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18.09.2007 - SOZIOLOGIE

Grauenvolle Heimat, selige Fremde

Ein frühchristlicher "Ketzer" in der politischen Theorie des 20. Jahrhunderts

von Josef Tutsch

 
 

Adolf von Harnack (1851-1930)

"Wir alle sind, was wir gelesen", heißt es bei Joseph von Eichendorff. Der Dichter formulierte  das Motto eines ganzen Zeitalters, das nicht erst mit der Erfindung des Buchdrucks begann und wahrscheinlich auch mit Fernsehen und Internet noch nicht zu Ende geht: Leseeindrücke können prägender sein als soziale Herkunft und berufliche Stellung, politische Meinung und ökonomisches Interesse.

Da finden sich dann Personen aus der Ideengeschichte zusammen, die ansonsten unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum Beispiel Ernst Bloch, der marxistische Philosoph des "Prinzips Hoffnung", und Carl Schmitt, der außerhalb von Juristenkreisen vor allem durch seine publizistische Unterstützung des Hitlerregimes in den 1930er Jahren bekannt geblieben ist. Richard Faber, Soziologe an der Freien Universität Berlin, hat eine Lektürefrucht bei diesen beiden Denkern analysiert. Das Buch, das Schmitt wie Bloch faszinierte, ist einer breiten Öffentlichkeit heute freilich so gut wie unbekannt. Es handelt sich um eine Monographie des Berliner Theologieprofessors Adolf von Harnack über die Frühzeit des Christentums,  "Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott".

Der Name im Titel wird vielen nichts mehr sagen. Marcion (85 bis 160 nach Christus) war, so hat es die Nachwelt gesehen, ein Ketzer, nein: der Erzketzer im frühen Christentum. Seine Irrlehre habe die ganze Welt erfüllt, klagte ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod der Kirchenlehrer Tertullian. Seine zentrale These: Der Weltschöpfer, von dem das Alte Testament predigt, sei gerecht, missgünstig, zornig und bösartig; in Christus habe sich ein ganz anderer, fremder Gott geoffenbart, der Gott der Liebe und der Gnade. Für Marcion, zwei Generationen nach Paulus, war das Neue Testament also nicht Bewahrung und Überbietung des Alten, sondern dessen schroffe Negation. 1920 hat Harnack diese Lehre, die uns nur in der Polemik hasserfüllter Gegner überliefert ist, rekonstruiert.

Harnacks Marion-
Monographie von 1920

Offenbar fand Harnacks Abhandlung ein Publikum, wie es bei Werken zu derart entlegenen entlegenen Teilen der Geistesgeschichte selten sein dürfte. Noch in Ernst Blochs Spätwerk aus den 1950er Jahren gehen die Bezüge zu Harnack bis hinein in die Metaphorik. Harnack hatte Marcions "Evangelium vom fremden Gott" referiert: Dieser "ruft uns nicht aus der Fremde, in die wir uns verirrt, in die Heimat, sondern aus der grauenvollen Heimat, zu der wir gehören, in eine selige Fremde". Bloch schrieb von "etwas, das in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat".

Bloch diente das Gegeneinander von Weltenschöpfer und Erlösergott als Folie für sein "Prinzip Hoffnung": "Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende." Der Jurist Carl Schmitt (in Harnacks virtuellem Kolleg sozusagen Banknachbar des Philosophen Bloch) nutzte diesen Dualismus dagegen als historische Legitimation seines Freund-Feind-Denkens: "Der Herr einer zu ändernden, das heißt einer verfehlten Welt und der Befreier, der Bewirker einer veränderten, neuen Welt können nicht gut Freunde sein. Sie sind von selbst Feinde."

 
Ernst Bloch

Faber spricht von einem "revolutionären Marcionismus" einerseits, einem "gegenrevolutionären Marcionismus" andererseits. Die Darstellung wäre wohl durchsichtiger ausgefallen, wenn der Forscher nicht auf eine Definition dieses modernen "Marcionismus" verzichtet hätte. Es geht um den Dualismus zweier "Prinzipien", diesen entmythologisierenden Ausdruck hatte bereits Harnack eingeführt. Was daran faszinieren konnte, kann man wohl am ehesten durch einen Seitenblick auf die politische Philosophie von Karl Popper verdeutlichen. "Die Hybris, die uns versuchen lässt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln. Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben, aber bescheidene Weltverbesserer."

Mit seiner Idee von Politik als "Stückwerk-Technologie" fand Popper bei Praktikern der Politik viel Beifall. Aber er war sich bewusst, dass manche seiner Philosophenkollegen durch soviel Bescheidenheit intellektuell und moralisch unbefriedigt blieben. Es muss dieser hohe Anspruch gewesen sein, der den Theologen Marcion fast 2.000 Jahre später für politische Theoretiker wieder attraktiv gemacht hat. Das Interesse des Theologiehistorikers Harnack an Marcion war allerdings ganz anders begründet. Zuviel Altes Testament im Neuen erschien ihm als Hindernis auf dem Weg, ein moralisch aufgefasstes Christentum mit der modernen, wissenschaftlichen Welt zu versöhnen. Er nannte Marcion denn auch "einen modernen Gläubigen", den "ersten Reformator".

