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15.02.2008 - PHILOSOPHIE

Das Dilemma der zwei Welten

Wege zu einer Naturgeschichte der Freiheit

von Josef Tutsch

 
 

Der Neandertaler - Rekonstruktion im
Museum Mettmann - frei oder unfrei?

"Die Chance von Verstand und Vernunft ist es, mögliche Konsequenzen unserer Handlungen so aufzuzeigen, dass damit starke Emotionen und Motive verbunden sind, die zur Entscheidung führen." Wer hat das geschrieben? Vielleicht ein Vertreter der Psychoanalyse? Sigmund Freud selbst eher nicht, der Satz passt nicht so recht in dessen Prosastil. Oder womöglich einer der französischen Moralisten des 17. und 18. Jahrhunderts? Vom Inhalt her zunächst einmal denkbar, etwa der Herzog von La Rochefoucauld beleuchtete immer und immer wieder die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu beeinflussen, man könnte auch sagen, sich selbst hinters Licht zu führen: "Immer hält das Herz den Verstand zum besten." Aber davon abgesehen, dass der zitierten Aussage die aphoristische Form fehlt – unser Autor meint es gar nicht derart skeptisch. Wie der Zusammenhang des Satzes aufklärt, will er gerade eine "faktische Freiheit des Wollens und Handelns" aufzeigen, eine Freiheit des Menschen, die "in dieser Form bei nichtmenschlichen Tieren" nicht zu finden sei.

Der Autor heißt Gerhard Roth, Neurobiologe und Hirnforscher an der Universität Bremen. Die Feststellung findet sich in einem neuen Aufsatz mit dem verblüffenden Titel "Evolution des Gehirns – Evolution der Freiheit". Verblüffend deshalb, weil es Roth war, der mit seinen Forschungen zur Hirnphysiologie alle traditionellen Konzepte von Willensfreiheit vehement in Frage gestellt hatte. All unser Denken und Wollen, heißt es in seinem berühmt gewordenen Buch über "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" von 1994, würden von neuronalen Prozessen gesteuert, Willensfreiheit sei also eine Illusion. Roth stellte Moral und Strafrecht darin gleich mit zur Disposition. Wenn es keine Willensfreiheit gebe, dann auch keine Verantwortlichkeit, dann sei auch eine Bestrafung sinnlos.

Hirnforscher Gerhard Roth
Bei Roths Kollegen aus Philosophie und Psychologie hat dieser Versuch, die Hirnphysiologie als eine neue Leitwissenschaft zu etablieren, viel Widerspruch hervorgerufen. Der aktuelle Aufsatz, der im Zentrum eines neu erschienen Sammelbands mit dem Titel "Naturgeschichte der Freiheit" steht, ist ein Versuch, die Argumente der Kritiker zu berücksichtigen, ohne natürlich von den Erkenntnissen der Hirnphysiologie Abstriche zu machen. Roth wendet sich nicht gegen Willensfreiheit schlechthin, sondern bloß gegen Konzepte, die diesen freien Willen "außerhalb des in der Natur herrschenden Determinismus" ansiedeln wollen. Eben ein solches absolutes, illusorisches Verständnis von Willensfreiheit, kritisiert Roth, liege auch dem deutschen Strafrecht zugrunde.

Nun wird man heutigen Rechtswissenschaftlern oder Rechtssoziologen kaum unterstellen, ihnen wäre der kontrafaktische, sozusagen fiktionale Charakter einer solchen Voraussetzung nicht bewusst. Vermutlich würden die allermeisten Roths Aussage zustimmen: Freiheit, wenn das Wort einen Sinn haben soll, müsse irgendwie aus dem Geflecht von determinierenden Motiven hervorgehen können, Andererseits dürfte auch Roth nach den Einwürfen seiner Kritiker nicht verborgen geblieben sein, welche Versuchungen psycho- und sozialtechnischer Art der Glaube an die Allmacht des "limbischen Systems" nahe legt, bis hin zu einer Gehirnoperation, die das trügerische Gefühl von Freiheit gegen eine durch und durch verlässliche Sicherheit eintauschen würde – eine Sicherheit, die wir aber vielleicht doch lieber nicht wollen.

