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08.01.2008 - DEUTSCHE LITERATUR

"Der Vogel, scheint mir, hat Humor"

Der reimende Philosoph - vor 100 Jahren starb Wilhelm Busch

von Josef Tutsch

 
 

Wilhelm Busch
* 15. April 1832 Wiedensahl
† 9. Januar 1908 Mechtshausen am Harz

"Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt." Dieses Zitat wird sich in viele Kinderseelen tief eingeprägt haben, so oft haben Erwachsene den Vers aus Wilhelm Buschs "Frommer Helene" bemüht, wenn die lieben Kleinen mal wieder etwas ausgefressen hatten. Nur Deutsch- oder Philosophie- oder Religionslehrer runzelten eher die Stirn zu dieser gereimten Weisheit: Busch habe natürlich Unrecht, zutreffend sei das genaue Gegenteil; der Schöpfer habe Welt und Leben auf das Gute hin angelegt, das Böse sei ein Zuwenig an solchem Guten.

Aber Wilhelm Busch, der Maler, Zeichner und Dichter, der vor 100 Jahren, am 9. Januar 1908, in Mechtshausen am Harz verstarb, sah es tatsächlich anders. Die Welt, weit entfernt davon, die Schöpfung eines wohlwollenden Gottes zu sein, war für ihn das, was im Grunde nicht sein sollte. Und Busch war nicht bloß ein pessimistisches Gemüt, sondern vielmehr ein philosophischer Kopf; er ging den Dingen auf den Grund. "Der Mensch als Kreatur hat von Rücksicht keine Spur" – eine der vielen tief pessimistischen Einsichten in Buschs Werk. Dass er sie nicht verbissen vortrug, sondern lächelnd, mit Humor, macht das Geheimnis seines Erfolgs aus.

Max und Moritz
Kinderbücher? Ein bisschen sind manche von Buschs Bildergeschichten das wohl auch, voran natürlich "Max und Moritz", eines seiner frühesten Bücher und bis heute sein berühmtestes. Die "Bubengeschichte in sieben Streichen" handelt von Kindern, es wird vermutlich viel mehr von Kindern gelesen als von Erwachsenen, die es, in nostalgischer Erinnerung an die eigene Jugend, gern ihrem Nachwuchs in die Hand drücken. Wahrscheinlich unterstellen viele Eltern auch, es handle sich um pädagogische Literatur, im Gegensatz zu vielem, was die neuere Comicproduktion bietet.

Dabei wird es kein Buch der Weltliteratur geben, das an Pädagogik und Moral derart desinteressiert wäre wie "Max und Moritz". "Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen ..." Ja, die beiden kleinen Helden ("die, anstatt durch weise Lehren sich zum Guten zu bekehren, oftmals noch darüber lachten und sich heimlich lustig machten") sind naturhaft böse. "Der natürliche, unverdorbene Mensch, also besonders das Kind, muss überwiegend böse sein", schrieb Busch im Brief an einen Freund. Wie diese Natur durch Erziehung verbessert und veredelt werden könnte, interessiert nicht. Am Ende "ist’s vorbei mit der Übertäterei", nicht anders als man nach einem Unwetter sagen würde.

Lehrer Lämpel, aus "Max und
Moritz"
"Lachen ist ein Ausdruck relativer Behaglichkeit", stellte Busch einmal fest. "Der Franzel hinterm Ofen freut sich der Wärme um so mehr, wenn er sieht, wie sich draußen der Hansel in die rötlichen Hände pustet." "Max und Moritz" hatte er 1865 geschrieben, im Alter von 33 Jahren. Er war, wie man heute wohl sagen würde, ein Langzeitstudent. Auf Wunsch des Vaters hatte er in Hannover das Studium des Maschinenbaus aufgenommen; das Fach muss ihn aber wahrhaft angeekelt haben, er brach ab und wechselte zum Studium der Malerei an die Kunstakademien in Düsseldorf, Antwerpen und München. Zwischendurch träumte Busch davon, in Brasilien als Bienenzüchter neu anzufangen.

