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22.01.2008 - KULTURGESCHICHTE

Fliegende Katzen und Küsse unter den Schwanz

Aus der Kulturgeschichte der Samtpfoten

von Josef Tutsch

 
 

Katzenmumie aus Ägypten

Wenn Katzenfreunde die Würde ihrer Lieblinge verteidigen wollen, berufen sie sich gern auf das alte Ägypten. Dort wurden der Katze göttliche Ehren erwiesen. In vielen Museen Europas und Nordamerikas sind heute mumifizierte Katzen ausgestellt. Eine Katze zu töten, galt als Verbrechen; beim Historiker Diodor ist zu lesen, dass ein römischer Gesandter am Ptolemäerhof, der versehentlich den Tod einer Katze verschuldet hatte, von der aufgebrachten Volksmenge gelyncht wurde. Der Sonnengott selbst wurde manchmal als "großer Kater" bezeichnet.

Ganz so idyllisch kann das Leben im Land der Pharaonen für die Samtpfoten aber doch nicht gewesen sein. Es hat sich herausgestellt, berichtet der Heidelberger Ägyptologe Joachim Friedrich Quack, dass die allermeisten Katzenmumien von sehr jungen Tieren stammen; oft ist am Skelett die Todesursache noch zu erkennen: Den Katzen wurde der Hals umgedreht. Das hat zu Spekulationen geführt, ob es am Pharaonenhof vielleicht üblich war, den König durch Tieropfer symbolisch zu verjüngen. Plausibler scheint eine andere Erklärung: Für die hohe Nachfrage nach Katzenmumien gab es nicht genügend "Material", der Nachschub musste also künstlich erhöht werden.

Katze im Kampf mit einer Schlange (Ägyp-
ten, 15. Jahrundert v. Chr.)

Die Katze: Rainer Kampling, Theologe an der Freien Universität Berlin, hat eine Reihe von Kulturwissenschaftlern zu einem Querschnitt durch die Kulturgeschichte vom alten Ägypten bis in die europäische Neuzeit zusammengebracht. Dass es gerade ein Theologe ist, der sich für Katzen interessiert, lässt sich kaum vom Fach her begründen. In der Bibel kommen Katzen kein einziges Mal vor, ganz im Gegensatz zu den vielen Stellen über Hunde. Oder fast kein einziges Mal. Im sogenannten Brief des Jeremias (in katholischen Bibelausgaben enthalten, in protestantischen und jüdischen dagegen nicht) findet sich eine Polemik gegen Götzenbilder: "Auf ihren Leib und ihr Haupt fliegen Fledermäuse, Schwalben und Vögel, gleichwie sogar die Katzen."

Fliegende Katzen? Heute vermuten die Bibelwissenschaftler, dass einem Abschreiber bereits in der hebräischen oder aramäischen Vorlage des griechisch überlieferten Textes das Wort „Katzen“ durch ein Versehen hinein gerutscht sein muss. Vielleicht hatte der Schreiber ja auch ein gespanntes Verhältnis zu diesen Tieren. Der Judaist Joachim Schwartz bringt Beispiele aus einer ausgedehnten Diskussion zwischen jüdischen Rabbinern im späten Altertum und im Mittelalter, ob man Katzen überhaupt halten dürfe.

Katze frisst Maus (Pere Abadal
17. Jahrhundert)

Wichtigstes Argument: "weil sie das Haus säubern", nämlich von Mäusen und Schlangen. "Katz und Maus" war ein beliebtes Motiv in der jüdischen Literatur des Mittelalters. In einer Abhandlung aus dem 10. Jahrhundert schlagen Jäger und Gejagte einander Bibelverse mit dem Lob des Schöpfers um die Ohren, beinahe möchte man an eine Parodie glauben. "Wenn du gleich horstest hoch wie der Adler und zwischen den Sternen dein Nest bauest, ich stürze von dort dich herab, spricht der Herr", droht die Katze. Darauf die Maus in hoffnungsfroher Verzweiflung: "Ich will dich erheben, o Herr, denn du hast mich aus der Tiefe gezogen und hast nicht zugelassen, dass meine Feinde sich über mich freuen." In einer späteren Version fügt die Maus, nachdem sie doch gefangen wurde, resigniert hinzu: "Der Herr ist gerecht in all seinem Tun."

