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30.10.2007 - RELIGIONSGESCHICHTE
Himmel, Hölle, Fegefeuer
Zur Geographie der jenseitigen Welt
von Josef Tutsch
 | | Das himmlische Jerusalem, aus dem sog.
Evangeliar Ottos III., um 1010
| | | "Ich war im Himmel und habe mich genau umgesehen. Es gab keine Spur von Gott.“ So soll Juri Gagarin 1961, nach seiner Rückkehr zur Erde, verkündet haben, sozusagen ein Gegenprogramm zum "Vater unser, der du bist im Himmel“. Die christlichen Kirchen blieben aber gelassen: Schließlich hätten sie gar nicht behauptet, Gott und der "Himmel“ des Glaubens wären irgendwo in der Erdumlaufbahn oder im Weltraum anzutreffen.
Der marxistisch-leninistisch geschulte Kosmonaut dachte da viel traditioneller als all die modernen Theologen, für die das Jenseits keinen Ort darstellt, sondern einen Zustand oder, existenzphilosophisch gewendet, eine Befindlichkeit. Die Geographie der jenseitigen Welt ist heute mehr eine Frage von Hobbytheologen, auch von Fantasy und Science fiction. Aber bereits Anfang des 5. Jahrhunderts wies Augustinus alles neugierige Fragen, wo im Universum das ewige Leben verbracht werde, zurück. Solche Spekulationen, argumentierte der Kirchenlehrer, "sind für ein seliges Leben völlig nutzlos und, was schlimmer ist, die Beschäftigung mit ihnen erfordert einen Aufwand an kostbarer Zeit, die für heilsamere Dinge zu verwenden wäre“.
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Weltbild des Kosmas Indikopleustes: in einem Kasten die flache Erde (mit dem Berg des Nordens, dessen Schatten die Nacht verursacht), am Kastendeckel die Sonne, darüber das Antlitz Christi
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Andere Theologen waren weniger genügsam. Ein Jahrhundert nach Augustinus schrieb der ägyptische Mönch Kosmas Indikopleustes ein Buch mit dem Titel "Christliche Topographie“. Darin hätte Gagarin sein Feindbild bestätigt gesehen. Kosmas’ Himmel als Wohnsitz Gottes lag, ganz wörtlich, "oben“. Während sich in gelehrten Kreisen bereits seit Aristoteles die Theorie einer kugelförmigen Erde durchgesetzt hatte, blieb Kosmas bei der älteren Auffassung, sie sei eine rechteckige Scheibe, eingelegt in eine große Kiste, mit dem Himmelsgewölbe als Deckel.
Die Wissenschaftsgeschichte des Mittelalters ist ein großer Versuch, die Vorgaben der Bibel mit dem Weltbild des Philosophen Aristoteles und des Geographen Ptolemaios in Übereinstimmung zu bringen. Im Mittelpunkt des Universums sollte die Erdkugel stehen, soviel schien klar, auf kreisförmigen Bahnen von Mond, Sonne, Planeten und dem Fixsternhimmel umlaufen. Die Hölle konnte dann nur im Innern der Erde liegen, den christlichen Himmel ortete bereits der Kirchenvater Basileios im 4. Jahrhundert jenseits des Sternenfirmaments.
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Dante und Vergil am Tor zur Hölle (William Blake, 1826) |
Man spekulierte gern über die physikalische Natur dieses Ortes. Der Himmel müsste aus einem edleren Element als Erde, Wasser, Luft und Feuer bestehen, dem reinen Licht. Dabei konnten sich die Theologen auf die Bibel berufen: "Die Gerechten werden im Reich meines Vaters wie die Sonne leuchten“, verspricht Jesus im Matthäusevangelium. Im Gegensatz dazu war die Hölle, wie Dante in seiner "Göttlichen Komödie“ dichtete, "ein Ort, wo jedes Licht verglommen“. Ob wirklich jedes Licht, war allerdings umstritten. Thomas von Aquin billigte auch der Hölle einen düsteren Lichtschein zu, schon damit die Verdammten den Schrecken auch sehen könnten; der Bischof Otto von Freising dagegen, gut ein Jahrhundert vor Thomas, bestritt, dass das höllische Feuer irgendwie leuchten könne.
