Königskrönungen und Papstbegräbnisse, Soldatengelöbnisse und Eheschließungen, Einschulungen und Grundsteinlegungen – das sind Vorgänge aus ganz unterschiedlichen Lebenszusammenhängen. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam: Es sind "Rituale", Handlungsabläufe, die durch Tradition vorgegeben sind und bei bestimmten Anlässen einfach fällig werden, die im einzelnen zwar vielfältige Variationen erlauben, es den beteiligten Individuen aber schwer machen, sich ihnen grundsätzlich zu entziehen.
Seit den 1970er Jahren hat der Begriff in den Sozial- und Kulturwissenschaften Karriere gemacht. Inzwischen ist "Ritualforschung" ein etabliertes Forschungsgebiet; in Nijmwegen gibt es seit 2005 einen Lehrstuhl für Ritualistik, an der Universität Heidelberg wird ein Sonderforschungsbereich "Ritualdynamik" betrieben. Einer der Mitarbeiter dieses Sonderforschungsbereichs, der Germanist Burckhard Dücker, hat jetzt eine Einführung in die junge "Ritualwissenschaft" vorgelegt.
Begräbnis von Johannes Paul II., 2005
Tatsächlich, das Wort steht im Titel. Wie umfassend und interdisziplinär das Problemfeld angelegt ist, macht Dücker bereits mit einem Blick auf die Begriffsfamilie deutlich. "Ritual" ist von "Ritus" abgeleitet, einem gängigen Begriff der Religionsgeschichte und Theologie; "Brauch", "Fest", "Spiel", "Zeremonie" gehören dagegen in die Soziologie und Ethnologie. Eine Wortprägung fehlt noch, die heute vermutlich populärste in diesem Zusammenhang: "Event".
Zum Beispiel die "public viewings" während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. "Events sind vorproduzierte Gelegenheiten zur massenhaften Selbst-Inszenierung der Individuen auf der Suche nach einem besonderen ‚eigenen Leben’" zitiert Dücker seinen Kollegen Ronald Hitzler. Die Spannung zwischen dem Individuellen einerseits, dem Organisierten, Kollektiven, beinahe Schablonenhaften andererseits, die in diesem Satz zum Ausdruck kommt, ist natürlich nicht neu. Bereits den antiken Historikern Herodot und Tacitus war bewusst, dass über rituelle Praktiken die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Gemeinschaft konstituiert wird.
Großer Zapfenstreich, 2007
Zur Veranschaulichung nimmt Dücker ein eher banales Beispiel, die Ersteinschulung in einer Grundschule, wie er sie in irgendeiner Stadt in Baden-Württemberg beobachten konnte. Der Ablauf ist weitgehend festgelegt: Ankunft der Familien in der Aula, Begrüßung durch den Rektor, Ansprachen mit musikalischen oder szenischen Einlagen, Vorstellung der Klassenlehrer, Aufrufen der neuen Schüler, schließlich der Gang in die Klassen und der Abschied der Kinder von den Eltern.
Solche Rituale halten sich mit erstaunlicher Hartnäckigkeit. Das zeigte sich gerade an den heftigen Auseinandersetzungen, die es seit den 1960er Jahren um Abitur-, Immatrikulations- und Examensfeiern gegeben hat. Wer damals dabei war, wird sich noch erinnern, es ging bis hin zu einer prinzipiellen Ritualverweigerung. Der Streit fand seinen öffentlichen Höhepunkt, als Anfang der 1980er die öffentlichen Soldatengelöbnisse mit Großem Zapfenstreich wieder eingeführt wurden. Auch Kreise, die der Bundeswehr nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber standen offenbarten ihre Hilflosigkeit vor der Frage, welches Ritual angemessen sei. Schlichter gesagt: Es zeigte sich eine Unfähigkeit zu feiern.
Reichsparteitag 1934
Dücker stellt jedoch fest, der "Ritualsturm" damals habe sich "im wesentlichen gegen die herrschenden Rituale als Rituale der Herrschenden, keinesfalls gegen rituelles Handeln schlechthin". Alles in allem, so die zentrale Aussage des Buches, habe es "gerade in der Moderne eine signifikante Zunahme rituellen Handelns" gegeben. Wie sich das messen lässt, bleibt freilich offen. Etwa für den religiösen Bereich liegt es nahe, zwei gegensätzliche Tendenzen anzunehmen. Dücker: "Auf der einen Seite nehmen immer weniger Menschen an sonntäglichen Gottesdiensten teil, auf der anderen Seite versammeln sich Tausende anlässlich des ritualisierten Kirchentags wie auch zu Papstmessen."
