| |
05.03.2008 - WISSENSCHAFTSTHEORIE
Ein kluger Affe, der furchtbar viel redet
Zwischen Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube
von Josef Tutsch
 | | Christoph Kardinal Schönborn,
Erzbischof von Wien
| | | "Ritt den Kardinal der Teufel?" kommentierte die "Frankfurter Allgemeine" den Vorgang. Nun ja, es war nicht gerade der Teufel, sondern bloß ein Vordenker der Bewegung "Intelligent Design", der den Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn im Sommer 2005 zu seinem Artikel in der "New York Times" animiert hatte. "Die Evolution im Sinne einer gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen", schrieb Schönborn, "kann wahr sein, die Evolution im neodarwinistischen Sinn – ein zielloser, ungeplanter Vorgang zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion – ist es nicht. Jedes Denksystem, das die überwältigende Evidenz für einen Plan in der Biologie leugnet oder wegzuerklären versucht, ist Ideologie, nicht Wissenschaft."
Das erregte international Aufsehen, der Kardinal geriet in Verdacht, die Polemik von "Intelligent Design" gegen die moderne Evolutionsbiologie zu vertreten. Pessimisten sahen bereits einen neuen Fall Galilei heraufziehen, die Kirche wieder einmal im Konflikt mit der Wissenschaft. Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien hatte also einigen Anlass, sich mit einem Symposion von Theologen, Philosophen und Biologen um Versachlichung zu bemühen, "falsche Frontstellungen und hermeneutische Missverständnisse zu vermeiden", wie der Philosoph Rudolf Langthaler, Herausgeber des Sammelbandes "Evolutionstheorie – Schöpfungsglaube" mit den Beiträgen, der jetzt erschienen ist, vorsichtig formuliert. Eine pikante Aufgabe, schließlich trägt Schönborn an der Fakultät Titel und Würde eines "Magnus Cancellarius".
 |
Karikatur auf Charles Darwins Evolutions- lehre, um 1860
|
Die empfindlichste Lücke in dieser Publikation vorweg: Es fehlt eine systematische Analyse dessen, was der Kardinal eigentlich geschrieben und gemeint hat – und zwar, ganz respektlos, die Möglichkeit eingeschlossen, dass auch er selbst es nicht so genau gewusst hat. Für die Teilnehmer am Symposion wird eine solche Analyse auch nicht nötig gewesen sein, für das lesende Publikum fast zwei Jahre später wäre sie aber hilfreich. Offensichtlich war Schönborn von Mark Ryland, dem Vizepräsidenten des Think Tank von "Intelligent Design", instrumentalisiert worden. Gemeinsam ist dem Kardinal und des ID-Denkern aber nur eins: ein Unbehagen an dem so genannten "Neodarwinismus", an der Zufälligkeit und Ziellosigkeit der Evolution.
Konkret laufen die Argumentationen ganz verschieden. Schönborn versuchte nicht, ein zweckmäßiges Design in der Natur aufzuzeigen, das nur durch einen intelligenten Designer zu erklären wäre, sondern argumentierte viel grundsätzlicher, von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen her: Die Schöpfung müsse einen Sinn haben; wenn die neodarwinistische Richtung in der Biologie diesen Sinn nicht erkennen könne, sei sie defizitär. Damit stellte sich Schönborn in alte Bahnen der katholischen Theologie. Ulrich Lüke, Theologe an der RWTH Aachen, verwies bei dem Symposion auf den "Antimodernisteneid", der von 1910 bis 1967 allen katholischen Geistlichen abverlangt wurde: "Ich bekenne, dass Gott, der Ursprung und das Ende aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der Vernunft durch das, was geschaffen ist, das heißt durch die sichtbaren Werke der Schöpfung, als Ursache mittels der Wirkung, mit Sicherheit erkannt und auch bewiesen werden kann."