Bei Dante fand die Synthese von Bibel und antiker Kosmologie ihre unüberbietbare poetische Gestaltung. Der Dichter hatte sich im Wald verirrt, unverhofft wurde er von seinem antiken Kollegen Vergil durch die Tiefen der Hölle und von seiner frühverstorbenen Jugendliebe Beatrice in die Höhen des Himmels, bis nahe vor den Thron Gottes, geführt. Versucht man, sich Dantes Jenseitswanderung bildlich vorzustellen, bleibt dennoch eine Unstimmigkeit. Im Sinne des aristotelisch-ptolemäischen Weltbildes wäre "oben“ gleich "außen“, es gäbe darin keine ausgezeichnete Richtung. Der Aufstieg zu Gott erforderte aber genau eine solche Linearität.
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Dante und Vergil besteigen den Läuterungs- berg (neapolitanisch, 14. Jh.) |
Dantes Lösung: In das antike Zwiebelmodell der Welt war ein Kegel eingebaut, der sich von der Erde aus nach oben verjüngte. Der Kegel trug ein riesiges, rosenförmiges Amphitheater, von dem aus die Seligen die Sphären sehen konnten, auf denen die neun Chöre der Engel den hellsten Lichtpunkt umkreisten – den Wohnsitz der Dreifaltigkeit. Spiegelbildlich zu diesem Kegel war in die Erde ein Trichter eingelassen, die Hölle, mit dem Oberteufel Luzifer im Zentrum.
Für ihre Himmelsdarstellungen orientierten sich die Autoren an zwei Modellen aus der biblischen und nachbiblischen Literatur. Die Offenbarung des Johannes hatte das Bild einer himmlischen Stadt vorgegeben, eines neuen Jerusalem. Da im Bibeltext Länge und Breite der Stadtmauer mit jeweils gut 2.000 Kilometer angegeben waren, wurde diskutiert, ob diese Stadt für alle Seligen genügend Platz bieten würde. Die Alternative war in der apokryphen Petrus-Apokalypse vorgezeichnet, einem Werk, das vermutlich in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts in Ägypten entstanden ist: ein großer Garten, "voll von schönen Bäumen und gesegneten Früchten, voll von Wohlgerüchen“, vergleichbar dem Paradies vor dem Sündenfall. Als Schrift außerhalb des neutestamentlichen Kanons ist die Petrus-Apokalypse heute vergessen; aber mit ihren phantasievollen Details hat sie die christlichen Jenseitsvorstellungen auf Jahrhunderte bestimmt.
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Dante und Vergil vor den kreisenden Himmeln (Gustav Doré, 1861)
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Und das bei der Hölle noch mehr als beim Himmel. Dieser Apokalypse zufolge werden Männer, die sich der Hurerei ergeben haben, an den Schenkeln über Feuer aufgehängt, die Mörder werden von giftigen Tieren gequält, die Zauberer auf Feuerrädern befestigt, Gotteslästerern mit glühendem Eisen die Augen ausgestochen, Betrügern die Lippen abgeschnitten usw. usf. Es würde sich lohnen, der Frage nachzugehen, inwieweit die Höllenvorstellung des Korans – "das lodernde Feuer“, in dem "die Unseligen vor Schmerz laut aufheulen und schreien“ – durch diesen frühchristlichen Text beeinflusst worden ist. Dagegen wird das Paradies mit seinen Jungfrauen und Mundschenken vom Koran in einer sinnlichen Farbenpracht beschrieben, wie sich das kein christlicher Autor getraut hat.
