Was Bertelsmanns "Religionsmonitor" auf den zweiten Blick verrät
von Josef Tutsch
Grabsteinmotiv, frei nach Dürer
Manchmal machen die Wissenschaftsunternehmen, die der Öffentlichkeit die Ergebnisse eines Projekts präsentieren, es den Redaktionen doch so richtig bequem. Als die Bertelsmann-Stiftung im Dezember ihren "Religionsmonitor" vorstellte, wurde bereits Tage vor der Publikation selbst eine Pressemeldung herausgebracht, Tenor: Überraschung – Glaube und Religiosität sind in Mitteleuropa viel stärker verbreitet, als oft angenommen. So könnten 70 bis 80 Prozent aller Einwohner als "religiös" eingestuft werden, um die 20 Prozent sogar als "hochreligiös".
Der Zwei-Seiten-Text schaffte es bis auf die Titelseiten großer Tageszeitungen. Bei der Präsentation des Buches zeigten sich die geladenen Vertreter von Protestantismus, Katholizismus, Islam und Judentum denn auch hochzufrieden. Mit dieser Studie sei das Gespenst der Säkularisierung ausgeräumt, der gerade in gebildeten Kreisen seit fast zwei Jahrhunderten immer wieder beschworene Konnex von Aufklärung und Unglauben aufgebrochen. Inzwischen haben Weihnachten und Neujahr die Muße geboten, Bertelsmanns "Religionsmonitor 2008" etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und man reibt sich verwundert die Augen: War man eigentlich vor Weihnachten in einem anderen Film? Aber der Reihe nach. Die Stiftung hat 21.000 Menschen in 21 ausgewählten Ländern befragt, "repräsentativ für Millionen anderer Menschen rund um den Globus".
Muslime vor der Kaaba in Mekka
Besonders religiös, nicht weiter verwunderlich, sind danach zum Beispiel sowohl das islamische Marokko als auch das hinduistische Indien als auch das christliche Brasilien, in Europa die katholischen Länder Italien und Polen; am anderen Ende der Skala stehen das laizistisch geprägte Frankreich sowie Russland nach sieben Jahrzehnten sowjetischer Herrschaft. Ebenso wenig überraschen kann die Differenz, die sich in Deutschland zwischen den westlichen und den östlichen Bundesländern auftut. Dass die Kirchen eine Generation lang aus dem Schulunterricht ausgeschlossen waren, sorgt dafür, dass sich – mit inzwischen abnehmender Tendenz – heute 65 Prozent der Ostdeutschen als "nicht religiös" bezeichnen, gegenüber nur 20 Prozent der Westdeutschen, 26 Prozent der Österreicher und nur 16 Prozent der Schweizer.
Im weltweiten Vergleich liegen jedoch alle mitteleuropäischen Länder nahe am religionsfernen Ende der Skala. Interessant scheint, wegen der kulturellen Verwandtschaft, vor allem ein Vergleich mit den USA, wo sich nur acht Prozent als nicht religiös einstufen. "Die USA – Trendsetter für Europa?" fragt der Erfurter Soziologe Hans Joas, den Bertelsmann zu einem – freilich sehr knapp geratenen – Beitrag in dem Sammelband gewinnen konnte. Joas macht in einigen wenigen Sätzen auf ein methodisches Grundproblem aufmerksam: Den Fragen liegt die Voraussetzung zugrunde, dass Religion durch den Glauben an so etwas wie "Transzendenz" definiert sei, also an eine jenseitige Außer- oder Überwelt.
Hinduistisches Bad im Ganges
Selbstverständlich ist diese Voraussetzung aber keineswegs; in der Religionsgeschichte kam der Transzendenzgedanke erst vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden auf. Ist das, was im Kontrast zwischen USA und Europa als ein Mehr und ein Weniger an Religiosität erscheint, in Wirklichkeit eher ein Effekt von "Detranszendentalisierung", also einer Rückkehr zu älteren Religionsformen, vor den Propheten des Alten Testaments? Der beliebte Begriff "Spiritualität" ist wohl doch zu schwammig, solche Trends am Rand etablierter Glaubensformen sinnvoll zu fassen. Aber Joas begnügt sich an dieser Stelle mit Andeutungen, geht nicht auf die Frage ein, wie sich ein nachchristliches "Heidentum", wenn ein solcher Ausdruck erlaubt ist, von einem vorchristlichen Heidentum unterscheidet.
"Wir können ein langfristiges Aussterben der Religion in Deutschland, wie es immer wieder behauptet wird, definitiv nicht bestätigen", resümiert der Projektleiter der Stiftung, Martin Rieger, die Ergebnisse der Studie aus seiner Sicht. So weit, so richtig; die Religionsgeschichte geht weiter. Aber vieles in dem Datenmaterial deutet darauf hin, dass dieses Weitergehen die Repräsentanten der Kirchen vor ebenso heikle Probleme stellen könnte wie das befürchtete Aussterben. Die Studie bietet – da führt die triumphalistische Geste, mit der Bertelsmann und die etablierten Religionsgemeinschaften vor die Öffentlichkeit traten, in die Irre – keinen Beleg, dass die 70 oder 80 Prozent Religiosität hierzulande auf die Arbeit dieser "Etablierten" zurückgehen.
