Die Kunst des Begehrens - Askese, Pornographie, Dekadenz
von Josef Tutsch
Gianlorenzo Bernini, Verzückung der hl.
Teresa, Rom (Detail)
Leser, die in Marquis de Sades dickleibigem Roman über die "Leiden der Tugend" und die "Wonnen des Lasters" bis in den siebten Band vorgedrungen sind, werden sich vielleicht erinnern. Zwischen all den Orgien finden die Heldinnen Juliette und Clairwil Zeit, in der Bibliothek eines Karmelitermönchs zu stöbern. Der Erzähler nutzt die Gelegenheit zu einem kritischen Blick auf die pornographische Literatur seiner Zeit. "Miserables Geschreibsel" lautet das Verdikt, Gnade findet lediglich ein Buch mit dem Titel "Thérèse philosophe", erschienen 1748, ein halbes Jahrhundert vor den "Leiden der Tugend", "ein reizendes Buch vom Marquis d’Argens ... der einzige, der, wenn auch in primitiver Form, eine Idee gab von einem unsittlichen Buch".
Will man de Sades Urteil folgen, muss es sich um ein Schlüsselwerk der Literaturgeschichte handeln. Ein Schlüsselwerk in der Tat, zu diesem Ergebnis kommt auch der Germanist Niklaus Largier, Professor an der University of California, Berkeley. Und zwar nicht nur, was die "Erfindung" der Pornographie im 18. Jahrhundert angeht, sondern auch im historischen Zurück. Denn die "Thérèse", deckt Largier auf, stellt sich nicht bloß in die Tradition pikanter Schwankerzählungen, wie sie schon im Mittelalter beliebt waren. In entscheidenden Passagen greift der Verfasser (vermutlich war es wirklich der Marquis d’Argens, der lange Jahre am Hof Friedrichs II. von Preußen zubrachte, verdächtigt wurden auch Diderot und Voltaire und der preußische König selbst) auf die Heiligenviten zurück, vor allem auf die Lebensbeschreibung der Teresa von Àvila aus dem Jahr 1565.
Gianlorenzo Bernini, Verzückung der hl. Teresa, Rom
Sinnlichkeit und Askese wachsen auf demselben Holz, Leser deutscher Literatur kennen diese These aus Georg Büchners Drama "Dantons Tod": "Es gibt nur Epikureer, und zwar grobe und feine, Christus war der feinste" – ein Satz, der selbst in unserer säkularisierten Zeit beim Theaterpublikum noch Unruhe auslösen kann. Italien-Touristen wird es ins Auge springen, wenn sie in der römischen Kirche Santa Maria della Vittoria die grandiose Marmorplastik sehen, die der Bildhauer Gian Lorenzo Bernini 1646 von der Heiligen aus Àvila gestaltet hat. Begehren und Schmerz, Gewalt und Liebe – diese Ekstase hat unübersehbar etwas Erotisches. In ihrer Autobiographie erzählt die spanische Karmeliterin, wie sie schon als Kind durch die Lektüre der Heiligengeschichten beeindruckt wurde: "Wenn ich die Martyrien betrachtete, die die Heiligen um Gottes willen erlitten, schien es mir, dass sie einen sehr geringen Preis dafür bezahlten, in den Genuss Gottes zu kommen, und ich sehnte mich danach, auf dieselbe Weise zu sterben.
Und weiter: "So besprach ich mit meinem Bruder die Mittel, wie wir schnellstens in den Himmel gelangen könnten. Wir beschlossen, ins Land der Mohren zu fahren und diese aus Liebe zu Gott zu bitten, uns den Kopf abzuschlagen." Teresa schildert dann, wie sie durch allerlei Zweifel und Versuchungen, Begeisterungen und Verzückungen hindurch zu wahrer Gottesliebe gelangt sei. Das Grundmuster zeigt sich aber schon in der Kindheitserinnerung: Da das Martyrium nicht faktisch erfahren wird, muss es simuliert und imaginiert werden.
