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22.02.2008 - LITERATURGESCHICHTE

"Trinkt unser Blut, weil wir die Schuld tragen"

Literarischer Antisemitismus vor und nach Auschwitz

von Josef Tutsch

 
 

Rainer Werner Fassbinder (1945-1982)
Bild: Loftsound

Geht ein Jude mit zwei schweren Koffern zum Bahnhof und begegnet einem anderen Mann. "Entschuldigen Sie, sind Sie Antisemit?" "Wie kommen Sie darauf? Das ist doch eine Unverschämtheit." Nächste Begegnung: "Entschuldigen Sie, sind Sie Antisemit?" "Nein, für mich sind alle Menschen gleich." Nächste Begegnung: "Entschuldigen Sie, sind Sie Antisemit?" "Ja, ich bin Antisemit. Ich halte die Juden für ein Unglück." "Sie sind ein ehrlicher Mensch. Könnten Sie einen Augenblick auf meine Koffer aufpassen?"

Der jüdisch-österreichische Schriftsteller Robert Schindel hat diese Geschichte voriges Jahr bei einer Podiumsdiskussion des Zentrums für interdisziplinäre Forschung an der Universität Bielefeld erzählt. Thema der Tagung war der "literarische Antisemitismus", vor allem der literarische Antisemitismus nach Auschwitz. Mit diesem Titel konfrontiert, werden viele Zeitgenossen fragen: Gibt es das überhaupt? Antisemitismus heute in einer Literatur, die diesen Namen ernsthaft verdient, außerhalb des rechtsextremistischen Milieus? Zum Thema einer breiten Öffentlichkeit wurde diese Frage vermutlich nur ein einziges Mal, Mitte der 1970er Jahre, als Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" herauskam. Eine 1985 in Frankfurt geplante Aufführung musste abgebrochen werden, als Mitglieder der Frankfurter Jüdischen Gemeinde die Bühne besetzten.

Eine der Figuren ist ein Immobilienspekulant, der sich selbst als "reichen Juden" bezeichnet, als Vorbild glaubte man damals den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignaz Bubis, ausmachen zu können. Fassbinders Stück bildet denn auch eines der zentralen Themen in den Beiträgen der Tagung, die jetzt als Sammelband herausgekommen sind. Ist das Stück antisemitisch? Der "reiche Jude" instrumentalisiert das Schuldgefühl seiner Umwelt: "Ich kaufe alte Häuser in dieser Stadt, reiße sie ab, baue neue, die verkaufe ich gut. Die Stadt schützt mich, dass muss sie. Zudem bin ich Jude." In der Perspektive eines nicht-jüdischen Konkurrenten: "Er saugt uns aus, der Jud. Trinkt unser Blut, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen."

"Schatten der Engel",
Film von Daniel Schmid
nach Fassbinders Stück

Ist das antisemitisch? Genauer gefragt: Was daran ist antisemitisch? Der polnische Literaturwissenschaftler Janusz Bodek zitierte in Bielefeld aus dem sozialdemokratischen "Vorwärts": Es sei "Tatsache, dass das immobile Spekulantengewerbe, Wohnraum zu zerstören, in Frankfurt größtenteils in jüdischen Händen sich befindet". Die "Frankfurter Rundschau" sah auch in der ökonomischen Auswertung von Schuld ein realistisches Motiv: "Die Zerstörung eines Menschen, das ist Fassbinders Thema, kann so weit gehen, dass er vom Opfer zum Täter wird." Die Frage wird dadurch noch komplizierter, dass Fassbinder die Juden mit einer anderen Minderheit, der er selbst angehörte, den Homosexuellen, in Parallele brachte und zugleich davon absetzte. Zitat aus einem Fassbinder-Film: "Die Juden haben sich nie darüber geschämt, Juden zu sein, während die Homosexuellen so dumm waren, sich für ihre Homosexualität zu schämen."

Und noch eine Komplikation: Im Hintergrund von Fassbinders "reichem Juden" steht natürlich eine der großen Gestalten der Weltliteratur, der Wucherer Shylock in Shakespeares "Kaufmann von Venedig", nur dass Shakespeares hochkomplexe Figur bei Fassbinder zum Klischee reduziert wird. Fassbinder sei nicht Shakespeare, stellt Brodek fest, damit wird im historischen Rückblick auch die 1985 heiß diskutierte Frage, was höher zu werten sei, die Kunstfreiheit oder der Antisemitismusverdacht, herabgestuft. Inwieweit dieser Verdacht im Fall des Fassbinderstücks berechtigt ist, bleibt dennoch offen. Brodek macht zurecht darauf aufmerksam, dass es dabei nicht um ästhetische Qualität geht, sondern um den Bezug des Kunstwerks zur außerliterarischen Welt. Je nach Bedarf kann entweder die Autonomie des Werks, mit der Konsequenz absoluter Freiheit, oder die realistische Aussage, womöglich auch die Aussicht auf reale Wirkung in den Vordergrund geschoben werden.

