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kultur

24.12.2007 - KULTURGESCHICHTE

Die ganze Menge der himmlischen Heerscharen

Nicht nur zur Weihnachtszeit - ein Streifzug durch die Kulturgeschichte der Engel

von Josef Tutsch

 
 

Detail aus Raffaels "Sixtinischer Madonna"
(1512/13)

Engel – gibt’s die? Wenn man der Bibel folgt, dann ganz sicher. Ein Engel steht mit Flammenschwert an der Pforte des Paradieses, um zu verhindern, dass wir wieder hineinkommen; ein Engel kündigt Maria die Geburt des Erlösers an; ein Engel wälzt den Stein von Christi Grab und verkündet die Auferstehung. Und was wäre die Weihnachtsgeschichte ohne jenen Engel, der von der großen Freude spricht, welche "allem Volke widerfahren" wird? Und ohne die ganze "Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens"?

Dabei sind die Engelsvorstellungen viel älter als die Bibel. Bereits im 23. Jahrhundert vor Christus finden sich auf mesopotamischen Rollsiegeln Figuren, die als Engel gedeutet werden. Ägyptische Sarkophage des 15. und 14. Jahrhunderts zeigen Engel, die ihre Flügel schützend über den toten Pharao ausbreiten. Bald erhielten im Nilland auch gewöhnliche Sterbliche an den Grabwänden ihre Schutzengel. Dagegen haben die geflügelten Genien, die in assyrischen Königspalästen Wache halten, eher einen politischen Auftrag, sozusagen als Engel von Staats wegen. So ist denn auch die griechische und römische Kunstgeschichte voll von geflügelten Göttinnen, die den Sieg verheißen.

Engelsvision des Propheten
Jesaja (zypriotisch(

Flügel: Heutzutage sind Engel ohne dieses Attribut schwer vorstellbar. Ausgerechnet in der christlichen Kunst der ersten drei oder vier Jahrhunderte treten diese Vermittler zwischen irdischer und überirdischer Welt – griechisch "angelos" bedeutet Botschafter – jedoch ohne Flügel auf. Tatsächlich kennt die biblische Literatur ja auch das Phänomen des sozusagen verhüllten Engels. Zum Beispiel in der Novelle vom frommen Tobit wandelt der Engel Raphael in Menschengestalt und offenbart erst zum Schluss seine wahre Identität. In der Vision des Propheten Hesekiel dagegen haben die Engelwesen vor Gottes Thron vier Gesichter und vier Flügel. Beim Propheten Jesaja ist sogar von sechs Flügeln die Rede.

Jüdische und christliche Theologen haben viel Mühe aufgewandt, die verstreuten Stellen, die sich in der Bibel über die Engel finden, zu systematisieren. Besonders einflussreich wurde die Lehre des Dionysius Areopagita um 500 nach Christus. Dionysius unterschied neun Engelchöre, von den Seraphim und Cherubim bis hinunter zu Erzengeln und "einfachen" Engeln. Diese Konzeption wirkt bis in die Gegenwart fort: Der Anthroposoph Rudolf Steiner meinte, die Menschen würden später einmal diesen neun Hierarchien als zehnte hinzugefügt. Vor allem auf byzantinischen Ikonen treten die Engel gern in Scharen auf, als ganzer himmlischer oder auch militärischer Hofstaat. In der westlichen Kunst sind es eher einzelne Engelsfiguren, die bei den entscheidenden Stationen der Heilsgeschichte assistieren.

Ein Engel hält Abraham davon ab, seinen
Sohn Isaak zu opfern (Gemälde von Rem-
brandt, 1635)

Solche Assistenz ist kein Monopol des Christentums. Es war der Erzengel Gabriel, der Mohammed den Koran offenbarte. Und die mormonische Kirche glaubt, dass ihr heilige Buch Mormon dem Kirchengründer Joseph Smith auf goldenen Tafeln von einem sonst unbekannten Engel namens Moroni übergeben wurde. Wie viele Engel mag es insgesamt geben? In der Volksfrömmigkeit vor allem bei Katholiken ist der Gedanke verbreitet, dass jeder einzelne Mensch einen Schutzengel habe. Ähnlich kennt der Islam die Vorstellung, dass auf der rechten und der linken Schulter jedes Menschen Engel sitzen, die alle guten und bösen Taten notieren.

