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14.04.2008 - SOZIOLOGIE

Soziales durch Soziales erklären

Zum 150. Geburtstag des Soziologen Emile Durkheim

von Josef Tutsch

 
 

Emile Durkheim (* 15.4.1858
Épinal, † 15. 11.1917 Paris)

Es gibt Bücher, die in der Geistesgeschichte eine ähnliche Funktion einnehmen, wie es in der politischen Geschichte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung tut. Zum Beispiel René Descartes’ "Discours de la méthode" von 1637. Mit dem Prinzip, alle scheinbaren Wahrheiten in Frage zu stellen, begründete Descartes die Unabhängigkeit der neuzeitlichen Philosophie von der Theologie. Oder Emile Durkheims "Règles de la méthode sociologique“ 1895, so etwas wie die Gründungsurkunde der modernen Soziologie. Nicht dass Durkheim die Soziologie erfunden hätte, darin war ihm zwei Generationen zuvor Auguste Comte vorangegangen. Aber Durkheim machte wissenschaftlich Ernst mit der jungen Disziplin, er wurde – noch vor Georg Simmel, Ernst Troeltsch und Max Weber – ihr erster Klassiker. Nicht nur seine Fragen, auch seine Antworten werden bis heute diskutiert.

Wie bei Descartes bestand die Unabhängigkeitserklärung aus einem methodischen Grundsatz. Durkheim forderte, "Soziales nur durch Soziales zu erklären“. Der Sohn einer Rabbinerfamilie, am 15. April 1858 in Epinal (Lothringen) geboren, hätte es auch biblisch ausdrücken können: Du (der Soziologe) sollst keine anderen Götter (keine konkurrierenden wissenschaftlichen Ansätze) neben mir haben. Die Tragweite dieses Postulats ist erst zu sehen, wenn man sich die Alternativen, die anderen "Götter“, vergegenwärtigt. Die Nationalökonomie in ihrer bürgerlichen wie in ihrer marxistischen Variante versuchte, die Gesellschaft von der Wirtschaft her zu verstehen, die Psychologie wollte alles Soziale aus dem Seelenleben der Individuen ableiten. Dagegen bestand Durkheim auf der Existenz "sozialer Tatsachen“ ("faits sociaux“) außerhalb des individuellen Bewusstseins; der Soziologe könne und müsse sie wie Dinge oder Sachen ("choses“) nach den Regeln exakter Wissenschaft untersuchen.

Tatsächlich erhielt Durkheim 1902 in Bordeaux die erste Dozentur für Soziologie an einer französischen Universität, wenige Jahre später einen Lehrstuhl an der Pariser Sorbonne mit dem Fachgebiet "Erziehungswissenschaft und Soziologie“. Es gab noch einen dritten Konkurrenten, von dem Durkheim seine junge Disziplin absetzen musste, und das war die ältere Form von Soziologie, die Auguste Comte unter dem Namen "Positivismus“ gepredigt hatte. Soziale Veränderungen und womöglich den gesamten Gang der Weltgeschichte aus dem Drang des Menschen nach Vervollkommnung abzuleiten, das war für Durkheim nicht Wissenschaft, sondern Metaphysik. Ob er mit seinem eigenen System, dem "Chosismus“, wie Kritiker es leicht spöttisch genannt haben, solchen metaphysischen Versuchungen entgehen konnte, ist eine offene Interpretationsfrage. Durkheim ließ sich, um die Äußerlichkeit der soziologischen Tatsachen von den Individuen zu verdeutlichen,  wohl gern zu provokanten, damit auch missverständlichen Formulierungen hinreißen. Der Überblick wird zusätzlich durch Durkheims Publikationsweise erschwert. Viele grundsätzliche Ausführungen sind in Rezensionen versteckt, die weit über eine bloße Buchbesprechung hinausgehen.

