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kultur

31.12.2007 - NEUJAHR

"Als man das Kind beschneiden musste ..."

Ein halb verdrängtes Fest und ein umstrittener Brauch

von Josef Tutsch

 
 

Die Saturnringe (hier eine Aufnahme der
Sonde Voyager) sei, einem frommen Ge-
dicht aus dem 17. Jahrhundert zufolge, die
an den Himmel versetzte Vorhaut Jesu

Was eigentlich wird am 1. Januar gefeiert? Dumme Frage, Neujahr natürlich, was denn sonst. Und das bereits seit 153 vor Christus, damals wurde im alten Rom der Termin der staatlichen Ämterwechsel vom 1. März auf den 1. Januar verlegt. Ganz so abwegig ist die Frage dennoch nicht. Erstens waren in der Zwischenzeit allerlei andere Daten als Jahresbeginn gebräuchlich, in Deutschland zum Beispiel bis ins 13. Jahrhundert Weihnachten, in Frankreich bis ins 16. Jahrhundert Ostern. Und zweitens haben sich die christlichen Kirchen nach Kräften bemüht, dem Neujahrstrubel etwas anderes entgegenzusetzen. "Jene mögen Neujahrsgeschenke machen", polemisierte der Kirchenvater Augustinus, "ihr sollt Almosen geben; jene mögen ausgelassene Lieder singen, ihr sollt euch hinziehen lassen zum Wort der Schrift; jene mögen ins Theater eilen, ihr in die Kirche; jene mögen sich berauschen, ihr sollt fasten."

Von Martin Luther ist bekannt, dass er Neujahr gern wieder auf den Weihnachtstag verlegt hätte. "Des freuet sich der Engel Schar und singet uns solch neues Jahr", heißt es in einem seiner Kirchenlieder. Im 6./7. Jahrhundert hatten Konzilien sogar versucht, die ersten drei Jahrestage als allgemeine Bußzeit festzuschreiben. Damals feierte man in Rom in Konkurrenz zu Neujahr ein Marienfest. Durchgesetzt hat sich im kirchlichen Festkalender jedoch der naheliegende Gedanke, dass der 1. Januar genau eine Woche nach Weihnachten liegt. Und dafür hatte die biblische Geschichte ein Ereignis parat: "Als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie ihn der Engel genannt hatte, bevor das Kind im Mutterleib empfangen war."

Beschneidung des Jesuskindes
(flämischer Altar in der Pfarr-
kirche von Suggerath bei Gei-
lenkirchen, 1520er Jahre)
Rundum glücklich scheinen die Kirchen, die katholische wie die evangelische, mit diesem "Fest der Beschneidung des Herrn" aber nicht geworden zu sein. Der römische Festkalender von 1969 ist zum alten Marienfest zurückgekehrt, mit dem zusätzlichen Vermerk, es werde der "Namengebung Jesu" gedacht. Das Unbehagen ist nachvollziehbar: "Beschneidung" ist der Inbegriff der jüdischen Vorgeschichte des Christentums. Und vom jüdischen Ritualgesetz hatte sich die neue Religion bereits wenige Jahre nach Jesu Tod distanziert.

Wie diese Sitte der Beschneidung zu verstehen ist, gehört zu den umstrittensten Fragen der Kulturgeschichte. Die hebräische Bibel lässt Jahwe zu Abraham, dem Urvater des Volkes Israel, sagen: "Das soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch. Jedes Knäblein, wenn es acht Tage alt wird, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen ... Wenn aber ein Männlicher nicht beschnitten wird an seiner Vorhaut, wird er ausgerottet werden aus seinem Volk, weil er meinen Bund gebrochen hat." Eine halb und halb komödiantische Episode im Alten Testament erzählt, dass Moses, unter Ägyptern erzogen, nur knapp dieser Gefahr entgangen sei: "Der Herr kam ihm entgegen und wollte ihn töten. Da nahm Zippora (Moses’ Frau) einen scharfen Stein und beschnitt ihrem Sohn die Vorhaut und berührte damit seine Scham ... Da ließ er ab von ihm."