Es wäre interessant zu wissen, inwieweit sich in sechs Jahrzehnten deutscher Nachkriegsliteratur Veränderungen oder Entwicklungen feststellen lässt, vor allem durch die Konfrontation mit der Politik des Staates israel. Aber die Tagung hat das nicht zum Thema gemacht. Wie schwierig es sein kann, aus einem in sich geschlossenen poetischen Text, ohne Hilfestellung etwa durch biographische Daten, zu eindeutigen Interpretationen zu kommen, ist uns aus dem Schulunterricht noch gegenwärtig. Die Germanistin Ruth Klüger von der University of California in Irvine bietet mit Wilhelm Raabes Roman "Der Hungerpastor" von 1864 aber ein Beispiel auf, wo Gut und Böse auf die beiden Hauptfiguren jedenfalls eindeutig verteilt sind: der gutmütige Christ und der gefährliche, mörderische Jude – wenn man so will, eine Fortsetzung des mittelalterlichen Bildes von Kirche und Synagoge in einer Zeit, wo der religiös motivierte Antijudaismus bereits durch den rassistisch argumentierenden Antisemitismus abgelöst wurde. Klüger: "Wenn Raabe nicht Antisemit aus Überzeugung war, so hat er sein Publikum zynisch und aus Profitsucht manipuliert."

Illustration zu Shakespeares
"Kaufmann von Venedig", um
1900

Im Fall Fassbinder macht nachdenklich, was Brodek an dem umfangreichen Theater- und Filmwerk beobachtet hat: "Es gibt unter den zahlreichen jüdischen Figuren nur negativ gezeichnete." Mehr noch: Immer wieder werden "Deutsche zu Opfern von Juden" – eine leicht durchschaubare Verkehrung der historischen Rollen im Holocaust. Mit einem reichlich verunglückten Wortungetüm nennt Bodek das "schuldabwehrantisemitischen Opferkonkurrenzdiskurs". Näher betrachtet ist Fassbinder kein Einzelfall. Der Paderborner Literaturwissenschaftler Michael Hofmann führt den Roman "Sie fielen aus Gottes Hand" aus dem Jahr 1951 von Hans-Werner Richter an, dem Initiator der Gruppe 47: Alle Figuren seien "irgendwie Opfer des Krieges, wobei die unterschiedliche Nähe zum NS-Regime und zu dessen Verbrechen keine Rolle spielt". Nicht dass Richter Antisemit gewesen wäre, es finden sich keinerlei abwertende Sätze über Juden; aber in dem Roman wird Verantwortung systematisch verwischt.

Ganz ähnlich hält der Historiker Gilad Margalin von der Universität Haifa Günther Grass vor: "Indem er in der Fiktion Täter und Opfer eng nebeneinander stellt, ermöglicht der Autor es, das klare historische Verhältnis, das ihre antagonistischen Schicksale unterscheidet, zu vertuschen." Noch klarer werden solche Positionen in außerpoetischen Stellungnahmen; der Soziologe Werner Bergmann zitiert Alfred Andersch, der bereits 1946 feststellte, die Kriegsschuld der deutschen Führung und die von ihr begangenen Verbrechen "erfahren ihre Kompensation, durch die Fülle der Leiden, die, scheinbar als natürliche Folge einer so totalen Schuld, über Deutschland hereinbrechen". 1998 erklärte Martin Walser in seiner Friedenspreisrede auch die Deutschen der Gegenwart in aller Form zu Opfern, nämlich der Erinnerung an den Holocaust, der "unaufhörlichen Präsentation unserer Schande".

Die Marburger Literaturhistorikerin Andrea Geier deckt auf, dass diese Verkehrung nicht erst nach Auschwitz aufgekommen ist. Martin Luther hielt den Juden vor, sie beklagten sich, Opfer zu sein, tatsächlich verhalte es sich umgekehrt: Die Juden seien "unsere Herren, wir ihre Knechte mit unserem Gut, Schweiß und Arbeit. Im späten 19. Jahrhundert argumentierte der Geschichtswissenschaftler Heinrich Treitschke, auf die Judenverfolgungen des Mittelalters zurückblickend, das deutsche Volk habe "alte Unbill längst gesühnt und ihnen (den Juden) die Rechte des Menschen und des Bürgers geschenkt". "Geschenkt", so Treitschke wörtlich.

