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politik

13.09.2004 - PISA

Irgendetwas läuft falsch ...

... und keine Partei will eine bildungspolitische Prinzipiendiskussion lostreten

von Josef Tutsch

 
 

Lesen und Schreiben - seit den
alten Ägyptern eine wichtige
Fertigkeit

Die Klage ist alt: Ein Viertel aller Schulabgänger, die sich in Deutschland um eine Lehrstelle bewerben, sei von vornherein "nicht ausbildungsfähig". Bisher konnte man das als Nörgelei altgewordener Chefs ansehen, die mit der heutigen Jugendkultur nicht Schritt halten; aber der "PISA"-Bericht bestätigt diese Zahl: Etwa im Fach "Lesen" gelangen 22,8 % aller Fünfzehnjährigen nicht über das Niveau hinaus, das man bereits auf der Grundschule - also mit neun oder zehn Jahren - erwarten müsste.

Um das ändern zu können, müsste man zunächst einmal wissen, wo genau - also in welchen Schulformen welcher Bundesländer - die Schwächen liegen. Und da lässt uns PISA leider im Stich. Jürgen Abel, Privatdozent für Schulpädagogik an der Universität Bielefeld: "Wir können die Leistungswerte zwischen den Schulformen innerhalb jeweils eines Bundeslandes vergleichen, aber nicht die Werte zwischen Schulrelief von Neumagenden Bundesländern jeweils bei den einzelnen Schulformen." Abel geht soweit, den Verantwortlichen politische Absicht zu unterstellen: "Um Vergleiche zwischen den Bundesländern zu verhindern, wurden die Leistungsdaten in Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften usw. so transformiert, dass sie für jedes Bundesland den Mittelwert von 100 und eine Standardabweichung von 30 aufweisen."

Eine ganz große Koalition der Geheimhaltung, um einen neuen bildungspolitischen Prinzipienstreit zu verhindern? Klar ist, dass dadurch erst recht die Neugier geweckt wird. Mit etwas "Probieren" - Stichwort "Varianzanalyse" - ist es Abel gelungen, die Daten derart zu rekonstruieren, dass sie nationale und internationale Vergleich möglich werden. Um die parteipolitisch spannende Frage vorweg zu nehmen - die Ergebnisse lassen sich nicht säuberlich nach "schwarz" und "rot" sortieren. Die Stimmung zwischen den Kultusministern kann man sich anhand von Abels Zusammenfassung dennoch vorstellen: "In 13 der 16 Bundesländer liegen die durchschnittlichen Leseleistungen der Hauptschüler auf Grundschulniveau. Die Ausnahmen sind Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz."


Den negativen Rekord halten Bremen und Sachsen-Anhalt: Rund 80 % der Hauptschüler der neunten Klassen dort stehen in der Lesekunst auf dem Niveau der Grundschule, in Hessen und Mecklenburg-Vorpommern sind es mehr als 60 %. Da muss irgendetwas falsch laufen - in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind es "nur" 25 bis 27 %, bei Lichte besehen allerdings auch kein sonderlich brillantes Ergebnis; 25 der Nationen, die bei PISA berücksichtigt sind, zählen weniger "Risikoschüler". In Mathematik oder  aturwissenschaften sieht es übrigens für die deutschen Bundesländer nicht besser aus.

Schule im MittelalterDie Ergebnisse für Realschulen und integrierte Gesamtschulen, berichtet Abel, fallen nicht derart katastrophal aus, bestätigen aber den Eindruck: Fast ein Viertel aller Fünfzehnjährigen erreicht nicht die Kompetenz, die für eine Berufsausbildung erforderlich wäre - und dieses Viertel ist regional, um nicht zu sagen: landesbildungspolitisch, sehr ungleich verteilt. Schließlich wird niemand vermuten wollen, im Norden wären die Intelligenzgene dünner gesät .

Dieser großen "Risikogruppe" steht eine relativ kleine "Spitze" von Schülern gegenüber, die, so die Formulierung der PISA-Studie, unvertraute, komplexe Texte "flexibel nutzen" können. Auf deutsch: die in der Lage sind, einen Zeitungskommentar, der über Boulevardniveau hinausgeht, mit eigenen Worten wiederzugeben und mit einem eigenen Für und Wider zu versehen. Die Verteilung sieht auch hier nicht anders aus: 4,4 % in Bremen, knapp 10 % in Bayern. Offenbar, resümiert Abel, "fördern in Deutschland die Schulen der Sekundarstufe I weder schwache noch leistungsstarke Schüler optimal. Nur in drei Bundesländern ist es gelungen, diese Diskrepanz zu reduzieren."  Bloß Kopfschütteln hat Abel für die Erklärung übrig, die schlechten Noten für Deutschlands Schulen wären auf Schüler mit "Migrationshintergrund" zurückzuführen: "Unter jenen Länden, die das Niveau herunterreißen, sind doch einige, wo es so gut wie keine Migranten gibt."

 

 

Mehr im Internet:

PISA

Hauptschüler in Deutschland
Brennpunkt Hauptschule

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur
scienzz communcation.

 

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