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kultur

14.10.2004 - KULTURGESCHICHTE

Du gutes Schwein, du sollst nun ewig bei mir sein!

Das Deutsche Schweinemusem gibt Einblick in die Kulturgeschichte des Borstenviehs

 
 

Seit Wilhelm Buschs Geschichte vom heiligen Antonius wissen wir, dass Schweinen der Zugang zum Himmel nicht unbedingt verwehrt sein muss: "Hier wird kein Freund vom Freund geschieden. Es kommt so manches Schaf herein, warum nicht auch ein braves Schwein!!" Auch zu Museumsehren ist das Schwein bereits gelangt. In Teltow südlich von Berlin gibt es ein Deutsches Schweinemuseum, mit ausführlicher Information über Zucht, Haltung, Fütterung und - man muss es wohl so sachlich-brutal benennen, "Verwertung".

Und die Kulturgeschichte hat das Borstenvieh ebenfalls nicht links liegen lassen. Das reicht vom Schlaraffenland-Märchen bis zum Porzellannippes, von der Sparschwein-Symbolik bis zur Beschimpfung "wie eine Wildsau". Dagmar Schmauks, Professorin an der Technischen Universität Berlin, befasst sich seit Jahren mit der Darstellung des Schweins in Comic und Reklame und hat nebenbei eine beachtliche Sammlung angelegt. Ab Mitte Oktober zeigt sie eine Auswahl im Teltower Schweinemuseum.

Schmauks ist Sprachwissen-schaftlerin, ihr Fachgebiet ist die Semiotik, die Lehre von den Zeichen. Und bereits in der Redensart beweist das Schwein eine Menge "Zeichen"-kraft: für Glück, Sparsamkeit, Sexual-vergnügen, aber auch für Schmutz und rüdes Benehmen. Hobby-Dichter profitieren davon, dass "Schwein" und "Sau" sich auf vieles andere reimen lässt. Wie die deutsche Sprache, so hat auch die Natur selbst das Schwein sehr "praktisch" ausgestattet, jedenfalls für die Bedürfnisse der Zeichner. Der Rüssel kann als Steckdose umgedeutet werden, der Ringelschwanz fungiert als Stimmungsanzeiger, die wohlgenährten Rundungen eignen sich als Signal für - nun ja, für "Schweinereien".

Bis heute ungeklärt ist die Frage, warum das Schwein in manchen Religionen und Kulturen - Judentum und Islam - als unreines Tier gilt. Schon Maimonides, der rationalistische Religionsphilosoph des 12. Jahrhunderts, zeigte sich ratlos; seine Vermutung: "wegen seiner großen Unreinlichkeit und weil es sich von abscheulichen Dingen nährt". Ein jüdischer Bibelkommentar des 19. Jahrhunderts glaubte dagegen, Moses' "Hygienevorschriften" wären von der "Vorstellung parasitärer und infektiöser Krankheiten beherrscht, die in der modernen Pathologie eine so wichtige Stellung erobert haben".

Lassen wir beiseite, wie wahrscheinlich eine solche Vorwegnahme Perseus-Vaseder Trichinenforschung sein kann; im Text des Alten Testamentes (3. Buch Mose, Kap. 11, und 5. Buch Mose, Kap. 14) lesen wir davon kein Sterbenswörtlein. Das Verbot wird ganz anders begründet: "Das Schwein, das zwar durchgespaltene Klauen hat, aber nicht wiederkäut, soll euch darum unrein sein." Im Umkreis dieses Satzes stehen eine ganze Reihe weiterer Verbote: Wiederkäuer, deren Klauen nicht durchgespalten sind; Wassertiere, die weder Flossen noch Schuppen haben; alles, was auf der Erde kriecht usw. usf. Wenn wir das ernst nehmen, dann geht es um eine Ordnung der Dinge, die der Verfasser als richtig, natürlich, gottgegeben vorausgesetzt hat. Die amerikanische Ethnologin Mary Douglas: "Heiligkeit verlangt, die einzelnen Kategorien der Schöpfung voneinander getrennt zu halten."

Das Christentum hat sich, in der Tradition der heidnischen Religionen Europas, bekanntlich für eine andere Ordnung der Dinge entschieden. Pointiert gesagt: Dass wir unser Kleingeld im Sparschwein sammeln, uns mit dem stilisierten Schweinerüssel für billige Strom- und Telefontarife werben lassen und ganze Horden von "Schweine"-Zeichnern für Dekoration, Werbung, Comic und Film beschäftigen, geht am Ende auf die Theologie des Apostels Paulus zurück. So spielt das Schwein denn auch in der Geschichte der Judenverfolgung eine Rolle. Die Inquisition konnten den Schweinefleischverzehr als Schibboleth nutzen: Wer sich daran beteiligte, war von dem Verdacht entlastet, heimlich der Religion seiner jüdischen Vorfahren anzuhängen.

"Judensau", 15. Jh.Die Kulturgeschichte des Schweins hat eben nicht nur rosarote, sondern auch sehr dunkle Seiten. In einer frappanten Verkehrung der Verhältnisse hat die mittelalterliche Kunst es geschafft, die verachtete Religion des Judentums doch wieder mit dem Schwein in Verbindung zu bringen: Juden, die an den Brüsten eines Mutterschweins saugen oder sich am Kot des Schweins laben. Das unreine Schwein als Quelle jüdischen Reichtums, unterschwellig auch als Symbol "satanischer" Praktiken, wie sie den Juden unterstellt wurden: Aus diesem Motivschatz brauchte sich der moderne, rassistisch umformulierte Antisemitismus nur noch zu bedienen.


Die Lust ein Schwein zu sein - Das Schwein in Redensart, Schlagzeile, Werbung und Comic, Ausstellung im Deutschen Schweinemuseum Ruhlsdorf, Dorfstraße 1, 14513 Teltow
17. Oktober 2004 bis 31. Januar 2005


Mehr im Internet:
TU Berlin
Schweinemuseum

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

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