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13.11.2007 - SYMBOLGESCHICHTE

Stilisierter Geschlechtsakt, Sonnenrad oder bloß ein Töpferzeichen

Bruchstücke zu einer Geschichte des Hakenkreuzes

von Josef Tutsch

 
 

Familienwappen von Abt
Theodorich Hagn in Kloster
Lambach

Wer das berühmte Benediktinerkloster Lambach in Oberösterreich besucht, erlebt gleich am Eingang eine Überraschung. Im Wappen über dem Portal prangt ein Hakenkreuz – nicht ganz so, wie wir es aus dem "Tausendjährigen Reich" kennen, die Haken sind kleiner und schräg angesetzt. Abt Theodorich Hagn, der das Zeichen irgendwann um 1865 anbringen ließ, war auch nicht etwa ein früher Nazi. Er wollte bloß seinen Familiennamen mit einem Wappen verewigen. "Hagn" – da lag der Einfall mit den Haken nahe.

Eine belanglose Fußnote der Symbolgeschichte? Sicher ist, dass der junge Adolf Hitler dieses Kreuz mit den Haken gesehen haben muss, 1895/96 war er Chorknabe und Messdiener in Kloster Lambach. Die Berliner Archäologin und Ethnologin Elisabeth Weeber hat jetzt in ihrer Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München einige Bruchstücke zur Entwicklung des Symbols "Hakenkreuz" vorgelegt. Bruchstücke nur – eine umfassende Weltgeschichte steht noch aus.

Schmuckform auf Keramik (Iraklion, Kreta,
frühes 2. Jahrtausend v. Chr.)
Das Projekt würde wohl auch mehr als bloß einen einzelnen Wissenschaftler erfordern. Das Hakenkreuz (oder "Swastika", wie es im Sanskrit heißt) gibt es in den meisten Kulturen von Nordeuropa über den Mittelmeerraum und den Vorderen Orient, Indien und Ostasien bis ins alte Amerika. Weeber konzentriert sich auf Vorderasien (das Spezialgebiet der Archäologin) und auf die moderne Karriere des Zeichens im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als es zum Symbol des "Ariertums" avancierte.

Die weitverbreitete Meinung, das Hakenkreuz habe seinen Ursprung in Indien, sei dem archäologischen Befund zufolge zweifelsohne falsch, stellt Weeber fest. Die ältesten Belege finden sich auf Keramik aus Mesopotamien, und zwar noch vor Entstehen der Hochkultur, etwa aus dem 6. Jahrtausend vor Christus. Noch eine zweite weithin anerkannte Theorie stellt die Archäologin in Frage: "An ein Sonnensymbol erinnert das Hakenkreuz in diesem Zusammenhang meines Erachtens nicht." Eher sei an ein Zeichen für Leben und Fruchtbarkeit zu denken – es war die Zeit der frühen Ackerbaukultur im Nahen Osten.

Römisches Mosaik (Sousse, Tunesien,
2. Jahrhundert)
Warum das Hakenkreuz gerade in Mesopotamien in den folgenden Jahrtausenden nur noch selten verwendet wurde, muss Weeber offen lassen. "Eins ist sicher, dass wir das Hakenkreuz bei semitischen Volksgruppen kaum finden", deutete der Historiker Jörg Lechler 1934 den Umstand, dass dieses Zeichen bei manchen Völkern sehr beliebt war und bei anderen beinahe gar nicht. Aber im Wort "kaum" liegt bereits das Eingeständnis, dass sich eine scharfe Trennlinie nicht ziehen lässt. In den archäologischen Befunden hat Hitlers emphatische Aussage, das Hakenkreuz beinhalte "die Mission des Kampfes für den Sieg des arischen Menschen", keine Grundlage.

