Zur hirnphysiologischen Bestreitung der Willensfreiheit
von Josef Tutsch
Schnitt durch den Kopf mittels Magnetre-
sonanztomographie - Bild: BleiglassMRI
Im Jahr 2000 rief die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Schwerpunktprogramm "Kognition und Gehirn" ins Leben, als interdisziplinäres Projekt von Philosophen, Psychologen und Neurobiologen. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit war dem Unternehmen sicher. Die Arbeiten des Neurobiologen Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen, hatten das Problem der Willensfreiheit neu aufgeworfen. Unser Denken und Wollen, behauptete Roth in seinem Buch über "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" 1994, würden von neuronalen, also biologischen Prozessen gesteuert, Willensfreiheit sei eine Illusion.
Das war kein Sturm im akademischen Wasserglas, Roth stellte das komplette Strafrecht gleich mit zur Disposition: wenn es keine Willensfreiheit gebe, dann auch keine Verantwortlichkeit, demnach sei eine Bestrafung unsinnig. Die Zusammenarbeit von Neurobiologen, Psychologen und Philosophen in dem DFG-Projekt verlief aber ziemlich katastrophal. Am Ende verlangten die Neurobiologen, die Philosophen sollten, um überhaupt mitreden zu können, zunächst einmal ein Aufbaustudium in den einschlägigen naturwissenschaftlichen Disziplinen absolvieren und sich dann auch gleich mit den modernen "bildgebenden" Verfahren der Physiologie auseinandersetzen, die Roth und seine Kollegen zu ihren Schlüssen gebracht hatten. Die Philosophen konterten, in einer Diskussion über Willensfreiheit sei mit den vielen von den Neurobiologen vorgetragenen Details gar nichts anzufangen. Die Kollegen aus der Naturwissenschaft sollten sich doch zunächst einmal über die Entwicklung der philosophischen Debatte informieren. Dazu übrigens genüge die Lektüre eines guten Einführungsbuches.
Hirnforscher Gerhard Roth
Interdisziplinarität in der Praxis ... Die Psychologen scheinen bei diesem Schlagabtausch etwas hilflos daneben gestanden zu haben, hilflos, weil sie die Standpunkte beider Seiten nachvollziehen konnten und doch nicht wussten, wie da eine Brücke zu bauen wäre. So wird es kein Zufall sein, dass gerade zwei Psychologen, Wolfgang Tress und Rudolf Heinz, beide als Hochschullehrer an der Universität Düsseldorf tätig, jetzt versucht haben, mit einer Aufsatzsammlung etwas Licht in die immer noch andauernde Debatte zu bringen.
Natürlich will das Bändchen "Willensfreiheit zwischen Philosophie, Psychoanalyse und Neurobiologie" weder das naturwissenschaftliche Aufbaustudium noch das philosophische Einführungsbuch ersetzen. Neutral sind die beiden Herausgeber allerdings auch nicht. Tress kommt zu dem Ergebnis, dass Roth – und, noch entschiedener, sein Kollege Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main – unter dem Schein strenger Naturwissenschaft eine Art von Metaphysik betreiben, indem sie aus empirischen Erkenntnissen letzte Wahrheiten ziehen wollen. Vielleicht ist manches auch nur verunglückte Metaphorik, zum Beispiel bei Roth: "Geist kann als physikalischer Zustand verstanden werden, genauso wie elektromagnetische Wellen, Mechanik, Wärme, Energie." Dann, folgert Tress spitz, müsse Roth sich auch die Frage gefallen lassen, welche elektromagnetische Qualität denn ein Gedanke haben könne.
