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kultur

23.11.2007 - DEUTSCHE LITERATUR

Nichts als Traum, Musik und Posthornklang

Vor 150 Jahren starb Joseph von Eichendorff

von Josef Tutsch

 
 

Joseph von Eichendorff in jungen Jahren

1857 – das Jahr hat sich in die Geschichte der Weltliteratur durch das Erscheinen zweier Schlüsselwerke eingetragen, der Gedichtsammlung "Blumen des Bösen" von Charles Baudelaire und des Romans "Madame Bovary" von Gustave Flaubert. Am 26. November desselben Jahres starb im schlesischen Neiße, international kaum beachtet, der beim Publikum bis heute populärste Dichter der deutschen Romantik, Joseph von Eichendorff.

Joseph Carl Benedikt Freiherr von Eichendorff, um korrekt zu sein, der Sohn eines katholischen Adelsgeschlechts aus Schlesien, geboren 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor, Beamter im preußischen Staatsdienst. Als Eichendorff starb, lagen seine letzten poetischen Arbeiten bereits zwei Jahrzehnte zurück. Auch in Deutschland war die Literaturgeschichte über die Romantik hinweggegangen. Kellers "Grüner Heinrich" lag bereits vor, in Eichendorffs Todesjahr kamen Raabes "Chronik der Sperlingsgasse" und Stifters "Nachsommer" heraus. Die entscheidende Figur des Übergangs von der Romantik zum Realismus, Heinrich Heine, war im Jahr zuvor verstorben.

... und in alten Tagen

Heine starb im Pariser Exil, in finanziell prekären Verhältnissen, Eichendorff als pensionierter Beamter, dem die große Karriere freilich versagt geblieben war. Wie sich dieser solide Lebenslauf mit dem "ewigen Sonntag des Gemüts" vertragen soll, der in Eichendorffs Erzählungen und Gedichten immer wieder beschworen wird, gibt bis heute Rätsel auf. Die Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts" sei "nichts als Traum, Musik, Gehenlassen, ziehender Posthornklang, Fernweh, Heimweh, Leuchtkugelfall auf nächtlichen Park, törichte Seligkeit, so dass einem die Ohren klingen und der Kopf summt von poetischer Verzauberung und Verwirrung", schwärmte der begeisterte Eichendorff-Leser Thomas Mann.

In der Tat, der "Taugenichts" bietet das genaue Gegenteil einer Laufbahn im öffentlichen Dienst. Der Müllersohn bricht in die Welt auf, um Gottes Wunder zu schauen, wird Gärtner bei einer Gräfin und verliebt sich unglücklich in deren vermeintliche Tochter – um am Ende festzustellen, dass die "Tochter" eine im Schloss erzogene Waise ist, die er heiraten kann – "und es war alles, alles gut!" Ein Märchen von "Hans im Glück", wer von einer Erzählung so etwas wie soziologischen Diskurs erwartet, wird mit Eichendorff nichts anfangen können. 

Schloss Lubowitz bei Ratibor

Ob Hegel den "Taugenichts" gelesen hat? Es sei eine Aufgabe des modernen bürgerlichen Romans, den "Konflikt der Poesie des Herzens und der entgegenstehenden Prosa der Verhältnisse" zu vermitteln, lehrte der Philosoph gerade in den 1820er Jahren, wo Eichendorff seine Novelle schrieb, an der Berliner Universität. Im "Taugenichts" wird nichts vermittelt, der Konflikt ist von vornherein nur scheinhaft und löst sich in das auf, was er ist – Schein. Dass es in der Realität aller Regel nach anders verläuft, bleibt dem Bewusstsein des Lesers überlassen.

Viel später, es wurde seine letzte große Erzählung, versuchte sich Eichendorff tatsächlich an einem tragischen Gegenentwurf. In "Schloss Dürande" geht es wieder um die Standesschranken, die einer großen Liebe im Wege stehen. Die Revolution bringt jedoch nicht die Lösung, sondern für alle Beteiligten die Katastrophe. Der Beamte Eichendorff glaubte nicht an die Revolution. "Es ist auffallend, wie in jetziger Zeit alle Individuen verschwinden, alles ist allein auf Masse gestellt", schrieb er 1840.

Denkmal in Ratibor, 1906

Das hat ihm den Ruf eines "unpolitischen" Dichters eingetragen. Und auch, kritisch oder affirmativ gemeint, den Ruf des "deutschen" Dichters par excellence. Der junge Thomas Mann, als er sich im Ersten Weltkrieg bemühte, das Eigenrecht deutscher "Kultur" gegen die westliche "Zivilisation" und "Demokratie" zu verteidigen, prägte hierfür den Ausdruck "machtgeschützte Innerlichkeit". In Eichendorff spiegele sich "der alte Geist des deutschen Volkes am reinsten wider, deutsches Glauben, Hoffen und Lieben", schrieb 1921 der Herausgeber einer historisch-kritischen Ausgabe der Werke.

"Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort" – wollte man es streng biographisch sehen, müsste man von "Beamtenlyrik" sprechen, im Gefolge der 1968er Bewegung wurde das auch manchmal so gesehen. Aber kaum jemand, der sich auf die Lektüre einlässt, kann sich dem zauberhaften Märchenton entziehen. Aus Eichendorffs Biographie lässt sich erschließen, welches Leiden an der Welt hinter diesen Märchen stand. Während seiner Studien- und Wanderjahre in Halle, Heidelberg, Wien und Berlin hatte der junge Dichter Kontakt zu der älteren Romantikergeneration um Brentano und von Arnim und die Brüder Schlegel gefunden. Deren Klage über die "Zerrissenheit" der modernen Welt, unklar vermischt mit den Eindrücken der Französischen Revolution und dem Unwillen über die Besetzung Deutschlands durch die Truppen Napoleons, war auch sein eigenes Thema.

Briefmarke der DDR 1988

Als Eichendorff 1810 mit dem Roman "Ahnung und Gegenwart" begann, mag er ernsthaft im Sinn gehabt haben, nach dem Vorbild von Goethes "Wilhelm Meister" eine Einfügung seines Helden ins reale Leben zu beschreiben. Aber der Roman, wie er dann geschrieben wurde, ist von einer ganz ungoetheschen Resignation und Melancholie geprägt, "ohne allen Zweck, ohne alle rechte Tätigkeit". Um so verblüffender kontrastiert mit solcher Selbstbescheidung die unbekümmerte Erzählweise, die den gesamten Kosmos zur poetischen Staffage fügt. "Die Sonne war eben prächtig aufgegangen", beginnt der Roman. Er schließt, einige hundert Seiten später, mit demselben Bild: "Die Sonne ging eben prächtig auf."

Das scheinbar Naive dieser Erzählweise und die Fröhlichkeit der eingestreuten Gedichte gehörten zu Eichendorffs Strategie, der Zerrissenheit zu entgehen. Viele Verse könnte man in Volksliedsammlungen aufnehmen, niemandem würde es als unpassend auffallen. "Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt ...", "O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald ..." Das ist von Eichendorff. Durch Komponisten wie Felix Mendelssohn-Bartholdy, Robert Schumann und Hugo Wolff sind viele dieser Lieder auch außerhalb des deutschen Sprachraums bekannt geworden. "Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?" Robert Musil hat in seinem "Mann ohne Eigenschaften" demonstriert, dass sich solche Fragen manchmal präzise beantworten lassen, man brauche bloß zu wissen, welches Unternehmen jeweils diesen oder jenen Forst betreibe. Aber dem Zauber der Verse tut das keinen Abbruch.

Briefmarke der Bundespost 1957

Der Wald – er ist eines von Eichendorffs Lieblingsbildern. "Überall rauscht in Eichendorffs Werk der Wald des deutschen Mittelgebirges, auch in Spanien, Italien und der Provence, ja selbst im Orient und in den Tropen", stellte 1955 Werner Bergengruen fest. Aber um die Mitte der 1830er Jahre verstummte das Rauschen, der Dichter wandte sich von der Poesie ab. Die letzten Jahre gehörten Arbeiten zur Literaturgeschichte und Übersetzungen aus dem Spanischen. In den geistlichen Schauspielen des Calderón de la Barca aus dem 17. Jahrhundert sah der Katholik Eichendorff wohl eine ungebrochenere Welt repräsentiert, als er selbst sie darzustellen imstande war: "Im Grunde geht alle Poesie auf nichts Geringeres als auf das Ewige, das Unvergängliche und absolut Schöne, das wir hienieden beständig ersehnen und nirgends erblicken."

Hatte Eichendorff in jüngeren Jahren vielleicht geglaubt, mit poetischen Gegenbildern orientierend in die Realität hineinwirken zu können? Man kann das Verstummen des gealterten Dichters von den Malaisen der deutschen Zeitgeschichte her verstehen. Die Probleme des Feudalismus waren offenkundig, in der Revolution vermochte er ebenso wenig eine Perspektive zu sehen. Aber vielleicht wurde Eichendorff ja auch von Gedanken bewegt, wie sie der Philosoph Hegel über die moderne Welt gelehrt hatte: Im Vergleich zur Wissenschaft habe die Kunst aufgehört, "das höchste Bedürfnis des Geistes zu sein".


Mehr im Internet:
Joseph von Eichendorff - Wikipedia

 

 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

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