Nur einen Seitenblick wirft Weeber auf Süd- und Ostasien. In Indien gilt das Hakenkreuz bis heute als Glückszeichen, es schmückt – zur Verwunderung von Touristen aus Mitteleuropa – Türschwellen und Häuserwände und sogar Geschäftsbücher. Aus dem altindischen Sanskrit stammt auch der heute international gebräuchliche Ausdruck "Swastika", übersetzt "So sei es". Der Buddhismus verwandte das Zeichen als Paradiesesschlüssel, in China wurde es mit dem Begriff der Unendlichkeit assoziiert. Weeber weist alle Versuche ab, einen einheitlichen Ursprungsort und dann auch gleich so etwas wie eine wahre oder eigentliche oder ursprüngliche Bedeutung zu konstruieren.

Beliebtes Glückszeichen in Indien
Genau das versuchte aber die Wissenschaft und Populärwissenschaft des 19. Jahrhunderts. Weeber entfaltet ein ganzes Panorama von Spekulationen, die alle schon angestellt und später durch die Deutung als Sonnenrad verdrängt wurden: der Schatten eines in den Boden gesteckten, oben abgeknickten Stocks, ein Drehbohrer zum Entzünden einer heiligen Flamme, stilisierter Geschlechtsakt, Abstraktion eines auffliegenden Storchs usw. usf. Die technisch-rationale Interpretation des Archäologen Otto Hupp 1921 fällt aus dem Rahmen: Das Hakenkreuz sei ursprünglich ganz einfach ein "Töpferzeichen, das das Drehen ausdrücken sollte".

Archäologie und historische Linguistik gingen damals bunt durcheinander, beides wurde auf ethnische Zugehörigkeit oder "Rasse" zurückgeführt. Die Archäologen hatten Hakenkreuze sowohl im alten Indien als auch im alten Nordeuropa gefunden, die Linguisten eine Verwandtschaft zwischen den nordindischen und den germanischen Sprachen entdeckt. Diese sprachhistorisch definierten "Indogermanen" wurden – zum Beispiel von dem Franzosen Arthur de Gobineau in den 1850er Jahren – zur Rasse, genannt "Arier", umgedeutet. Und da es nun einmal schwierig war, aus stummen Funden etwas "Völkisches" herzuleiten, nahm man das Hakenkreuz gern als eine Art "Leitfossil" für diese Arier.

Fußboden der Kathedrale von Amiens
(13. Jahrhundert)
All das, so Weeber, "führte zwangsläufig dazu, dass das Hakenkreuz zu einem gemeinsamen Zeichen der arischen Rasse erkoren wurde". "Zwangsläufig"? Da hat sich die Autorin zu einer reichlich saloppen Formel verleiten lassen. Die Darstellung selbst zeigt, dass der Weg zu Hitlers Parteiabzeichen verschlungen war. Die Begründerin der Theosophie, Helena Petrowna Blavatsky, eignete sich Mitte des 19. Jahrhunderts neben einer Menge anderer Symbole aus aller Welt den indischen Swastika an. Um die Jahrhundertwende muss das Symbol in weiten Kreisen von Jugendbewegung und Lebensreform verbreitet gewesen sein; Weeber hat es zum Beispiel in Hermann-Löns-Illustrationen gefunden.

Die Brücke zum Nationalsozialismus bildeten die Wiener Germanenschwärmer, durch die sich auch Hitler anregen ließ. So behauptete Guido von List, er habe bereits 1875 bei einer Sommersonnwendfeier vor den römischen Ruinen von Carnuntum bei Wien gemeinsam mit Zechkumpanen leere Weinflaschen in Form eines Hakenkreuzes vergraben. Der ehemalige Zisterziensermönch Adolf Josef Lanz, Künstlername "Jörg Lanz von Liebenfels", verwendete für seinen "Orden des Neuen Tempels" in der Regel jedoch das sogenannte Kruckenkreuz, also mit Haken, die sowohl nach rechts als auch nach links gehen.