Illustration zu Marquis de Sades Roman "Juliette", 1789
Womit wir wieder bei der anderen Therese, der "philosophischen" wäre, die sich nicht in Heiligengeschichten, sondern in "unsittliche" Schilderungen vertieft. Vielleicht hätte Largier einzelne Passagen aus beiden Texten direkt nebeneinander stellen sollen. Aber es wird auch ohnedies deutlich, dass der Marquis d’Argens nach derselben Erzähltechnik verfahren ist. Bei d’Argens wird die "Versuchung" aufgrund einer Wette inszeniert; Thérèse hat sich verpflichtet, vierzehn Tage lang erotische Bücher zu lesen und erotische Bilder zu betrachten und dabei doch niemals zu masturbieren. Sonst würde sie ihre bis dahin aufbewahrte Jungfräulichkeit dem Wettpartner opfern. "Am dritten Tag geriet ich in eine Art Ekstase, nachdem ich eine Stunde lang gelesen hatte. Ohne daran zu denken, ob auch meine Zimmertür gut verschlossen wäre, begann ich, alle Stellungen nachzuahmen."
Die Szene endet damit, dass der heimliche Beobachter, Thèrèses Wettpartner, hervortritt: "Erscheine, Graf, ich fürchte diese Lanze nicht! Du kannst deine Geliebte durchbohren." Die Parallele zur Vision der heiligen Teresa ist unverkennbar, Bernini hat genau diesen Augenblick gewählt, wo der Engel dabei ist, den Pfeil in Teresas Leib zu bohren. Damit ist die Analogie aber längst nicht erschöpft, Largier: "Medientheoretisch sind die Erfahrungen Teresas und Thérèses analog, bauen sie doch auf demselben Konzept einer praktischen Applikation der Sinne durch rhetorische Mittel auf." Wobei das "rhetorisch" nicht ganz so eng zu nehmen ist, neben der Literatur gehören auch die Bilder dazu(oder in unserer Zeit Film und Video und Internetclips). Mehr noch: Die Lebensbeschreibung der Heiligen wie d’Argens’ pornographische Schrift sind darauf angelegt, dass auch im Leser sich ein Begehren regt, asketisch oder sinnlich, wie auch immer.
Illustration zu de Sades Roman "Juliette", 1789
Largier macht darauf aufmerksam, dass die "philosophische" Therese bei den Aufklärern damals keineswegs unumstritten war. Schon 1750 brachte der Enzyklopädist Francois-Vincent Toussaint eine "Anti-Thérèse" heraus. Seine Kritik richtete sich weniger gegen die Obszönität des Textes als gegen die Übermacht der Leidenschaft und das Gewicht der Bilder, das die materialistische Philosophie, die d’Argens doch verkündigen wollte, zu erdrücken schien. Damit stand Toussaint in einer langen Traditionsreihe. Largier: "Der natürliche Geschmack an den Dingen, so schreibt der römische Stoiker Seneca, werde in dekadenter Lust ersetzt durch die Vorliebe für raffinierte Delikatessen und luxuriöse Gemächer; oder auch, so der Kulturphilosoph Jean Baudrillard, authentische Sexualität werde ersetzt durch die Vorliebe für die Simulation im pornographischen Film; oder, so der Reformator Martin Luther, das natürlich gepaarte Eheleben werde ersetzt durch die perverse Lust asketisch-monastischer Praktiken in der Isolation der Zelle."
Ein modernes Beispiel solcher Künstlichkeit findet sich im Roman "Gegen den Strich" von 1884, jenem Buch, mit dem sich der französische Schriftsteller Joris-Karl Huysmans den Ruf eines Evangelisten der Dekadenzliteratur einhandelte. Der Held, Jean des Esseintes, staffiert sein Zimmer mit Aquarien aus, die mechanische Fische enthalten, und mit Bildern, die den Eindruck einer Schiffsbrücke hervorrufen. "So verschaffte er sich, ohne sich von der Stelle zu rühren, die raschen, fast jähen Eindrücke einer ausgedehnten Reise ... Bewegung dünkte ihn unnütz, und die Einbildungskraft schien ihm die gemeine Wirklichkeit leicht ersetzen zu können." Über die Tradition solcher Art von "Sinnlichkeit" lässt Huysmans keinen Zweifel aufkommen: In Mußestunden nimmt des Esseintes Texte der alten Mystiker zur Hand.