Aus der zoroastrischen Religion ist die Idee von einer Jenseitsbrücke ins Christentum gekommen. Zum Beispiel die "Vision des Tungald“ aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stellte sich vor, dass die Seelen über eine handbreite Nagelbrücke gehen müssten, unter der feuerspeiende Ungeheuer auf ihre Opfer lauern. Es wäre ein modernes Missverständnis, solche Visionen als pure Poesie aufzufassen. Diesseitige und jenseitige Welt waren miteinander verschränkt. Der Abt Abt Odilo von Cluny wollte 1029 am Ätna die Stimmen der Gequälten gehört haben. Und von einem Priester wurde erzählt, er habe geträumt, wie die Teufel ihn wegen irgend einer Verfehlung in kochende Flüssigkeit tauchten. Nach dem Aufwachen habe man ihn mit Brandwunden ins Hospital bringen müssen.
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Die Anbetung des Lammes (Jan van Eyck, Genter Altar, 1432)
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Solche Berichte von lebenden Menschen, die schon einmal "drüben“ waren, häuften sich im hohen Mittelalter. Es war die Zeit, wo sich auch in der Theologie die Lehre durchsetzte, nicht alle jenseitigen Strafen müssten auf ewig bestehen bleiben. Eine Anregung hatte schon Papst Gregor der Große um 600 nach Christus gegeben: "Man muss glauben, dass es vor dem Jüngsten Gericht für gewisse leichte Sünden noch ein Reinigungsfeuer gibt, weil die ewige Wahrheit (das Evangelium) sagt, dass, wenn jemand wider den Heiligen Geist lästert, ihm weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird.“
Es dauerte ein halbes Jahrtausend, bis dieser Gedanke Allgemeingut wurde. Darin übrigens ging der Islam dem Christentum voran: Sündige Muslime haben die Chance, beim Jüngsten Gericht von den Höllenqualen befreit zu werden und ins Paradies einzugehen. In einem irischen Kloster, wurde im Europa des Mittelalters kolportiert, gebe es einen wahrhaftigen Eingang in dieses Fegefeuer: Über Leitern oder Treppen könne man in die Tiefe steigen und sehen, wie die armen Seelen von den Teufeln gemartert würden, um schließlich über eine messerscharfe Brücke durch ein edelsteinbesetztes Tor zu einer blumenübersäten Wiese zu gelangen. Gelegentlich, hieß es, sei der eine oder andere Besucher dort verloren gegangen ... Das Buch vom "Purgatorium des heiligen Patrick“, das um 1190 geschrieben wurde, war ein Bestseller. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass eine solche Jenseitswanderung tatsächlich von den Mönchen inszeniert wurde, zur moralischen Belehrung der Pilger.
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Qualen der Hölle (aus dem "Hortus deliciarum", um 1180)
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Zur Topographie des Fegefeuers waren die Autoren sich nicht einig. Es müsse ebenso wie die Hölle "innerhalb der Erde eingeschlossen sein“, meinte der mittelenglische Traktat "Gewissensstachel“. Dante dagegen siedelte sein Purgatorium auf dem Kegel an, der in seiner "Komödie“ von der Erde zum Himmel führte. Anders als Himmel und Hölle sollte das Fegefeuer mit dem Jüngsten Gericht zu Ende gehen, es lag mithin parallel zur irdischen Zeit, man konnte diesen Aufenthalt bemessen. Mehr noch: Lebende Menschen hatten die Möglichkeit, durch ihre Fürbitten den Toten ihre Verweildauer dort zu verkürzen. Eine mittelalterliche Legende berichtet, ein Mönch habe im Fegefeuer viele Seelen gesehen, die vergeblich auf Fürbitten von Freunden und Verwandten warteten, nach seinem Bericht habe der Papst einen Tag für dieses Gebet bestimmt – den Allerseelentag.
Bekanntlich hat die Transformation dieser "Fürbitten“ in gute Werke (und konkret dann die Transformation dieser Werke in Geldzahlungen) den Anlass für die Reformation abgegeben. Martin Luther erklärte, das Fegefeuer sei "für ein lauter Teufelsgespinst zu achten“, für "Irrtum und Abgötterei“. Denn in Wahrheit solle "allein Christus und nicht Menschenwerk den Seelen helfen“ und von der Lehre, "dass es einen besonderen Ort gebe, in dem die verdammten Seelen sind“, halte er ohnehin nichts, erklärte Luther. Der Reformator teilte Augustinus’ Desinteresse für die Geographie der jenseitigen Welt, und man darf sagen, dass sich diese Haltung heute unter protestantischen wie katholischen Theologen durchgesetzt hat.