Engel gibt es in der Mehrzahl, in der jüdischen und christlichen Tradition wie auch im Islam treten sie als Individuen auf. Das hat den Scholastikern viel Kopfzerbrechen bereitet. Bei Aristoteles war nachzulesen, dass Individualität auf einer Verbindung von Form und Stoff beruhe. Wie also konnte man sich Engel als rein geistige Wesen und zugleich individuell denken? Wollte man Engeln jedoch stoffliche oder physische Existenz zubilligen, dann mussten sie auch eine Ausdehnung haben. Das ist der Ursprung der viel belächelten Diskussion, wie viel Engel auf eine Nadelspitze passen.

Erzengel Michael im Kampf
mit dem Drachen (Radierung,
Michael Schongauer, 1470)

In der Kunst des Mittelalters bereitete sich eine noch viel folgenreichere Neuerung vor. Bisher waren Engel als erwachsene Männer vorgestellt worden; die Kölner Malerschule des 13. Jahrhunderts brachte die Kinderengel auf – die "Putti" waren geboren, zunächst noch recht brav und fromm, später, als sie in großen Scharen die barocken Kirchen Süddeutschlands bevölkerten, oft wahre Lümmel. Seit der italienischen Frührenaissance sind Engel, wenn nicht unschuldige Kinder, dann in der Mehrzahl weiblich, vielleicht bloß deshalb, weil das lange Gewand in antiken Darstellungen missdeutet wurde. Die Folkloreindustrie der Gegenwart – bizarr karikiert in Heinrich Bölls Erzählung "Nicht nur zur Weihnachtszeit" – hat nur noch rotwangige, silbrig gekleidete Figuren übrig gelassen, die mechanisch "Frieden" flüstern.

Auch die Reformation ließ die Engel nicht verschwinden. Man könnte meinen, dass die Botenfunktion mit dem protestantischen Gedanken einer Unmittelbarkeit zu Gott sich schwer vereinbaren ließe; aber die Engel waren biblisch zu gut bezeugt. Und, ebenso entscheidend: ohne Engel keine Teufel. Dass es Teufel wirklich gibt, war bis weit in die Neuzeit hinein keine Frage. Viele – katholische wie protestantische – Theologen hätten auf Zweifel erstaunt geantwortet, ihre Existenz sei doch empirisch belegt: durch die Tätigkeit von Hexern und Hexen, die ihre übernatürlichen, aber bösen Fähigkeiten schließlich nicht von Gott und seinen guten Engeln haben konnten, sondern nur durch einen Pakt mit dem Teufel, womöglich durch "Buhlschaft".

Honigschleckender Putto
(Wallfahrtskirche Birnau
am Bodensee, um 1748)

Ein Teil der Engel lehnte sich gegen Gott auf und wurde dafür mit Vertreibung aus dem Himmel bestraft wurde, das ist Gemeingut der drei monotheistischen Weltreligionen. Die Gründe freilich werden verschieden benannt. Stellen des Alten Testaments sprechen von Stolz und Selbstüberhebung; das nachbiblische Buch Henoch etwa aus dem 1. Jahrhundert vor Christus mutmaßt sexuelle Begier; der Koran erzählt, Satan habe sich geweigert, dem Menschen, der doch bloß aus Lehm geschaffen sei, Reverenz zu erweisen. In John Miltons Epos vom "Verlorenen Paradies" 1667 rebelliert eine Fraktion der Engel gegen Gottes Plan, den Menschen zu erschaffen.

