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25.09.2007 - ARCHÄOLOGIE

Erwürgte Männer auf Pferdeleichen

Herodot und die Archäologen - neue und alte Nachrichten von den Skythen

von Josef Tutsch

 
 

Goldener Mann von
Issyk, Rekonstruktion
Bild: Präsidenten-
zentrum Astana

"Vater der Lüge", wenn diese Floskel in Büchern zur Geschichte vorkommt, dann ist nicht etwa der Teufel gemeint. Der wenig schmeichelhafte Titel hat sich auch für den allerersten Historiker Europas eingebürgert, den Griechen Herodot, auch "Vater der Geschichte" genannt, der im 5. Jahrhundert vor Christus seinen Lesern allerlei unglaubliche Histörchen präsentierte. Zwar hatte Herodot sich abgesichert: "Es ist meine Pflicht, alles, was ich höre zu berichten, freilich nicht, alles Berichtete zu glauben." Aber bereits eine Generation später hielt es der Kollege Thukydides für angebracht, den Vorgänger wegen seiner "unkritischen" Haltung zu den Quellen zu kritisieren.

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass der angebliche "Lügenbaron" selbst bei dem, was er von fernen Völkern erzählte, oft erstaunlich gut informiert war. Zum Beispiel von den Skythen, jener Völkergruppe, die im 1. Jahrtausend vor Christus die Steppen Eurasiens bewohnte; Herodot konnte bei einer Reise nach Olbia am Nordufer des Schwarzen Meeres Näheres erfahren. "Unsere Ausgrabungen haben Herodots Schilderung wenigstens in Teilen bestätigt", erklärt Hermann Parzinger, Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts. 2001 bis 2002 leitete er in der Region Tuva an der russisch-mongolischen Grenze die Arbeiten am monumentalen Grabhügel eines skythischen Fürsten.

Bis zum 1.  Oktober 2007 sind die Erträge aus Tuva neben denen vieler anderer Ausgrabungen in Kaschstan und in der Ukraine, im Altaigebirge und an der Donau noch im Berliner Martin-Gropius-Bau zu besichtigen, ab 27. Oktober dann  in der Münchner Hypo-Kunsthalle und ab 15. Februar 2008 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Parzinger und seine Kollegen haben dazu einen prachtvollen Katalog herausgebracht, der den aktuellen Stand archäologischer Forschung widerspiegelt. Wahrscheinlich kein Name kommt in den Monographien zu den zwei Dutzend archäologischen Stätten häufiger vor als der von Herodot – Ausstellung und Katalog sind ganz nebenbei auch so etwas wie ein archäologischer Herodot-Kommentar.

Aufsatz einer Zipfelhaube aus Issyk,
Kirgisistan
Bild: Präsidentenzentrum Astana
Und nur selten muss der Vater der Geschichtsschreibung einer "Lüge" oder vielmehr eines Irrtums überführt werden. Das beginnt schon bei Herodots Bericht von den Saunagewohnheiten der Skythen, die sich heute beinahe wie eine Impression aus der Hippie-Kultur des späten 20. Jahrhunderts lesen: "Von dem Hanf nehmen sie den Samen und schlüpfen dann unter die Decken, hernach werfen sie den Samen auf die durch Feuer glühenden Steine. Der hingeworfene Samen fängt an zu rauchen und verbreitet Dampf ... Sie brüllen vor Freude über ein solches Schwitzbad." Die Freude wird ganz auf Seiten der Archäologen gewesen sein, als sie in Königsgräbern sowohl Utensilien für Rauschzeremonien als auch Hanfkörner fanden.

Vor allem Herodots Bericht über das Totenritual für die Könige wurde zwei Jahrtausende lang wenig Glauben entgegengebracht. Die Angehörigen, ist bei dem Historiker zu lesen, hätten sich aus Trauer verstümmelt – in den Gräbern fanden die Archäologen tatsächlich einzelne Finger von Personen, die dort nicht bestattet waren. Im Kreis um das Grab, behauptete Herodot, hätte man zur Wache erwürgte Männer postiert, mit Stangen auf Pferdeleichen befestigt – auf den Außenmauern lagen Knochen von Menschen und von Pferden sowie Zaumzeugelemente. Im Altaigebirge, Tausende Kilometer von Griechenland entfernt, ergab eine Analyse der wohlerhaltenen Leichen aus dem Eis Anzeichen, dass Herodot auch zur Technik der Mumifizierung nicht geflunkert hat: "Der Leib wird mit Wachs überzogen, der Bauch geöffnet und gereinigt und mit gestoßenem Safran und Räucherwerk, Eppich- und Dillsamen gefüllt und wieder zugenäht worden."

Natürlich ist hier mit allerlei geographischen Unterschieden und historischen Wandlungen zu rechnen. Ingesamt, schreibt Askold Ivantchik, Archäologe an der Universität von Bordeaux, widersprechen "nur zwei Feststellungen bei Herodot den archäologischen Funden". Das erste sei die Aussage, die Skythen hätten ihre Könige am Rande ihres Machtbereichs bestattet. Ein schwer deutbarer Satz –  kann von festumrissenen Territorien bei den skythischen Stämmen überhaupt die Rede sein? Zweifellos waren die geographischen Vorstellungen der alten Griechen bereits von der Ukraine und vom südlichen Russland ungenau, von weiter entfernt liegenden Regionen erst recht.

