Nationalmythos auf Briefmarke:
Armbrustschütze Wilhelm Tell
(nach Ferdinand Hodler, 1897
"Und kamen also ihrer drei zusammen, der Staupacher zu Schwyz, und einer der Fürsten zu Uri und der aus Melche von Unterwalden, und klagte ein jeglicher dem anderen seine Not und seinen Kummer ... Und schwuren einander Treu und Wahrheit und ihr Leben und ihr Gut zu wagen und sich der Herren zu erwehren."
So soll vor 700 Jahren die Schweiz entstanden sein, im "Weißen Buch zu Sarnen" aus dem Jahr 1470 wird die Geschichte zum ersten Mal berichtet. Historiker und Dichter (und nicht zuletzt Schulbuchautoren) haben sie nacherzählt, Gemälde und Denkmäler sie dargestellt. Im "Weißen Buch" wird auch der Ort genannt: die Rütliwiese am Ufer des Vierwaldstätter Sees. Ein Datum findet sich in dieser Quelle nicht, davon weiß erst ein Jahrhundert später der Geschichtsschreiber Aegidius Tschudi in seinem "Chronicum Helveticum": der "Mittwoch vor Martini" 1307, also der 8. November.
Die Schweiz – 700 Jahre alt? Der eine oder andere wird sich vielleicht erinnern: Diese Jubiläum wurde doch schon 1991 begangen. Tatsächlich liegt in Schwyz ein Dokument aus dem August des Jahres 1291, der sogenannte "Bundesbrief". Darin heißt, dass sich "alle Leute der Talschaft Uri, die Gesamtheit des Tales Schwyz und die Gemeinde der Leute der unteren Talschaft von Unterwalden" zusammengetan hätten, "gegen alle und jeden, die ihnen oder jemand aus ihnen Gewalt oder Unrecht an Leib oder Gut antun."
Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli, Ge- mälde von Johann Heinrich Füssli, 1780
1291 oder 1307? Offiziell schreibt sich die Confoederatio Helvetica heute dieses Jahr 1291 als Geburtsdatum zu. Darin liegt ein Lehrstück zu der Frage, wie Geschichte zustande kommt – oder vielmehr das, was nachher für Geschichte gehalten wird. 1891 wollte die Stadt Bern ihr 700-Jahr-Jubiläum feiern. Da gab der Bundesbrief die Gelegenheit, gleich auch das 600-Jahr-Jubiläum der Eidgenossenschaft mit zu feiern. In den "Urkantonen" Schwyz, Uri und Unterwalden stieß diese Idee auf Widerspruch. Schließlich stand der Rütlischwur doch erst 1907 zum Jubiläum an.
Es gab jedoch gute Gründe, nicht bis dahin zu warten. Denn inzwischen war die Geschichte vom Schwur auf der Rütliwiese, wie sie im "Weißen Buch" und im "Chronicum Helveticum" nachzulesen ist, unter Historikern in Verruf geraten. Es war eine große Wahrhaftigkeitstat mitten im europäischen Zeitalter des Nationalismus: Der Gründungsmythos der Schweiz wurde quellenkritisch destruiert. Hatte der Rütlischwur überhaupt stattgefunden? Und wenn ja, wirklich am Mittwoch vor dem Martinitag 1307? In Quellen aus dem 14. Jahrhundert war darüber nichts zu finden.
Der Schwur auf dem Rütli, von Jean Renggli d.Ä., 1891
Dagegen schien der Bundesbrief von 1291 doch eine sehr solide Basis darzustellen. Im nachhinein muss man freilich sagen, dass damit ein Mythos durch einen anderen ersetzt wurde. Nicht nur, dass manche Historiker den Brief heute für eine spätere Fälschung halten; immerhin – das Pergament, soll eine radiometrische Untersuchung ergeben haben, stammt tatsächlich aus dem späten 13. Jahrhundert. Der Bündnis von 1291 kann schon deshalb kein absoluter Anfang sein, weil im Text selbst auf ein früheres Abkommen Bezug genommen wird, das bloß erneuert werden sollte.
Es muss im 13. und 14. Jahrhundert Dutzende solcher Bündnisse gegeben haben, mit denen die lokalen Autoritäten versuchten, wenigstens regional begrenzt Ordnung und Rechtssicherheit herzustellen. In den Urkantonen hat man sich gern auch auf den 9. Dezember 1315 berufen. Damals vereinbarten Uri, Schwyz, Obwalden und Nidwalden ein Bündnis. Wie auch immer, im populären Bewusstsein hat sich der Bundesbrief von 1291 nicht gegen die Geschichte vom Schwur auf der Rütliwiese durchsetzen können.
Die Apfelschuss-Szene bei den Tellspielen in Altdorf, 1982
Und schon gar nicht gegen die Heldensage von Wilhelm Tell. Schon im "Weißen Buch" wurde sie mit dem Rütlischwur verbunden: Der weithin bekannte Armbrustschütze wäre durch eine persönliche Beleidigung, durch das Ansinnen des despotischen Landvogts Gessler, einen Apfel vom Haupt seines Sohnes herunterzuschießen, zu einem Attentat bewogen worden, erst dieser Tyrannenmord hätte das Signal zum allgemeinen Aufstand gegeben.
Ende des 18. Jahrhunderts hat der Historiker Johannes von Müller diesen Gründungsmythos der Schweiz für die europäische Öffentlichkeit aufbereitet, Friedrich Schiller gestaltete ihn 1804 zur Weltliteratur, Gioacchino Rossini komponierte ihn 1829 zu einer grandiosen Oper. "Es soll ein mächtig Ding werden und die Bühnen von Deutschland erschüttern", schrieb Schiller in einem Brief über sein Schauspielprojekt.
Tells Attentat auf Gessler an der "hohlen Gasse", Stahl- stich nach Zeichnung von Wilhelm Kaulbach, 1840
Man ahnt die argumentativen Nöte, die der Dichter sich mit dem "Tell" gemacht haben muss, wenn man die Verse aus dem wenige Jahre zuvor entstandenen "Lied von der Glocke" daneben hält: "Wenn sich die Völker selbst befrein, da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn" – geschrieben unter dem Eindruck der Französischen Revolution, die dem deutschen Bürger in ihrer Radikalisierung nicht akzeptabel schien. Die Geschichte von Wilhelm Tell und dem Rütlischwur wurde zum Urbild einer legitimen Empörung: "Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht, wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden."
Bis in die 1970er Jahre war Tells Waffe, die Armbrust, auf Schweizer Produkten das Gütesiegel für die sprichwörtliche Schweizer Qualität. Ausgerechnet die Armbrusttechnik gibt, wie Experten versichern, jedoch einen Hinweis, dass die Tell-Geschichte so gar nicht passiert sein kann: Anders als bei einem Bogen wäre es bei dieser Waffe unmöglich, einen zweiten Pfeil rasch einzulegen und abzuschießen. Tells kühne Auskunft an den Landvogt – in Schillers Worten: "Mit diesem zweiten Pfeil durchschoss ich – Euch, wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, und Eurer – wahrlich! hätt ich nicht gefehlt" – wäre bei einem Armbrustschützen also sinnlos gewesen.
Wilhelm-Tell-Denkmal in Altdorf, errichtet 1895
Fleißige Philologen haben längst festgestellt, dass der Apfelschuss sich nicht nur in der Schweizer Tradition findet, er taucht bereits um 1200 bei dem dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus auf. Handelt es sich womöglich bei der gesamten Tell-Geschichte und dem Rütlischwur dazu "bloß" um Mythen und Legenden? Traditionalisten können beruhigt sein: Es lässt sich grundsätzlich nicht widerlegen, dass Anfang des 14. Jahrhunderts in den Schweizer Alpen ein Armbrustschütze namens Wilhelm Tell gelebt hat, so wenig wie sich beweisen lässt, dass im November 1307 auf der Rütliwiese nicht doch ein paar Großbauern zusammenkamen, um über ihre Bedrückung durch eine fremde Obrigkeit zu klagen.
À propos Obrigkeit: Auch der berüchtigte Landvogt Gessler ist historisch nicht belegt. Solche Defizite hindern die Legenden oder Mythen aber nicht an ihrer historischen Wirkung. Die Intention formulierte 1895 aus Anlass eines geplanten Tell-Denkmals eine Kommission in Altdorf, am Ort des Apfelschusses: "In monarchischen Staaten erblickt man in jedem Schulzimmer das Bild des Landesfürsten; wie sollte es in unserem republikanischen Staatswesen nicht auch Gestalten geben, zu denen hinauf wir die Blicke unserer gesamten Jugend stetsfort zu lenken Ursache hätten!"
Gütesiegel mit Tells Armbrust
Im Juli 1940 sah der General der Schweizer Armee Henri Guisan den Anlass gekommen, den Mythos politisch zu aktualisieren. Frankreich hatte gerade kapituliert, Guisan versammelte alle höheren Offiziere auf der Rütliwiese, um sie auf Widerstand gegen die Achsenmächte einzuschwören. Nach dem Weltkrieg wurde Guisan als Architekt der Schweizer Selbstbehauptung gefeiert. Auch in diesem Fall freilich ist der heroische Mythos nicht die ganze Wahrheit. Wie die Historiker inzwischen herausgefunden haben, praktizierte auch Guisan in hohen Maße eine Anpassung an Nazideutschland, um seinem Land den Blutzoll eines hoffnungslosen Krieges zu ersparen.
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