Beschneidungsszene aus dem alten
Ägypten (24. Jh. v.Chr-)
"Sei fromm!" beginnt in Luthers Übersetzung Gottes Befehl an Abraham; in der Fassung von Martin Buber und Franz Rosenzweig heißt es: "Sei ganz!" Anscheinend ist vorausgesetzt, dass der Mensch – der männliche Mensch, der gemäß patriarchalischen Wertvorstellungen allein in Frage kam – erst durch ein Opfer von Fleisch und Blut vollständig werde. Manche Religionshistoriker haben das als Ersatz älterer Menschenopfer gedeutet, manche Psychologen vermuten, dass die Vorhaut quasi als weibliches Relikt gesehen wird, das abgetrennt werden muss, um den Knaben zu einem richtigen Mann heranwachsen zu lassen.

Der Koran erwähnt die Beschneidung zwar nicht; aber da Mohammed der Religion Abrahams folgen wollte, gehört dieser Ritus auch für Muslime heute ganz selbstverständlich zu ihrer Religion. Er wird im vorislamischen Arabien bereits üblich gewesen sein, ebenso wie bis heute bei vielen sogenannten "Naturvölkern", von Afrika bis in die Südsee. Meist wird die Operation nicht bei Säuglingen, sondern erst zur Pubertät durchgeführt – eine "Initiation", um den männlichen Nachwuchs in die Gesellschaft einzugliedern. Sie nimmt dann wohl auch den Charakter einer Mutprobe an. Es gibt verschiedene Formen. Bei australischen Ureinwohnern war es Brauch, den jungen Männern einige Wochen nach Entfernung der Vorhaut noch die Harnröhre zu spalten, in Indonesien, manchmal auch Bambus- oder Metallstücke in den Penis einzusetzen.

Beschneidung Jesu (Bemälde von
Guido Reni (1635/40)
Das Christentum hat bekanntlich schon wenige Jahre nach Jesu Tod davon abgesehen, von neubekehrten Heidenchristen die Beschneidung zu fordern. Statt dessen wurde als Initiationsritus die Taufe eingeführt. Im 12. Jahrhundert entwickelte der jüdische Arzt eine neue, sozusagen rationalistische Begründung für die alte Sitte: Die Geschlechtsorgane würden geschwächt, so dass sie zwar noch zur Zeugung taugen, aber keine überschüssige Lust mehr zulassen könnten. Ein Gedanke, der im 19. Jahrhundert auch unter säkular denkenden Ärzten seine Anhänger fand: Man glaubte, mit diesem chirurgischen Eingriff der Masturbation vorbeugen zu können.

Im 20. Jahrhundert wiederum wurden, vor allem in den angelsächsischen Ländern, gern hygienische oder medizinische Begründungen propagiert. Jüngste Version: Bei beschnittenen Männern wäre das Risiko einer Infektion mit HIV herabgesetzt. Nachdem in Großbritannien die Krankenkassen eine Beschneidung, wenn sie nicht im Einzelfall wirklich medizinisch angezeigt ist, nicht mehr finanzieren, soll der Prozentsatz auf knapp über Null zurückgegangen sein. Dagegen werden in den USA weiterhin circa 50 Prozent aller Neugeborenen beschnitten. Weder die Gesetzgeber in Judentum und Islam noch die Ärzte des 19. Jahrhunderts werden geahnt haben, dass heute vor allem unter homosexuellen Männern eine kontroverse Diskussion über die ästhetischen und sexuellen Vor- oder Nachteile einer Beschneidung geführt wird.

Wie bei einer christlichen Taufe: Be-
schneidungsfeier in einer jüdischen
Synagoge
Strafrechtlich betrachtet, handelt es sich natürlich um Körperverletzung, die – wenn keine dringenden medizinischen Gründe vorliegen – nur durch das Recht der Religionsfreiheit begründet werden kann. In den westlichen Ländern herrscht weitgehend Konsens, dass hingegen eine Beschneidung der weiblichen Genitalien auch durch Religionsfreiheit nicht gedeckt sei. Tatsächlich ist der chirurgische Eingriff, wie er in weiten Teilen Afrikas, von Mali bis nach Äthiopien und Somalia, sowie in manchen arabischen Ländern und Südostasiens gebräuchlich ist, in seiner Drastik mit dem Entfernen der Vorhaut kaum vergleichbar. Jungen Mädchen werden, entweder schon im Säuglingsalter oder kurz vor der Pubertät, Klitoris und Schamlippen amputiert. Im nordöstlichen Afrika wird oft auch die Vulva bis auf eine kleine Öffnung für Urin und Menstruationsblut zwecks Garantie vorehelicher Keuschheit zugenäht.

