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19.02.2008 - RELIGIONSGESCHICHTE
Spontanheilungen und blutende Hostien
Das schwierige Phänomen der Wunder, gestern und heute
von Josef Tutsch
 | | Begräbnis von Papst Johannes Paul II.,
4.April 2005
| | | In der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 2005 verschwand bei der französischen Nonne und Hebamme Marie Simon-Pierre, die an der Parkinson-Krankheit litt, plötzlich und ohne jedes ärztliche Zutun die Schüttellähmung. Eine "Spontanheilung", wie die Mediziner das etwas ratlos nennen. An sich wäre dieser Vorgang, so erfreulich er für die Geheilte, ihre Familie und ihren Orden auch ist, noch keine Meldung wert. Aber zuvor hatten Maries Mitschwestern den verstorbenen Papst Johannes Paul II. in tagelangem Gebet um Fürsprache angerufen.
Auslöser war die Ankündigung seines Nachfolgers Benedikt XVI. am 13. Mai, das Seligsprechungsverfahren werde, wie die Sprechchöre "Santo subito!" bereits bei den Begräbnisfeiern gefordert hatten, als Vorstufe zu einer Heiligsprechung unverzüglich eingeleitet. Und, so fordert es das Gesetzbuch der katholischen Kirche, wenn der Kandidat nicht den Märtyrertod gestorben ist, müssen für seine Heiligsprechung Wunder nachgewiesen werden – Soeur Marie gilt als erster möglicher Fall.
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Muttergottes in Lourdes Bild: Eau de Lourdes
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Oder muss es "Wunder" heißen, mit Anführungszeichen? Die Schwierigkeiten heutzutage, mit dem Begriff umzugehen, zeigen sich bereits in dieser Interpunktionsfrage. Gabriela Signori, Professorin für Geschichte des Mittelalters an der Universität Konstanz, hat jetzt eine historische Einführung vorgelegt. Für Historiker oder auch Soziologen kann es natürlich nicht darum gehen, ob etwa bei Marie Simon-Pierre wirklich ein Wunder geschehen ist. Jahrtausende lang haben Menschen in fast allen Religionen und Kulturen an Wunder geglaubt; wie die Wallfahrten nach Lourdes – im Gefolge der Marienerscheinungen, die gerade vor 150 Jahren, im Februar 1858, einsetzten – oder eben die Heiligsprechungen im Katholizismus zeigen, ist das Konzept auch heute noch nicht tot.
Aber was ist eigentlich ein "Wunder"? "Der Maßstab, an dem das Wunder gemessen wird, sind bis heute die Natur beziehungsweise die Naturgesetze", antwortet Signori. Nun hat sich das Verständnis der Natur im Lauf der Jahrhunderte immer wieder geändert. Viele "Wundergeschichten", hat Signori beobachtet, handeln, kritisch betrachtet, gar nicht von Wundern, sondern "schlicht von einem unerwartet glücklichen Ausgang einer Notsituation". Der Gedanke ließe sich in die Zukunft fortspinnen. Irgendwann könnten Biologie und Medizin natürliche Mechanismen der bislang ungeklärten Spontanheilungen finden. Was hat es dann mit den Wundern auf sich, die in der Zwischenzeit womöglich zu einer Heiligsprechung des verstorbenen Papstes geführt haben?
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Spieldose mit Motiv aus Lourdes Bild: Bradford
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Kurzum, die Frage führt mitten hinein in die philosophische Grundlegung des naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Signori, vielleicht in übergroßer Vorsicht, die Grenzen ihres Fachgebiets nicht zu überschreiten, behandelt dieses Problem nur im Vorübergehen. Aber wenden wir uns den historischen Fragen zu. Urbild aller christlichen Wunderheilungen sind natürlich die Wunder Christi, wie sie in den Evangelien berichtet werden. Signori stellt den Heilschlaf daneben, wie er in antiken Tempeln gang und gäbe war und dann auch im Christentum übernommen wurde, macht aber auch gleich den Unterschied deutlich. Der antike Heilschlaf war als eine Therapieform neben der Schulmedizin institutionalisiert und hatte mit Religion eher am Rande zu tun, die Wunderheilungen des Neuen Testaments stehen im Rahmen einer Bekehrung.
Geradezu theatralisch inszeniert hat der fränkische Chronist Gregor von Tours im 6. Jahrhundert seine Wunderheilungen. Es sind, so Signori, "öffentliche Spektakel": "Vor aller Augen fließen Blut und Eiter, vor aller Ohren krachen die Glieder. Die Heilung geht nicht nur laut vor sich, sondern ist auch äußerst schmerzhaft." Während bei den Wundern in Lourdes heutzutage die Krankheiten selbst durchaus natürlich verstanden werden, unterstellte Gregor eine andere Ursache: "weil der Mensch sündhaft ist oder weil Dämonen in ihn gefahren sind". Man wüsste gern, wie Gregor auf dieser Grundlage das Rezept gesehen hat, das er selbst sich einmal bei Magenschmerzen verordnete: Trinken von Reliquienstaub.