Wilhelm Raabes "Hunger-
pastor", Ausgabe von
1943

Aber man darf es sich nicht so leicht machen, alles Befremdliche in eine reaktionäre Ecke abzuschieben. "Als einzelne und als Kollektiv müssen sich Juden alles Jüdischen entäußern, um akzeptierbar zu sein", nämlich für die bürgerliche Gesellschaft – so referiert Florian Krobb, Germanist an der irischen Universität von Maynooth, das Pamphlet des Aufklärers Christian Wilhelm Dohm über die "bürgerliche Verbesserung der Juden"; Dohm würde sich sehr wundern, wollte man ihm antisemitische Intentionen unterstellen. Eine ähnliche Auffassung scheint auch Fassbinders Drehbuch über die biblische Mosesfigur zugrunde zu liegen, angelehnt an einen Essay Sigmund Freuds. Fassbinder wollte Moses als Demagogen darstellen, der sein Volk "aus einer bereits vollzogenen Integration" in Ägypten herausriss.

Nochmals die Frage: Ist es Antisemitismus, wenn man – in der Sache zu Recht oder zu Unrecht – glaubt, dass die biblische Religion der Menschheit eben auch Nachteile gebracht hat? Der Westdeutsche Rundfunk lehnte es 1974 ab, Fassbinders Filmprojekt zu finanzieren; die öffentliche Debatte hätte sehr aufschlussreich werden können. Wahrscheinlich ist es den Absichten der Veranstalter und Herausgeber gerade entgegen; aber dem Leser vermittelt sich der Eindruck, dass es im Einzelfall sehr schwer sein kann, Antisemitismus festzumachen.

So scheint nicht einmal ganz sicher, dass Richard Wagners Vision vom "Untergang" des jüdischen Volkes tatsächlich, wie Geier unterstellt, als "Vernichtungsphantasie" gemeint war. Auch Wagner argumentierte, wie vor ihm schon Luther, mit der Rollenverkehrung: Es gelte, "um Emanzipation von den Juden zu kämpfen". "Gemeinschaftlich mit uns Mensch zu werden, heiße für die Juden zu allernächst so viel, als – aufhören, Jude zu sein." Wagner assoziierte, in reichlich unklarem Gedankengang, das Jüdische nicht nur mit einer Rasse, sondern auch mit der verhassten Geldwirtschaft: Der Jude werde "solange herrschen als das Geld die Macht bleibt, vor der all unser Tun und Treiben seine Kraft verliert."

 
Dohms Emanzipationsschrift
von 1781

Aber zurück zur Nachkriegszeit. Nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, sei barbarisch, hat Theodor W. Adorno in einem vielumrätselten Diktum vermerkt. Yahya Elsaghe, Literaturwissenschaftler an der Universität Bern, zeigt auf, dass es bei Thomas Mann hierzu eine überraschende Parallele gibt. Keines der Werke, die Mann bis zum Exil veröffentlichte, kommt ohne Juden aus, in den Erzählungen und Romanen nach dem Weltkrieg findet sich kein einziger Jude mehr. Elsaghe kann das bis in die einzelnen Kapitel des "Doktor Faustus" hinein verfolgen, den Thomas Mann zwischen 1943 und 1947 abgefasst hat. Die beiden Ärzte, die in der ersten Romanhälfte auftreten, sind deutlich als Juden markiert, jene in der zweiten Hälfte ebenso eindeutig als Nichtjuden.

Offenbar wusste Thomas Mann nicht, wie er nach dem Bekanntwerden des Holocaust noch jüdische Figuren gestalten könnte. Die Hilflosigkeit spiegelt sich in einem Tagebucheintrag vom Oktober 1945 über eine Buchlektüre: "Leugnet die Juden als ‚Volk’. ‚Rasse’ ist vollends kompromittiert. Wie soll man sie nennen? Denn irgendetwas anderes ist es mit ihnen und nicht nur Mediterranes." Mann war beunruhigt, zweifellos auch im Blick auf die Stereotypen, mit denen er früher gearbeitet hatte: "Ist dies Erlebnis Anti-Semitismus?"


Neu auf dem Büchermarkt:
Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz,
herausgegeben von Klaus-Michael Bogdal, Klaus Holz und Matthias N. Lorenz,
Verlag J. B. Metzler, Stuttgart Weimar 2007, ISBN 978-3-476-02240-0, 49,95 €



Mehr im Internet:
Antisemitismus - Wikipedia
scienzz artikel Vorurteile
scienzz artikel Deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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