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01.12.2007 - ENGLISCHE LITERATUR
An den Küsten Malaias und den Kongo hinauf
Vor 150 Jahren wurde der Schriftsteller Joseph Conrad geboren
von Josef Tutsch
 | | Joseph Conrad
(* 3.12. 1857, † 3.8. 1924)
| | | "Und es ist sehr wohl möglich, dass ich die Literatur ganz so liebe, wie der Literat die See lieben mag – ein Schauplatz mächtiger Bemühung und mächtiger Vollendung, die das Antlitz der Welt verändert haben, eine große, offene Straße zu allen möglichen unentdeckten Ländern." Der Leser ahnt, dass Joseph Conrad der Berufswechsel nicht leicht gefallen ist. Mehr als zwanzig Jahre lang war er zur See gefahren. 1890 erkrankte er schwer auf einer Fahrt in den Kongo, es dauerte vier Jahre, bis er sich damit abfand, den Rest seines Lebens zu Lande zu verbringen – als Schriftsteller.
Als Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski, so sein Geburtsname, am 3. Dezember 1857, vor 150 Jahren, in Berdyczew in der westlichen Ukraine geboren wurde, war von einem Leben auf See freilich nichts zu ahnen; die Kleinstadt liegt Hunderte Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt. Eher schon von Literatur: Der Vater war Schriftsteller und Übersetzer. Wegen seines Engagements für die polnische Unabhängigkeitsbewegung wurde er 1861 von der zaristischen Polizei verhaftet, die ganze Familie wurde ins nördliche Russland verbannt. Nach dem frühen Tod der Eltern kam Jósef in die Obhut eines Onkels nach Krakau.
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Joseph Conrad am Schreibtisch
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Was mag dem jungen Mann den Gedanken an das Meer eingegeben haben? Als er sechzehn war, erlangte er vom Onkel das Einverständnis, nach Marseille zu gehen und bei der französischen Handelsmarine anzuheuern, wenige Jahre später wechselte er zur britischen. Joseph Conrad, wie er sich nun nannte, wurde zum Engländer. Der Großteil der achtzehn Romane und fast dreißig Erzählungen spielt in Südostasien und Afrika, es gibt wenig, was an die Jugend im östlichen Mitteleuropa erinnert. Nur in einem einzigen Werk, "Mit den Augen des Westens" von 1911, bricht die Tradition des polnischen Freiheitskampfes durch, dem sich der Vater verschrieben hatte.
Es war in der Götterdämmerung des Zarenregimes. Conrad wollte die "Psychologie Russlands" darstellen, und das war – mit den Augen des "Westens" – ein mystischer Obskurantismus, der die Autorität als gottgewollt und die Freiheit als eine Form der Ausschweifung begreifen musste. Es wurde ein Roman von dostojewskischem Scharfblick, und das gleich in doppeltem Sinn, weil der "Westler" Conrad unter dem Eindruck litt, dass auch sein großer Lehrmeister Dostojewski in diesem Obskurantismus befangen war. Ein Roman, kein Pamphlet: Conrad, um Objektivität bemüht, führte als erzählende und kommentierende Figur einen englischen Sprachlehrer ein.
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"Lord Jim", polnische Aus- gabe von 1904
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Indirekte Erzählperspektive, wechselnde Standpunkte, häufige Rückblenden – für einen Erfolgsschriftsteller (Leihbüchereien ordnen ihn gern ins Regal "Abenteuer-" oder "Jugendliteratur" ein) schrieb Conrad bemerkenswert komplex. Die Kritiker haben ihn mit Marcel Proust verglichen – und mit Louis Stevenson. Flaubert, Dickens, Dostojewski – das Erbe der großen Romanciers des 19. Jahrhunderts schlägt immer wieder durch. Und dann vor allem das Vorbild des nur wenig älteren Henry James, des Amerikaners, der sich in das alte Europa und seine Kultur verliebt hatte.
"Was will der Dichter uns damit sagen?" leiteten Lehrer früher gern eine Literaturinterpretation ein. Es wird wenige Schriftsteller geben, die solche Fragen derart drängend herausfordern. Bei Conrad geht es immer wieder um extreme Situationen, in denen die Personen nach Wertmaßstäben für ihr Handeln suchen. Aber gerade im Fall Conrad prallt eine solche Diskussion am Werk hilflos ab. Zum Beispiel "Lord Jim" von 1899, die Geschichte eines Träumers, der sich in eine imaginäre Welt heroischer Taten verstiegen hat und vor der Aufgabe, die ihm dann real gestellt wird, versagt. Ist Jims Opfertod als ein Akt der Befreiung aufzufassen? Oder vielmehr wiederum als ein Versagen? Der Erzähler vermeidet jede Eindeutigkeit, alle Urteile bleiben "wie in einem Nebel".
