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10.10.2007 - ARCHÄOLOGIE
Mumien durch Natur und Mumien durch Kunst
Träume vom ewigen Leben im Mannheimer Zeughaus
von Josef Tutsch
 | | Mumie der Terézia Sándor, gest. 1783,
aus der Dominikanerkirche Vác (Ungarn)
Bild: Naturhistor. Museum Budapest
| | | Zweimal in der Woche bestreichen Experten die sichtbaren Hautpartien mit einer speziell entwickelten Balsamflüssigkeit, alle 18 Monate wird der gesamte Körper ausgewickelt, die Körperhöhlen werden mit Essigwasser gespült, die Schimmelstellen werden entfernt, die Hautfarbe wird erneuert, die Kleidung gewaschen und gebügelt. Alle zehn Jahre gibt es einen neuen Anzug, denn die Chemikalien zersetzen den Stoff.
Die Rede ist von der berühmtesten Mumie der jüngeren Geschichte, von Wladimir Iljitsch Lenin. Nach dem Ende der Sowjetunion hat sich die russische Regierung nicht getraut, den Toten auf einen normalen Friedhof umzubetten. Im übrigen wurde der gesamte Rote Platz 1990 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, man weiß nicht recht, ob sich dieser Status auch auf die Leiche bezieht.
Natürlich war von vornherein klar, dass Lenin nicht zur großen Mumien-Ausstellung in Mannheim reisen würde, so wenig wie Pharao Tut-ench-Amun aus Kairo oder wie der 1991 gefundene Ötzi aus Bozen. Aber ansonsten ist das Mannheimer Zeughaus-Museum zur Zeit ein Schauhaus konservierter Leichen aus allen Zeiten und Kulturen. Genau genommen, aus fast allen Zeiten und Kulturen; Mannheim hat sich die Aufgabe mit dem Landesmuseum Stuttgart geteilt, dort sind Mumien aus Ägypten zu sehen, dem klassischen Land der Mumifizierungskunst. Mannheim dagegen zeigt, dass Mumifizierung keineswegs ein Monopol der alten Ägypter war.
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Totengott Anubis legt bei der Mumifizierung persönlich Hand an (Ägypten, 13. Jahr- hundert v. Chr.) |
Von den alten Chinesen berichtet Jeannette Werning, Wissenschaftlerin am Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum, dass sie ebenso ausgeklügelte Methoden der Leichenkonservierung praktizierten. Im einzelnen freilich ganz andere Methoden, so wurden die Eingeweide nicht aus dem Leichnam entfernt. Im einen oder anderen Fall stellt der Erfolg die Künste Ägyptens sogar in den Schatten. Luisa Reiblich, ebenfalls Mannheim, erzählt, dass eine 1971 gefundene Mumie aus dem 2. Jahrhundert vor Christus ein paar Jahre später den Ehrgeiz anstachelte, mit Mao etwas Ähnliches zu versuchen, ohne sowjetische Hilfe. Das Ergebnis ist schwer zu beurteilen; es halten sich hartnäckig Gerüchte, im Mausoleum liege in Wirklichkeit eine Wachskopie.
"Der Traum vom ewigen Leben" hat das Mannheimer Museum seinen Ausstellungsteil überschrieben. In den Fällen Lenin und Mao war es eher der Traum von einer "ewigen" Dauer des politischen Systems, das in der Mumie sein Symbol fand; aber auch bei den alten Kulturen ist oft schwer zu sagen, wie dieser Traum genau ausgesehen hat. Die so sorgfältig konservierten chinesischen Mumien waren manchmal an Händen und Füßen gefesselt. Offenbar fürchteten sich die Hinterbliebenen, die Toten könnten ins diesseitige Leben zurückkehren wollen. Ob auch die Grabbeigaben den Sinn hatten, sie durch allerlei Annehmlichkeiten an dem neuen Ort festzuhalten?
Die für modern-westliches Empfinden wohl befremdlichste Variante eines solchen "Traums" führt Melanie Janssen-Kim, Wihelmshaven, aus dem buddhistischen Japan an. Durch radikale Askese versuchten Mönche, sich zu Lebzeiten sozusagen selbst zu mumifizieren. Wassergehalt, Körperfett und Muskelmasse wurden reduziert, um einen fließenden Übergang in eine andere Welt zu erreichen. Wohlhabende Menschen heutzutage und hierzulande setzen ihre Hoffnungen auf eine andere Form der Unsterblichkeit durch Mumifizierung, die sogenannte Kryonik. Als besonders erfolgversprechend preist eine kalifornische Firma, so referieren die Mainzer Anthropologen Kurt W. Alt und Angela Gräfen, die Methode an, bloß das Gehirn durch Kälte zu konservieren und irgendwann durch DNA-Replikation daraus einen neuen Körper zu entwickeln.
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"Fürstin von Dai", chinesische Mumie aus der Provinz Hunan, 2. Jh. v. Chr. Bild: Changsha Mawandui
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Schöne neue Welt ... Daneben wirkt das Heilmittel "Mumia vera Aegyptiaca", das bis Anfang des 20. Jahrhundert von den Apotheken gegen allerlei Beschwerden angeboten wurde, beinahe anheimelnd. Bleiben wir also bei der alten Welt. Neben Ägypten und Ostasien hat es, wie die beiden Mannheimer Wissenschaftler Virginia und Michael Tellenbach aufdecken, noch einen dritten Kulturraum gegeben, in dem die Mumifizierungstechnik gepflegt wurde, die Anden. Nach der Conquista machte ein spanischer Gouverneur Geschäfte mit den Ergebnissen dieser Kunstfertigkeit. Er bewahrte die Mumie eines Inkaherrschers bei sich zu Hause auf und erhob von den Verwandten hohe Gebühren für einen Besuch bei ihrem Ahnherrn. Erst durch Drohung mit der Exkommunikation konnten zwei Dominikanerpatres diese Praxis abstellen.
"Der Traum vom ewigen Leben" ... Der Untertitel führt ein wenig in die Irre. Außer um kulturell bedingte Mumifizierung geht es in der Mannheimer Ausstellung auch um natürliche Vorgänge, die zu äußerlich ähnlichen Ergebnissen, eben konservierten Leichnamen, führen. Zum Beispiel im Fall von "Ötzi", dem Mann aus dem Südtiroler Eis. Oder den vielen Moorleichen, die vor allem in den Ländern um die Nordsee gefunden wurden. Wie Michael Gebühr, Schloss Gottorf, und Sabine Eisenbeiß vom Niedersächsischen Landesmuseum Hannover berichten, ist nach wie vor ungeklärt, warum diese Menschen gerade im Moor bestattet wurden.
Angeregt durch Stellen bei den römischen Schriftstellern Caesar und Tacitus haben sich die Archäologen in zwei Theorien versucht. Es könnte sich entweder um Menschenopfer handeln oder um eine Art der Hinrichtung, wobei besonders gern über Sexualstraftaten spekuliert wurde. Oder war vielmehr auch hier die Absicht, die Leichen an einer Wiederkehr ins Diesseits zu hindern? Aber ansonsten war bei den alten Germanen die Brandbestattung üblich; das müsste eigentlich die wirksamere Methode gewesen sein. Mindestens in einem Fall ist jedoch belegt, dass einer Moorleiche noch nach dem Tod schwere Verletzungen zugefügt wurden.
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Als Mumien (bis 1961) traut vereint: Lenin und Stalin im Mausoleum am Roten Platz
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Fragen über Fragen. Am meisten Aufsehen haben in der Mannheimer Ausstellung die Mumien aus der Dominikanerkirche von Vác in Ungarn erregt. "Die Mumifizierung der in der Krypta bestatteten Leichname erfolgte ausschließlich durch natürliche Prozesse", betonen die ungarischen Wissenschaftler, "ohne jede menschliche Einwirkung, nur durch das einzigartige Mikroklima der Krypta." Man kennt die Menschen, die um 1800 großenteils an Tuberkulose starben, mit Namen, weiß aus sonstigen Quellen das eine oder andere über ihr Lebensschicksal; in manchen Fällen haben die Wissenschafter inzwischen das Gesicht rekonstruiert.
Es werden nicht zuletzt diese ungarischen Mumien gewesen sein, die in der Öffentlichkeit die ethischen Kontroversen über das Mannheimer Forschungsprojekt ausgelöst haben. Darf man das ausstellen? Muss man das sehen? Der umfangreiche Katalog geht auf solche Fragen nur im Vorwort ein, die Forscher betonen, dass in ihrer Ausstellung die sterblichen Überreste selbstverständlich "mit Respekt" behandelt seien. Zentral in der Argumentation der Herausgeber Alfried Wieczorek, Michael Tellenbach und Wilfried Rosendahl steht jedoch etwas ganz anderes: die Abwehr des Gedankens, mit einer solchen Ausstellung könnten irgendwelche "magischen" Ängste bei "indigenen" Völkern oder Kulturen geweckt werden.