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Duccio: Christus heilt einen Blinden, um 1310 Bild: National Gallery London
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Andererseits betont Signori, dass bereits in der Spätantike versucht wurde, zwischen "wirklich" von Dämonen Besessenen und bloß vermeintlich Besessenen, also Kranken oder Verrückten, zu unterscheiden. Schon in den Evangelien wird gelegentlich eine Konkurrenz von Wunderheilungen und ärztlicher Kunst deutlich; alles, was sie zum Leben brauche, habe sie für die Ärzte ausgegeben, heißt es von einer Frau, die bei Jesus Heilung sucht. Erst im 17. Jahrhundert scheint sich das Verhältnis gewandelt zu haben. Immer öfter zog die Kirche für die Beglaubigung von Wundern die weltlichen Experten zu Rate, im 18. Jahrhundert häuften sich die ärztlichen Atteste. Atteste von streng gläubigen Ärzten, wie sich versteht. Dennoch erscheint die Konstellation paradox. Die Theologen haben die Zuständigkeit für Wunder an Naturwissenschaftler abgegeben, die darüber eigentlich nur sagen können, dass sie zu diesem Fall nichts sagen können. Oder noch nichts, solange der Erkenntnisprozess nicht weiter fortgeschritten ist.
Heilungen machen jedoch nur einen Teil der vielen Wunder aus, die im Christentum und natürlich auch in anderen Religionen erzählt werden. "Schon in der Wunderwelt Gregors von Tours bestrafte Gott jeden, der sich am Kirchengut vergriff oder gegen Kirchenrecht verstieß, und zwar auf der Stelle und häufig mit dem Tode." Manche Heiligen waren ausdrücklich auf bestimmte Wundertypen spezialisiert, so die heilige Fides auf die Befreiung von Gefangenen (nicht wegen erwiesener Unschuld, sondern bloß wegen einer inständigen Bitte an die Heilige). Im hohen Mittelalter war das sogenannte Galgenwunder beliebt: Geschichten von Personen, die aufgehängt wurden, auf wunderbare Weise aber dem Tod entrinnen konnten.
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Votivtafeln in der Kapelle in Altötting Bild: Stadt Altötting
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Kaum noch Aufmerksamkeit finden unter den Frommen von heute die sogenannten Naturwunder, etwa die "blutenden Hostien", die von Naturwissenschaftlern auf Pilze im ungesäuerten Brotteig zurückgeführt werden. Dass dergleichen mit Unbehagen gesehen wird, hat aber noch einen anderen Grund. Vor allem im 15. und 16. Jahrhundert wurden diese Hostienwunder zum Anlass für Pogrome gegen die jüdische Minderheit genommen, der man einen Frevel am heiligen Sakrament nachsagte.
Gerade in den Jahrzehnten vor der Reformation hatte das Wunder Konjunktur, manche Sammlungen aus dieser Zeit führen mehrere hundert Fälle auf. Die Gegenreformation brachte mit ihrer Abwehr der protestantischen Kritik am Reliquien- und Bilderkult nochmals eine Steigerung. Ein Wunderbuch damals, berichtet Signori, verzeichnete über 10.000, ein anderes mehr als 12.000 Einträge. Inzwischen sind die Zahlen drastisch zurückgegangen. Die medizinischen Büros in Lourdes haben bislang 54 Wunderheilungen anerkannt. Bezeichnend für diesen Wandel ist eine Verordnung im Bistum Augsburg 1803: Die Sitte, Wunder von der Kanzel herab zu verlesen, nicht anders als Hochzeits- und Todesmeldungen, wurde verboten.
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votivtafel für wunderbare Rettung nach einem Unfall
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Geradlinig, im Sinn einer Entwicklung vom Wunderglauben zur Aufklärung, darf man sich die Geschichte aber nicht vorstellen. So stand auch der Kirchenvater Augustinus in seinen frühen Jahren dem Wunderwesen eher distanziert gegenüber, freilich nicht aus naturwissenschaftlich begründeter Skepsis. Zu Beginn des Christentums seien Wunder nötig gewesen, um die Menschen zu bekehren, argumentierte Augustinus, inzwischen sei Tugendhaftigkeit viel wichtiger. Welche Erfahrungen mögen den Heiligen bestimmt haben, seine Meinung zu ändern? In seiner späten Schrift vom Gottesstaat hat er die Position formuliert, die im Katholizismus bis heute offiziell geblieben ist: Wunder beweisen die Allmacht Gottes und sollen den Glauben stärken. Dazu müssen sie jedoch selbst glaubwürdig sein, also durch Zeugen beglaubigt werden.
Manche späteren Autoren gingen weniger formalistisch vor. Bei Gregor von Tours, berichtet Signori, werden Zweifel gelegentlich durch einen brutalen Machtbeweis beiseite gefegt. Ein Jude aus Bordeaux, der gemeint hatte, der heilige Martin sei unfähig zu heilen, weil er selbst seit langem zu Staub geworden sei, verlor daraufhin für immer seinen Verstand. In einem anderen Wunderbuch heißt es, eine Frau habe der Wundermacht der heiligen Gertrud von Nivelles nicht vertrauen wollen. Die Heilige rächte sich, indem sie das Kind der Frau im nächsten Brunnen ertrinken ließ. Aber Ende gut, alles gut: Auf das gemeinsame Gebet von Mutter und Klosterschwestern hin wurde das Kind alsbald wieder zum Leben erweckt.
Neu auf dem Büchermarkt: Gabriela Signori: Wunder. Eine historische Einführung, Campus Verlag, Frankfurt – New York 2007, ISBN 978-3-593-38463-5, 16,90 €
Mehr im Internet: Wunder - Wikipedia
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation
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