Titel einer Nacherzählung der "Edda" von
Adolf Kroll (1918)
 
Seinen politischen Durchbruch hatte das Hakenkreuz anscheinend in den letzten Jahren des Ersten Weltkriegs. Die rechtsgerichteten Freikorps setzten es auf ihre Flagge für die Straßenkämpfe in den Anfängen der Weimarer Republik, 1918 übernahm es die antisemitische Münchner "Studiengruppe für Germanisches Altertum", besser bekannt als "Thule-Gesellschaft". Hitler kam mit seiner Überlegung "Wir müssen den Kult erneuern, der alten Germanen. Wir Nationalsozialisten sollten uns eines ihrer Zeichen annehmen" also etwas spät. Weeber: "Das Hakenkreuz hatte sich bereits als das Symbol der völkischen Bewegung durchgesetzt."

Die Formulierung – "eines ihrer Zeichen" – legt den Gedanken nahe, dass Hitlers Entscheidung für das Hakenkreuz keineswegs von vornherein klar gewesen ist. Den späteren Passagen in "Mein Kampf" zufolge prüfte und verwarf Hitler verschiedene Formen seines Kreuzes. Im Unterschied zum Lambacher Abtswappen – tatsächlich fand sich im NSDAP-Hauptarchiv eine Fototafel der Klosterpforte – wurden die Haken rechtwinklig angesetzt, in gleicher Länge mit den Kreuzbalken. Während sich bei den archäologischen Funden die rechts- und die linksdrehende Variante nebeneinander vorkommen, verordnete der "Führer" eine einzige Form: Das Hakenkreuz sei nämlich "das Sonnenrad, das von Osten nach Westen, also von links nach rechts um die menschlich bewohnte Erdfläche herumrollt".

Thule-Gesellschaft, 1918
Bis zum Ende des Dritten Reiches gab es jedoch zwei Versionen nebeneinander: auf der Spitze des unteren Hakens stehend – so als Wappen von Partei, Staat und Militär –  oder – nur für die Standarten von SA und SS – auf dem unteren Haken parallel zum Rand der Fahne aufliegend. Gerade der Umstand, dass das Hakenkreuz in Europa Jahrhunderte lang nur noch ornamental verwendet worden war, mag es der völkischen Bewegung und dem Nationalsozialismus erleichtert haben, es als tragendes Symbol für die Absage an alle humanistischen Traditionen zu verwerten.

Weeber zeigt aber auch, wie brüchig solche Traditionen sein konnten. "Was im Tageskampfe der Gegenwart aus dem Hakenkreuz gemacht wird, gehört nicht in eine wissenschaftliche Abhandlung", hatte Jörg Lechler 1921 in einer offenbar sehr fleißigen und durchaus seriösen Arbeit über die Bedeutungsgeschichte des Symbols geschrieben. 1934 in der zweiten Auflage zeigte er sich dann erfreut, dass "das Hakenkreuz in der neuen Zeit wieder einen lebendigen Sinn bekommen habe".

Spange zum Eisernen Kreuz aus dem
Zweiten Weltkrieg
"Archäologie ist keine wertfreie, nur dem Selbstzweck dienende Wissenschaft, sondern in hohem Maße mit nationalen und politischen Interessen verknüpft", resümiert Weeber. Nun ja, im Betrieb anderer wissenschaftlicher Disziplinen geht es auch nicht "wertfrei" zu. Worauf es ankommt, ist das redliche Bemühen, gültige Aussagen zu formulieren, die unabhängig von solchen "Interessen" bestehen können. Und da ist die "Hakenkreuzforschung" im 19. und frühen 20. Jahrhundert, im Spannungsfeld zwischen Arierideologie und Linguistik, Archäologie und völkischerPolitik, zweifellos kein Ruhmesblatt der Wissenschaftsgeschichte.


Neu auf dem Büchermarkt:
Elisabeth Weeber: Das Hakenkreuz. Geschichte und Bedeutungswandel eines Symbols,
Peter Lang, Frankfurt am Main – Berlin – Bern – Wien 2007 (ISBN 978-3-631-56363-2), 27,50 €

 


Mehr im Internet:
Swastika - Wikipedia

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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