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29.01.2008 - INTERKULTURELLER DIALOG

Toleranz zwischen Gastfreundschaft und Laizismus

Der schwierige Dialog der Kulturen

von Josef Tutsch

 
 

Der muslimische Felsendom in Jerusa-
lem, vorne die jüdische Klagemauer

Es kann nicht einfach gewesen sein, im Dezember 2006 im ägyptischen Alexandria eine Tagung zum Dialog der Kulturen durchzuführen. Dafür wird dem Veranstalter, dem internationalen Forschernetzwerk "Philosophie und Anthropologie des Mittelmeerraums", die Notwendigkeit um so offensichtlicher gewesen sein. Die gewalttätigen Proteste gegen ein paar Karikaturen in einer dänischen Zeitung lagen noch kein volles Jahr zurück. In dem Sammelband mit den Tagungsbeiträgen, der jetzt erschienen ist, zittert die Erregung, die damals durch die islamische Welt ging, noch nach. "Den Propheten in respektlosen Situationen darzustellen, kommt einer Blasphemie gleich und beleidigt Millionen Muslime auf der ganzen Welt", sagte Mehrez Hamdi, Professor für Philosophie in Tunis. Schade, dass die informellen Gespräche am Rande nicht protokolliert sind. Man wüsste gern, wie die Wissenschaftler aus Europa versucht haben, ihrem arabischen Kollegen nahe zu bringen, dass die westliche Kultur sich seit der Aufklärung nicht zuletzt über das Recht zu solchen Respektlosigkeiten definiert.

"Die Künste im Dialog der Kulturen" lautete das Tagungsthema, speziell im Verhältnis zwischen Europa und "seinen muslimischen Nachbarn". Die Relevanz des Themas hatte sich inzwischen bis in die internationale Politik herumgesprochen. 2005 hatte die Generalkonferenz der UNESCO ein "Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen" verabschiedet, im März 2007 trat die Konvention in Kraft. In seinem Vorwort zum Sammelband deutet der Generalsekretär der deutschen UNESCO-Kommission, Roland Bernecker, mit aller Vorsicht an, dass auch die blasphemischen Karikaturen unter "Kunst" fallen könnten: "Die Künste entfalten Wirkung gerade an der Schnittstelle zwischen unseren Gewissheiten, den Strategien unserer Selbstbehauptung, und der Angst vor Infragestellung."

Aufmarsch einer palästinensischen
"Märtyrer"-Brigade
Dass Kunst und Kultur als eine heile Welt abseits aller Konflikte verzeichnet worden wäre, kann man der Tagung jedenfalls nicht vorhalten. Zum Beispiel der Artikel von Angelika Neuwirth, Arabistin an der Freien Universität Berlin, über den "Märtyrerdiskurs" ist geeignet, auf beiden Seiten des Mittelmeers gleichermaßen zu verunsichern. Neuwirth stellt die Entwicklung dar, die zur "Ikone des Kämpfers als eines Helden" geführt hat, "der durch seinen gewaltsam erlittenen Tod eine mythische Hochzeit mit der Heimat vollzieht", der verlorenen Heimat Palästina – ein Konzept, das christlichen Vorstellungen vom Märtyrertum ganz und gar nicht entspricht. Andererseits werden Muslime oder vielmehr Islamisten, die von der Figur des Selbstmordattentäters schwärmen, die Feststellung, dass ein solches Märtyrerideal im Koran selbst gar nicht vorkommt, befremdet aufnehmen. Es gibt eine einzige Stelle, die sich hier anführen ließe: "Sieh nicht jene, die für Gott getötet worden sind, als tot an, nein, sie leben, sind bei ihrem Herrn versorgt und freuen sich dessen, was Gott ihnen gewährt hat." Dieser traditionell als "Märtyrervers" reklamierte Text, erklärt Neuwirth, sei vielmehr im Sinne des antiken Heroenkults zu verstehen.

Späteren Generationen freilich gab er Gelegenheit, ihr Märtyrerideal in den Koran zurück zu projizieren. Neuwirth zeichnet die Spiritualisierung und Erotisierung des Todes in der islamischen Mystik nach: "Der Liebende nimmt seinen Weltverlust hin, er vergießt sein Herzblut, um die Vereinigung mit dem göttlichen Geliebten zu erreichen." Und den Weg, der in der Schia zu den blutigen Sühneritualen führte, wie sie noch heute praktiziert werden. Bereits aus dem 7. Jahrhundert gibt es einen Beleg, dass das alttestamentliche Gebot an die Israeliten, "sich zu kasteien", aufgrund einer Lautähnlichkeit in ein "erstecht euch selbst", "tötet euch selbst" uminterpretiert wurde. Der Prophetenenkel Husayn wurde von seinen Anhängern als sterbender Gott reklamiert, der durch das Vergießen seines Opferbluts die Erneuerung der Welt bewirkt. "Es überrascht daher wenig, dass einzelne Züge der christlichen Passion auf Husayns Leiden übertragen worden sind."

Geißelprozession in Pakistan
Da würde man gern eine umfassende, zwischen Christentum und Islam vergleichende Geschichte des Märtyrerideals aus Neuwirths Feder lesen. Was die schiitischen Religionsgelehrten im Iran wohl zu einer solchen historischen Analyse sagen würden? Neuwirth hat sogar die Darstellung einer Schmerzensmutter gefunden, die christlichen Marienbildern sehr ähnlich sieht. Natürlich war das längst nicht der einzige Fall von mehr oder weniger verborgenem Kulturaustausch. Hans Belting vom Internationalen Forschungszentrum für Kulturwissenschaften in Wien hat auf der Tagung in Alexandria darauf hingewiesen, dass die Theorie der Perspektive, mit der die europäische Malerei der Neuzeit in der Frührenaissance ihren Anfang nahm, sich zwar auf die antiken Mathematiker berief, in Wirklichkeit aber aus der arabischen Welt importiert wurde. Im frühen 15. Jahrhundert führte der Bildhauer Lorenzo Ghiberti unter "vielen anderen antiken Philosophen und Mathematikern" mit größter Selbstverständlichkeit einen gewissen "Alfantem" an. Es handelte sich um Ibn Al-Haitham oder Alhazen, der vier Jahrhunderte zuvor in Kairo eine neue Theorie der Optik ausgearbeitet hatte.