Carl Schmitt

Erst jüngst übrigens hat Joseph Kardinal Ratzinger, inzwischen besser bekannt als Papst Benedikt XVI., in seinem neuen Buch über Jesus von Nazareth diesen Faden wiederaufgenommen. Ratzinger warf Harnack vor, er habe das Erbe des Ketzers Marcion vollstrecken, nämlich die Christenheit von der "Last" des Alten Testaments "befreien" wollen. Zurück zu Harnacks Lesern in den 1920er Jahren. Sicherlich hätte der Theologieprofessor sowohl dem Philosophen Bloch als auch dem Juristen Schmitt einen sehr unhistorischen Umgang mit dem historischen Material angekreidet. Marcion hatte seinen Christus konsequent als den Erlösergott gegen den Weltenschöpfer ausgespielt. Für Bloch dagegen stand Jesus voll in der Tradition der jüdischen Gottesidee, in dem "Ich werde sein, der ich sein werde" sah er die Revolution angelegt. Und auch für Schmitt war das Judentum eine Lehre der Veränderung und der Revolution.

Soweit, so gemeinsam; Schmitts Wertung fiel jedoch gerade umgekehrt aus wie bei Bloch: Er wollte die "Ordnung" gegen den "Aufruhr" verteidigen, mit dem Ruf nach Ausnahmezustand und Diktatur. Wäre interessant zu wissen, wie Ratzinger als ehemaliger Präfekt der römischen Glaubenskongregation Schmitts politische Theologie kommentieren würde. Schmitt soll sich immer für einen guten Katholiken gehalten haben, aber der Vorwurf, das Christentum von der Last des Alten Testaments befreien zu wollen, würde auf ihn passen; er witterte im jüdischen Erbe die revolutionäre Versuchung. In Bloch dagegen hätte der auf die Kontinuität zum Judentum bedachte Papst einen überraschenden Verbündeten gefunden, freilich nur deshalb, weil Bloch die Bibel als Vorgeschichte seines Atheismus interpretierte.

Friedrich Nietzsche

Ein Karussell der Ideengeschichte, was Faber da vorführt, der Betrachter gerät leicht ins Schwindeln. Das kann nicht weiter verwundern. Carl Schmitts politische Theologie, Fabers Rekonstruktion liest sich plausibel, ist nur von einem einzigen Standpunkt aus rational aufzufassen, von dem der Ordnungsmacht her, für die Antike also: des römischen Reiches. Faber: "Schmitt ist antijüdisch, weil er prorömisch, und prorömisch, weil antijüdisch." Und im Ergebnis auch antichristlich. Schmitt hat sich ausdrücklich auf Dostojewskis "Brüder Karamasow" bezogen, auf das berühmte Streitgespräch zwischen Christus und dem Großinquisitor. In diesem Streit stand Schmitt mit aller Entschiedenheit hinter den Argumenten des Großinquisitors.

Auf der Suche nach den Ursprüngen von Schmitts "prorömischem Antijuden- und Antichristentum" ist Faber bei Friedrich Nietzsche fündig geworden: "Die Römer waren die Starken und Vornehmen ... die Juden umgekehrt waren jenes priesterliche Volk des Ressentiments ..." Repräsentant dieses Ressentiments war für Nietzsche jedoch ein prominenter Vertreter des frühen Christentums, Paulus. Marcions Theologie sei radikalisierter Paulinismus, ein "Paulinismus ohne Dialektik", hat Harnack prägnant zusammengefasst. Was Nietzsche, Jahrzehnte vor dem Erscheinen von Harnacks Studie, von Marcion wusste, ist eine offene Frage. Schwer vorstellbar, dass er im elterlichen Pfarrhaus in Naumburg keine Ketzergeschichte vorgefunden haben sollte.

Erich Auerbach

Bloch hätte sich in Dostojewskis Legende natürlich gegen den Großinquisitor gestellt. Aus dem Gegeneinander von Erlösergott und Weltenschöpfer wurde bei ihm eine Philosophie der Geschichte: "Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende." Die asketische Weltflucht, die dem historischen Marcion zu eigen war, hat Bloch allerdings souverän beiseite geschoben. Bleibt noch die ganz banale Frage, wie die Rollen im Ringen des alten, zornigen und des fremden, liebenden Gottes, von Heimat und Fremde neu besetzt werden, wenn die Zukunft einmal Gegenwart, die Hoffnung erfüllt, die Utopie verwirklicht sein sollte. Vermutlich hat darauf noch keine Geschichtsphilosophie oder Geschichtstheologie eine Antwort gewusst – und wohl auch gar nicht gesucht.

Man sollte einmal darauf achten, bei welchen Denkern des 20. Jahrhunderts sich sonst noch Spuren von Marcion- (oder vielmehr Harnack-) Lektüre finden. Fabers Lehrer, der Berliner Philosoph und Judaist Jacob Taubes, hatte bereits auf den unorthodoxen Marxisten Walter Benjamin hingewiesen, Faber selbst stellt den Literaturwissenschaftler Erich Auerbach seinen beiden politischen Theoretikern zur Seite.  In der Tat, was Auerbach in seinem Buch "Mimesis" von 1946 über "die dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur" geschrieben hat, liest sich wie eine Paraphrase marcionitischer Christologie. In den schlichten Erzählungen der Evangelien machte Auerbach einen gänzlich unantiken, "neuen hohen Stils aus, der das Alltägliche keineswegs verschmäht und der das Sinlich-Realistische, ja das Hässliche, Unwürdige, körperlich Niedrige in sich aufnimmt". Und ähnlich wie Bloch konnte auch Auerbach diese Linie bis ins Alte Testament zurückverfolgen: Dort bereits greife "die erhabene Wirkung Gottes tief in das Alltägliche ein".


Neu auf dem Büchermarkt:
Richard Faber: Politische Dämonologie. Über modernen Marcionismus,
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007 (ISBN 978-8260-3564-7), 19.90 €


Mehr im Internet:
Marcion - Wikipedia

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

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