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Polnische Joseph-Conrad-Briefmarke
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Ein moralischer Erzähler ohne eine Lehre, die sich umstandslos aus der poetischen Fiktion in einen moralischen Traktat übersetzen ließe. Dem stand bei Conrad etwas entgegen, was man einen Instinkt des Verdachts nennen könnte, vielleicht war es auch die Lebenserfahrung, dass Stärken und Schwächen im menschlichen Leben unentwirrbar zusammenhängen. Kritiker haben gelegentlich einen antiintellektuellen Affekt bemerken wollen. Tatsächlich, Conrads Geschichten zeigen manchmal, wie Selbsttäuschung und begrenztes Denkvermögen einen Mann zu Erfolg führen, während fortwährende Reflexion die Tatkraft lähmt.
Was hat Generationen von Lesern an diesem Schriftsteller fasziniert? Nicht zuletzt wohl seine unaufdringliche Art, von elementaren Gefühlen und existenziellen Entscheidungen zu schreiben, ein ganz und gar unpathetischer Heroismus, wenn man so will. Conrad selbst scheint darin eine Parallele zur Segelschifffahrt gesehen zu haben, die zu seiner Zeit längst altmodisch geworden war. In dieser handwerklichen Kunst, schrieb er mit einem Rest von Romantik, seien "Anständigkeit und innere Kraft und Ordnung von selbst enthalten".
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"Roi de Belges", das Schiff, mit dem Conrad den Kongo bereiste
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Ansonsten ist von Romantik keine Spur. Das Meer kenne "kein Mitleid, keine Treue, kein Gesetz, kein Gedenken", es gebe nur einen "endlosen und unbeachteten Kampf mit der See". Conrads heute vielleicht bekanntester – und auch umstrittenster – Roman freilich spielt zu Lande, "Das Herz der Finsternis" von 1899. Eine Flussfahrt den Kongo hinauf, eine belgische Gesellschaft hat dem Kapitän den Auftrag erteilt, ihren Elfenbeinagenten Kurtz von einem Außenposten zu retten. Eine Fahrt durch eine feindselig erscheinende Natur, die zugleich eine Entdeckungsreise in die Abgründe der eigenen Seele wird.
Es stellt sich heraus, dass der wahnsinnige Kurtz im Urwald eine Schreckensherrschaft ausübt. Sind Kurtz’ letzte Worte "das Grauen, das Grauen" eine Absage an die dämonischen Mächte der Finsternis? Kapitän Marlow scheint es so aufzufassen, ihm selbst gelingt die Rückkehr, und zwar nicht durch moraltheoretische Reflexion, sondern durch Bezug auf die Normen der europäischen Zivilisation – ein skeptischer Humanismus, der, wie Conrad es einmal ausgedrückt hat, den Verdacht nicht los wird, dass "das Ziel der Schöpfung kein ethisches" sein könne, und dennoch bemüht ist, als moralisches Subjekt integer zu bleiben.
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Film von Alistair Read nach Conrads Roman "Nostromo"
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Der Roman ist ins Gerede gekommen, seit der nigerianische Romancier Chinua Achebe 2002 bei einer Rede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels den Vorwurf erhob, Joseph Conrad sei – bei all seiner Verurteilung des Bösen im Kolonialismus – dennoch "durch und durch Rassist" gewesen. Für viele Leser war das ein Schock, auch für jene, die das Werk nicht bloß als eine Sammlung von Abenteuergeschichten konsumierten.
Aus der Luft gegriffen ist Achebes Argumentation nicht. In der Tat erscheint die afrikanische Wildnis im Roman als Antithese zu Europas Zivilisation, oft stoßen die Schwarzen, statt verständlich zu sprechen, nur tierische Laute aus, die Europäer empfinden Unbehagen bei dem Gedanken, diese "Wilden" könnten irgendwie mit ihnen verwandt sein. Es gibt diese Textstellen, nur – spiegeln sie die Perspektive der Romanfiguren wider oder drückt sich in ihnen, quasi autoritativ, die Position des Schriftstellers aus? Es gibt zu denken, dass der Gipfel der Inhumanität nicht etwa an den Eingeborenen geschildert wird, sondern an einem Glücksritter aus Europa, so gierig und grausam wie feige.
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"Apocalypse now", Francis Coppola nach Motiven aus "Herz der Finsternis"
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Die politische Theroetikerin Hannah Arendt kam in ihrer klassischen Schrift über "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" 1951 zu der Vermutung, dass Conrad sich für Kurtz den Deutschen Carl Peters zum Modell genommen hat, von dem das freimütige Geständnis überliefert ist: "Ich hatte es satt, unter die Parias gerechnet zu werden, und wollte einem Herrenvolk angehören." Wie europäisch bedingt und beschränkt Conrads Blick auf Afrika immer gewesen sein mag, seine psychologischen Entlarvungen – Beispiel Kurtz – und seine Analysen kolonialistischer Ausbeutung gehören zum Scharfsinnigsten, was die Literatur der vorletzten Jahrhundertwende uns hinterlassen hat. Die Hintergründe des Rassenwahns, urteilte Arendt, würden in Conrads Werk besser erhellt als in der einschlägigen geschichtlichen oder politischen oder ethnologischen Literatur. Mehr im Internet: Joseph Conrad - Wikipedia
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation
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