Aus dem Nachlass eines kriminalisierenden Philosophen
von Josef Tutsch
Hans Blumenberg (1920-1996)
Im Brief an einen Kollegen und Freund erzählte Immanuel Kant die Anekdote von einem fremden Gelehrten, dem in Paris der Hörsaal der Sorbonne gezeigt wurde, mit der Bemerkung, in diesem Saal sei seit 300 Jahren disputiert worden. Der Fremde muss bereits etwas von Kants kritischer Prüfung unseres Vernunftvermögens geahnt haben, er fragte nach: "Was hat man denn ausgemacht?"
Das Leben ist kurz, die Wahrheit oft weit weg, zu weit, um sie in menschlich vertretbarer Zeit finden zu können. Kant wollte darauf hinaus, dass die theoretische Vernunft mit den klassischen Fragen nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit überfordert sei; seiner Konzeption nach trat an dieser Stelle die praktische Vernunft ein, die ja ebenfalls bei moralischen Fragen allemal unter Zeitdruck steht. Der Philosoph Hans Blumenberg hat Kants Anekdote 1975 in einer Vorlesung an der Universität Münster wieder aufgegriffen: "Vernunft darf keinen beliebigen Preis an Zeit abfordern."
Das Vorlesungsmanuskript wurde jetzt aus dem Nachlass des Philosophen, der an den Universitäten Hamburg, Gießen, Bochum und Münster gelehrt hat und 1996 verstorben ist, von Anselm Haverkamp herausgegeben. Der Text ist eine Überraschung, wenngleich nicht eigentlich vom Inhalt her; Blumenberg hat seine Auffassung von den Mitteln, mit welchen der Mensch seinen Zeitmangel kompensiert, in einer ganzen Reihe von Büchern dargelegt. Aber der Witz in Blumenbergs Schriften (der Kollege Odo Marquard nannte sie "als gelehrte Wälzer getarnte Problemkrimis") erschließt sich oft erst beim zweiten oder dritten Lesen. Dieses Manuskript zeigt nun, dass dieser Philosophieprofessor beim mündlichen Vortrag sehr unterhaltsam sein konnte. Das Bändchen eignet sich denn auch als Einführung in Blumenbergs Denken.
Auch eine Metapher: das "Begreifen" (aus einem Gemälde der "Verkündigung, bayeri- scher Meister, um 1500)
Das Sprödeste an dem gesamten Text ist der Titel: "Theorie der Unbegrifflichkeit". Vielleicht hätte der Herausgeber alle philologischen Bedenken beiseite schieben und einen – der Kalauer sei verziehen – "griffigeren" Untertitel hinzusetzen sollen. Aber es geht tatsächlich um ein "Greifen", ein Greifen aus der Distanz. Blumenberg, der gern prähistorische Szenen ausgemalt hat, um seine Anthropologie zu verdeutlichen, vergleicht den "Begriff" mit der Falle; der eine ermöglicht dem Denker, die andere dem Jäger eine raffinierte Form der Planung: "Die Falle ist eine Handlung in Abwesenheit sowohl des Beutetiers als auch, zeitlich versetzt, des Jägers. Die Falle handelt für den Jäger in dem Augenblick, in dem er selbst abwesend, das Beutetier aber anwesend ist, während die Herstellung der Falle die umgekehrten Verhältnisse erwarten lässt. Sie ist dinglich gewordene Erwartung. Insofern ist die Falle der erste Triumph des Begriffs."
Von Fallen wie von Begriffen darf man offenbar nicht zuviel erwarten. Blumenberg erzählt, dass er in einem früheren Vortrag gelegentlich den Ausdruck "Welt" hatte fallen lassen. Im Anschluss wurde er nach der genauen Bedeutung gefragt. "In meiner Verzweiflung entschloss ich mich zu einer Parodie: ‚Die Welt ist der geometrische Ort aller Punkte.’ Obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits fast vollständig verboten war, angesichts der von Adorno festgestellten Unerträglichkeit der Welt und ihrer gesellschaftlichen Verblendungszusammenhänge zu lachen, gelang mir dieser Effekt doch noch ein letztes Mal (für viele Jahre war es damit vorbei)."