Der Vorläufer: Auguste Comte
(1799-1857)

Berüchtigt geworden ist Durkheims Ausdruck "Kollektivbewusstsein“. Der Forscher ging davon aus, dass das Individuum von einer kollektiven moralischen Realität beherrscht werde. Das klingt an Hegels Konzeption vom objektiven Geist an, nur dass der Gegensatz bei Durkheim nicht dialektisch vermittelt wird. Zwar könnten wir uns über Erziehung mit dieser Moral identifizieren, heißt es in den "Regeln“, aber es bleibe dabei, der soziale Zwang komme von außen. Durkheim sah eine Gefahr darin, dass dieses kollektive Gewissen nicht mehr in der Lage sein könnte, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Hier spiegeln sich die Ängste eines aufgeklärten Intellektuellen vor den Konsequenzen der Aufklärung wider; Theodor W. Adorno hat diese Angst boshaft, aber hellsichtig charakterisiert: "Durkheim zeichnet den Zwangscharakter der Gesellschaft fasziniert auf und erniedrigt sich zu dessen Lobredner.“

Für einen Zustand, wo das kollektive Gewissen nicht mehr in der Lage ist, die Ordnung aufrecht zu erhalten, wo die Abweichung zur Regel, die Gesellschaft im Ganzen pathologisch geworden sei, prägte Durkheim den Begriff "Anomie“, übersetzt etwa: Nichtvorhandensein einer Gesetzlichkeit. In seinem bekanntesten Buch "Le suicide“ 1897 kam er zu dem Schluss, Ursache für den Selbstmord sei in der Hauptsache eine solche Störung. Das erkenntnistheoretische Problem, wie sich ein gesellschaftlicher Zustand als pathologisch analysieren lässt, wenn es doch die Gesellschaft selbst sein soll, die moralische Gewalt über die Individuen ausübt, bleibt aber unaufgelöst. Wahrscheinlich hat Niklas Luhmann das Richtige getroffen: Der erste Klassiker der Soziologie als empirischer Wissenschaft hat Unmoral ganz in neuplatonischer Tradition als das bloße Fehlen von Moral verstanden, als unvollkommene Durchsetzung sozialer Ideale im individuellen Leben.

In seiner ersten großen Abhandlung "Über soziale Arbeitsteilung“, geschrieben 1893, noch vor den "Regeln“, lieferte Durkheim eine Theorie, wie sich das Kollektive in der modernen Gesellschaft durchsetzt. Das ging, bei aller Absetzung von Comte, nicht ohne einen Rest von Evolutionismus ab. Primitive Gesellschaften, argumentierte Durkheim, seien ein Nebeneinander von gleichen oder ähnlichen Individuen, sie würden aufrechterhalten durch gemeinsame Anschauungen und Gefühle, eine "mechanische Solidarität“. Im Lauf der Geschichte habe sich durch die zunehmende Arbeitsteilung – der Schuster ist, um leben zu können, auf den Bäcker angewiesen und umgekehrt – eine andere Form herausgebildet, die "organische Solidarität“.

Zeitgenosse: Max Weber
(1864-1920)

Durkheim machte klar, dass er seine neue Wissenschaft nicht nur als eine Art Naturwissenschaft sozialer Zusammenhänge verstanden sehen wollte, sondern zugleich als eine Art Sozialmedizin: "Die Arbeitsteilung weist, wie alle sozialen, allgemeiner wie alle biologischen Tatsachen auch pathologische Formen auf.“ Ein neuer Sokrates sei nötig – um die moralischen und sozialen Bindungen zu erneuern, die durch den Fortschritt der Arbeitsteilung manchmal eben auch verloren gingen. Freilich: "Wir können nach keiner anderen Moral streben als nach der, die unser Gesellschaftszustand erfordert.“ Die Frage liegt nahe, ob bei Durkheim das Individuum, auch ein solcher Sokrates, gegenüber der Gesellschaft überhaupt irgendeine positiv zu bestimmende Eigenständigkeit haben kann. Der Soziologiehistoriker Friedrich Jonas verneint: "Der einzelne hat gegenüber der Gruppe kein Recht auf Freiheit, aber er hat das Recht, über seine eigene Nichtigkeit aufgeklärt zu werden. Und dieser Rechtsanspruch wird von der Soziologie bedient.“