In der Röhre des Magnetresonanztomo- graphen.- Bild: Nobelprize.org
Es wäre reizvoll nachzuforschen, wann und von wem in ein paar tausend Jahren Ideengeschichte des Abendlandes schon einmal Ähnliches vertreten worden ist wie heute von Roth und Singer. Vermutlich würden die beiden Neurobiologen sich ob solcher Ahnherren verwundert die Augen reiben. René Descartes, der Vater der neuzeitlichen Philosophie, glaubte, die Zirbeldrüse habe eine ganz besondere Beziehung zur Seele, von Descartes’ Schülern wurde das dann so ausgedrückt, die menschliche Seele habe ihren Sitz in der Zirbeldrüse. Das ist keineswegs so kurios, wie es sich zunächst anhört. Denn wenn die Seele oder das Ich oder der Wille (der "freie" Wille) nicht im Gehirn zu finden sind, wo denn dann?
Der Psychologe Bernd Nitzschke von der Universität Köln gibt einen knappen Abriss des Weges "von Descartes zu Sigmund Freud". "Ich denke, also bin ich", war bekanntlich das Fundament, auf das Descartes sein System aufbauen wollte. Seine Nachfolger haben immer wieder den Fehlschluss bemerkt, dem der Philosoph gleich beim nächsten Schritt erlegen ist: Descartes identifizierte dieses "Ich" ohne Umschweif mit dem Bild, das er sich von sich selbst, also einem denkenden, wollenden, empfindenden Wesen, machte. Um nur zwei oder drei der prominentesten unter Descartes’ Kritikern zu nennen: Kant stellte klar, dass aus diesem "Ich denke" keine weiteren Aussagen über ein "Ich" abzuleiten seien; Schopenhauer und Freud deckten auf, dass das Ich "nicht Herr im eigenen Hause" sei, abhängig vielmehr vom Triebhaft-Unbewussten.
Wolf Singer
Der Neurobiologe Roth hat sich gern auf Sigmund Freud berufen. Die Hirnforschung habe die zentralen Erkenntnisse der Psychoanalyse bestätigt, nämlich die Prägung des Ich, des Bewusstseins, durch das Es, das Unbewusste – also physiologisch umformuliert: durch die neuronalen Prozesse. Aber bereits Immanuel Kant vertrat einen Determinismus, den die Hirnphysiologen heute besser begründen, aber nicht überbieten können. Dass Kant dennoch als Philosoph der Freiheit in die Geschichte eingehen konnte, liegt an seiner Wissenschaftstheorie: Das Gesetz der Kausalität sei ein Grundsatz der Erfahrungswissenschaft, nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Und Wissenschaftstheorie scheint für Roth zumindest in früheren Jahren, bevor die Vertreter anderer Fächer mit ihrer Kritik auf ihn einstürmten, kein Thema gewesen zu sein. Zentral in seiner Argumentationskette steht das sogenannte Libet-Experiment, zuerst durchgeführt 1979 durch den kalifornischen Physiologen Benjamin Libet. Dessen Probanden wurden aufgefordert, zu einem beliebigen Zeitpunkt einen Knopf zu drücken. Ergebnis: In den Hirnströmen war die Bereitschaft zu drücken bereits einige hundert Millisekunden früher zu messen, bevor den Personen nach eigener Angabe ihr Handlungsimpuls bewusst wurde. Roths Folgerung: Jede bewusste Handlungsplanung, jeder Handlungswille sei an eindeutig neuronale Prozesse gebunden. Und weiter: "Das bewusste, denkende und wollende Ich ist nicht im moralischen Sinn verantwortlich für dasjenige, was das Gehirn tut, auch wenn dieses Gehirn perfiderweise dem Ich die entsprechende Illusion verleiht."