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Spätmittelalterliche Miniatur: rechts Hölle links Fegefeuer mit rettendem Engel
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Das Interesse an einer Geographie des Jenseits ist damit allerdings keineswegs erstorben, es scheint vielmehr aus der theologischen Wissenschaft in eine Art Hobbytheologie abgewandert. Man möchte glauben, dass es vor allem die naturwissenschaftlichen Fortschritte waren, die es immer schwieriger machten, sich Himmel und Hölle konkret-räumlich vorzustellen. Aber überraschenderweise waren (oder sind, bis in die jüngste Zeit) unter diesen Hobbytheologen viele, die sich ansonsten beruflich mit Astronomie beschäftigen. So behauptete Anfang des 20. Jahrhunderts Jermain G. Porter, Direktor der Sternwarte von Cincinnati, am Sternenhimmel müsse man irgendwann einmal auch die funkelnden Lichter des himmlischen Jerusalem entdecken können. Ein Philosoph mit dem Namen M. de la Codre vermutete ein halbes Jahrhundert zuvor im Mittelpunkt aller Kreisbewegungen des Universums ein Gestirn, auf dem die Hauptstadt des Himmelreichs liege.
Die Zahl jener Autoren, die – oft in merkwürdiger Vermischung des biblischen Auferstehungs- und antiken Unsterblichkeitsglaubens mit fernöstlichen Lehren von der Seelenwanderung – das Jenseits der Menschenseelen auf irgendwelchen Himmelskörpern geortet haben, ist Legion. Ende des 19. Jahrhundert nahm der Physiker Lous Figuier die Sonne als Sitz der Seelen an, Anfang des 20. Jahrhunderts ein Reverend Thomas Hamilton den Stern Alcyone in der Plejadengruppe. Neben vielen unbekannten Namen noch ein ganz berühmter: Immanuel Kant meinte 1755 in einer frühen Schrift zur "Allgemeinen Naturgeschichte“, vielleicht würden "die Kugeln des Planetensystems nach vollendetem Ablaufe der Zeit, die unserem Aufenthalte allhier vorgeschrieben ist, uns in anderen Himmeln neue Wohnplätze bereiten“.
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Das himmlische Jerusalem (Bamberger Apokalypse, um 1000) |
Der Gedanke taucht bei den UFO-Religionen von heute wieder auf. Besonders erfolgreich wurde ein gewisser Claude Vorilhon alias "Rael", der mit Außerirdischen den Kosmos bereist haben will. Seine Visionen sesen sich aber ganz traditionell: "Da konnte ich eine wunderbare, paradiesische Landschaft entdecken, und ich finde keine Worte, um das Entzücken zu beschreiben, das der Anblick riesiger Blumen hervorrief, die eine schöner als die andere, inmitten derer sich unvorstellbare Tiere tummelten, bunt gefiederte Vögel, rosarote und blaue Eichhörnchen mit Teddybärkopf, die in den Baumzweigen umherkletterten."
Neben diesem bunten Garten wirken die Ideen des Physikers Isaac Taylor in seiner "Physical Theory of Another Life" 1836 abstrakt und wissenschaftlich. Vielleicht, meinte Taylor, sei der Himmel überall um uns herum, nur dass unsere Sinne ihn nicht wahrnehmen könnten. An Taylor haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die beiden britischen Theologen und Religionsphilosophen John Hick und Austin Farrer angeknüpft: Der Himmel könnte sich in einer anderen Dimension, also jenseits unseres euklidischen Raums, befinden. Nun ja, da bieten die aktuellen Diskussionen der Physiker – Stichwort "Stringtheorie“ – viel Raum für Spekulation.
Mehr im Internet: Kleine Sozialgeschichte des himmlischen Lebens, scienzz 31.10.2006 Totengedenken - von Homer bis zur Gegenwart, scienzz 31.10.2005
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation
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