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01.11.2007 - MEDIÄVISTIK

Keine Prügel mehr für die Bildung

Das Mittelalter - Vorbereitung der modernen Zeit

von Josef Tutsch

 
 

Die Kathedrale von Chartres -
Inbegriff des Mittelalters

Egon Friedell, der österreichische Schriftsteller, der nicht nur eine vielgelesene "Kulturgeschichte der Neuzeit", sondern auch Monographien zur Kulturgeschichte des Altertums veröffentlicht hat, wurde einmal gefragt, ob er die Lücke demnächst durch eine Kulturgeschichte des Mittelalters zu schließen gedenke. Friedell soll geantwortet haben: "Mein Herr, ich bin Historiker, kein Theologe!"

Da ist was dran. Theologie spielte im Denken des Mittelalters eine derart zentrale Rolle, dass diese Epoche uns heute fremder scheint als das zeitlich doch weiter zurückliegende Altertum. Andererseits müssen die Grundlagen für unsere Neuzeit – einschließlich der Aufklärung – gerade in diesem Mittelalter gelegt worden sein. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (es war die Zeit, wo in Wien Egon Friedell schrieb) widmete der Münchner Mediävist Martin Grabmann sein Lebenswerk dem Nachweis, wie sehr der neuzeitliche Rationalismus der Rezeption der aristotelischen Philosophie durch die Theologen des hohen Mittelalters verpflichtet ist. Das Institut für mittelalterliche Theologie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, das nach Grabmann benannt ist, hat jetzt eine Reihe von Vorträgen aus den letzten Jahren zusammengefasst, die das Phänomen "Mittelalter" von verschiedenen Seiten her angehen.

Unser neues Bild vom Mittel-
alter: Sean Connery im Film
nach Umberto Ecos Roman
 

Besonders plastisch wird unser Problem mit dieser Epoche in dem Beitrag des Philosophen Hubert Schröcker über Wilhelm von Ockham. Wer war Wilhelm von Ockham? Das heutige Publikum kennt ihn eher unter dem Namen des Romanhelden Wilhelm von Baskerville, den Umberto Eco ("Der Name der Rose") nach diesem historischen Vorbild gestaltet hat. Ockham behauptete Anfang des 14. Jahrhunderts, im strengen Sinn sei die Theologie keine Wissenschaft, selbst die Gottesvorstellung gehöre – anders als Thomas von Aquin ein Jahrhundert zuvor gelehrt hatte – in den Bereich des Glaubens, nicht des Wissens.

Die populäre Geschichtsschreibung sieht darin gern den Beginn einer sozusagen aufklärerischen Theologiekritik. Schröcker macht aber darauf aufmerksam, dass es anders gemeint war: "Für Ockham ist die Theologie deshalb keine Wissenschaft im strengen Sinn, weil sie über die gewöhnliche Wissenschaft erhaben ist." Die gewöhnliche Wissenschaft nämlich kläre zweifelhafte Fragen, während die Prinzipien der Theologie für Christen durch den Glauben in höchstem Grad gewiss seien. "Im Glauben ist die Theologie für Ockham also zu gewiss, um als Wissenschaft gelten zu können." Gedanken, wie sie sich ein halbes Jahrtausend später bei dem französischen Frühaufklärer Pierre Bayle wiederfinden. Es wäre reizvoll, wenngleich sehr unwissenschaftlich, darüber zu spekulieren, welche anderen Entwicklungsmöglichkeiten, alternativ zum neuzeitlichen Rationalismus, es gegeben hätte.

DAs "Heer" des Aristoteles: allegori-
sche Miniatur aus einer Raimundus-
Lullus-Handschrift, um 1330

Und, näher an den Realitäten, warum sich im Islam, auf prinzipiell ähnlichen Grundlagen, eine solche "Neuzeit" eben nicht entwickelte. Der Theologe und Philosoph Markus Riedenauer hat die Auseinandersetzung mittelalterlicher Denker mit dem Islam einer Analyse unterzogen. Besonderes Interesse darf da ein Büchlein des Katalanen Raimundus Lullus aus dem späten 13. Jahrhundert beanspruchen: Ein philosophisch gebildeter Heide sucht im Dialog mit einem Christen, einem Muslim und einem Juden nach der einzig wahren Religion, damit "Streit und Hass zwischen den Menschen verschwinden, die wegen der verschiedenen Glaubensüberzeugungen und der gegensätzlichen Gesetze der Völker entstehen".

Der Verfasser hält den Ausgang offen; Raimundus’ Dilemma, so Riedenauer, wird darin bestanden haben, dass einerseits das praktische Problem, zu einem Weltfrieden zu kommen, eine rasche Einigung erforderte, und andererseits die Weisen ohne Zeitdruck nach der Wahrheit suchen wollten. Da liegt der Punkt, der unsere Gegenwart am schärfsten vom Mittelalter trennt: Wir würden heute sagen, dass die Aufgabe der Friedensstiftung von der Wahrheitssuche abgetrennt werden muss und dass Meinungsverschiedenheiten zu Himmel und Hölle ein Zusammenleben hier auf Erden weder behindern dürfen noch behindern müssen.