Für "Max und Moritz" erhielt er ein Honorar von 1.700 Goldmark, in seinen Augen damals sicherlich eine märchenhafte Summe. Ob der Verleger geahnt hat, dass er gerade das Geschäft seines Lebens abschloss? Das Buch ist längst in alle Weltsprachen übersetzt, auch – Lehrer Lämpel würde es gefreut haben – ins Lateinische. Jahrzehnte später erhielt Busch nochmals einen Ausgleich von 20.000 Goldmark, die er einem wohltätigen Zweck spendete. Inzwischen lebte er in auskömmlichen Verhältnissen; nur seine Jugendträume von einer großen Malerkarriere waren unerfüllt geblieben. Busch selbst führte es später auf das übermächtige Vorbild der großen flämischen und holländischen Meister des 17. Jahrhunderts zurück: "Gern verzeih' ich's ihnen, dass sie mich zu sehr geduckt haben, als dass ich's je recht gewagt hätte, mein Brot mit Malen zu verdienen."

Arthur Schopenhauer mit
Pudel, Zeichnung von
Wilhelm Busch
Soweit bekannt hat Busch tatsächlich kein einziges Gemälde verkauft. Sein Ruhm begründet sich bis heute auf die Bildergeschichten, die Kombination von Vers und Zeichnung. Als er die 50 Jahre bereits überschritten hatte, gab er einer Zeitung Auskunft über seine Biographie. "Gesangbuchverse, biblische Geschichten und eine Auswahl der Märchen von Andersen" werden als früheste Lektüre genannt. Nichts weiter Ungewöhnliches. Will man der Darstellung glauben, kam es jedoch bereits mit zehn oder elf Jahren zu einer ersten Erschütterung. Bei einem älteren Freund fand der junge Wilhelm "viele der freireligiösen Schriften jener Zeit, die begierig verschlungen wurden". Mit etwa 15 Jahren las er Shakespeare, Cervantes, Dickens und Homer, aber auch Augustinus und Immanuel Kant.

Und sicherlich auch Rodolphe Töpffer, den Schweizer, der in den 1820er Jahren die Tradition der Bildergeschichten, der Comics, wie man heute sagt, begründet hatte, übrigens mit einer Parodie auf Goethes "Faust" – der alte Herr in Weimar zeigte sich sehr angetan. Und noch zwei Namen, die für Busch so etwas wie eine Offenbarung brachten. "Ich las Darwin, ich las Schopenhauer mit Leidenschaft" – also den Begründer der Evolutionstheorie und den Philosophen des Pessimismus. Ob das schon 1853 war, wie die Erinnerungen besagen, oder ein paar Jahre später, mag offen bleiben. Darwins epochemachendes Hauptwerk über den "Ursprung der Arten" kam in London erst 1859 heraus; Arthur Schopenhauers Schriften immerhin hatten seit den 1840er Jahren Eingang in die eine oder andere Bibliothek gebildeter Bürger gefunden.

Der heilige Antonius
"Busch ist gereimter Schopenhauer", hat der Philosoph Odo Marquard im historischen Rückblick pointiert festgestellt. Schopenhauer kehrte die platonische oder neuplatonische Position von einem Vorrang des Guten in der Seinsordnung in ihr Gegenteil um, ganz wie Busch es dann gereimt hat. Man könnte lange darüber spekulieren, ob es die Enttäuschungen in Wilhelm Buschs Biographie waren, die ihn auf den Philosophen des Pessimismus vorbereitet haben. "Leicht kommt man an das Bildermalen, doch schwer an Leute, die’s bezahlen."

Wie auch immer, der Pessimismus war Busch offenbar gemäß. Bereits "Max und Moritz", Busch hatte seine Malerkarriere gerade erst in Angriff genommen, ist durch und durch pessimistisch. Wenn man es auf Schopenhauer zurückbezieht, muss man freilich sagen: ein merkwürdig halbierter Schopenhauer. Beinahe möchte man glauben,  Busch hätte aus der "Welt als Wille und Vorstellung" nur die ersten beiden Bücher gelesen. Es fehlen jene beiden Punkte, die dem Philosophen eigentlich wichtig waren: der ethische, asketische , quasi mystische Weg zur Überwindung dieser Welt, die nicht sein soll, und der zeitweilige Trost durch die Kunst.  Was blieb, war eine Metaphysik des irrationalen Willens zum Leben, auf den Spuren von Kants Vernunftkritik und dabei Sigmund Freuds Sexualtheorie schon recht nahe.

 
Die fromme Helene
Zur Ethik findet sich in Wilhelm Buschs Lebensrückblick ein einziger Satz: "Kein hiesiger Schlüssel, so scheint’s, und wär’s der Asketenschlüssel, passt je zur Ausgangstür." Ausgangstür – damit war der Tod gemeint. Busch war nicht gewillt, sich Illusionen zu machen, auch nicht Illusionen jener wohltätigen Art, mit denen später Thomas Mann seinen Romanhelden Thomas Buddenbrook, Schopenhauer lesend, sich auf den Tod vorbereiten ließ. Was aber wirklich merkwürdig ist: Jene Kunst, die der Philosoph am höchsten schätzte, die Musik, scheint dem Künstler Busch ein Ärgernis gewesen zu sein. "Musik wird oft nicht schön empfunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden."

