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kultur

16.11.2007 - ALTERTUMSWISSENSCHAFT

Wo Charon rudert und Kerberos wacht

Das Berliner Pergamonmuseum präsentiert eine Reise in die antike Unterwelt

von Josef Tutsch

 
 

Der Frevler Ixion auf dem Feuerrad,
kampanische Vase, um 330 v. Chr.

Schattenbilder, "gleich einem Windhauch und ganz ähnlich einem flüchtigen Traum": So werden die Verstorbenen bei Homer und Vergil geschildert. Homers trostloses Totenreich war die ganze Antike hindurch ein hochangesehenes Bildungsgut, auch in der europäischen Neuzeit hat diese Vorstellung immer wieder fasziniert, als eine illusionslose Alternative zu den christlichen Jenseitshoffnungen und Jenseitsängsten.

Homer-Leser, die erwartet haben, Homers Schattenreich in der neuen archäologischen Ausstellung des Berliner Pergamonmuseums künstlerisch dargestellt wiederzufinden, werden allerdings enttäuscht. Das liegt wohl nicht so sehr daran, dass die Berliner Antikensammlung diese "Reise in die antike Unterwelt" aus eigenen Beständen bestreiten wollte. Der tiefere Grund dürfte sein, dass dieses Reich wesenloser Schatten zwar die Leser zu fesseln, die Künstler jedoch kaum zu inspirieren vermochte. Und, noch wichtiger, die antiken Vorstellungen von der Unterwelt erschöpfen sich längst nicht in dem, was Odysseus (und acht Jahrhunderte später, bei Vergil, Aeneas) von seinem Besuch erzählte. Wahrscheinlich hingen bereits zu Homers Zeiten die bäuerlichen Unterschichten anderen religiösen Ideen an als jene stolzen Krieger, für die "Ilias" und "Odyssee" geschrieben wurden.

Hermes-Statue,
2. Jh. n. Chr.

Die Ausstellung resultiert aus einer Zusammenarbeit mit dem Winckelmann-Institut der Humboldt-Universität. Forscher und Studenten wollten "die" Jenseitsvorstellungen "der" Griechen, Etrusker und Römer aufarbeiten, so wie sie in den literarischen und archäologischen Zeugnissen vom 8. Jahrhundert vor Christus bis in die römische Kaiserzeit repräsentiert sind. Im Grund ein unmögliches Unterfangen, wie sich dann vor allem zeigte, als die Ausstellungsmacher auf den Gedanken kamen, von der antiken Unterwelt auch eine Karte zeichnen zu lassen: die verschiedenen Angaben der Dichter von Homer im 8. Jahrhundert vor bis zu Lukian im 2. Jahrhundert nach Christus einander quasi topographisch zugeordnet.

Nun ja, zu einer "Reise" gehört auch eine Karte. Vermutlich haben sich die Dichter über die Stimmigkeit ihrer Angaben jedoch wenig Gedanken gemacht. Das Totenreich lag am Rand der Welt, jenseits des Stromes Okeanos, gleichzeitig aber auch unter der Erde. Dort schien keine Sonne, es war – im Gegensatz zu späteren christlichen Höllenphantasien – kalt und modrig und feucht, was aber anscheinend nicht daran gehindert hat, gerade in der vulkanischen Landschaft um den Vesuv einen Eingang zu vermuten. Ansonsten kamen allerlei Grotten, Höhlen, Seen und Flüsse in Frage.

Detail der Marmorstatue des Herkules
2. Jh. n. Chr.

Der Großteil der Ausstellung zeigt Figuren des Übergangs: eine Statuettengruppe aus dem 5. Jahrhundert vor Christus mit zwei Jünglingen, die einen gefallenen Kameraden forttragen; ein fast lebensgroßes Standbild des Götterboten Hermes aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, als Führer in die Welt der Toten gedacht; eine winzige, spätantike Bronzestatuette des dreiköpfigen Hundes Kerberos, der die Pforte zum Hades bewacht; mehrere Vasen und Reliefs, auf denen zu sehen ist, wie der Fährmann Charon die Toten über den Unterweltfluss befördert.

Das vielleicht rätselhafteste Stück ist ein etruskischer Todesdämon, um 500 vor Christus, halb Mensch, halb Wolf oder Hund. Wie mögen sich Künstler und Auftraggeber die Funktion dieses Wesens gedacht haben? Mangels literarischer Quellen muss die Frage unbeantwortet bleiben. Dagegen zeigt eine kleine Münze, dass der "Charonspfennig", von dem der Komödiendichter Aristophanes und der Satiriker Lukian schreiben, nicht etwa ein scherzhafter Einfall war. Manchmal wurde den Verstorbenen tatsächlich ein Geldstück auf die Zunge gelegt, das sich als Fährlohn deuten lässt.

Bronzestatuette des Kerberos
Römische Kaiserzeit
 

Und natürlich findet der Besucher die großen Mythen wieder, die sich an die Unterwelt anschließen. Eine Terrakottagruppe aus Böotien, 4. Jahrhundert vor Christus, zeigt einen Frauenraub – Hades, der Herrscher der Unterwelt, holt Persephone, seine zukünftige Frau; aber die Szene lässt sich auch ganz allgemein als Metapher für frühen, unverhofften Tod verstehen. Auf einem attischen Krug aus dem 6. Jahrhundert ist Herakles zu sehen, wie er – als gefährlichste seiner Heldentaten – den Höllenhund Kerberos aus der Unterwelt entführt.