"In eurozentrischem Hochmut geht man davon aus, dass bei Nicht-Europäern die Beziehung zu überirdischen Mächten darin besteht, die Gottheit durch magische Praktiken zu manipulieren", wettern Wieczorek, Tellenbach und Rosendahl gegen einen – namentlich nicht genannten – Gegner. Diesen Hochmut abgestreift, müsse man auch außereuropäischen Kulturen Religion zubilligen, und "Religion besteht eben nicht aus magischen Praktiken." Nicht allein oder nicht in der Hauptsache, so wäre dieser Satz ja richtig; aber gar nicht, unter keinen Umständen? Das scheint doch für Europa so zweifelhaft wie für den Rest der Welt.
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Durch Austrocknung natürlich mu- mifizierte Katze Bild: Wilfried Rosendahl, REM
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Vom Ausstellungskonzept zurück zu den Inhalten, den Mumien. Künstliche Mumifizierung ist in Europa immer ein Ausnahmefall geblieben, aber doch viel weiter verbreitet, als man heute glauben möchte. Die Religionswissenschaftlerin Ina Wunn von der Universität Hannover hält sich mit ihren Ausführungen über den weltanschaulichen Hintergrund jedoch reichlich knapp. Zweifellos musste der Leichnam oft ganz schlicht für eine langwierige Überführung konserviert werden. Aber inwieweit glaubten manche Menschen, in Fortsetzung altägyptischer Glaubensvorstellungen, wenn man so will, ihren Leib möglichst unversehrt für die erhoffte Auferstehung bewahren zu sollen? Vor allem im Frankreich des 17. Jahrhunderts muss sich der "königliche" Brauch, den Körper einzubalsamieren und das Herz getrennt zu bestatten, in der Aristokratie allgemein durchgesetzt haben.
Auch bei den Päpsten war es üblich, den Verwesungsprozess wenigstens hinauszuzögern. Vor zwei Jahren erregte es viel Aufsehen, als der Vatikan im Falle Johannes Pauls II. von dieser Tradition abging, vielleicht weil das Verfahren 1978 bei Paul VI. gründlich fehlgeschlagen war – die Leiche wies bereits bei der Bestattung Verfallsspuren auf –, vielleicht auch weil es bei dem 33-Tage-Papst Johannes Paul I. Gerüchte gegeben hatte, mit der Einbalsamierung solle ein Gewaltverbrechen verdeckt werden. Andererseits waren die vatikanischen Balsamierungsexperten bei Johannes XXIII. sehr erfolgreich; als er 2003, 40 Jahre nach seinem Tod, noch einmal aller Welt in einem Kristallsarkophag präsentiert wurde, war er noch immer sehr ansehnlich.
Ein glücklicher Augenblick für die fromme Anhängerschar: Altem Glauben zufolge verwesen Heilige und Selige nicht. Noch ältere Glaubensvorstellungen feiern in der modernen Populärkultur fröhliche Urstände. In der Nachfolge der Gothic novels aus der Zeit der Romantik jagen Dutzende von Mumienfilmen dem Kinopublikum wohligen Grusel ein. Der Plot ist immer wieder derselbe: Archäologen, fasst die Mainzer Ägyptologin Diana Wenzel zusammen, dringen in ein Grab ein und sprechen sich damit ihr eigenes Todesurteil, die Mumie sinnt auf Rache. Na denn wollen wir mal abwarten, ob nicht in den nächsten Wochen und Monaten die in Mannheim und Stuttgart ausgestellten Mumien an den Museen dort Rache nehmen.
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Mumien in der modernen Populärkultur
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Neu auf dem Büchermarkt: Mumien. Der Traum vom ewigen Leben, herausgegeben von Alfred Wieczorek, Michael Tellenbach und Wilfried Rosendahl, Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 2007 (ISBN 978-3-8053-3779-3), 29,90 €
Ausstellungen: Mumien. Der Traum vom ewigen Leben, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, bis 24. März 2008 Schloss Gottorf Schleswig, 22. Juni bis 14. September 2008; Ägyptische Mumien – Unsterblichkeit im Land der Pharaonen, Landesmuseum Württemberg in Stuttgart, bis 24. März 2008
Mehr im Internet: Mumien - Der Traum vom ewigen Leben Ägyptische Mumien – Unsterblichkeit im Land der Pharaonen Mumien - Wikipedia
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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