Christliches Jugendtreffen in Taizé
Eher im Gegenteil. Der Münchner Soziologe Armin Nassehi bringt Beispiele aus den Interviews, die gleichzeitig mit dem statistischen Material erhoben wurden: "Ein katholischer Christ kann sich für Okkultes erwärmen, Wiedergeburt für plausibel halten oder esoterischen Ideen anhängen." In weniger als einem Zehntel aller Interviews sei dergleichen Patchwork oder "Bricolage", wie das im Fachjargon gern genannt wird, grundsätzlich vermieden. Der Münsteraner Sozialwissenschaftler Karl Gabriel: "Dem Christentum eher ferne pantheistische Religiositätsmuster reichen offensichtlich bis weit in die Reihen der Kirchenmitglieder hinein." Es ist kein Widerspruch, dass nur gut ein Fünftel der Befragten, wie der Bochumer Religionswissenschaftler Volkhard Krech berichtet, für sich selbst angeben, sie würden "auf Lehren verschiedener religiöser Traditionen zurückgreifen". Den "Bricoleurs" oder Bastlern wird in der Regel ja nicht bewusst sein, dass etwa Seelenwanderung oder Wiedergeburt keine christlichen Konzepte sind.
Ohnehin darf man wohl nicht erwarten, dass Menschen, ob religiös oder nicht, ihre Lebenspraxis bis ins letzte logisch durchstrukturieren. Elf Prozent jener Befragten, die, eigener Aussage zufolge gar nicht religiös sind, beten gelegentlich oder auch öfters. Man wüsste gern, wie diese Menschen das vor sich selbst zurecht legen. Aber solche Merkwürdigkeiten finden sich natürlich in jeder größeren Umfrage. Bei diesem "Religionsmonitor" ist bloß die Frage, worüber man sich mehr wundern soll: über den beinahe missionarischen Eifer von Bertelsmann oder über die Bereitschaft, mit der viele Redaktionen eine – vorsichtig gesagt – nicht zwangsläufige Interpretation aufgenommen und weiterverbreitet haben.
Katholische Wallfahrt am Rhein
Es spricht für die intellektuelle Redlichkeit der Wissenschaftler, dass in der Publikation selbst auch andere Deutungen zu lesen sind. Der Wiener Theologe Paul M. Zulehner: "In allen untersuchten Gebieten nimmt der Anteil der Hochreligiösen in Richtung der jüngeren drastisch ab. Für die christlichen Kirchen sind das keine guten Aussichten, wenn es ihnen nicht gelingt, missionarisch dagegen zu steuern". Olaf Müller und Detlef Pollascheck: "In der Mehrzahl der untersuchten Länder vollziehen sich deutliche Tendenzen der Entkirchlichung." Was aber nicht identisch mit einem Weniger an Religion ist, fügen die beiden Kulturwissenschaftler aus Frankfurt an der Oder gleich hinzu: Für die "private Religiosität" stelle sich die Situation nicht so dramatisch dar.
Umgekehrt können sich die Kirchen auch auf hochreligiöse Menschen nicht voll verlassen. Gerade "hohe Religiosität bedeutet keineswegs Kirchlichkeit oder konfessionelle Eindeutigkeit oder Gebundenheit", stellt Nassehi fest – ein Problem freilich, das dem Christentum aus zweitausend Jahren Ketzergeschichte sehr geläufig ist. Etwas sonderbar wirkt es dagegen, wenn der Bochumer Religionswissenschaftler Volkhard Krech in der Aussage "für mich hat jede Religion einen wahren Kern" einen Indikator für Toleranz erkennen will. Naturgemäß würden Menschen, die nichts von Religion halten, dem in geringerem Maße zustimmen, sagt Krech selbst, erläutert aber nicht, was das mit Toleranz oder Intoleranz zu tun haben soll.
Leere Kirchenbänke
Eine Renaissance des Glauben, vor allem bei der Jugend, wie in den letzten Jahren angesichts mancher "Events" gern behauptet wurde? Soweit will sich auch Projektleiter Martin Rieger nicht vorwagen. Dafür sind die Werte bei den 18- bis 29-jährigen nicht eindeutig genug. Die Beteiligung am öffentlichen religiösen Leben ist ähnlich hoch oder niedrig wie bei der Elterngeneration; die Zustimmung zu metaphysischen Annahmen wie Gott oder Unsterblichkeit – was immer konkret damit gemeint sein mag – scheint allerdings höher zu liegen als in anderen Altersgruppen. Näheres werde demnächst eine Wiederholung des Monitors zeigen, verspricht Rieger.
Vorläufig dürfte, trotz aller Befriedigung bei Bertelsmann und den Kirchen über unsere fromme Gegenwart auch in Mitteleuropa, das gelten, was der Kölner Sozialforscher Heiner Meulemann etwas am Rande des Religionsmonitors aus einer anderen Umfrage zum Thema "Säkularisierung" berichtet: In den letzten Jahren hätte sich trotz aller Events nichts geändert. "Das Christentum ist nicht stärker geworden, aber auch nicht – oder nur geringfügig – schwächer." Meulemann bietet ein hübsches Beispiel, wie sich Umfrageergebnisse verzeichnen lassen. 2007 hatten die christlich geprägten Aussagen deutlich an Boden gewonnen – aber nicht etwa, weil die christliche Mission Erfolg gezeitigt hätte. Die Demoskopen hatten bloß die Antwortmöglichkeit "darüber habe ich noch nicht nachgedacht" nicht mehr zugelassen. Alle anderen Reaktionen waren dadurch entsprechend angewachsen.
Neu auf dem Büchermarkt: Religionsmonitor 2008 Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh 2007
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