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07.03.2008 - DEUTSCHE LITERATUR

"... und vomieren dann Ghaselen“

Der Orient in der deutschen Literatur, von den Kreuzzügen bis zu "deutschfremden" Basaren

von Josef Tutsch

 
 

"Salome, schönste Blume des
Morgenlands ..." (Franz von Stuck,
Salome, 1906

Für Parfums die passenden Markennamen zu erfinden, muss immer schon Phantasie erfordert haben. Und wohl auch den Besitz eines Globus. Als der Journalist Ludwig Börne 1824 von der Industrieausstellung im Pariser Louvre berichtete, gab es dort unter anderem "Poudre de Ceylon“, "Fluide de Java“, "Huile de Cachemire“, "Rouge de Chine“ und"Sachet de Perse“; neben soviel Weltläufigkeit wirkte ein "Poudre de Florence“ beinahe schon hausbacken. "Junge Mädchen, die sich nicht gern den Kopf anstrengen, können im ‚Bazar des Parfums des Herrn Mayer auf die angenehmste Weise die Geographie erlernen“, schrieb Börne.

Asien war damals große Mode in Europa, das vermerkte auch Victor Hugo mit seinem Ausspruch, im Zeitalter des Sonnenkönigs habe man sich antik gegeben, jetzt sei das Orientalische an der Reihe. Wie sich die Faszination durch den Orient in der deutschen Literatur ausgewirkt hat, war Gegenstand einer Tagung an der Universität Bielefeld voir anderthalb Jahren; der Schwerpunkt der Beiträge lag auf der Zeit vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Im Hintergrund stand unvermeidlich das Schlagwort vom "Orientalismus“, mit dem der New Yorker Literaturwissenschaftler Edward Said 1978 Furore gemacht hatte. Saids Vorwurf: Ein sich "aufgeklärt“ dünkender Westen habe sich – vor dem realhistorischen Hintergrund kolonialer Ansprüche – den angeblich mysteriösen Orient selbst geschaffen.

Chinesisches Teehaus im Schloss-
park von Potsdam-Sanssouci
Bild: Potsdam-Informationsreisen
Der Herausgeber des jetzt erschienen Sammelbandes mit den Tagungsbeiträgen, der Bielefelder Germanistprofessor  Klaus-Michael Bogdal, macht aber gleich im Vorwort deutlich, dass da zu differenzieren ist: "Das Orientbild in der deutschen Literatur unterscheidet sich deutlich von dem, das sich unter den Bedingungen kolonialer Herrschaft in der englischen und französischen Literatur gebildet hat.“ Zwischen den Kreuzzügen einerseits, den weltpolitischen Ambitionen des wilhelminischen Kaiserreichs andererseits hat es deutsche Politik im Nahen Osten eben so gut wie nicht gegeben. Umgekehrt freilich war Mitteleuropa von den Expansionsbemühungen des osmanischen Reiches betroffen. Bogdal: "In den Türkenkriegen verfestigen sich die Feindbilder vom grausamen 'Muselmann'.“ Zum Beispiel der österreichische Dramatiker Franz Grillparzer sprach, wenn er sein Land kritisieren wollte, gern von der "christlichen Türkei“.

Ansonsten realisierte sich das deutsche Interesse am Orient auf dreierlei Weise: als Faszination durch eine ungewohnte Ästhetik (Beispiel: die Teehäuser im chinesischen Stil, die im 18. Jahrhundert en masse in den Schlossparks gebaut wurden), als philologische Arbeit an fremden Sprachen und Literaturen (vor allem dem altindischen Sanskrit) und nicht zuletzt als Suche nach den Ursprüngen der eigenen Kultur und Religion, nämlich in Gestalt der hebräischen Bibel. Natürlich ist dieses Spektrum viel zu umfangreich, als dass die Tagung eine systematische Aufarbeitung hätte bieten können.

Titelblatt von Goethes Gedichtsamm-
lung "West-Östlicher Divan", 1819
So wirkt die Auswahl der Themen ein wenig zufällig: von einem Kreuzzugslied des Walther von der Vogelweide im hohen Mittelalter über die Toleranzpredigten des populären Dramatikers August von Kotzebue um 1800 ("Unser Glauben ist verschieden, unsre Herzen sind sich gleich.“) bis zu den kulturpessimistischen Reflexionen des heute vergessenen Literaten Armin T. Wegner aus den 1920er und 1930er Jahren über den Wandel der Verhältnisse durch moderne Technik. Die "alten Märchenerzähler“ suche man vergebens, klagte Wegner und wunderte sich, dass die shiitischen Pilger, mit denen er aus dem Iran nach Syrien reiste, bei einer Autopanne in der Wüste inbrünstig und ergeben zu Allah, Mohammed, Hussein und Ali beteten.

Der Orient als Märchen – eine sozusagen klassische Form gab der dänisch-deutsche Dichter Adam Oehlenschläger diesem romantischen Traum 1805 in seinem "Aladdin“-Drama nach den Geschichten aus "1001 Nacht“. Der Skandinavist Wolfgang Behschnitt von der Universität Freiburg analysiert, dass Oehlenschläger direkt die Kritik der Aufklärung an den "morgenländischen Phantastereien“ übernommen und nur die Wertung umgekehrt hat. Die antirationalistische Tendenz wird in den Schlussversen der dänischen Fassung deutlich: Es sei nicht nötig, in Aladdins Zauberlampe "noch lang mit der Schere des Verstandes herumzustochern“. 
Illustration von Friedrich
Wilhelm von Preußen zu
einem selbstverfassten
"orientalischen" Roman
 
Den vielleicht kuriosesten Fall deutscher Orientbegeisterung führt die Germanistin Andrea Polaschegg an. 1821 kleidete sich der gesamte preußische Hofstaat zu einer Prinzenhochzeit nach einer literarischen Vorlage des Iren Thomas Moore in indisch-persische Kostüme und spielte "Orient“. Diese Kostümierung war in gewisser Weise austauschbar. 1818 gab es aus ähnlichem Anlass am Hohenzollernhof eine Veranstaltung in griechischer Mythologie, 1829 ein mittelalterliches Ritterspiel. Anscheinend waren die Veranstalter 1821 der Meinung, mit Moores phantasievoller Erzählung aus dem Morgenland die Träume vom "legitimen“ Königtum am besten inszenieren zu können – erst wenige Jahre zuvor war Napoleon, der Kaiser der Revolution, vertrieben worden.

Eine Episode aus Moores "Lalla Rookh“ ist übrigens dem musikliebenden deutschen Publikum auch heute noch bekannt; zwei Jahrzehnte nach dem Berliner Hofspektakel vertonte Robert Schumann sie in seinem Oratorium "Das Paradies und die Peri.“ Noch bezeichnender als die Austauschbarkeit der unterschiedlichen Traumwelten von Orient, Antike und Mittelalter, meint Polaschegg, sind die modischen Wechsel zwischen den verschiedenen Regionen, die in Europa alle miteinander unter den Begriff "Orient“ subsumiert wurden. Während das 18. Jahrhundert sich an dem angeblich rationalistischen China orientierte, bis hin zur "Chinoiserie“ in Gartenarchitektur und Porzellankunst, bevorzugte die Romantik das – ebenso angeblich – tiefsinnige Indien. In den 1820er Jahren finanzierte die preußische Regierung der neuen Universität Bonn eine Maschine zum Druck von Sanskrittexten, die im ganzen Land vermutlich kaum eine Handvoll Gelehrter lesen konnte.