Pier Paolo Pasolinis Film nach de Sades Roman "Die 120 Tage von Sodom", 1975
Diese Sinnlichkeit, resümiert Largier, meinte eben nicht "Einklang mit der Natur oder Rückkehr zur Natur, sondern ihre Abweisung zugunsten des Künstlichen, des Konstruierten, der virtuellen Welt". Kein Wunder, dass die kirchliche Obrigkeit solche Ekstasen oft misstrauisch betrachtet hat. Im Zeitalter der Gegenreformation versuchte Ignatius von Loyola, den Weg zur Einheit mit Gott über die Sinne in rechtgläubige "Exerzitien" zu fassen. Im Ausgang von der Lektüre der Heiligen Schrift solle der Fromme "mit den Augen der Einbildung die Synagogen, die Städte und Flecken schauen, die Christus, unser Herr, predigend durchzog". Oder gar "mit den Augen der Einbildung die Länge, Breite und Tiefe der Hölle schauen"; "sehen die großen Flammen und die Seelen wie in brennenden Leibern; hören Weinen, Wehklagen, Geheul; riechen Rauch, Schwefel und Faulendes" usw. usf.
Das Vorbild all dieser Kontemplationspraktiken bildet die Vita des heiligen Antonius aus dem 4. Jahrhundert. Antonius’ Versuchung durch Dämonen haben Künstler wie Schongauer, Grünewald, Bosch, Brueghel, Dürer und in der Moderne Max Ernst immer wieder eindrücklich dargestellt. Es ist ein Kampf, der niemals ans Ende gelangen kann; denn die Dämonen werden ja gerade durch die asketische Praxis erst hervorgebracht. Das Leben des Heiligen, so Largier, bestehe darin, "das Monströse immer neu herauszufordern", einschließlich der nie ganz zu beschwichtigenden Zweifel, "ob Erlebtes auf göttlichen oder dämonischen Ursprung verweist und ob dem sinnlich Erfahrenen, das durch die asketische Praxis hergestellt wird, wirklich zu trauen sei".
Mathis Grünewald, Versu- chung des hl. Antonius (um 1514, Colmar)
"Von der Sonnenscheibe strahlt das Antlitz Jesu Christi". Mit diesem Satz schloss Gustave Flaubert 1874 seinen Roman von der "Versuchung des heiligen Antonius". Largier hat entdeckt, dass es sich um ein Zitat aus der Autobiographie des Ignatius von Loyola handelt, bei Ignatius war kurz zuvor von der Erfindung der spirituellen Exerzitien die Rede gewesen. Flaubert ließ noch einen allerletzten Satz folgen: "Antonius schlägt ein Kreuz und nimmt sein Gebet wieder auf." Auch seine Versuchungen? 1963 erhielten die Kinobesucher Gelegenheit, einen solchen Kampf zu sehen, im Film "Simón in der Wüste" von dem spanischen Regisseur Luis Bunuel. Auch bei Bunuel ist der Teufel Produkt der asketischen Imaginationspraxis, auch bei Bunuel kann der Kampf seiner Natur nach nie an ein Ende kommen. Der Film schließt in einem New Yorker Nachtclub, und der Zuschauer weiß nicht einmal, was bloß imaginär ist: die Wüste oder der Nachtclub?
Kein Bild bleibe endgültig, immer neu werde die Imagination animiert, immer wieder würden weitere Bilder hervorgerufen, sagt Largier. Der Germanist vermutet, dass es dieser Punkt war, an dem de Sade sich nicht mit dem ansonsten doch geschätzten Buch des Marquis d’Argens zufrieden geben wollte. Dort sinkt Thérèse nach all den Ausschweifungen – beinahe möchte man sagen: brav bürgerlich – "in die Arme der Natur und des maßvollen Haushaltens zurück". Der Marquis de Sade dagegen verzichtete, getreu dem Vorbild des heiligen Antonius, auf eine Rückkehr aus dem Kampf mit den Dämonen; seine Ästhetik des Schreckens kannte keine Versöhnung.
Neu auf dem Büchermarkt: Niklaus Largier: Die Kunst des Begehrens. Dekadenz, Sinnlichkeit und Askese, Verlag C. H. Beck, München 2007 (ISBN 978-3-406-55808-5), 19,90 €
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
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Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
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Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.
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03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
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17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr