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11.12.2007 - POLITIK

Kirche, Konzern, Verschwörung?

Versuch einer Einschätzung von Scientology

von Josef Tutsch

 
 

Am Deutschland-Hauptquartier in Berlin
Bild: Klaus Oberzig
1932 war in der Berliner Zeitschrift "Querschnitt" eine Utopie zu lesen. Irgendwann demnächst, malte der Verfasser, ein Hans Seiffert, aus, würde es nur noch eine einzige Religion geben, die "Weltreligion Sport". Dann würde man sich nur mühsam erinnern können, welche Religionen damals, im 20. Jahrhundert, aktuell waren.

Die Bedeutung des Sports hat in den letzten 75 Jahren eher noch zugenommen, aber als Religion gilt Sport heute so wenig wie zu Seifferts Zeiten. Warum eigentlich nicht? Die großen Sportverbände können es an gesellschaftlichem Einfluss mit den etablierten Kirchen aufnehmen, in den Stadien herrscht oft eine hingebungsvolle Atmosphäre, auf die viele Pfarrer neidisch sein dürften; sicherlich würden viele Fans, wenn man sie nach dem Sinn des Lebens befragt, auf den Sportbetrieb verweisen. Und nicht zuletzt: Nationale Identität wird hierzulande und heutzutage weitgehend über internationale Sportkonkurrenzen gestiftet. Was fehlt, ist offenbar das metaphysische Moment, ist ein Konzept, Welt und Leben im Ganzen aus der Idee Sport heraus erklären und legitimieren zu können. Und dann, ganz formalistisch, der Anspruch der Verbandsrepräsentanten, mit dem Sport so etwas wie Religion zu bieten.

Kreuzsignet in Berlin
Genau einen solchen Anspruch erhebt Scientology. Seit Mitte der 1950er Jahre publizierte der amerikanische Schriftsteller L. Ron Hubbard, der in den Jahren zuvor, jenseits der Schulmedizin, ein umfangreiches System von Gesundungstechniken, die "dianetics", entwickelt hatte, unter dem Titel "Church of Scientology"; das Leitungsgremium, das sich nach dem Tod des Gründers 1986 konstituierte, trägt den Namen "Religious Technology Center". Seitdem wird heftig diskutiert, ob es sich bei dieser Kirche oder Religion vielleicht um einen Etikettenschwindel handeln könnte. Scientologen behaupten, ihre Vereinigung sei in mehreren Ländern als Religion "anerkannt", Kritiker sehen in dieser Selbstbezeichnung einen Trick, um in den Genuss von Gemeinnützigkeitsbestimmungen zu kommen und Steuern zu sparen.

Schlimmer noch: unter dem Mantel einer Kirche oder Religion oder einer "religious philosophy" eine politische Ideologie zu vertreten und ihre Anhänger mit Gehirnwäsche zu manipulieren. Zum Beispiel in Deutschland wird Scientology seit 1997 vom Verfassungsschutz wegen des Verdachts auf Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung beobachtet; die Konferenz der Innenminister beschloss Anfang Dezember, nunmehr intensiv prüfen zu lassen, ob ein Verbot möglich und sinnvoll ist. Eine Enquetekommission der französischen Nationalversammlung kam 1995 zu dem Schluss, Scientology sei ein "Kult mit gefährlichen Eigenschaften", eine Kommission der australischen Regierung meinte, die intern angewandten Methoden seien "gefährlich für die mentale Gesundheit der Anhänger". Eine Broschürenfolge der bayerischen Staatsregierung reiht Scientology kurzerhand zwischen islamischem Extremismus und organisierter Kriminalität ein.

Hubbards Hauptwerk
Kirche oder Kommerz, womöglich mit Neigung zur Kriminalität und zur Verfassungsfeindlichkeit? Die Rechtsprechung der Gerichte ist uneinheitlich. Das Oberlandesgericht Düsseldorf vermochte bei Scientology keinen überwiegend ideellen Zweck festzustellen, nach langem Streit durch mehrere Instanzen musste sich auch die Hamburger Niederlassung als Gewerbe anmelden. Andererseits hat das Bundesverwaltungsgericht geurteilt, dass der Schutz nach Artikel 4 des Grundgesetzes nicht schon dann entfällt, wenn sich eine Gemeinschaft überwiegend wirtschaftlich betätigt. Erst dann werde sie nicht durch das Grundrecht der Religionsfreiheit geschützt, wenn ihre religiösen oder weltanschaulichen Lehren lediglich als Vorwand für die Verfolgung wirtschaftlicher Ziele dienten. Das Bundesarbeitsgericht entschied, Scientology sei "keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes", wollte aber nicht ausschließen, dass einzelne Mitglieder bei Scientology sich durchaus in diesem Sinne betätigen  könnten. 

Was ist eigentlich eine "Religion"? Zumindest in der Bundesrepublik Deutschland wird in keinem Gesetz eine Definition versucht. Es steht hier ähnlich wie mit dem Begriff des Wiener Schnitzels in einer berühmten Verfügung des österreichischen Innenministeriums: Wiener Schnitzel dürfe "nach den herkömmlichen Kochbüchern und nach den Verbrauchererwartungen" nur aus Kalbfleisch (also nicht aus Schweinefleisch) zubereitet werden. Religion bestimmt sich mithin nach dem, was die Wissenschaft (die "Kochbücher") und das Publikum (die "Verbraucher") von einer Religion erwarten. In einer sich globalisierenden Welt kann es dabei freilich nicht allein auf die "herkömmlichen (will sagen: christlich-abendländischen) Kochbücher" ankommen.

Dass Scientology gern als Religion gelten würde, ist nachvollziehbar. Artikel 4 Grundgesetz: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet" – diese Bestimmung würde nicht nur juristisch privilegieren, sie würde in gewissem Maß auch gegen öffentliche Kritik immunisieren. Zwar spielt "Gotteslästerung", wie der § 166 des deutschen Strafgesetzbuchs umgangssprachlich genannt wird, praktisch keine große Rolle mehr. Aber in der Öffentlichkeit wird nach wie vor, wenn es um "Religion" geht, eine gewisse Scheu gepflegt, die in der politischen oder kommerziellen Auseinandersetzung niemandem einfallen würde.

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Im Fall der christlichen Kirchen sind es der Gottesglaube und die Gottesdienste, die – mit begrenztem Erfolg – geschützt werden. Vergleichbares spielt bei Scientology kaum eine Rolle. Was ist der "Kern" von Scientology? Offenbar sind es jene Gesundungs- oder Psychotechniken, die Hubbard bereits vor seiner Religionsgründung entwickelt hatte. Und es liegt auf der Hand, vor welchen Angriffen diese Techniken geschützt werden sollen: vor der Kritik aus jenem Lager, das seit Hubbards Zeiten als Intimfeind von Scientology gehasst wird, aus Psychiatrie und Psychoanalyse. Und die Psychiater und Psychoanalytiker können sich zwar nicht auf Religionsfreiheit berufen, aber immerhin auf die Freiheit der Wissenschaft, der Forschung und der Lehre nach Artikel 5 des Grundgesetzes.

Dabei ist der Eindruck schwer vermeidbar, dass Hubbard, als er in den 1940er Jahren seine Dianetik ausarbeitete, sich auch von der Psychoanalyse inspirieren ließ. Von der Psychoanalyse wie vom indianischen Schamanismus, von fernöstlichen Religionen, der spätantiken Gnosis usw. usf. In der offiziellen Biographie erscheint der Religionsstifter Hubbard als Universalgenie, man liest von wegweisenden ethnologischen Studien über Indianerstämme an der Pazifikküste, einem neuartigen Navigationssystem für See- und Luftfahrtslinien, künstlerisch herausragenden Drehbüchern für Hollywood und sensationellen Erfolgen bei der Heilung ehemaliger amerikanischer Kriegsgefangener. Hubbards Meisterstück war die eigene Gesundung, nachdem er bei den Kämpfen im Südpazifik verwundet worden war.

Man kennt solche Wundertaten aus Leben und Legende der alten Religionsstifter, nur hier versetzt mitten ins 20. Jahrhundert und ausgestattet mit der Aura moderner Wissenschaftlichkeit. Auch in der Gegenwart steht die Hubbard-Biographie aber keineswegs allein da, das Regime in Nordkorea hat von seinem Begründer, dem "respected and beloved Great Leader of the Corean People" Kim Il-Sung, eine ganz ähnliche Legende gewoben. Soviel jedenfalls wird an den Nachrichten vom wissenschaftlichen Universalgenie Hubbard authentisch sein: Er war universal interessiert. Wer nicht an Hubbards Lehre glaubt, möchte sagen: ein Talent des Eklektizismus.

L. Ron Hubbard (1911-1986)
Und wohl auch ein Talent der Vermarktung. Gar nicht unwahrscheinlich, dass Hubbard erst durch die Angriffe seitens konkurrierender psychiatrischer Richtungen auf die Idee verfiel, eine Religion zu stiften; wenigstens dort durfte der universale Anspruch – vom spezialisierten Wissenschaftsbetrieb her betrachtet des Dilettantismus verdächtig – als Tugend gelten. Hubbard sei der erste gewesen, der eine wissenschaftliche Methode zur Beantwortung der uralten Fragen des Daseins anwandte, heißt es in den Werbeschriften der Church. Scientology sei mithin, wenngleich in der Tradition der großen Weltreligionen gegründet, die erste praktische Religion.

Buddhisten werden das vermutlich als dreist empfinden; immerhin weist der Buddha in seinen Lehrreden immer wieder metaphysische Fragen ab, weil solche Spekulationen nichts zur Erlösung beitragen könnten. Tatsächlich beruft sich Scientology gern darauf, das Werk des Buddha aus dem 6./5. Jahrhundert vor Christus fortzusetzen. Es gehe, anders als in den biblischen Religionen Judentum, Christentum, Islam nicht um Erlösung des Menschen durch göttliche Offenbarung, sondern durch Erkenntnis seiner selbst. Das klingt tatsächlich nach Buddhismus. Verwirrend ist allerdings, dass Hubbard zugleich eine Theorie vom unsterblichen Persönlichkeitskern, genannt "Thetan", verkündete – dergleichen Ideen finden sich in der einen oder anderen Richtung des Hinduismus, gerade die buddhistische Dogmatik hat einen solchen Persönlichkeitskern jedoch vehement bestritten.

1967 erzählte Hubbard seinen Anhängern dann noch einen Mythos, der wiederum mehr an gnostische Spekulationen von einem übelwollenden Weltenbaumeister und an populäre Science fiction erinnert. Wenn Menschen von heute – oder vielmehr ihre unsterblichen Thetane – nicht alle ihre Möglichkeiten verwirklichen könnten, dann liege das an einer galaktischen Katastrophe vor 75 Millionen Jahren, ausgelöst von einem bösen Herrscher mit Namen Xenu. Hubbard nahm für sich in Anspruch, als erster die Wahrheit über diese Katastrophe – in ihren Konsequenzen dem biblischen Sündenfall vergleichbar – erkannt zu haben.

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Historisch fällt es schwer, nicht zu dem Schluss zu kommen, dass sich Hubbard aus der Religionsgeschichte allerlei entlieh, was er zu brauchen meinte, dabei von seinen Vorlagen aber nur eine vage Kenntnis hatte. Über den Wahrheitsanspruch solcher Aussagen ist daraus freilich kein Urteil zu folgern, aus der Innensicht von Scientology handelt es sich ja auch nicht um die Übernahme von Ideenfragmenten, sondern um Erkenntnis – also eine religiöse Einsicht, wie sie in Indien mit "bodhi" (daher das Wort "Buddha", der Erleuchtete) gemeint ist und im alten Griechenland mit "gnosis" gemeint war. Wenn der Leser sich bei der Lektüre von Scientology-Werbeschriften oft so verwirrt findet, dann nicht zuletzt, weil dieser religiöse Erkenntnisbegriff umstandslos mit der empirischen Erkenntnis der modernen Wissenschaft in eins gemengt wird.

Um die Verwirrung noch zu steigern: Anders als in den großen Erlösungsreligionen der letzten zweieinhalb Jahrtausende ist der Mensch laut Scientology grundsätzlich gut und nicht böse. Dieser Optimismus ist die moderne, wenn man so will, "amerikanische" Wendung des alten Erlösungsmotivs. Der Optimismus umfasst auch einen Bereich, der in den traditionell fast immer mit Abscheu betrachtet wurde – das Geldwesen. Bekanntlich haben manche Strömungen im spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Christentum, vor allem natürlich der amerikanische Calvinismus, hiervon eine Ausnahme gemacht und damit dem kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb den Weg bereitet. Scientology radikalisiert diesen Weg: Es ist nicht mehr nur der einzelne Gläubige, der in seinem beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg ein Zeichen seiner Berufung sehen darf, die kirchliche Gemeinschaft selbst arbeitet eben auch als Wirtschaftskonzern. So hat es auch das Bundesarbeitsgericht gesehen: Die Scientology-Organisation betreibe ein Gewerbe im Sinne der Gewerbeordnung.

Was aber, wie schon zitiert, religiöse Intentionen bei den Anhängern nicht ausschließen muss. So einfach, die vorderhand religiösen Elemente an Scientology als pure Mimikry und Camouflage abzutun, darf man es sich nicht machen – ganz davon abgesehen, dass auch die in Mitteleuropa seit Jahrhunderten etablierten kirchlichen Großorganisationen unvermeidlich materielle Interessen verfolgen. Der Unterschied liegt darin, dass den christlichen Kirchen von der Öffentlichkeit  ihre primär religiöse Intention abgenommen wird; im Falle Scientology sind wir uns da nicht so sicher. Aber solche Organisationspsychologie, wenn man so sagen will, ist schwer zu überprüfen.

Der berühmte "Elektrometer"
Mimikry - der Begriff liegt tatsächlich nahe, wenn man auf die Sakramente schaut, die sich die Scientology Church geschaffen hat: Begräbnis- und Namensgebungszeremonien, Eheschließungen und nicht zuletzt die Ordination von Geistlichen. Dieses Zeremonienwesen können Außenstehende natürlich auf sich beruhen lassen. Ein ernsteres Problem sind die Lehrmethoden, die – soweit Nachrichten überhaupt an die Öffentlichkeit dringen – praktiziert werden. Berüchtigt sind vor allem die Besserungscamps der  "Rehabilitation Project Force", in denen ein Fehlverhalten einzelner Mitglieder korrigiert werden soll.

Da kursieren eine Menge Gerüchte; man wird sehen, ob die Verfassungsschutzämter verlässliche Informationen vorweisen können. Aus der scientologischen Perspektive handelt es sich um Bestandteile eines umfassenden pädagogischen Programms, des "clearing", durch das die religiös unaufgeklärten Normalmenschen, die "pre-clear", sich mit Hilfe eines Lehrers, des "auditor", stufenweise zum "clear" machen sollen. Nach einigen weiteren Stufen der Psychotechnik wird der Status eines frei über Materie und Energie, Raum und Zeit verfügenden "operating Thetan" verheißen. Zu einiger Berühmtheit ist ein Hilfsinstrument namens "e-meter" oder Elektrometer gelangt, der mit seinen Elektroden beim "auditing" die Hautoberflächenspannung des Probanden testen soll, nach Art eines Lügendetektors.

Christliche Theologen haben diese scientologischen Techniken als eine Form von Magie kritisiert, als einen frevelhaften Versuch des Menschen, gestaltende Macht auszuüben, im Widerspruch zur christlichen Lehre von Gott als Schöpfer und Erlöser. Vom Standpunkt einer protestantischen Gnadenlehre her ist diese Kritik plausibel, zur Frage Religion, ja oder nein, trägt sie freilich nichts bei. Die gleichen Einwände würden sich ja auch gegen schamanistische Ekstase richten und gegen alte kirchliche Exerzitien, zum Beispiel bei Ignatius von Loyola, dem Begründer des Jesuitenordens. Zum Repertoire von Scientology gehören sowohl allerlei hausmedizinische Heilmittel, von Leibesertüchtigung über Vitaminpräparate bis zu Saunagängen, als auch Manipulationstechniken, die den Verdacht der Gehirnwäsche nahe legen.

Engang zum Berliner Haupt-
quartier
Gegen konkurrierende Therapieangebote führt eine eigene Unterorganisation von Scientology, die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" eine verbissene Polemik. Kein Wunder, Hubbard selbst hatte sich bereits in den frühen 1950er Jahren mit abtrünnigen Schülern auseinanderzusetzen – eine Art von Ketzergeschichte, wie man sie ebenso gut aus der frühen Psychoanalyse und aus so mancher Religion kennt. Im Rückblick könnte man geradezu auf den Gedanken kommen, der Begründer der "dianetics" habe da einen komfortablen Ausweg gesehen: In die Rolle eines Religionsstifters, konnte er sich, anders als Sigmund Freud, gegen rationale Kritik immunisieren.

Nachdem Hubbard die fundamentalen Gesetze des Denkens und der geistigen Gesundheit entdeckt habe, sei es nunmehr möglich, zu einer Zivilisation ohne Geisteskrankheit, ohne Verbrechen und ohne Krieg vorzustoßen, wirbt Scientology, zu einer Welt, in der der Mensch die Freiheit habe, zu größeren Höhen aufzusteigen. Das klingt nach einer religiös-politischen Utopie, nach der Verheißung des tausendjährigen Gottesreiches. Das Grundproblem solcher Bewegungen ist immer wieder dasselbe: Wie soll man mit jenen umgehen, die sich andere Vorstellungen machen?

Da hat sich ein scientologisches "Handbuch für den ehrenamtlichen Geistlichen" – wohl eher unfreiwillig – offen geäußert: Der Zweck von Ethik sei es, Gegen- und Fremdabsichten aus der Umwelt zu entfernen, dadurch sei Fortschritt für alle möglich." Davon abgesehen, dass "Ethik" hier in pure Machttechnik umdefiniert wird – wie eigentlich entfernt man "Gegen- und Fremdabsichten", wenn man nicht jene, die solche Absichten im Kopf haben, gleich mit entfernt? Die Frage stellt sich zwangsläufig: Ist Scientology, ganz gleich, ob sich da nun eine Religion als Wirtschaftskonzern organisiert oder umgekehrt ein Konzern als Religion definiert, in Wirklichkeit ein Geheimbund mit dem Ziel, die demokratischen Institutionen auszuhebeln?

Imposant: Deutschland-Hauptquartier
Aber Vorsicht:.Man sollte L. Ron Hubbard nicht die postume Ehre antun, seine Scientology in eine Reihe mit Juden, Jesuiten, Freimaurern usw. usf. zu stellen, all jenen Gemeinschaften, denen in der Geschichte auch schon mal Verschwörung unterstellt wurde. Andererseits – es gibt ja Fälle, wo Verschwörungen durchaus real sind. Die scientologischen Schriften selbst schweigen sich begreiflicherweise aus. Dass Hubbard die westliche Demokratie nicht mit sonderlich viel Sympathie betrachtete, wird immerhin deutlich. Das Motiv liegt in der alten Linie elitebewusster Demokratiekritik: Es sind – leider, leider – nicht nur die Einsichtigen, die Bürger- und Mitbestimmungsrechte haben. Natürlich ist der Anspruch, im Unterschied zu allen anderen die "Wahrheit" zu verkünden, in der Religionsgeschichte  kein Einzelfall, sondern vielmehr die Regel. Der Unterschied liegt vielmehr darin, dass die großen christlichen Kirchen im Westen seit der Aufklärung nach und nach von dem Versuch Abstand genommen haben, ihr Wahrheitsmonopol von Staats wegen und mit Gewalt durchsetzen zu wollen.