Die unbeantwortbare Frage: Dostojewski, "Schuld und Sühne"
Es spricht für das Problembewusstsein der Düsseldorfer Psychologen, dass sie sich die Gegenargumentation nicht leicht machen. Mit der schlichten Feststellung, das subjektive Erleben eines freien Willens sei doch nun einmal nicht zu bestreiten, könne man sich nicht begnügen, stellt der Düsseldorfer Psychiater Matthias Franz fest. Der entscheidende Punkt liege woanders, so Wolfgang Tress: Mit dem Libet-Experiment wird nicht Willensfreiheit (oder Unfreiheit) gemessen, sondern schlicht und einfach "Zufallsverhalten". Die Versuchspersonen hatten sich entschieden, an dem Experiment teilzunehmen und also irgendwann den Knopf zu drücken; für den Zeitpunkt hatten sie keinerlei Motivation, weder eine vernünftige noch eine unvernünftige.
Da liegt das Kernproblem in diesem neuen "Streit der Fakultäten", wie die Düsseldorfer Philosophin Nicola Erny den interdisziplinären Disput benannt hat. Der Knopfdruck ist empirisch zu messen, interessiert philosophisch aber nicht. Dagegen würde interessieren, ob Dostojewskis Rodion Raskolnikow in "Schuld und Sühne" eine freie Entscheidung treffen konnte, als er beschloss, die Wucherin zu erschlagen. Anders als Libets Probanden hatte Raskolnikow ein drängendes Motiv: "unnützes" Leben auszulöschen, um "nützliches" zu erhalten und zu fördern. "Es war, als habe das Rad einer Maschine seinen Rockzipfel erfasst und er würde nun hineingezogen und mit fortgerissen", heißt es im Roman. Nur leider lässt sich dieser Motivkomplex neuronal nicht messen.
Sigmund Freud
In den 1970er Jahren, berichtet Matthias Franz in seinem Beitrag über die "neurobiologischen Grundlagen des Willens", entwickelte der australische Physiologe John Eccles die Theorie, dass das Ich-Bewusstsein oder der freie Wille sozusagen von außen in die materielle Welt eingreife und das Gehirn als seinen Kommunikationsapparat benutze. Mag sein, dass Roth durch dergleichen supranaturalistische Spekulationen auf dem Boden seiner eigenen spezialwissenschaftlichen Disziplin zu einer radikal naturalistischen Gegenposition mit motiviert wurde. Dabei ist, wie Nicola Erny aus der philosophischen Diskussion referiert, nicht einmal ausgemacht, ob und wie Determination und Freiheit – Freiheit eines menschlichen Willens – miteinander vereinbar oder eben unvereinbar sind. Ein absolut "freier" Wille, der von gar nichts abhängig wäre, lässt sich bei einem endlichen Wesen vermutlich gar nicht plausibel denken.
Offenbar sind die Argumente seiner Kritiker auf Roth nicht ohne Eindruck geblieben. In einem gerade neu erschienen Aufsatz unter dem überraschenden Titel "Evolution des Gehirns – Evolution der Freiheit" heißt es, beim Menschen gebe es "eine faktische Freiheit des Wollens und Handelns, die sich in dieser Form nicht bei nichtmenschlichen Tieren findet". Nämlich durch die Hintertür: "Die Chance von Verstand und Vernunft ist es, mögliche Konsequenzen unserer Handlungen so aufzuzeigen, dass damit starke Emotionen und Motive verbunden sind, die zur Entscheidung führen."
Willensfreiheit, insofern der Mensch zur Autosuggestion fähig ist ... Darin liegt vielleicht nicht eine Kehrtwende bei Roth, aber doch eine wichtige Präzisierung. Wenn man dieses Argument ernst nimmt, wäre vermutlich auch ein Strafrecht, anders als Roth es früher nahegelegt hat, nicht sinnlos. Und jedenfalls wäre Roth nun tatsächlich nah bei seinem großen Vorbild Sigmund Freud: "Wo Es war, soll Ich werden. Es ist Kulturarbeit wie die Trockenlegung der Zuydersee."
Neu auf dem Büchermarkt: Willensfreiheit zwischen Philosophie, Psychoanalyse und Neurobiologie, herausgegeben von Wolfgang Tress und Rudolf Heinz, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-40402-7, 24,90 €
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
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"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr