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15.01.2008 - PHILOSOPHIE

Sehnsucht nach dem Unendlichen, nicht sein Besitz

Auswege aus dem Idealismus - eine Rehabilitation der frühromantischen Philosophie

von Josef Tutsch

 
 

Friedrich von Hardenberg alias
Novalis (1772-1801)

Die Philosophie des Deutschen Idealismus ist uns fremd geworden. Die Rätsel beginnen schon mit der Entstehung in den 1790er Jahren. Wie war es möglich, dass ausgerechnet auf der Basis von Immanuel Kants radikaler Destruktion aller metaphysischen Spekulationen seine eifrigen Leser Fichte, Schelling und Hegel neue metaphysische Systeme entwickeln konnten, im Falle Hegels sogar die ambitionierteste Metaphysik in der Geschichte des Abendlandes? Genauso rätselhaft steht es mit dem Ende dieser Epoche. Man kann nicht einmal sagen, dass Hegels unfolgsame Schüler, voran Ludwig Feuerbach, ihren Meister argumentativ widerlegt hätten. Nach gut einer Generation war der Idealismus ganz einfach unglaubhaft geworden.

"Auswege aus dem Deutschen Idealismus" hat der Tübinger Philosophieprofessor Manfred Frank eine Sammlung alter und neuer Aufsätze überschrieben, die jetzt auf dem Büchermarkt erschienen ist. Gegenstand sind jedoch vor allem die Anfänge dieses Idealismus und die möglichen Alternativen in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts, ist die Frage, was aus Kants Erbe geworden wäre, wenn nicht Fichte und Schelling, sondern Novalis und Friedrich Schlegel die philosophische Diskussion damals bestimmt hätten.

Friedrich Schlegel (1772-1829)
Novalis und Schlegel – dieser Gedanke ist geeignet, sowohl bei einem philosophie- als auch bei einem literaturhistorisch interessierten Publikum Überraschung auszulösen. Der Dichter Friedrich von Hardenberg alias Novalis steht bis heute in hohem Ansehen; seine philosophischen Fragmente dagegen gelten als schülerhafte Ausschreibungen von Fichtes Wissenschaftslehre, als ein phantastischer Versuch, dessen Idealismus zu einer Art von Magie zu steigern, etwa des Inhalts, wie Frank sarkastisch zusammenfasst, "Individuen könnten mit gehöriger geistiger Anstrengung die Welt beliebig nach ihren Wünschen einrichten". Ebenso steht die geistesgeschichtliche Wirkung von Friedrich Schlegels Gedanken zur romantischen Poesie außer Frage. Philosophisch ernst genommen hat man sie nicht.

Diese Verzeichnungen will Manfred Frank korrigieren. Die "Frühromantik" erscheint bei Frank nicht mehr als eine nicht recht seriöse Unterfraktion des Deutschen Idealismus, sondern vielmehr als dessen Widerpart: "Idealistisch heiße ein Denken, das die Strukturen der Wirklichkeit auf Leistungen des Geistes zurückführt, frühromantisch heiße dagegen die Überzeugung, wonach das Subjekt selbst und das Bewusstsein, durch das es sich kennt, auf einer Vorsaussetzung beruhen, über die sie nicht verfügen."

Joh. Gottlieb Fichte (1762-1814)
Das macht Novalis nicht zu einem Vorläufer von Karl Marx, aber zu einem getreueren Kantianer, als es Kants selbsternannter Erbe Johann Gottlieb Fichte war. Schlüsselfigur der Entwicklung ist ein heute nahezu vergessener Philosophieprofessor in Jena, Carl Leonhard Reinhold, der sich damals mit viel Energie für die Popularisierung von Kants Philosophie einsetzte. Freilich nicht ohne Kant in einem entscheidenden Punkt ergänzen zu wollen: Was ihm fehlte ("das Eine, was der Menschheit Not tut", so Reinhold etwas pathetisch), war ein letztes Fundament unserer Wissenssuche. In Reinholds Schülerkreis gab es hierzu eine kontroverse Diskussion. Philosophiehistorisch einflussreich wurde dann vor allem die Fassung, die Fichte 1794 dem Gedanken gab: "Das Ich setzt schlechthin sich selbst."

Wahrscheinlich im Sommer 1795, rekonstruiert Frank, muss Novalis, der 1790/91 bei Reinhold studiert hatte, gegenüber dieser Philosophie des absoluten Ich skeptisch geworden sein. "Absolut machen können wir nichts, weil das Problem des absolut Machens ein imaginatives Problem ist", heißt es in den Fragmenten. Die Missverständnisse, denen Novalis’ Philosophie seit zwei Jahrhunderten ausgesetzt ist, dürften sich nicht zuletzt daraus erklären, dass in den gängigen Werkausgaben frühe und späte Aussagen bunt nebeneinander stehen. Im Sommer 1796 wandte sich auch Friedrich Schlegel, offenbar durch seinen Freund Novalis überzeugt, von Fichtes vermeintlich unbezweifelbarem Prinzip ab.

Immanuel Kant (1724-1804)
Es war eine Rückkehr zu Kant: Fichtes Idealismus (Schlegel sprach von "Mystizismus") setze sich blind über die kantische Grenzlinie der Erkennbarkeit hinweg. Dass im Versuch, hinter den Erscheinungen ein unerkennbares "Ding an sich" anzunehmen, logische Probleme liegen – jene Probleme, die Fichte mit seinem sich selbst setzenden Ich kühn überspringen wollte – war Novalis und Schlegel auch nach ihrer Wende natürlich weiterhin bewusst. Auch Kant selbst, schreibt Frank, hatte Inkonsistenzen in seinem System dem Vorwurf vorgezogen, ein Idealist zu sein, "also ein Denker, für den eine außergeistige Wirklichkeit nicht besteht".

Er wolle lieber mit Kant scheitern als mit Fichte siegen, kommentierte Friedrich Karl Forberg, ebenfalls ein Reinhold-Schüler, den Idealismus spöttisch. "Ohnehin hat die Nachwelt ihr Urteil gesprochen", schließt Frank sich dem lakonisch an. Was freilich Novalis und Schlegel angeht, war eine Revision des Urteils fällig. "Die Sehnsucht nach dem Unendlichen, nicht sein Besitz beflügelte die Frühromantiker", bringt Frank den Dissens zwischen "romantischer" und "idealistischer" Philosophie auf den Punkt. "Hegel diagnostizierte diese Einstellung als unglückliches Bewusstsein. Der Tadel freilich prallt ab an der wohlbegründeten Überzeugung, dass der menschlichen Wirklichkeit dieses Unglück wesentlich sei."

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling
(1775-1854)
"Auswege aus dem Idealismus": Auch zum Ausgang dieser Epoche der Philosophiegeschichte hat Frank eine Korrektur des gängigen Bildes anzubringen. Es geht um den Schelling der 1820er bis 1840er Jahre, der Nachwelt durch einige giftige Bemerkungen von Karl Marx als philosophierender Reaktionär geläufig. Frank kann nachweisen, dass sowohl Feuerbach als auch Marx in ihren Konzepten, den Hegelschen Idealismus zu überwinden, ganz wesentliche Anleihen ausgerechnet beim späten Schelling gemacht haben – jenem Schelling, dessen frühe Philosophie den Weg zum absoluten Idealismus doch mit bereitet hatte.

Nur ein paar knappe Zitate. "In der Logik liegt nichts Weltverändern- des", lehrte Schelling, "die Umkehrung kann nicht vom Denken ausgehen". Feuerbach schrieb, dass die "unbefleckte Jungfer", die Logik, von sich aus niemals ein Sein, das nicht abermals bloß logischer Natur ist, gebären könne. Schelling kritisierte die idealistische Umkehrung in Hegels System, durch die "der Mensch als hervorbringende Ursache der Tierwelt, das Tierreich als hervorbringende Ursache des Pflanzenreichs, der Organismus überhaupt als Ursache der unorganischen Natur" erscheine. Marx hat den Ulk ähnlich wiederholt: "In Hegels Geschichtsphilosophie gebiert der Sohn die Mutter, der Geist die Natur, die christliche Religion das Heidentum, das Resultat den Anfang."


Neu auf dem Büchermarkt:
Manfred Frank: Auswege aus dem Deutschen Idealismus,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007,
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1851, ISBN 978-3-518-29451-2, 16,- €




Mehr im Internet:
Deutscher Idealismus






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

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