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09.02.2008 - GESCHICHTE
Eines der größten Massaker der Weltgeschichte
Vor 750 Jahren eroberten die Mongolen Bagdad, die glanzvolle Metropole des Islams
von Josef Tutsch
 | | Hülägü, der Eroberer Bagdads
| | | Folgt man den zeitgenössischen Chroniken, muss es eines der grässlichsten Massaker der Geschichte gewesen sein. Angeblich 800.000 Menschen wurden in den Tagen nach der Eroberung Bagdads durch die Mongolen am 10. Februar 1258 vor den Mauern hingerichtet; die Stadt wurde von den Siegern geplündert und in Brand gesteckt. Die Mongolen wollten ein Exempel statuieren: Städte, die sich sofort und bedingungslos unterwarfen, durften mit Milde rechnen. Wer Widerstand zu leisten versuchte, bezahlte mit der Vernichtung.
Etwa am 20. Februar wurde auch Kalif Abu Ahmad Abd Allah ibn al-Mustasim getötet. Die wenigen Tage Aufschub erklären sich vielleicht dadurch, dass der Eroberer Hülägü es angesichts der Rivalitäten in der mongolischen Herrscherfamilie für tunlich hielt, zunächst seinen Bruder, Khan Möngke, im fernen Karakorum zu informieren und ihm die Entscheidung über al-Mustasims Schicksal zu überlassen. Für den Tod des Kalifen dachte sich Hülägü, wie überliefert wird, eine ganz besondere Methode aus. Alter Volksglaube wollte nämlich wissen, vom Nachfolger des Propheten dürfe kein Blutstropfen den Boden berühren, sonst würde die Erde ins Wanken geraten. al-Mustasim wurde also in einen Teppich eingewickelt und von Pferden zu Tode getrampelt.
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Eroberung Bagdads 1258
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Was daran Wahrheit und was Legende ist, lässt sich 750 Jahre später kaum noch klären. Vor allem wirkt nicht recht plausibel, warum die mongolischen Eroberer die muslimische Ehrfurcht vor dem "Beherrscher der Gläubigen" geteilt haben sollen. In ihrer Mehrzahl hingen sie noch den angestammten schamanistischen Riten an, Hülägü selbst verband diesen Volksglauben mit buddhistischen Neigungen, seine Mutter und seine Frau waren nestorianische Christinnen. Wahrscheinlich erklärt sich die Geschichte vom Teppich und den Pferden aus dem Entsetzen frommer Muslime, die nicht verstehen konnten, wie nach dem Mord an dem Kalifen die Welt weiterging.
Dabei waren die politisch glanzvollen Zeiten des Kalifats damals längst vorbei. Mitte des 8. Jahrhunderts hatte die Dynastie der Abbasiden das Amt übernommen, in dem der Theorie nach alle weltliche wie geistige Herrschaft versammelt sein sollte, so etwas wie Kaiser und Papst in Personalunion. Die Residenz Bagdad entwickelte sich zur glanzvollen Metropole von Kunst und Wissenschaft und zur größten Stadt der Welt; die Quellen sprechen, sicherlich übertreibend, von zwei Millionen Einwohnern. Durch die Geschichten um Kalif Harun al-Raschid in "Tausendundeine Nacht" ist der Glanz Bagdads auch dem westlichen Publikum vertraut.
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Hülägü mit seinem Hofstaat
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Politisch jedoch hatten die "Beherrscher der Gläubigen" bereits seit dem 9. Jahrhundert mehr und mehr an Einfluss verloren. In Ägypten und Spanien beanspruchten konkurrierende Dynastien sogar den Kalifentitel für sich, die Bagdader Zentrale geriet unter die Kontrolle der persischen Buyiden. Es muss eine schwierige Koexistenz gewesen sein. Die Abbasiden waren Repräsentanten der sunnitischen Lehre, die Buyiden hingen der shiitischen Minderheitsfraktion im Islam an, welche die Legitimität des abbasidischen Kalifenamtes gar nicht anerkannte.
So kam es den Kalifen sehr gelegen, dass um 1100 die Buyiden-Dynastie von den türkischen Seldschuken, Anhängern der Sunna, verdrängt wurden; für die Region des heutigen Irak konnten die Abbasiden zeitweise sogar reale Macht zurückgewinnen. Der Konflikt zwischen den beiden Konfessionen bestand jedoch fort, er prägt noch heute des politische Leben im Irak, bis hin zum Bürgerkrieg. So vermutet der moderne Historiker Gustav Edmund von Grunebaum, dass al-Mustasim durch seine Höflinge mit Absicht falsch beraten wurde und deshalb versäumte, sich den Mongolen rechtzeitig zu unterwerfen. Der shiitische Wesir Ibn al-Alqami wird in den Quellen ausdrücklich des Verrats bezichtigt. Auch von einem shiitischen Gelehrten, Nasir ad-Din Tusi, ist überliefert, dass er die Mongolen ins Land gerufen habe: Die Ungläubigen sollten Raum schaffen für die "wahre" Lehre.
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Abbasidenpalast, Bagdad
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Verrat wurde auch der christlichen Minderheit im Abbasidenreich vorgeworfen. Schwer zu sagen, was an Fakten hinter diesem Vorwurf gestanden haben mag; in Europa jedenfalls weckte die mongolische Expansion große Hoffnungen, einen Verbündeten gegen den Islam zu finden. Die Kreuzzüge hatten das Herrschaftsgebiet der Muslime nur vorübergehend und nur am Rande einengen können. Aber seit Mitte des 12. Jahrhunderts machte bei den Christen des Orients und des Okzidents das Gerücht von einem "Priesterkönig Johannes" die Runde, der irgendwo im östlichen Asien ein mächtiges Reich regiere und mit den Muslimen im Krieg liege.