Sollte die These von der "signifikanten Zunahme" richtig sein – folgt daraus, wie Dücker andeutet, dass Max Webers Diagnose von der "Entzauberung der Welt durch Wissenschaften" korrigiert werden muss? Nicht unbedingt, es wäre ja auch die Deutung möglich, dass die Welt in der Tat entzaubert wurde, das Bedürfnis aber geblieben ist und sich in "Ersatzverzauberungen" befriedigt. Solche Fragen gehen über das, was hier als "Ritualwissenschaft" begründet werden soll, natürlich weit hinaus. Die Karriere der Ritualwissenschaft im akademischen Betrieb hängt wohl auch damit zusammen, dass die großen Geschichtskonstruktionen an Glaubwürdigkeit verloren haben.
Kölner Dombaufest 1880
Zweifellos kann es erkenntnisfördernd sein, wenn der Austausch von weißen Armreifen und roten Halsketten zwischen den Inseln Melanesiens auf derselben konzeptionellen Ebene betrachtet wird wie ein Opfermahl im antiken Griechenland oder eben die "public viewings" bei der Fußballweltmeisterschaft. Aber "vergleichen" heißt eben auch und vor allem "unterscheiden". Dücker bringt Beispiele dafür, dass rituelle Momente uns fremd geworden sein können: "Der Zorn des Herrschers gehört in mittelalterlichen literarisch gestalteten Ritualen häufig zum Herscherauftritt; wer öffentlich zornig sein kann, hat die Macht."
Heute kämen wir da eher auf den Gedanken, dass jemand vor den Fernsehkameras die Kontrolle über sich selbst verloren hat. Dücker führt den Begriff des "symbolrationalen Handelns" ein: Handlungsformen, die je nach Tradition geeignet sind, in einer öffentlichen Aufführung bestimmte Zwecke, entsprechend dem eigenen Wertglauben, zu erreichen. In Deutschland wurde der Sinn solcher Symbole 2007 zum Thema, als es um die Frage ging, ob sich Terroristen vor einer Begnadigung zunächst entschuldigen müssten. Und dann, prinzipiell kaum zu entscheiden, inwieweit eine solche Entschuldigung womöglich bloß ein Lippenbekenntnis wäre – ein "bloßes" Symbol, eine leere Form.
Kaiserliche Hochzeit, Fresko von Giov. Batt. Tiepolo, um 1752
Ob dieses Misstrauen in Symbole und Rituale schon in früheren Zeiten verbreitet war oder erst eine moderne Entwicklung ist? Nicht nur im Mittelalter wurden Könige und Herrschende gern in Situationen dargestellt, wo sie ihre Mitmenschlichkeit demonstrieren konnten – mit mehr oder weniger offenem Bezug auf den Urmythos der jeweiligen Kultur, im Falle des christlichen Abendlandes also die Barmherzigkeit Gottes. "In Ritualaufführungen stellt sich eine Kultur selbst dar", resümiert Dücker, "sie vergegenwärtigt ihre eigene Geschichte, aktualisiert ihren Ursprung."
Vor diesem Hintergrund wird begreiflich, dass selbst strenge Wissenschaftler durch die internationale Studentenbewegung der 1960er Jahre beunruhigt waren. Dücker führt die britische Sozialanthropologin Mary Douglas an: "Eines der ernstesten Probleme unserer Zeit ist das Schwinden des Verbundenseins durch gemeinsame Symbole. Ritual ist ein anstößiges Wort geworden, ein Ausdruck für leeren Konformismus." Der Heidelberger Forscher ist zu einer anderen Diagnose gekommen: nicht Destruktion, sondern Transformation der Rituale in unserer Gegenwart. Etwa beim Prozess gegen Fritz Teufel 1967, als er das Gerichtsritual mit den Worten persiflierte "wenn’s der Wahrheitsfindung dient" – Umwandlung der traditionellen Herrschaftsrepräsentation in eine Interaktion gleichberechtigter Partner, interpretiert Dücker. Als Beleg für eine ungebrochene, nur in den Formen sich wandelnde Ritualpraxis wirkt dieses Beispiel aber doch etwas unzureichend.
Neu auf dem Büchermarkt: Burckhard Dücker: Rituale. Formen – Funktionen - Geschichte. Eine Einführung in die Ritualwissenschaft, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-476-02055-0, 49,95 €
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
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