Man muss nicht in die Tiefen der Vergangenheit eindringen, um kultur- oder religionsübergreifende Gemeinsamkeiten zu finden. Es gebe nichts, stellte Mehrez Hamdi fest, "das einer jüdischen Synagoge so sehr ähnelt, in Hinblick auf die Nüchternheit und das Fehlen von Bildern und Statuen, wie eine Moschee". Das werden islamistische Fanatiker in ihrem Kampf gegen den Staat Israel und das Judentum ungern hören. Aber an einem solchen Punkt zeigen sich eben auch die Unterschiede zwischen den Kulturen: Das lateinische wie das byzantinische Christentum hat seit der späten Antike eine Kultur der Bilder, auch der religiösen Bilder, entwickelt. Hamdi bringt einen aufschlussreichen Vergleich zwischen Mohammed und Platon: Bei beiden findet sich eine Kritik der Dichter und ihrer Lügen; aber beide Male geht es nicht um eine Verdammung in Bausch und Bogen, vielmehr soll das Ästhetische dem Ethischen oder Religiösen untergeordnet werden.

Blaue Moschee in Istanbul
Nochmals bedauerlich, dass die anschließenden Diskussionen in Alexandria in  dem Sammelband nicht widergespiegelt sind: Dem Selbstverständnis Europas in der Neuzeit entspricht eine solche Unterordnung unter den Hegemonieanspruch eines einzelnen Lebens- oder Denkbereichs eben nicht. "Die Emanzipation von der Religion ist eine nicht rückgängig zu machende Errungenschaft", mahnt der spanische Philosoph Reyes Mate "es war zu schwer, sich von der Bevormundung durch die Religion zu befreien, um wieder umzukehren." Mate rekurriert auf den klassischen Text der Toleranzforderung, Lessings Drama "Nathan den Weisen". Lessings wichtigstes Argument, in Mates Zusammenfassung: "Zuerst sind wir alle Menschen, dann erst Juden, Muslime oder Christen".

Dieses Argument, betont Mate, liege mit dem mittelalterlichen Milieu, worin Lessing seine Geschichte angesiedelt hat, im Widerstreit; es sei "eine moderne Aussage, keine mittelalterliche". Ist es eine islamische Aussage? Eine sehr naheliegende Frage, die Mate freilich so nicht stellt, er verweist statt dessen auf die Ethik der Gastfreundschaft, die der tunesische Philosoph Fathi Triki in Alexandria umschrieben hat: "Für den Araber der Wüste ist die Gastfreundschaft ganz und gar bedingungslos. Der Gastgeber nimmt den Besucher ohne jede Bedingung auf." Allerdings: "Am Ende des dritten Tages hört die Gastfreundschaft auf, bedingungslos zu sein; der Aufenthalt des Besuchers wird fortan durch eine Übereinkunft mit dem Gastgeber geregelt."

Lessings Nathan der Weise,
dargestellt von Paul Wegener
(Berlin, 1945)
Die moderne Form der Toleranz, betont Mate, sei der Laizismus, als Emanzipation von der Religion. "Laizismus bedeutet, die Politik und die Ethik von der religiösen Bevormundung zu befreien, indem man die Vernunft an ihre Stelle setzt." Eine bloß europäische Form der Moderne? Zur historischen Genese jedenfalls schließt sich Mate der Auffassung an, dass die "auf der Laizität basierende Moderne säkularisiertes Christentum" sei. Die Frage des Umgangs mit den Symbolen dieser Vorgeschichte – Stichwort: Kruzifixe in Amtsräumen – ist nicht bloß ästhetischer Art. Mate: "Bestimmten Postmodernisten sind sogar die Menschenrechte suspekt, weil sie darin den letzten Schlag einer jüdisch-christlichen Kultur sehen."

Die Künste, stellen die Herausgeber in ihrer Einleitung fest, hätten "die Möglichkeit, einen Beitrag zu einem gewaltfreien Dialog der Kulturen zu leisten". Aber natürlich ging es in vielen Beiträgen der Tagung, mehr oder weniger deutlich ausgesprochen, vor allem um die Schwierigkeiten. Um Reyes Mate fortzuschreiben: Die dänischen Journalisten sahen es als ein Menschenrecht an, solche "respektlosen" Karikaturen publizieren zu dürfen. Die Atmosphäre des europäisch-muslimischen Wissenschaftlerdialogs in Alexandria war dagegen sehr respektvoll. Hamdi sprach mit äußerster Zurückhaltung von einem "unästhetischen Geschmack der Provokation".


Neu auf dem Büchermarkt:
Die Künste im Dialog der Kulturen. Europa und seine muslimischen Nachbarn,
herausgegeben von Christoph Wulf, Jacques Poulain, Fathi Triki,
Akademie Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-05-004363-0, 24,80 €




Mehr im Internet:
Bilderfeindschaft im Islam, scienzz 07.12.2007
Der säkulare Staat zwischen den Weltreligionen, scienzz 25.04.2007
Gewalt und Religion, Gewalt und Islam, scienzz 16.09.2006
Kulturgeschichte von Blasphemie und Intoleranz, scienzz 03.02.2006








Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

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