Die Offenbarung des Johannes hat den Kampf des Erzengels Michael gegen seinen abtrünnigen Engelskollegen dramatisch ausgemalt: "Es erhob sich ein Streit im Himmel. Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen, und der Drache stritt und seine Engel und sie siegten nicht ... Und es war ausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißet der Teufel und Satan, der die ganze Erde verführt, und war geworfen auf die Erde und seine Engel wurden auch dahin geworfen." Drache und Schlange: Wenn man so will, ist auch die Schlange, die im Paradies Eva dazu verleitet, gegen das göttliche Verbot vom Baum der Erkenntnis zu essen, ein Engel – ein gefallener Engel. Der Apostel Paulus deutet im 1. Korintherbrief an, unsere Welt sei von widergöttlichen Engelmächten, den "Archonten", beherrscht.

Die himmlischen Heerscharen bei der
Schlacht von Lepanto (Gemälde von
Paolo Veronese, um 1572)

Dagegen wurde Michael zum Inbegriff christlichen Kriegertums. Wahrscheinlich geht auch die Figur des "deutschen Michel" auf den kämpfenden Erzengel zurück, jedenfalls ist Michael seit dem Mittelalter als Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation belegt. In entscheidenden Wendepunkten der Weltgeschichte werden immer wieder Engel aktiv. Gemälde der Schlacht von Lepanto 1571, wo eine spanisch-venezianisch-päpstliche Flotte über die Türken siegte, zeigen, wie die Menge der himmlischen Heerscharen den christlichen Streitern beisteht, bekanntestes Beispiel: das Bild von Paolo Veronese ein paar Jahre später. Die islamische Überlieferung kennt dasselbe Motiv: In Mohammeds Schlacht gegen die heidnischen Mekkaner griffen Engel ein, um ihm den Sieg zu verleihen.

Inzwischen sind Engel und Teufel als Thema in der "wissenschaftlichen" Theologie immer mehr zurückgetreten. Den radikalen Schlusspunkt setzte unter dem Schlagwort "Entmythologisierung" Rudolf Bultmann mit seinem kühlen Fazit: "Man kann nicht elektrisches Licht in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben." Was die Demoskopen berichten – auch aus Europa, noch mehr aus Nordamerika – legt aber die Vermutung nahe, dass ein solcher Spagat sehr wohl möglich ist. Vor zwei Jahren ergab eine Meinungsumfrage, dass zwei Drittel aller Mitteleuropäer auf die Hilfe von Schutzengeln vertrauen. Das wären mehr, als anderen Umfragen zufolge an Gott glauben. Auch manche  Kreationisten, insbesondere Vertreter des Intelligent Design, nehmen ihre Zuflucht zu den Engeln, um wirkliche oder vermeintliche Lücken in unserem Wissen von der Entwicklung der Welt, des Lebens und des Menschen zu schließen.

Musizierene Engel (Wien, Peterskirche,
1. Hälfte 18. Jahrhundert)

Sehr unmodern geworden ist dagegen die Vorstellung, dass es neben den guten Engeln auch böse, gefallene oder Teufel geben könnte; hierzu bekennt sich nicht einmal jeder dritte aller Befragten, zum Leidwesen sowohl des katholischen Lehramts als auch konservativer Strömungen im Protestantismus. Da stößt, was sich irgendein frommer Scherzbold beim Heiligen Stuhl ausgedacht hat, vermutlich auf weniger Vorbehalte. Die Homepage des Vatikans trägt ganz offiziell den Namen "Gabriel", nach dem Engel, der Maria die Geburt des Erlösers verkündete. Das Intranet für die Angestellten ist "Raphael" benannt, wie jener begleitende Engel aus dem biblischen Buch Tobit. Und die Firewall zum Schutz vor Computerviren heißt "Michael", der Engel, der den Drachen besiegte.


Mehr im Internet:
Eine Tour d'horizon durch die Weihnachtspoesie, scienzz 22.12.2006
Ein Heiliger und seine Konkurrenz, scienzz 6.12.20057  
Der Apfel der Sünde am Baum der Erlösung, scienzz 21.12.2005 
Maria mit Schnürmieder und Josef ohne Hosen, scienzz 22.12.2005 
Aus der Kindheit der Götter und Heroen, scienzz 06.01.2006 
Wertvoller als Gold, scienzz 06.01.2005 
Damit erfüllt würde, was gesagt ist ..., scienzz 20.12.2004

 

 






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.

 

 

 

 

 

 

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