Vogelgezwitscher dagegen, das konnte als Vorbild eigenen Dichtens und Zeichnens gelten. " Weil mich doch der Kater frisst, so will ich keine Zeit verlieren, will noch ein wenig quinquilieren und lustig pfeifen wie zuvor. Der Vogel, scheint mir, hat Humor." Nicht alle Zeitgenossen konnten Buschs Humor goutieren. Eine seiner frühesten Bildergeschichten, "Der heilige Antonius von Padua", 1864, wurde wegen Blasphemie verboten. Vordergründig handelte es sich um eine Verspottung des katholischen Klerus; aber der Staatsanwalt sah schon richtig, es durften sich andere religiöse Richtungen mit getroffen fühlen.

Tobias Knopp
"Willkommen! Gehet ein in Frieden!", spricht die Himmelskönigin zum heiligen Antonius und seinem treuen Schwein, als die beiden vor der Himmelspforte erscheinen. "Hier wird kein Freund vom Freund geschieden. Es kommt so manches Schaf herein, warum  nicht auch ein braves Schwein!!" "Wer in Glaubensfragen den Verstand befragt, kriegt unchristliche Antworten", stellte Busch sachlich fest. Nicht ohne Grund befürchtete der Verleger 1872, als die "Fromme Helene" fertig gestellt war, wiederum ein Verbot. Diese Bilderfolge demaskierte nicht nur die Konventionen des religiösen Lebens, sondern gleich sämtliche Ideale bürgerlicher Erziehung, voran die Verdrängung sexueller Bedürfnisse.

"Ei ja! Da bin ich wirklich froh! Denn, Gott sei Dank! Ich bin nicht so!" resümiert Onkel Nolte selbstgenügsam nach dem traurigen Ende seiner "frommen" Nichte. Buschs bitterböse Bildergeschichte für Erwachsene wurde jedoch nicht verboten. Es war die Zeit des "Kulturkampfes"; die preußische Regierung glaubte wohl, in ihrer Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche ein wenig antiklerikale Satire brauchen zu können. Und umgekehrt zeigte auch Busch – insoweit typisch für das Dilemma, in dem sich damals die gesamte liberale und freigeistige Richtung in Deutschland befand – Sympathie für Bismarcks Politik. Unmittelbar nach dem Sieg über Frankreich hatte er, mehr hämisch als humoristisch, in einem Bilderbogen ein kindlich-sadistisches "Napoleonspiel" aufgeblättert: "Ne! schreit der Louis laut und sehr – Napolium spiel ich niemals mehr!"

Weidelandschaft, Gemälde von Wil-
helm Busch, 1889
Einige Verse könnten den Eindruck nahelegen, dass Busch auch von den antisemitischen, rassistischen Gedanken, die in seiner Zeit zu gären begannen, nicht frei geblieben ist. Zum Beispiel in der "Frommen Helene": "Und der Jud mit krummer Ferse, krummer Nas’ und krummer Hos’ schlängelt sich zur hohen Börse, tiefverderbt und seelenlos" – man weiß nicht recht, ist das ähnlich ironisch-perspektivisch zu lesen wie der gleich darauf folgende Vers: "Schweigen will ich von Lokalen, wo der Böse nächtlich prasst, wo im Kreis der Liberalen man den Heil’gen Vater hasst"?

"Kein hiesiger Schlüssel passt zur Ausgangstür", heißt es in jenem Lebensrückblick. Auf letzte Fragen hatte Busch keine Antworten parat, man wird sie in seinen Versen auch nicht suchen dürfen. Aber dafür findet sich in der Trilogie vom Herrn Knopp eine der trockensten Todesnachrichten der gesamten Weltliteratur: "In der Wolke sitzt die schwarze Parze mit der Nasenwarze, und sie zwickt und schneidet, schnapp!! Knopp sein Lebensbändel ab. Na, jetzt hat er seine Ruh! Rasch! Man zieht den Vorhang zu."


Mehr im Internet:
Wilhelm Busch - Wikipedia
Wilhelm-Busch-Museum Hannover 
scienzz artikel Deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

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