Menschen, die unmittelbar von den mongolischen Überfällen betroffen waren, werden von der Illusion, es handele sich um die Truppen des Priesterkönigs, bald befreit gewesen sein. "Alles verwüsten sie, niemanden schonen sie, Greise und Junge, Reiche und Arme und Frauen mit ihren Kleinkindern töten sie", heißt es in einem Bericht aus Osteuropa Mitte des 13. Jahrhunderts, "die Sittsamkeit von alten Frauen und Jungfrauen schänden sie auf unglaubliche Weise, Fressgelagen, Ausschweifungen und Unflätigkeiten in gottgeweihten Heiligtümern sind sie ergeben, und gleichermaßen zerstören sie Häuser und Kirchen, befestigte Städte und Klöster."
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Schiitische Darstellung: Mohammed über gibt die Nachfolge seinem Schwiegersohn Ali
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Hinter diesen Eroberungszügen stand ein erstaunliches Sendungsbewusstsein: Dem mongolischen Himmelsgott und seinem Vertreter auf Erden, dem Großkhan, solle die gesamte Erde untertan werden. Dass nicht auch Mittel- und Westeuropa überrannt wurde, ist wohl mehr einem Zufall zu verdanken. 1241 wurde in Schlesien ein polnisch-deutsches Ritterheer vernichtet; aber kurz darauf zogen die Mongolen nach Osten ab: Großkhan Ögödei, der Sohn des Dschingis Khan, war gestorben, seine Nachfolge musste geregelt werden. Für Bagdad kam der gleiche Fall eine Generation danach zu spät. Möngke starb 1259; Nachfolger als Großkhan wurde sein Bruder Kublai, der Eroberer Chinas, jener Kublai, von dessen Hof der Venezianer Marco Polo in seinem berühmten Reisebericht erzählt. Der Irak hat sich von den Folgen des "Mongolensturms" niemals mehr erholt. Vor allem die Bewässerungsanlagen, die seit der Antike die Ernährung gesichert hatten, blieben zerstört, große Teile des Landes kehrten zu einer nomadischen Lebensform zurück. Für die Schriftkultur hatten die Krieger aus Zentralasien anscheinend noch viel weniger Verständnis. Es heißt, der Euphrat sei tagelang von der Tinte der in den Fluss geworfenen Bücher gefärbt gewesen. Immerhin pflegten die mongolischen Fürsten die Sitte, Handwerker und Künstler nicht zu töten, sondern sie statt dessen in ihre eigenen Residenzen zu verschleppen.
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Muslimische Pilgerkarawane
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Langfristig hatte die Katastrophe für die Religion des Propheten allerdings auch eine positive Seite. "Im Schatten der pax mongolica", so die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer, "erstreckte sich der Handels- und Kulturaustausch über alle politischen Grenzen hinweg", von Polen bis ans Gelbe Meer, vom Persischen Golfe bis nach Sibirien. Viele der mongolischen Oberen konvertierten zum Islam; ein Nachfolger Hülälüs, berichtet Krämer "begann wohl als Schamanist, wurde als nestorianischer Christ getauft, wandte sich dem Buddhismus zu, folgte dann der Bekehrung zum sunnitischen Islam und konvertierte schließlich, wenn auch möglicherweise nicht definitiv, zur Schia."
Für die orientalischen Christen war die Bilanz viel weniger positiv, ihr Spielraum wurde ebenso wie der von Schamanisten, Buddhisten, Manichäern und Zarathustriern drastisch eingeschränkt. Auch der berühmteste mongolische Heerführer nach Dschingis Khan, Timur, in Europa als Tamerlan bekannt, war sunnitischer Muslim. Das hat seine Kriegsführung auch gegen Muslime freilich nicht gemildert. 1401 ließ er Bagdad ein zweites Mal erobern und verwüsten. Diesmal berichten die Chroniken von "nur" 100.000 Toten. Am Ufer des Euphrat wurde eine riesige Pyramide von menschlichen Schädeln errichtet.
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Westliche Orient-Phantasie: Julius Köckert Harun al-Raschid empfängt eine Delegation Karls des Großen, 1864
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Ein desaströses Vakuum hinterließ das Jahr 1258 in der politischen Theorie des Islam. Unter Sunniten gilt al-Mustasim bis heute als letzter der "legitimen" Kalifen; aber immer wieder wurde versucht, den Kalifentitel für die eigene Herrschaft zu beanspruchen. Ab 1261 hielten sich die Mamluken in Ägypten einen "Schattenkalifen"; ein Mitglied der Abbasidenfamilie war aus Bagdad nach Kairo entkommen. 1517 übernahmen die türkischen Sultane in Istanbul den Titel. Nachdem die türkische Republik das Amt 1924 formell abgeschafft hatte, trat in Kairo flugs ein muslimischer Kongress zusammen, um einen neuen Kalifen zu wählen, freilich ohne Ergebnis – ein hilfloser Versuch, das Rad der Geschichte vor die Katastrophe von 1258 zurückzudrehen. Wie sich legitime Herrschaft anders begründen ließe als aus der Nachfolge des Propheten, ist im Islam bis heute eine offene Frage.
Mehr im Internet: Battle of Baghdad 1258 - Wikipedia Das verschwundene Riesenreich, scienzz 13.06.2005
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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