Schnitt durch den Kopf mittels Magnetre-
sonanztomographie - Bild: BleiglassMRI
Willensfreiheit hervorgehend aus einem Geflecht von determinierenden Motiven: Darin zeichnen sich die Umrisse eines sehr ehrgeizigen Forschungsprogramms ab, und zwar nicht nur in den Entscheidungen, die von uns Tag für Tag gefordert werden, sondern auch phylogenetisch, in der Geschichte der Gattung Mensch. Die menschliche Willensfreiheit, so Roth, setze "Eigenschaften voraus, die sich während der Evolution der Säugetiere und ihres Gehirns entwickelt haben". Freiheit, als Kurzformel für all das, was den Menschen aus dem Tierreich hervorhebt, soll nicht als etwas Anderes begriffen werden, sondern als "Steigerung" in einem evolutionären Kontinuum. 

Die Schwierigkeiten sind offenkundig. Begriffe wie Denken, Geist, Bewusstsein, Wollen, Freiheit sperren sich gegen die Vorstellung, so etwas könnte allmählich, Schritt für Schritt, als "Steigerung" entstanden sein. Der Chemiker Ferdinand Hucho von der Freien Universität Berlin argumentiert, Roth ganz ähnlich, mit dem Begriff der "Hyperkomplexität": Freiheit sei "keine Illusion, sondern eine während der Evolution zunehmende neue Qualität". Bloß "zunehmend" oder "neu"? Was da an Diskussionen bevorstehen könnte, zeigt sich bereits an dieser scheinbar so harmlosen Formulierung. Es läuft, laienhaft gesagt, darauf hinaus, dass auch der Neandertaler "frei" gewesen sein muss – in höherem Maße als der Australopithecus, aber vermutlich weniger als Homo sapiens.

Hirnforscher Wolf Singer
Die Herausgeber des Sammelbandes haben um Roths Essay zwei Dutzend weitere Beiträge von Naturwissenschaftlern und Philosophen gruppiert. Den Koautoren wird Roths neue Problemformulierung noch nicht bekannt gewesen sein, jedenfalls gehen sie darauf nicht ausdrücklich ein. Das Schwergewicht der Artikel liegt jedoch weniger auf dem Thema "Evolution" als auf zwei Vorfragen, schließlich muss man sich darüber verständigen, wovon die Rede ist. Erstens: Was eigentlich meinen wir, wenn wir von einem freien – oder auch unfreien – Willen sprechen? Genauer: In welchen Bezugssystemen hat die Rede von einem freien oder unfreien Willen überhaupt einen Sinn?

Die aktuelle Debatte zumindest im deutschsprachigen Raum wendet sich, wenn der Eindruck nicht trügt, wieder zurück zu einer Erkenntniskritik nach Art Immanuel Kants, wie der Philosoph Norbert Meuter von der Berliner Humboldt-Universität referiert. Der Mensch ist Bürger zweier Welten, der Natur und der Freiheit. Aber "zwei Welten" ist nur eine Metapher, es handelt sich vielmehr um zwei Aspekte der Beschreibung. Das ist auch Roths Kollegen Wolf Singer vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung aufgefallen: "Ich kann bei der Erforschung von Gehirnen nirgendwo einen freien Willen oder die eigene Verantwortung finden – und dennoch gehe ich abends nach Hause und mache meine Kinder dafür verantwortlich, wenn sie irgendwelchen Blödsinn angestellt haben."

In der Röhre des Magnetresonanztomo-
graphen.- Bild: Nobelprize.org
Zweitens: Wie weit ist die durchgängige Determination, die Roth im Gehirn feststellen will, in den heutigen Naturwissenschaften überhaupt anerkannt? Julius Nida-Rümelin, Philosoph an der Ludwig-Maximilians-Universität München, macht darauf aufmerksam, dass der Kausalitätsbegriff, der in der älteren Philosophie so selbstverständlich gebraucht wurde, durch die moderne Quantenmechanik überholt sei. "In den Naturwissenschaften spielen deterministische Verlaufsgesetze so gut wie keine Rolle, wenn man von Ausschnitten der physikalischen Kosmologie absieht." Andererseits wirkt der Einfall mancher Physiker, die Freiheit könnte ihren Ursprung in der Indeterminiertheit der Quantensprünge haben, nicht so recht seriös. Woher käme denn ein Wille, der in diesen Sprüngen seinen Freiraum nutzen könnte?

Selbstkritisch rügt der Bioinformatiker Jens G. Reich vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Berlin Buch die "Leichtigkeit", mit der viele Biologen dazu neigen, das methodische Prinzip der Kausalität in ein metaphysisches Postulat zu verwandeln." Wir sind wieder bei Kant: Die Wissenschaft hat es mit Erscheinungen zu tun, es ist ihr nicht möglich, darüber hinaus ein "An sich" zu greifen. Wie der Biologe und Philosoph Kristian Köchy von der Technischen Universität Braunschweig betont, bleibt auch Roths Argumentation unentrinnbar in einem erkenntnistheoretischen Zirkel gefangen:  Das Gehirn, so Roth, konstruiere seine Wirklichkeit – aber zu dieser Wirklichkeit gehört zwangsläufig auch das Gehirn selbst.

Philosoph Daniel Dennett
Aber dann doch die Hauptsache, die "Evolution" oder die "Naturgeschichte" der Freiheit. An dieser Stelle zeigt  das kantische Modell der zwei Aspekte oder zwei Perspektiven seine Schwäche. Man muss sich vorab entscheiden, ob man ein Problem von der einen oder von der anderen Warte aus angehen will, also – um Singers Beispiel aufzugreifen – als forschender Biologe oder als erziehender Vater. Es ist schwer zu sehen, wie ein Perspektivenwechsel in eine Evolution, vom affenähnlichen Vormenschen bis zu unsereins (oder, utopisch, darüber hinaus) transformiert werden könnte.

Hier liegt aber auch eine Schwäche des Sammelbandes, der sich auf den deutschsprachigen Raum konzentriert. Die angelsächsische Diskussion – prominentester Vertreter: Daniel Dennett von der Tufts University in Massachusetts mit seinem Buch "Freedom evolves", 2003 – kommt nur am Rande vor. Freiheit, so referiert der Philosoph Matthias Jung vom Erfurter Max-Weber-Kolleg, erscheine bei Dennett "als Resultat einer evolutionären Tendenz der Vervielfältigung von Möglichkeiten". Das wäre sehr nah an Roths aktuellem Forschungsprogramm. Jung macht darauf aufmerksam, dass bereits die Philosophen des amerikanischen Pragmatismus wie John Dewey und William James um 1900 versuchten, einen "naturalistischen" Freiheitsbegriff, eingestellt in die Darwinsche Evolutionslehre, zu formulieren.

Karikatur auf Charles Dar-
wins "Entstehung der Arten"
Bilder: iss
Eine tragfähige Alternative oder doch Ergänzung zu Kants Dualismus der zwei Beschreibungsarten? Jungs Ausführungen sind zu kurz, um darauf eine Antwort geben zu können. Wolf Singer jedenfalls übt sich in Geduld: "Wir müssen in beiden Welten gleichzeitig existieren. Trotzdem vermute ich, dass wir irgendwann eine Metasprache finden werden." Eine erste Aufgabe wäre zweifellos, die nationale oder vielmehr sprachlich-kulturell Begrenztheit zu überwinden, in der die philosophische Diskussion nach wie vor stärker befangen ist als die empirische Wissenschaft. Hierzulande ist der Versuch, Kant und Darwin zusammen zu denken, noch wenig eingeübt. Auch Gerhard Roth hat in seinen früheren Arbeiten nicht in diese Richtung gedacht, das zeigt die saloppe Art, mit der er aufgrund der neuen neurobiologischen Erkenntnisse Freiheit rundweg in Abrede zu stellen pflegte.

Eine Naivität, die nun überwunden scheint. Menschen, lautet Roths neue Position, können, im Unterschied zu anderen Tieren, "sich mithilfe ihrer gesteigerten Vorstellungskraft mittel- und langfristige Ziele setzen, über die Realisierbarkeit dieser Ziele und ihre positiven oder negativen Konsequenzen nachdenken" (und sich dabei natürlich auch, ein Aspekt, den Roth unter den Tisch fallen lässt, allerlei Illusionen machen). Philosophisch ist das, nach so viel neurobiologischer Forschung, eigentlich ein recht bescheidenes Fazit. Aber die Frage, was genau im Gehirn es ist, das uns diese "Steigerung" ermöglicht oder, evolutionstheoretisch gewendet, im Laufe der letzten Jahrmillionen ermöglicht hat, bietet natürlich Stoff für eine ganze Reihe neurobiologischer Forschungsprojekte. Denn davon will Roth keine Abstriche machen: "Das limbische System hat bei allen unseren Entscheidungen das erste und das letzte Wort."


Neu auf dem Büchermarkt:
Naturgeschichte der Freiheit,
herausgegeben von Jan-Christoph Heilinger,
Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019111-0, 68,- €



Mehr im Internet:
Gerhard Roth - Wikipedia
Willensfreiheit - Wikipedia
Die elektromagnetische Qualität der Gedanken, sicenzz 19.12.2007







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur



 

 

 

 

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