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29.11.2007 - KULTURWISSENSCHAFTEN

"Wir wissen es nicht, aber es muss sein"

Über Myrhen und Rituale des Blutes

von Josef Tutsch

 
 

Hinrichtungsszene in der
Französischen Revolution

"Blut ist ein ganz besondrer Saft", antwortet Mephisto auf die Frage, warum Faust den Teufelspakt mit einem Tröpfchen Blut unterschreiben soll. Man weiß nicht, inwieweit die vielen Menschen, die sich 1858 auf einem freien Platz vor den Toren von Göttingen zusammenfanden, um der Hinrichtung einer Kindsmörderin beizuwohnen, Goethes Tragödie gelesen hatten. Widersprochen hätte Mephisto vermutlich kaum jemand. "Dicht am Schafott", berichtete später ein Oberstaatsanwalt, "hatten sich einige an epileptischen Krämpfen Leidende aufgestellt, die den Gehilfen Glasgefäße übergeben hatten. In diesen Gefäßen fingen die Gehilfen das hervorsprudelnde Blut auf und reichen es den Epileptikern, die es sofort tranken."

Der Zeuge wusste auch den Grund dieses Verhaltens: "Es bestand die Meinung, dass das Blut Hingerichteter, frisch getrunken, die Fallsucht heilen könne." Ein Glaube, der im wissenschaftlich fortgeschrittenen 19. Jahrhundert offenbar weit verbreitet war. Vielleicht muss man sagen: gerade im wissenschaftlich fortgeschrittenen 19. Jahrhundert. Wolfgang Schild, Strafrechtsprofessor an der Universität Göttingen, hat sich mit den volksmedizinischen Erwartungen an das Blut Hingerichteter befasst und ist zu dem Schluss gekommen: Es handelt sich nicht um Überbleibsel uralter, vorchristlicher Magie, sondern gerade umgekehrt um Produkte neuzeitlichen Denkens.

Faust und Mephisto, Sil-
houtette von Paul Konewka
1864
 

Die Statistik spricht für Schilds These. Frühe Bericht, dass bei einer Enthauptung das noch fließende Blut getrunken wurde, finden sich schon kurz nach 1500, im 19. Jahrhundert häufen sich die Belege. Der Göttinger Strafrechtler stellt die Entwicklung in den Rahmen der allgemeinen Geistesgeschichte. Bereits die Reformation hatte alle quasi-magischen Vorstellungen vom Blut Christ in der Messfeier als abergläubisch beiseite geschoben, die Aufklärung stellte, mehr oder weniger ausdrücklich, alles Religiöse unter den Verdacht des Aberglaubens, auch der Strafvollzug wurde von religiösen Deutungen abgelöst. Paradoxes Ergebnis: Alle irrationalen Erwartungen an das Blut waren nun freigesetzt. Im finsteren Mittelalter wären öffentliche Praktiken, wie sie im 19. Jahrhundert aus Göttingen und einem Dutzend anderer Städte berichtet werden, so nicht möglich gewesen; das Christentum hatte aus dem Alten Testament das Verbot übernommen, Blut zu trinken.

Wolfgang Schilds Monographie über dieses, wenn man will, volksmedizinische Medikament ist Teil eines Projekts, das Kulturwissenschaftler und Anthropologen der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin gemeinsam in Angriff genommen haben: "Mythen des Blutes". Das Spektrum der Themen reicht vom Odysseus des homerischen Epos, der die Seelen der Toten zu Bewusstsein erweckt, indem er ihnen Blut zu trinken gibt, bis zur Duellszene in Thomas Manns "Zauberberg", mit der Feststellung des doch so aufgeklärten Intellektuellen Settembrini: "Wer für das Ideelle nicht mit seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag, der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller Vergeistigung ein Mann zu bleiben."

Beschneidung im alten Ägypten, 24. Jhdt.
vor Christus

Ein ganzer Mann: In vielen Kulturen und Religionen gehört dazu die Beschneidung der Vorhaut. Der Psychoanalytiker Yigal Blumenberg zitiert aus der Bibel die Begründung für das Gebot an Abraham und alle seine Nachkommen, sich beschneiden zu lassen: „Sei ganz!" Das scheint"vordergründig ein Widerspruch zu sein; aber offenbar ist in dieser Perspektive das erste Blutopfer Voraussetzung für eine Männlichkeit, die über das bloß Kreatürliche hinausgeht. Man wird für die weibliche Sexualverstümmelung, die bis heute vor allem im islamischen Afrika praktiziert wird, eine parallele Intention unterstellen dürfen; in der Berliner Aufsatzsammlung fehlt hierzu ein Beitrag. Wie schwierig es ist, über solche Rituale des Blutes zu diskutieren, zeigt der Artikel des Heidelberger Indologen Axel Michaels über Blutopfer in Nepal. Michaels berichtet, dass ein Gesprächspartner auf die Frage, warum bei manchen dieser Feste so viel Blut fließen müsse, geantwortet habe: "Wir wissen es nicht. Aber es muss sein." Der Indologe übersetzt dann auch gleich ins Niederdeutsche: "Wat mut, dat mut", und fügt an, dass sich ein Ritual besser nicht in eine Formel zwingen lasse.

Einen Versuch, die Notwendigkeit blutiger Rituale zu begründen, bietet immerhin ein Vers im Alten Testament, den der Religionswissenschaftler William K. Gilden aus Atlanta anführt: "Das Blut ist die Versöhnung, weil das Leben in ihm ist." Man darf einen Augenblick über die Frage spekulieren, wie sich die jüdische Religion wohl entwickelt hätte, wären die blutigen Opfer im Tempel von Jerusalem nicht vor zweitausend Jahren durch die Zerstörung suspendiert worden. Dagegen stellt sich der Islam, wie aus dem Artikel der Berliner Arabistin Angelika Neuwirth hervorgeht, mit dem alljährlichen Opferfest ausdrücklich in die alttestamentliche Opfertradition, während das Christentum über die Verbindung von Passionsgeschichte und Abendmahlssakrament einen hochsymbolischen Blutmythos ausbildete.

Herz Jesu, von H. Zabateri,'
spätes 19. Jahrhundert

Daran konnten sich allerlei sekundäre Mythen anschließen: von den blutenden Hostien im späten Mittelalter (dazu der Beitrag der Tübinger Ethikprofessorin Regina Ammicht Quinn) über die katholische Herz-Jesu-Mystik seit dem 17. Jahrhundert (die Wiener Kulturhistorikerin Gabriele Sorgo) bis zu den Phantasien von Jesu Weiterleben (seines Blutes oder seines Samens, wie auch immer) durch einen Sohn von Maria Magdalena, wie sie jüngst im "Sakrileg"-Film fröhliche Urstände feierten. Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun zeichnet die Verschlingungen nach, die es in zwei Jahrtausenden zwischen den beiden unterschiedlichen Legitimationsstrategien – einerseits über die geistige Verkündigung, andererseits über eine Blutsverwandtschaft mit dem Erlöser – gegeben hat. Blut oder Tinte, sozusagen.

Diese Entgegensetzung wird bereits in den Berichten aus der christlichen Urgemeinde offenbar, der frühe Islam hatte dasselbe Problem, das sich bis heute im Nebeneinander der beiden Richtungen Sunna und Shia fortsetzt. Im Schicksal des Prophetenenkels Husayn – also eines "Blutsverwandten" – kennen die Shiiten sogar eine blutige Passionsgeschichte, die in der Gegenwart durch Selbstgeißelungen rituell immer wieder erneuert wird. Aber à propos "Blutsverwandtschaft": Diesen Ausdruck verdanken wir, wie der Zürcher Philologe Walter Burkert berichtet, den alten Griechen und Römern. "Aus solchem Stamm und Blut rühme ich mich zu sein", stellen Homers Helden sich gelegentlich vor und meinten damit ihre väterliche Abstammung. Bereits die antiken Kommentatoren fanden das erklärungsbedürftig und vermerkten, Blut stehe hier metaphorisch für Sperma.

Auch eine Blutsmythologie: Roman
Polanskis "Tanz der Vampire"
 

In einer Tragödie des Euripides fragt jemand seinen Vater: Bist du gar nicht mein echter Vater, bin ich gar nicht dein Sohn, sondern "untergeschoben von Sklavenblut"? "Hier taucht erstmals eine Ideologie des Blutes zur Ausgrenzung der Niederen auf, eine Adels- oder eher Bürger-Ideologie, die die Verbindung mit der Unterklasse kippen will", resümiert Burkert. In der hebräischen Bibel ist statt dessen nicht von Blut die Rede, sondern, biologisch korrekt, von Samen. "Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen", heißt es noch in dem bekannten Kirchenlied "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren". Rechtlich verfestigt wurde die Ideologie, die bei Euripides anklingt, erst bei den Römern. Der Historiker Sueton berichtet, die Ehegesetze des Kaisers Augustus hätten das Ziel gehabt, "das Volk rein und unverdorben von aller Beimischung von Fremden- und Sklavenblut zu erhalten".

Von da aus lässt sich die Linie ziehen zu den Rassegesetzen des Nationalsozialismus. Der Bildungstheoretiker Micha Brumlik von der Universität Frankfurt am Main referiert, dass es unter den Medizinern und Juristen des Dritten Reiches über "Blut und Rasse" sehr kontroverse Meinungen gab. Arthur Dinter, zeitweise Gauleiter in Thüringen, vertrat die Auffassung, wenn eine arische Frau ein einziges Mal mit einem jüdischen Mann verkehrt habe, könne bei ihren zukünftigen Kindern mit arischen Männern in deren Blut jüdisches Erbgut zirkulieren. Soviel blutsmythologische Distanz zu den Erkenntnissen der Naturwissenschaft scheint aber sogar den Parteioberen zuviel gewesen zu sein. Dinter wurde ausgeschlossen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Mythen des Blutes,
herausgegeben von Christina von Braun und Christoph Wulf,
Campus Verlag, Frankfurt und New York 2007, ISBN
978-3-593-38349-1, 39,90



Mehr im Internet:
Blut - Wikipedia 
scienzz artikel Rituale





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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