"Nackte Wahr- heit" (Gustav Klimt, 1899)
Ein Philosoph, der lachen konnte. Die Tradition weiß eher davon, dass Philosophen verlacht wurden. Eine Anekdote erzählt, dass der aller erste Philosoph Thales unter dem Gelächter seiner Magd in eine Zisterne stürzte, als er den Himmel beobachtete. Aufrechter Gang und Blick zum Sternenhimmel statt auf die unmittelbar dringenden, lebensnotwendigen Dinge – "der Mensch ist seinem Ursprung nach an das Prinzip der Überflüssigkeit, des Luxus gebunden", schreibt Blumenberg; zur Ausbildung kam dieses Prinzip anscheinend jedoch erst "unter der Voraussetzung urbaner Sesshaftigkeit und Arbeitsteilung", im 6. Jahrhundert vor Christus "in der blühenden Stadt Milet, in der es deshalb beginnende Theorie gab, weil es in ihr Muße gab".
Blumenbergs Ausflüge in die Vorgeschichte und das frühe Griechentum machen nachvollziehbar, dass "Theorie" einerseits, der "Begriff" andererseits sich schon von ihrem Ursprung her nicht decken. Aber aus dem Milet des frühen 6. Jahrhunderts vor Christus zurück ins Münster des späten 20. Jahrhunderts nach Christus. Die Geschichte dieser übergroßen Ernsthaftigkeit, die damals in den Sozialwissenschaften im Gefolge der Frankfurter Schule ihre Herrschaft antrat, ist wohl noch nicht geschrieben. Blumenbergs Kommentar seines Lacherfolgs: Man könne "sich wieder etwas flüssiger unterhalten, ohne allzu genau geklärt zu haben, was die Welt sei". Lachen als eine der Formen, mit der prinzipiellen Unabschließbarkeit der Vernunftaufgabe fertig zu werden, oder umgekehrt formuliert: "Der Begriff vermag nicht alles, was die Vernunft verlangt."
Welt als Labyrint (Fußboden der Kathedrale von Chartres, 13. Jh.?
Daher das Bedürfnis nach einer Theorie der "Unbegrifflichkeit". "Das Mythische und die Rhetorik wird angewandt, wenn die Kürze der Zeit keine wissenschaftliche Belehrung zulässt", zitiert Blumenberg aus einer Vorlesung Friedrich Nietzsches über die antike Rhetorik. Nietzsche hat Platons Verdikt über die Rhetorik – sie biete keine Wahrheit, sondern vielmehr einen Schein von Wahrheit – aufgenommen und unter dem Aspekt des Zeitmangels umgekehrt. Mit der Metapher ("vom glatten Ablauf der Information her betrachtet, eine Störung im Text", sagt Blumenberg) kann das endliche Wesen Mensch das zu erfassen wagen, was der Falle des Begriffs entgehen muss.
Rehabilitierung des Unbegrifflichen, der Metapher, der Rhetorik – das wirft vor allem für die Theorie der strengen Naturwissenschaften eine Menge Fragen auf; bedauerlich, dass Blumenberg sein geplantes Hauptwerk nicht mehr ausführen konnte. Das Wort Metapher bedeutet im Griechischen soviel wie "Übertragung", man darf vermuten: von der Sache selbst ins Bild. Tatsächlich besteht ein großer Teil von Blumenbergs Schriften besteht aus Analysen, in denen Metaphern – von der "nackten" Wahrheit über das Leben als Schifffahrt bis zur Welt als Buch – in Begriffe aufgelöst werden. Die Überwindung einzelner Mythen bedeute jedoch keine Überwindung des Mythos selbst, hat Blumenberg immer wieder insistiert. Anders ausgedrückt: Unsere begriffliche Erkenntnis bleibe von Metaphern umstellt.
Schiff des Lebens (Gemälde von Caspar David Friedrich, 1824)
Die Stärke der philosophischen Sprache freilich, fügt Blumenberg gleich hinzu, sei "es immer gewesen, dass sie den Versuchungen zur Ausweitung der metaphorischen Aushilfen widerstand". In dieser Wissenschaftlichkeit liegt die Eigenart dessen, was sich seit über 2.500 Jahren Philosophie nennt. Die spätantike Religionsströmung der Gnosis, daran erinnert der Philosoph zum Vergleich, habe dies nicht vermocht; sie habe "immer eine ganze Geschichte aus dem Kern der Metapher herausgezogen".
Neu auf dem Büchermarkt: Hans Blumenberg: Theorie der Unbegrifflichkeit, aus dem Nachlass herausgegeben von Anselm Haverkamp, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007 (ISBN 978-3-518-58480-4), 14,80 €
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