Thomas von Aquin zwischen Aristoteles
und Platon, vor ihm, niedergeworfen,
der arabische Philosoph Averroes
(Benozzo Gozzoli, um 1480)

Das Spektrum in dem Münchner Sammelband reicht von den Bemühungen Karls des Großen, durch Regelungen zur Liturgie den Zusammenhalt seines Reiches zu fördern, bis zum "Parzival"-Roman des Wolfram von Eschenbach, von der Begründung einer akademischen Disziplin "Kirchenrecht" bis zum Menschenbild des Nicolaus von Kues am Ausgang des Mittelalters. Es wäre der Vortragsreihe aber zu gute gekommen, hätte das Institut die Referenten stärker auf einen roten Faden verpflichtet, etwa – im Sinne Grabmanns – die Bedeutung des rationalen Denkens, wie sie in den Beiträgen doch immer wieder aufscheint.

Zu kurz kommt vor allem die Kontroverse "Platon versus Aristoteles", also die Frage, an welchen der beiden großen antiken Philosophen eine "katholische" Philosophie anschließen konnte. Schließlich hätte sich das Mittelalter ganz anders entwickeln müssen, wäre nicht durch die Übersetzungen aus dem Arabischen die Rezeption gerade der aristotelischen Schriften nahe gelegt worden. Vor allem der Beitrag von Ulrich Horst über Thomas von Aquin mit seiner großen Synthese von Bibel und Aristoteles bleibt recht äußerlich-biographisch.

Thomas von Aquin, von
Carlo Crivelli, 1476
 

So wird die Gegenwärtigkeit des Mittelalters nicht immer derart deutlich, wie das doch bereits vor einem Vierteljahrhundert Eco mit seinem Welterfolg demonstriert hat. Ein durchaus beunruhigendes Detail aus Horsts biographischem Abriss über Thomas von Aquin: 1268 hatte sich der Professor in Paris mit Angriffen des Weltklerus auf die Bettelorden auseinanderzusetzen. Der Vorwurf lautete, die Orden würden ihren Nachwuchs unter noch nicht urteilsfähigen Jugendlichen rekrutieren, denen sie jede Gelegenheit nähmen, von anderer Seite Rat einzuholen. Thomas verteidigte diese Praxis mit dem Argument, dass Knaben wegen ihrer Lernfähigkeit besonders geeignet seien, sich auf ein Leben im Orden vorzubereiten. Auch biblische Vorbilder seien ohne Zögern dem Ruf des Herrn gefolgt und in seiner Nachfolge getreten. Diese Diskussion erinnert doch sehr an Fragen, die sich heute angesichts der Praxis aktueller "Sekten" stellen. Aber darauf geht Horst mit keinem einzigen Wort ein.

Ganz so vergangen, wie man seit der Aufklärung gern meint, ist das Mittelalter  doch nicht. In seinen Verdiensten um die Entwicklung des abendländischen Denkens sowieso nicht. Aber anders als man von einem wissenschaftlichen Traktat erwarten darf, geht die Ideengeschichte manchmal verschlungene Wege. Der Philosoph und Theologe Marc-Aeilko Aris erinnert an jenem berühmten Traum des Kirchenvater Hieronymus aus dem 4. Jahrhundert, worin dem klassisch gebildeten, gleichwohl christlich-gläubigen Römer vorgehalten wurde, er sei in Wirklichkeit nicht "Christ", sondern vielmehr "Ciceronianer". Der träumende Hieronymus bezog für seine geliebten Bücher heftige Schläge.

Hieronymus im Gehäuse (Detail),
Kupferstich, Albrecht Dürer, 1514

Es wird für spätere christliche Denker nicht leicht gewesen sein, über dieses Verdikt weltlicher Bildung hinweg zu kommen. Auch Thomas von Aquin musste sich, wie Aris referiert, mit Bedenken auseinandersetzen, ob man in Glaubensfragen philosophische Überlegungen benutzen dürfe. Der Ausweg des großen Kirchenlehrers ist im Grunde viel rationalistischer als alles, was später Renaissance und Humanismus in ihrer Begeisterung für die Antike formuliert haben: Klassikerlektüre – ja, aber bitte mit gezügelten Affekten. Das Delikt des Hieronymus, so Aris, schrumpfte darauf zusammen, dass er sich von dem rhetorischen Zauber der heidnischen Autoren hätte verleiten lassen, die schlichte Sprache der Bibel zu missachten. Das war ein Weg – oder Umweg –, die Antike für das Abendland zu retten.


Neu auf dem Büchermarkt:
Mittelalterliches Denken. Debatten, Ideen und Gestalten im Kontext,
herausgegeben von Christian Schäfer und Martin Thurner,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007 (ISBN 978-3-534-20101-3), 59,90 €



Mehr im Internet:
Mittelalter - Wikipedia
Berliner Historiker präsentiert ein neues Bild des Mittelalters, scienzz 02.06.2006
Lachen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, scienzz 14.05.2005





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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