Illustration von Max Liebert zu
Ludwig Fuldas "Aladdin", 1912
Eine bemerkenswert selbständige Form von "Orientalismus“ findet der Bremer Literaturwissenschaftler Hendrik Birus gerade in dieser Zeit bei dem Lyriker August von Platen: streng nach persischem Vorbild geformte Verse, in denen der Leser, so Platen selbst im Vorwort zu seinem Gedichtband, "außer der Form nichts eigentlich Orientalisches mehr finden werde“. Es gab allerdings auch Zeitgenossen, die diese "Ghaselen“ mit ihrem immer wiederkehrenden Reim überkünstelt fanden. So spottete Karl Immermann: "Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen, essen sie zu viel, die Armen, und vomieren dann Ghaselen.“

Das genaue Gegenstück, also orientalischen Stoff in westlicher Form, bietet der deutsche "Professorenroman“ des 19. Jahrhunderts, erfolgreichstes Beispiel "Eine ägyptische Königstochter“ von dem Ägyptologen Georg Ebers, 1864. Ein Roman mit einer Unzahl wissenschaftlicher Anmerkungen – die Kritik hat diesen Zwitter, wie die ägyptische Literaturhistorikern Dalia Salama darstellt, als zu wenig poetisch abgetan, Ebers Kollegen war er zu unseriös; aber das Publikum fühlte sich sehr wohlig ins alte Ägypten versetzt. Vielleicht darf man C. W. Cerams "Roman der Archäologie“ 1949 daneben setzen.

Julius Köckert Kalif Harun al-Raschid
empfängt eine Delegation Kaiser Karls
'des Großen, 1864
Unter den Lesern der "Königstochter“ wird kaum noch jemandem gegenwärtig gewesen sein, was dem Abendland über Jahrhunderte das eigentlich Wichtige am Morgenland gewesen war: Dort, genauer in Palästina, war "Gott als Mensch gewandelt“, so Walther von der Vogelweide in seinem Kreuzzugslied. Ob der Dichter tatsächlich selbst an einem Kreuzzug teilgenommen hat, ist nicht bekannt; jedenfalls spielen topographische Realien, so der Literaturhistoriker Meinolf Schumacher von der Bergischen Universität Wuppertal, in seinem Gedicht keine Rolle.

Schumacher: "Palästina wurde zu einer weitgehend literarischen Topographie, man konnte auf Aussagen über das reale Palästina weitgehend verzichten.“ Das ist, um auf die Diskussion über Saids Orientalismus-These zurückzukommen, in der deutschen Literatur bis ins späte 19. Jahrhundert so geblieben, während sich Engländer und Franzosen in ihrer Kolonialpolitik sehr wohl mit dem realen Orient konfrontiert sahen.  Nun ja, spätestens um 1900 sahen sich auch die Deutschen im eigenen Land einem Stück "Orient“ gegenüber oder vielmehr, was man dafür hielt.

Gustav Bauenrfeind: Marktszene in
Jaffa, 1887
Inzwischen nämlich waren die großen Warenhäuser oder "Basare“, wie sie Börne schon in den 1820er Jahren in Paris erlebt hatte, auch in Deutschland Mode geworden. Der Vergleichende Literaturwissenschaftler Uwe Lindemann von der Ruhr-Universität Bochum zitiert einen gewissen Paul Dehn aus dem Berlin des Jahres 1899, der in den schwärzesten Farben malte, welche "Kulturfortschritte“ von diesen Basaren mit syrischer Musik, Stickereien von Damaskus, japanischen Malern, türkischen Pantoffelmachern, Chinesen und "Japanesen“ als Verkäufern zu erwarten seien: Hier werde "auf orientalische Art ein Raubzug unternommen, wie er so dreist und umfangreich kaum jemals versucht worden ist“.

Nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ahnt man, worauf dieser frühe Globalisierungsgegner hinauswollte: "Deutschfremde Emporkömmlinge, unersättliche Spekulanten, fast ausschließlich Juden sind es, die dahinter stehen.“ Offenbar brauchte die deutsche Gesellschaft des wilhelminischen Kaiserreichs den "Orient“, um ihre Ressentiments auf den Begriff zu bringen.


Mehr im Internet:
Orientdiskurse in der deutschen Literatur
Herausgegeben von Klaus-Michael Bogdal,
Aisthesis Verlag, ISBN 978-3-89528-555-4, Bielefeld 2007, 39,90 €



Mehr im Internet:
Orientalismus - Wikipedia
Als der Orient erklärungsbedürftig wurde, scienzz 05.07.2005







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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