Ein Großteil dieser Völker ist muslimischen Glaubens. Eine Vorschrift im Koran findet sich jedoch nicht, die Überlieferung kennt lediglich eine Anekdote, worin sich Mohammed mit einer Beschneiderin unterhält und ihr freistellt, ihren Beruf weiter auszuüben. Mohammeds Aussage "schneide leicht und übertreibe nicht" ist von den islamischen Rechtsgelehrten in ganz verschiedene Richtungen hin interpretiert worden. Jedenfalls ist auch die weibliche Beschneidung weit älter als der Islam. Archäologen haben bereits an ägyptischen Mumien Anzeichen für diese Operation gefunden, sie findet sich bei animistischen Völkern ebenso wie unter koptischen Christen und äthiopischen Juden, ähnlich wie bei den Knaben mit einem aufwändigen Initiationsfest verbunden.

Großes Familienfest: islamische Beschnei-
dungfeier in Istanbul
Kultureller Hochmut scheint unangebracht: Im 19. Jahrhundert empfahlen europäische Ärzte die Beschneidung auch von Mädchen als Mittel gegen Masturbation und Hysterie. Man darf vermuten, dass die Klitoris in manchen Kulturkreisen als Überbleibsel eines männlichen Penis wahrgenommen wird, ohne dessen Entfernung das Mädchen nicht zur "richtigen" Frau heranreifen kann – dass zugleich eine effektive Kontrolle weiblicher Sexualität erreicht werden kann, widerspricht dem ja nicht. Aus dem alten Rom ist bezeugt, dass Sklavenmädchen, deren Genitalien zugenäht waren, auf dem Markt einen höheren Preis erzielten. Viele islamische Länder wie zum Beispiel Ägypten haben die Beschneidung längst verboten, offenbar mit begrenztem Erfolg. Auch unter Migrantenfamilien im Westen wird sie praktiziert, entweder illegal oder auf einer Reise ins Herkunftsland.

Weiterungen des Themas, von denen sich niemand eine Vorstellung gemacht haben wird, als in der späten Antike eine Woche nach Weihnachten das Fest der "Beschneidung Christi" aufkam. Wahrscheinlich hatten die Theologen damals von dem Vorgang, von dem sie im Lukasevangelium lesen konnten, auch nur eine abstrakte Vorstellung. Jahrhunderte lang scheint es keinerlei bildlichen Darstellungen gegeben zu haben. Der älteste Beleg ist eine byzantinische Ikone des 10. Jahrhunderts, ein berühmter Fall in der westlichen Kunst der Altar von Klosterneuburg aus dem 12. Jahrhundert. Erst im späten Mittelalter findet sich das Motiv auf den Altarbildern häufiger.

Protest gegen "female genital cutting" in
Somalia
Und das offenbar im Zusammenhang mit dem sich ausbreitenden Reliquienkult. Höchster Ehrgeiz jeder Kirche war es, den Gläubigen Reliquien nicht nur von Heiligen, sondern von Christus präsentieren zu können. Christus war aber zum Himmel aufgefahren, von seinem Körper konnte also auf Erden nur noch vorhanden sein, was damals nicht mehr dazu gehörte, und da kam vor allem die Vorhaut in Frage. Ein Dutzend Kirchen zwischen Rom und Antwerpen, Santiago de Compostela und Hildesheim behaupteten, im Besitz dieser Reliquie zu sein.

Im 17. Jahrhundert soll der Kurator der vatikanischen Bibliothek, Leo Allatius, jedoch eine Theorie entwickelt haben, die in ihrer poetischen Art den antiken Sternsagen zu entstammen scheint: Die Vorhaut Christi sei ebenso wie Christus selbst zum Himmel aufgestiegen und habe sich dort in die Saturnringe verwandelt. Allatius war astronomisch auf der Höhe seiner Zeit. Kurz zuvor hatten Galilei und Huygens das außergewöhnliche Himmelsphänomen entdeckt und beschrieben.


Mehr im Internet:
Beschneidung - Wikipedia
Über Mythen und Rituale des Blutes, scienzz 29.11.2007

Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.

 

 

 

 

 

 

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