Dass Katzen in der Bibel nicht erwähnt sind, stellte die jüdischen Weisen vor ein heikles Problem: Handelte es sich um ein reines oder um ein unreines Tier? Bedeutsam scheint vor allem der Umstand gewesen zu sein, dass die Maus als unrein galt  es bestand also die Gefahr einer indirekten Verunreinigung. Kampling bringt Beispiele aus mittelalterlichen Bußbüchern, die zeigen, dass diese Diskussion auch im Christentum weiterging - obwohl sich doch schon die Christen der ersten Generation nach Jesu Tod vom jüdischen Ritualgesetz verabschiedet hatten. Typisch ist ein Rechtssatz aus Trier um 900 nach Christus: "Wer etwas verzehrt oder trinkt, das von einem Haustier, das heißt von einem Hund oder einer Katze, berührt wurde, soll zwei Tage büßen."

Drohendes Unheil (aus dem
Film "Die schwarze Katze"
von Edgar G. Ulmer, 1934)
 

Bis heute nicht geklärt ist die Frage, wie die Katze -- oder vielmehr der Kater -- im hohen Mittelalter dazu kam, als Inbegriff der Ketzerei zu gelten. Der älteste Beleg, so der Hamburger Historiker Bernd-Ulrich Hergemöller, ist eine Schilderung des englischen Domherrn Walter Map um 1180: In der nächtlichen Versammlung der Häretiker steige "ein schwarzer Mäusefänger" herab. "Die einen küssen ihn auf die Füße, sehr viele unter den Schwanz, andere auf die Schamteile, und als ob sie vom Ort des Schmutzes die Erlaubnis zur Befriedigung ihres Juckreizes erhalten hätten, greift sich ein jeder den Nächstbesten oder die Nächstbeste, und sie vermischen sich untereinander, so lange, wie sie ihren Mutwillen ausdehnen wollen."

Durch mehrere Briefe von Papst Gregor IX. aus dem Jahr 1233 erhielten diese Phantasien quasi kirchenoffiziellen Charakter. Das Konglomerat von Ketzerei, Unzucht und Magie, zusammengefasst im Bild des schwarzen Katers, hat den Volksglauben Jahrhunderte lang bestimmt -- jedoch ohne, dass es kirchlichen Stellen jemals in den Sinn gekommen wäre, einen Kreuzzug gegen die Katzen zu eröffnen. Dergleichen ist Erfindung moderner Populärhistoriker. Kampling zitiert einen gewissen R. Delort: "Die Katze im christlichen Abendland begegnet einer starken Feindseligkeit, die sich gegen alles richtet, was sie verkörpert: Sexualität, Sinnlichkeit, Weib, Heidentum, Mond, Nachfinsternis, Diana, List und Grausamkeit, Dämonen -- kurz, fast das gesamte Instrumentarium der Hexerei."

Thomas Murner, Von den
großen lutherischen Narren
1522
 

Schade, dass Kamplings Sammelband mit der frühen Neuzeit endet -- auch in der Gegenwart wäre zweifellos manches zum Thema zu finden, bis hin zu Tom und Jerry. Durchweg negativ ist das Bild der Katze in der Geschichte des Abendlandes jedenfalls nicht, wenngleich der Franziskanerprediger Berthold von Regensburg im 13. Jahrhundert behauptete, Ketzer und Katzen wären nicht nur sachlich, sondern schon etymologisch dasselbe. Daniela Schmidt in ihrem Beitrag: "Wie die Katze zu einer Kröte geht und diese leckt und das Gift auf den Menschen überträgt, so überträgt der Ketzer die Irrlehren auf die bis dato gläubigen Christen." Der Berliner Theologe Markus Thurau hat aber auch einen sozusagen streng katholischen Kater gefunden. 1522 brachte der Franziskanermönch Thomas Murner eine Polemik gegen Martin Luther heraus, auf deren Titelblatt er sich selbst als Kater darstellen ließ -- humoristisch inspiriert durch das "Mur" in seinem Namen.