Das hat, wie Luhmann feststellt, eine merkwürdige Folge: Engagement bedeutet, dass das, was sowieso geschieht, als Aufgabe definiert wird. Fatalistische Konsequenzen hat Durkheim selbst daraus aber nicht gezogen, er setzte sich für die Dritte Republik ein, wollte sie freilich durch berufständische Organisationen ergänzen, die eher in der Lage wären, den einzelnen zu integrieren. Auch Durkheims wissenschaftliche Soziologie sollte ein Stück weit noch Philosophie und Politik sein. Erst der sechs Jahre jüngere Max Weber ging ein Stück weiter, indem er sein politisches Engagement von seiner Forschungsarbeit trennen, Werturteile aus dem Erkenntnisprozess ausklammern wollte. Durkheim stand noch in der alten Tradition des cartesischen Rationalismus und weiter zurück der Scholastik: Das Wahre und das Gute, das vernünftig Erkennbare und das vernünftig Anzustrebende, sah er als Einheit, zwischen Werturteilen und Wirklichkeitsaussagen konnte es keinen grundsätzlichen Unterschied geben.

Mit seinem letzten, sicherlich ehrgeizigsten, jedenfalls umstrittensten Werk kehrte Durkheim 1912 zu den "primitiven“ Gesellschaften zurück. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als um die "elementaren Formen des religiösen Lebens“. Der glühende Verfechter säkularer Ideen wollte nachweisen, dass Religion sich ohne jede Transzendenz verstehen lässt, bloß als Selbstdarstellung einer Gesellschaft. Das Modell glaubte er bei den australischen Ureinwohnern gefunden zu haben. Aus den Schriften des schottischen Religionswissenschaftlers William Robertson Smith übernahm er das Konzept des "Totemismus“: In der Verehrung eines Tiers, einer Pflanze oder eines Gegenstandes (eines "Totem“) würde die Vielzahl der Individuen zu einer moralischen Gemeinschaft zusammengeschweißt.

Durkheim war überzeugt, dass dieser Totemismus die Elementarreligion sei und umgekehrt alle Religion im Grunde nichts weiter als eine Fortentwicklung des Totemismus. Spätere Forscher haben das skeptisch gesehen. Schon Sigmund Freud stellte fest, der Totemismus sei keineswegs so universal verbreitet wie das Phänomen der Religion. Der britische Sozialanthropologe Edward Evan Evans-Pritchard wies darauf hin, auch so isolierte Gesellschaften wie jene der australischen Ureinwohner seien bereits hochspezialisiert, also im Wortsinn keineswegs "primitiv“.

Es ist nicht zu leugnen, aus der Perspektive heutiger Ethnologie betrachtet war Durkheim der Paradefall eines Schreibtischgelehrten, der niemals Feldforschung vor Ort betrieben hat, sondern sich auf Informationen  aus zweiter Hand verlassen musste – für frühere Epochen der Wissenschaftsgeschichte ein keineswegs untypisch Problem; Kunstgeschichten zum Beispiel mussten damals anhand höchst unvollkommener Stiche und Fotografien sowie fremder und – vielleicht – eigener Reisenotizen geschrieben werden. Trotz solcher Unvollkommenheiten ist Durkheim aktuell geblieben. Das bezeugt eine Kraft geistiger Durchdringung, wie sie heutzutage in dem ungeheuer angewachsenen empirischen Material oft unterzugehen droht.


Mehr im Internet:

Emile Durkheim - Wikipedia

Comte, Wissenschaftler und Hoherpriester, scienzz  04.09.2007




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

 

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