Schwer zu sagen, wie die Alten sich, abseits von der homerischen Bildungstradition, die Seelen gedacht haben. Ein weißgrundiges Salbgefäß aus dem Athen des 5. Jahrhunderts vor Christus zeigt den Toten am Grab, daneben ein kleines, fliegendes Wesen, bloß gestrichelt. Soll damit ein weiterlebender Teil des Verstorbenen angedeutet sein? Bemerkenswert lebenskräftig wirkt das Seelenbild auf einer Vase des 6. Jahrhunderts vor Christus: ein vollbewaffneter Mann mit Flügeln – offenbar ein Gefallener auf dem Weg in die andere Welt. Sehr diesseitig auch die Szene auf einem etwas früheren Gefäß: ein Toter, der gerade mit Essen beschäftigt ist. Darf man das so verstehen, dass er weiterhin im Grabe gegenwärtig sei und dieselben leiblichen Bedürfnisse habe wie zu Lebzeiten?

 
kampanische Vase
mit Ixion, 4. Jh.

Ein künstlerisch besonders dankbares Motiv gaben bei Homer und späteren Dichtern die berühmten Büßer in der Unterwelt ab; es gehört zu den Rätseln der Homer-Interpretation, wie sich diese Fälle mit der sonst geltenden Vorstellung vor sich hindämmernder Schatten vereinbaren lassen. Eine prachtvolle attische Vase des 6. Jahrhunderts vor Christus. präsentiert Sisyphos, der wegen seiner Freveltaten unaufhörlich einen Felsblock bergauf wälzen muss, welcher doch immer wieder hinunterrollt, ein unteritalienisches Gefäß zwei Jahrhunderte später Ixion, der auf ein ewig sich drehendes Feuerrad geflochten ist. Prominente Einzelfälle – mag aber durchaus sein, dass die spätere christliche Höllenvorstellung hierdurch mit angeregt wurde.

Andererseits kannte die Antike auch so etwas wie eine Vorform des christlichen Himmels, genannt Elysium oder die Inseln der Seligen, wo einige auserwählte Verstorbene in ewigem Frühling leben durften. Meist wurden diese Gefilde in einem unerreichbar fernen Westen angesiedelt. Auf einem unteritalienischen Gefäß des 4. Jahrhunderts vor Christus scheint eine solche Szenerie gemeint zu sein – Heroen und Heroinen unter dem Schutz der Liebesgöttin Aphrodite. Gerade um diese Zeit muss sich aber ein Wandel vollzogen haben: Statt edler Herkunft oder göttlicher Wahl wurde ein guter Lebenswandel für die Aufnahme unter die Seligen ausschlaggebend. Oder, wie es scheint, auch die Teilnahme an den Mysterienkulten. Ein dünnes Goldblech aus Kalabrien bringt als eine Art "Spickzettel" die richtigen Worte, die zwecks Einlass in die angenehmeren Teile der Unterwelt zu sprechen waren.

Totengerippe von glasiertem
Reliefbecher, um 50-20 v. Chr.

"Zur Hölle" haben Pergamonmuseum und Winckelmann-Institut ihre Ausstellung überschrieben. Darin liegt natürlich eine Menge Provokation und Ironie; eine "Hölle" im Sinne christlicher Jenseitsvorstellungen war die antike Unterwelt nicht. Die spannende Frage, wie es in der Spätantike dazu kam, dass die verschiedenen griechischen und römischen Konzepte von Hölle und Himmel abgelöst wurden, ist freilich ausgeklammert. Das angehängte Kapitel "Fortwirken" setzt erst mit dem hohen Mittelalter wieder ein, mit Dantes Jenseitswanderung.

Und da findet sich dann eine wahrhaft bunte Mischung: Arnold Böcklins Gemälde "Die Toteninsel" von 1883 neben einem Hercule-Poirot-Roman von Agatha Christie, worin der Detektiv, seinem mythologischen Namensvetter folgend, in die "Hölle", will sagen einen Nachtclub mit florierendem Rauschgifthandel, hinabsteigt und den Wachhund (der natürlich Cerberus heißt) mit einem Keks besticht; Ridley Scotts "Gladiator"-Film aus dem Jahr 2000, worin der rechtschaffene Held (Russel Crowe) am Ende in ein seliges Elysium übergeht, neben Beispielen aus der Comic-Produktion.

glasierter Reliefbecher, kleinasiatisch, um
50-20 v. Chr., mit Inschrift: "Genieße,
solange du kannst!"

"Okay, alles aussteigen, wir sind im Hades, dem Land der Toten! Das macht dann zwei Münzen für die Überfahrt!" sagt in einer Szene von Matt Groenings "Futurama Comics" ein Totengerippe. Ob den Konsumenten die antiken Bezüge darin so ganz gegenwärtig werden? Sehr merkwürdig, dass offenbar keiner der Studenten in den Seminaren am Winckelmann-Institut sich für die Oper interessiert hat. Dabei hat gerade das Musiktheater, von Monteverdi bis zu Offenbach, sich der antiken Unterwelt immer wieder mit großer Liebe angenommen. Schon deshalb, darf man annehmen, weil die Bühnentechnik bei dem Hin und Her zwischen oberer und unterer Welt ihre Effekte demonstrieren konnte.


Ausstellung
"Zur Hölle!" Eine Reise in die antike Unterwelt,
im Pergamonmuseum, Museumsinsel Berlin
bis 2. März 2008
geöffnet Montag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 22 Uhr



Mehr im Internet:
Zur Hölle! Eine Reise in die antike Unterwelt
Unterwelt - Wikipedia
Zur Geographie der jenseitigen Welt, scienzz 30.10.2007
Sozialgeschichte des himmlischen Lebens, scienzz 31.10.2006

 

 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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