Seit der späten Antike gehört die Hauskatze auch in den Ländern nördlich des Mittelmeers zur alltäglichen Lebenswelt. Was hat es zu bedeuten, wenn Maler des Mittelalters und der frühen Neuzeit auf Bildern, vor allem "frommen" Bildern, Katzen dargestellt haben? Seitdem der Kunsthistoriker Erwin Panofsky vor über einem halben Jahrhundert seine Kollegen aufgerufen hat, in Alltagsgegenständen versteckte Symbolgehalte aufzuspüren, ist das eine der am heißesten diskutierten Fragen der gesamten Kulturgeschichte. Kamplings Sammelband stellt mehrere Positionen nebeneinander. Jeder Gegenstand und jedes Tier habe mitschwingende Nebenbedeutungen, stellt der Kölner Kunsthistoriker Thomas Blisniewski grundsätzlich fest.

Katze mitten in der Heilsgeschich-
te (Lorenzo Lotto, Verkündigung,
um 1527; Detail)

Bereits einige wenige Beispiele mit Szenen der Geburt Christi um 1500 zeigen jedoch, dass konkret ganz unterschiedliche Deutungen möglich sind: Vielleicht ist die Katze, die eine Maus jagt, ein Verweis auf Christus, der in die Welt kam, um die Menschheit vom Bösen zu erlösen -- oder gerade umgekehrt soll die Maus die Seele bedeutet, der die Katze nach Teufelsart nachstellt. Noch komplexer wird es in Philipp Wälchlis Analyse eines Abendmahlsbildes von Cosimo Rosselli Ende des 15. Jahrhunderts. Zu Füßen des Verräters Judas ist ein Hund gerade dabei, der Katze den Knochen, den sie, nicht ganz realistisch, in Besitz hält, streitig zu machen -- bedeutet der Hund vielleicht das bekehrungswillige Heidentum, die Katze dagegen das, in christlich-kirchlicher Sicht, verstockte Judentum?

Fragen, die sich vermutlich niemals ganz aufklären lassen. Der Berliner Kunsthistoriker Eberhard König widerspricht Wälchlis Interpretation denn auch ironisch: "Wer weiß, vielleicht will die Katze Judas ja vom Verrat abbringen; das zu verhindern, wäre dann der Hund da; denn ohne den Verrat würde die Erlösung nicht ihren Lauf nehmen!" In der Tat ist die Möglichkeit nicht auszuschließen, dass der Maler bloß ein Stück Alltagswelt hineinbringen und den Fußboden, der sonst leer geblieben wäre, füllen wollte.

Andererseits - Wälchli verweist auf ein Detail in Rossellis Bild, das sich kaum anders denn symbolisch erklären lässt. Auf Judas' Kopf sitzt ein Teufelchen mit Fledermausflügeln. Und damit wären wir -- beweisen lässt sich ein solcher Zusammenhang allerdings nicht, fügt Wälchli bedauernd hinzu - wieder bei den Fledermäusen und den „fliegenden Katzen“ im Jeremias-Brief. Sollte die Hypothese richtig sein, würde Rossellis "Abendmahl" den ganz seltenen Fall in der Kunstgeschichte bieten, dass sich ein Maler auf den rätselhaften Bibelvers bezogen hat.


Neu auf dem Büchermarkt:
Eine seltsame Gefährtin. Katzen, Religion, Theologie und Theologen,
Verlag Peter Lang, ISBN 978-3-631-56564-3, Frankfurt am Main 2007, 48,- €



Mehr im Internet:
Katze - Wikipedia


 






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

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