Für Deutschland haben sich, seit der letzten Innenministerkonferenz Anfang Dezember, nun also die Verfassungsschutzämter mit der Frage zu befassen, ob Scientology verfassungsfeindliche Ziele verfolgt. Mal sehen, was da in den nächsten Monaten – hoffentlich – an verlässlichen Informationen statt der vielen Gerüchte auf den Tisch kommt. Vorderhand haben wir unsere Denkkategorien zu überprüfen. Warum gehen wir mit großer Selbstverständlichkeit davon aus, dass eine Organisation nur entweder das eine oder das andere sein könnte, entweder eine Religion oder ein Wirtschaftsunternehmen? Bei sozialen Phänomenen muss es keineswegs so einfach sein wie bei dem Tier, das wir in Nachbars Garten beobachten und das offenbar entweder Hund oder Katze ist. Und warum ist uns der Gedanke, dass eine Religionsgemeinschaft verfassungsfeindliche Ziele verfolgen könnte, so befremdlich?

Als die Urheber der Weimarer Reichsverfassung 1919 die Grundzüge des noch heute geltenden Staatskirchenrechts festlegten, waren solche Fragen noch kein Thema. Dort war zunächst nur an die beiden großen christlichen Kirchen gedacht: "Die Religionsgesellschaften bleiben Körperschaften des öffentlichen Rechts, soweit sie solche bisher waren. Anderen Religionsgesellschaften sind auf ihren Antrag hin gleiche Rechte zu gewähren, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten." Es gehört zur Pikanterie der Geschichte, dass Scientology einen solchen Antrag  angeblich intern vorbereitet, bisher aber nicht gestellt hat. In der Rechtswissenschaft ist der Gedanke, Religionsgemeinschaften können ganz oder partiell verfassungswidrig sein, nicht ganz so ungewohnt. In anderem Zusammenhang hat das Bundesverfassungsgericht versucht, Grenzen der Religionsfreiheit zu definieren: Geschützt, heißt es in einer Entscheidung von 1960, seien nur jene Glaubensbetätigungen, "die sich bei den heutigen Kulturvölkern auf den Boden gewisser übereinstimmender sittlicher Grundanschauungen im Laufe der geschichtlichen Entwicklung herausgebildet hat".

Satire auf Hubbards Xenu-Mythos
In der rechtswissenschaftlichen Literatur wurde dieses Urteil allerdings heftig kritisiert, das Gericht ist in späteren Entscheidungen auf seinen "Kulturvorbehalt" denn auch nicht zurückgekommen. Wie immer die Richter in Karlsruhe vor fast einem halben Jahrhundert den Kreis der "Kulturvölker" eingegrenzt haben mögen, dass Glaubens- und Religionsfreiheit nicht auf das Christentum oder auf monotheistische Glaubensbekenntnisse in der Tradition der Bibel – einschließlich des Islams – eingeschränkt sein kann, dürfte  unbestritten sein. Aber an dem Gedanken der "geschichtlichen Entwicklung" ist wohl etwas Wahres.  Greifen wir zu einem Gedankenspiel. Jemand möchte eine der alten Volksreligionen wiederbeleben, Azteken oder Maya, Kelten oder Germanen, was auch immer, und zwar einschließlich der Menschenopfer.

Da würde das Bundesverfassungsgericht, falls angerufen, doch zweifellos ein Veto einlegen, Begründung: Artikel 1 des Grundgesetzes, "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Der Parlamentarische Rat hat 1949 eine klare Entscheidung getroffen; die Menschenwürde geht allen einzelnen Grundrechten voran. Sollte die Scientology Church ihre Bekenntnisse zur westlichen Aufklärung ernst meinen, kann sie gegen eine öffentliche Diskussion ihrer Aktivitäten auf dieser Grundlage eigentlich keine Einwände erheben.


Mehr im Internet:
Scientology - Wikipedia
Vom Ursprung unserer ethischen Werte, scienzz 17.01.2007








Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.




 

 

 

 

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