"Goldener Reiter" aus Kul'-Oba (Krim)
Bild: Ermitage St. Petersburg
Das zweite sei die Behauptung, man habe den Königen ausschließlich goldene, nicht aber silberne oder bronzene Objekte mit ins Grab gegeben. Zweifellos eine Übertreibung: In den ukrainischen Königsgräbern wurden auch Schalen aus Silber und Bronze gefunden. Aber Gold war wohl ein Synonym für den sagenhaften Reichtum der skythischen Oberschicht, der längst nicht nur aus Beutegut bestand. Zum Beispiel das Athen der klassischen Zeit war abhängig von den Getreidelieferungen aus den Ländern jenseits des Schwarzen Meers. Herodot sprach in der ihm gewohnten Terminologie von "Königen". Wie die Gesellschaftsordnung bei diesen Stämmen genau ausgesehen hat, ist freilich auch aufgrund der Archäologie schwer zu sagen.

Ebenso schwierig steht es  – weit jenseits des Horizonts altgriechischer Historiker – um die Frage nach den Ursprüngen der skythischen Kultur. Parzinger und sein Kollege Anatoli Nagler verhehlen nicht, dass der jetzige Stand der Erkenntnisse noch sehr unvollkommen ist. Um 1000 vor Christus gab es im Grenzgebiet zwischen Russland und China, Kasachstan und der Mongolei einen Klimawandel. Es wurde feuchter, die besseren Weidegründe erlaubten einen Aufschwung der Viehzucht, der neue Reichtum führte zu einer gesellschaftlichen Differenzierung, wie man sie auch zwei Jahrtausende zuvor von der Entstehung der Hochkulturen im Vorderen Orient her kennt. Die Kunstformen weisen aus, dass sich Anregungen aus Nordchina mit einheimischen Traditionen vermischten.

Im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus bildete sich dann im nördlichen Schwarzmeerraum aus dem Zusammenschluss reiternomadischer Verbände mit den griechischen Kolonien an der Küste das sogenannte Bosporanische Reich heraus. Die Ausführungen des Berliner Archäologen Ortwyn Dally machen deutlich: Es muss – am Rande der griechischen Welt – eine sehr bemerkenswerte Kultursynthese gewesen sein, in der die übliche Entgegensetzung von Hellenen und Barbaren keine Geltung hatte. Gegenüber der klassischen Kunst Griechenlands sind bemerkenswerte Differenzen festzustellen. Der Darstellung des nackten Körpers kam nur eine untergeordnete Bedeutung zu, und während Amazonen im griechischen Mutterland als mythologische Verkörperungen des wilden Orients dargestellt wurden, riefen sie bei den Betrachtern der bosporanischen Kunst offenbar keinerlei negative Assoziationen hervor, ebenso wenig wie die männlichen Kampfer mit ihrer langärmeligen Tracht.

Goldener Mann von
Issyk
Die ukrainischen Archäologen Jurij V. Boltrik und Elena E. Fialko berichten von dem ehrgeizigen Unterfangen, einzelne Grabhügel jenen Persönlichkeiten zuzuordnen, die von antiken Historikern her bekannt sind. Da muss manches spekulativ bleiben. Es gibt nämlich, so der deutsche Linguist Rüdiger Schmitt, so gut wie keine schriftlichen Zeugnisse, die von den Skythen selbst stammen, bloß eine einzige, bislang nicht entzifferte Inschrift auf einem kleinen Silbergefäß aus Kasachstan. So ist Herodot, jedenfalls wenn es um die Sprache der Skythen geht, weiterhin unsere Hauptquelle. Die einzelnen Wörter, die der Historiker nennt, weisen das Skythische als eine Variante – oder eher als mehrere Varianten – der iranischen Sprachengruppe  aus.

Sprachlich bleiben die Skythen, trotz aller Ausgrabungen, für uns stumm. Dabei ist aus der Literatur ein durchaus redseliger Skythe bekannt. 411 vor Christus brachte der attische Komödiendichter Aristophanes einen skythischen Polizisten auf die Bühne, in Athen als eine Art Gastarbeiter tätig. Nur schade – der Polizist spricht kein Skythisch, sondern eine eigene Sprachspielerei des Dichters. Die Zuschauer werden sich gekugelt haben vor Vergnügen über dieses "Gastarbeitergriechisch".


Neu auf dem Büchermarkt:
Im Zeichen des Goldenen Greifen. Königsgräber der Skythen,
herausgegeben von Wilfried Menghin, Hermann Parzinger, Anatoli Nagler und Manfred Nawroth,
Prestel Verlag, München Berlin London New York 2007 (ISBN 978-3-7913-3855-2), 49,90 €



Ausstellung
Im Zeichen des Goldenen Greifen. Königsgräber der Skythen,
bis 1. Oktober 2007: Martin-Gropius-Bau, Berlin
27. Oktober 2007 bis 27. Januar 2008: Hypo-Kunsthalle, München
15. Februar bis 25. Mai 2008: Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg



Mehr im Internet:
Gold, Pferde und Hanf, scienzz magazin 05.07.2007
Im Zeichen des Goldenen Greifen
Skythen - Wikipedia








Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

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