inspiriert durch den Pergamon-Altar: Zeppelin-Tribüne in Nürnberg
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Die Frage, wie es zu dieser Transformation der deutschen Antikenutopie kommen konnte – und das oft unter dem ausdrücklichen Sigel "Humanismus"! –, vermag auch Santini nur im Ansatz zu beantworten. Wichtig scheint die Beobachtung, dass Hellas mit wachsendem Abstand zur deutschen Klassik immer weniger als kulturelles Vorbild, immer mehr als "seelisches Prinzip" wahrgenommen wurde. Und zwar als ein abstraktes Prinzip, das mit der historischen Wirklichkeit wenig zu tun hatte, das vielmehr eine vage Vorstellung von mythischer Frühe und Ursprünglichkeit beinhaltete, aufgefüllt mit Ideen, wie sie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eben im Schwange waren – dem Rassismus.
Offenbar kam dieser Antikenbezug auch manchen überzeugten Nationalsozialisten nicht plausibel vor. Ein gewisser Hans Drexler warf 1941 dem (inzwischen emigrierten) Altphilologen Werner Jaeger vor, seine "hellenozentrische" Weltanschauung bedeute eine Herabwürdigung des "Nationalen". Man wüsste gern, welche Rolle die griechische Antike im Denken führender Nationalsozialisten wirklich gespielt hat, eine Frage, die allerdings nicht durch die Interpretation von Dichtung zu beantworten wäre, sondern nur durch die Lektüre sehr profaner und oft trüber Quellen – zum Beispiel eben von Joseph Goebbels’ Tagebüchern. Oder auch von Alfred Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts". 1946 beim Nürnberger Prozess stellte sich allerdings heraus, dass angeblich kein einziger der dort angeklagten Parteiführer diesen Band, der neben Hitlers "Mein Kampf" als das wichtigste Buch des Nationalsozialismus galt, gelesen hatte.
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Hermann Broch
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Worum es bei dem nationalsozialistischen "Zurück" wirklich ging, lässt eine zentrale Stelle in Johsts Theaterschrift ahnen: "Das Opfer wird dem Volk gebracht. Das Opfer dient dem Beifall der Masse." Ob Johst jemals bewusst geworden ist, dass "Opfer", aus der Mythologie in die moderne Wirklichkeit übersetzt, sich als Massenmord realisierte? Man könnte diese Frage auch an einen viel bedeutenderen Schriftsteller, Gerhart Hauptmann, stellen. 1941 äußerte er in einem Gespräch, die ungeheuren historischen Umbrüche der Zeit ließen es nicht zu, dass man sich mit bloß individuellen Problemen wie etwa dem Antisemitismus aufhalte. Hauptmann schrieb gerade an seiner Atriden-Tetralogie, worin er die mythisch "notwendige" Opferung der Königstochter Iphigenie auf die Bühne brachte.
Ungeheure historische Umbrüche: "Bin ich auch ein Wiedergeborener der Perikles-Zeit", notierte Hauptmann ein Jahr zuvor, es war die Zeit deutschen Anfangserfolge im Zweiten Weltkrieg, "wie groß war sie, vielleicht ist es auch die deutsche in diesem Augenblick." Solche Überblendung der Zeiten hat auch der Romancier Hermann Broch in seiner "Verzauberung" gestaltet und wiederum geht es um ein Menschenopfer: "’Tu’s!’ schrie es in meiner Seele, während die Eisenbahnen und Autos in der Welt herumfahren und der Äther voller Radiowellen ist ..." Broch ist mit seinem Roman trotz dreier Anläufe niemals fertiggeworden. Anders als Thomas Mann im "Joseph" konnte er die Probleme, die das Irrationale im antiken Mythos aufgab, nicht lösen.
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Nationalsozialistische Kulturpolitik: Tafel am Haus der Deutschen Kunst in München
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Dennoch: "Für Mann und Broch wie auch für Gottfried Benn", resümiert Santini, "schließt die Einsicht in die unüberwindliche Ferne der mythischen Vergangenheit den produktiven Umgang mit antiken Stoffen nicht aus. Im Gegenteil: es ist gerade das Bewusstsein dieser Distanz, das eine wahre Neubelebung mythologischer Themen ermöglicht." Von daher erhält auch die Diskussion, die 1935 von der englischen Germanistin Eliza Marian Butler unter dem Titel "The Tyranny of Greece over Germany" angestoßen wurde, einen neuen Akzent. Butler war zu dem Schluss gekommen, dass die Idealisierung der Griechen, wie sie Johann Joachim Winckelmnn Mitte des 18. Jahrhunderts begründete, sich praktisch-politisch fatal ausgewirkt hätte.
In Deutschland wurde Butlers Studie zunächst nicht zur Kenntnis genommen, später entweder empört zurückgewiesen oder im Sinne einer schicksalhaften Fehlentwicklung des deutschen Bildungsbürgertums (von Winckelmann zu Hitler, sozusagen) begeistert aufgenommen. Auf der Grundlage von Santinis Arbeit lassen sich die notwendigen Differenzierungen vornehmen. Es war nicht der "Traum" vom Griechentum selbst, der den Weg in den Nationalsozialismus bereitete; es war, im Vergleich zu Engländern und Franzosen, eine kollektive, historisch bedingte Ich-Schwäche der Deutschen, die ihnen diesen Traum nötig machte und dem Ideal seine, um mit Butler zu sprechen, "tyrannische" Stellung ermöglichte. Und die in den 1930er und 1940er Jahren – sowohl in den nationalsozialistisch beherrschten Ländern Mitteleuropas als auch im Exil – vielen Autoren bei einem freien, souveränen, poetisch produktiven Umgang mit Antike und Mythos im Wege stand.
Neu auf dem Büchermarkt: Daria Santini: Wohin verschlug uns der Traum? Die griechische Antike in der deutschsprachigen Literatur des Dritten Reichs und des Exils, Peter Lang, Frankfurt/Main 2007 (ISBN 978-3-631-55419-7), 39,- €
Mehr im Internet: Humanismus - Wikipedia
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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