 |
Charles Darwin (1809-1882)
|
Das Problem einer natürlichen Theologie durchzieht denn auch wie ein roter Faden die Beiträge des Wiener Symposions. Grundsätzlich sind zwei Positionen denkbar. Entweder überschneiden sich Theologie und empirische Wissenschaften partiell oder beide arbeiten in strikt getrennten Bereichen. Praktisch komfortabler ist sicherlich die zweite Auffassung. Schönborn dagegen vertritt, entsprechend katholischer Tradition, die erste: "Es muss zwischen Theologie und Naturwissenschaften, zwischen Glauben, Denken und Forschen, 'Überschneidungen' geben. Der Glaube an einen Schöpfer, an Seinen Plan, Seine 'Weltregierung', seine Hinführung der Welt auf ein vom Ihm gesetztes Ziel kann nicht ohne Berührungspunkte mit der konkreten Erforschung der Welt bleiben."
Beide Positionen führen aber in Dilemmata. Im ersten Fall laufen die Theologen Gefahr, inkompetent zu naturwissenschaftlichen Fragen Stellung zu nehmen – der Fall Galilei lässt grüßen. Nun mischen sich natürlich auch umgekehrt Darwinisten oder Neodarwinisten in weltanschauliche Fragen ein, manchmal auch inkompetent. So will Lüke den amerikanischen Philosophen Daniel Dennett eines trivialen Fehlschlusses überführen: Der Tod Gottes, schrieb Dennett, sei eine Konsequenz aus Darwins Evolutionslehre, denn "dass es in der Welt Design gibt, war immer das stärkste Argument für die Existenz Gottes – und Darwin hat dem den Boden entzogen". Lüke hat Recht: Durch die Fehlerhaftigkeit eines Arguments wird die behauptete Sache selbst nicht widerlegt. Und doch wieder Unrecht: Dennett wollte vermutlich bloß sagen, dass die Existenz Gottes durch Darwin viel von ihrer Plausibilität verloren habe, und das ist ideenhistorisch kaum zu bezweifeln.
 |
Michelangelo: Erschaffung Adams
|
Die Konsequenzen aus dem zweiten Fall malt Langthaler aus: "dass theologische Aussagen ins Asyl kognitiver Belanglosigkeit und in das unangetastete Refugium pastoraler Erbaulichkeit" abgedrängt werden – das Reden von Gott wird für die Welt belanglos. Praktisch wichtig sind dann ganz andere Fragestellungen. So glaubt der Wiener Theologe Johann Reikerstorfer zwar nicht in der wissenschaftlichen Evolutionstheorie selbst, aber doch in ihrem Umfeld auch politische Gefahren feststellen zu müssen: "Verbirgt sich hinter der sozialen Kälte einer neoliberalen Wirtschaftsordnung nicht die in ihrer Undurchschaubarkeit umso wirksamere Selektionslogik eines Sozialdarwinismus? Und zeigt sich der fortschreitende Naturalismus nicht auch im Gewand eines Geschichtsdarwinismus mit seinen – schon unverhohlen geäußerten – genetischen 'Züchtungsphantasien'".
Reikerstorfers Fazit: "Die Unterstellung eines 'schiedlich-friedlichen' Nebeneinanders von naturwissenschaftlichen und theologischen Aussagen als rein wissenschaftsimmanente Bestimmung wäre in der Tat ein naives Unterfangen." Insoweit also Zustimmung zu Schönborns "Überschneidungs"-These. Irgendwie in die Nähe des Kreationismus oder von "Intelligent Design" wollte sich aber keiner der Diskussionsteilnehmer in Wien begeben. So hat Lüke für die Designtheoretiker nur Spott übrig: Man solle die Schöpfertätigkeit lieber nicht in zwei Teilinitiativen zerlegen, bei der Gott erst ein Produkt von zweifelhafter Qualität erstelle und sich dann in Kenntnis von dessen Unzulänglichkeit noch den Wartungsvertrag für die nachträgliche Produktbetreuung erteile.
 |
|
Philosoph Daniel Dennett
|
Es scheint nur konsequent, angesichts dieser Schwierigkeiten einer "natürlichen" Theologie Aushilfe bei der biblischen Theologie zu suchen. Das ist allerdings ebenso wohl ein heikles Unterfangen; auch die verschiedenen Spielarten des Kreationismus berufen sich auf den Bibeltext. "Die biblischen Schöpfungsaussagen", stellt Reikerstorfer dagegen fest, "sind keine geschichtsfernen Aussagen über einen objektiv fixierbaren Anfang der Welt." Hier bewegt sich der Theologe freilich auf glattem Pflaster; historisch wird sich schwer bestreiten lassen, dass sie von den Autoren eben auch als Aussagen über einen Weltanfang gemeint waren. Nicht weniger problematisch ist die Meinung des Münsteraner Theologen Erich Zenger, die Urgeschichte in der Bibel sei keine "vor-wissenschaftliche", sozusagen rationale Erklärung der Weltphänomene, sondern eine "Antwort auf Angst und Resignation angesichts katastrophischer Welt- und Lebenserfahrungen". Richtiger wäre wohl zu sagen, dass die Verfasser einen solchen Gegensatz nicht festgemacht haben.
"Wunderbarlich sind deine Werke", heißt es in einem der Psalmen, "das erkennet meine Seele wohl." Auf den Punkt gebracht: Weite Strecken der Bibel praktizieren das, was man später natürliche Theologie genannt hat, Erkenntnis Gottes aus der Natur. "Ein leichter Grashalm beweist das Dasein Gottes", schrieb Anfang des 18. Jahrhunderts der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, Dutzende Dichter wiederholten dieses Argument in Versen, zum Beispiel Barthold Heinrich Brockes: "Es zeigt so gar die dürre Heide zu unsrer nicht geringen Freude, wenn man sie recht genau betrachtet, des großen Schöpfers Wunder-Macht."
 |
Satire auf Intelligent Design - Bobby Hendersons "Flying Spaghetti Monster" Bild: bloxas-blogspot
|
Die Theoretiker von "Intelligent Design" brauchten sich also nicht viel Neues einfallen zu lassen. "Die Komplexität der Lebensformen", referiert Christian F. R. Illies, Philosoph an der TU Eindhoven, die Argumentation, "sei derart groß, dass sich deren Evolution nicht mittels ungerichteter Variation und Selektion erklären lasse." Illies macht aber sehr zu Recht darauf aufmerksam, dass statt Gott ebenso gut ein Raumschiff mit außerirdischen Gentechnikern in die Rolle des intelligenten Designers hätte eintreten können. Auch Erich von Däniken gehört, wenn man so will, in die Tradition der natürlichen Theologie – ob Kardinal Schönborn sich dessen bewusst war, als er seinen Artikel für die "New York Times" schrieb?
Aber Scherz beiseite, Schönborns Problem ist natürlich ernst zu nehmen. Die Theologie hatte die Würde des Menschen aus dem Schöpfungsgedanken heraus begründet. Inzwischen ist mit der Evolution wenigstens für einen Teil der Schöpfung, die Entwicklung des Lebens, ein wissenschaftlich plausibles Konzept gefunden. Nur – zur Begründung der Menschenwürde tragen Evolution und Darwinismus nichts bei. Illies schließt mit offenen Fragen: "Die Krone der Schöpfung! Biologisch sind wir völlig unbedeutend, ein Großaffe, der vielleicht etwas klüger ist als andere und furchtbar viel redet. Aber der Papagei ist viel hübscher, spricht auch und kann zudem fliegen. Was macht den Menschen da so besonders?"
Neu auf dem Büchermarkt: Evolutionstheorie – Schöpfungsglaube, herausgegeben von Rudolf Langthaler, Königshausen & Neumann, Würzburg 2008, ISBN 978-3-8260-3699-6, 28,- €
Mehr im Internet: Von der faulen Vernunft zum Spaghetti-Monster - Langzeitkreationismus und Intelligent Design, scienzz 24.08.2007 Ein Tag ist ein Tag ist ein Tag - der Kurzzeitkreationismus, scienzz 09.08.2007
|

|
Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation
|
|
|