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20.03.2008 - NEUES TESTAMENT
Wanderpediger und Wunderheiler
Was man über das Leben Jesu wissen kann und was nicht
von Josef Tutsch
 | | Matthias Grünewald, Kreuzigung
(vom Isenheimer Altar, um 1510)
| | | Totgesagte leben länger, das gilt auch für manche Themen auf dem Büchermarkt. Vor gut einem Jahrhundert erklärte der Theologe Albert Schweitzer, der spätere Arzt von Lambarene, die damals schon so beliebten Leben-Jesu-Bücher für überholt. Der historische Jesus, wie ihn die Forschung inzwischen erkannt habe, tauge nicht mehr dazu, ihm die moralischen Anschauungen unserer eigenen Zeit in den Mund zu legen. Es sei hoffnungslos, ihn dem breiten Publikum "allgemeinverständlich nahe bringen" zu wollen.
In den letzten hundert Jahren haben sich die Schwierigkeiten vervielfacht. Historiker und Philologen haben jeden Satz im Neuen Testament (und natürlich auch in den apokryphen Schriften des frühen Christentums und bei den antiken Historikern) geprüft, was daraus über den "wirklichen" Jesus hervorgehen könnte; es ist nicht viel übrig geblieben. Aber das hat Schriftsteller und Verlage nicht davon abgehalten, unverdrossen weiter Leben-Jesu-Bücher herauszubringen. Es sind bedeutende literarische Werke darunter, am bekanntesten wohl der Roman "Der Nazarener" von dem Juden Schalom Asch, 1939. Aber die große Mehrzahl der Autoren meint ihr Jesusbild durchaus historisch.
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Rembrandt, Chriotus als Lehrer (Hundertguldenblatt, um 1648)
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Oder vielmehr ihre divergierenden Jesusbilder. Da gibt es den Verkünder des Gottesreiches, ganz im Sinne der späteren christlichen Tradition, und den orthodoxen Juden, den politischen Rebellen gegen die römische Besatzungsmacht und den religiösen Rebellen gegen die jüdische Tradition, den Anhänger der exklusiven Essener-Gemeinde, die dann gern mit den vor einem halben Jahrhundert entdeckten Schriftrollen vom Toten Meer in Verbindung gebracht wird, und den Prediger einer nach wie vor aktuellen Morallehre. Ganz zu schweigen von den Phantasien über ein Familienleben mit Maria Magdalena oder über eine Lehrtätigkeit in Indien nach dem vermeintlichen Tod am Kreuz.
In den nächsten Jahrzehnten wird die Literaturflut zweifellos noch anwachsen. Denn 2033, also in genau einem Vierteljahrhundert, steht das große Jubiläum an: der zweitausendste Jahrestag von Jesu Tod. Und, werden viele gläubige Christen sagen, auch der zweitausendste Jahrestag seiner Auferstehung - vorausgesetzt, dieses Ereignis lässt sich in Raum und Zeit datieren. 2033? Dieses Datum hat die Tradition für sich. Wenn man mit dem Mönch Dionysius Exiguus, der im 6. Jahrhundert unsere heutige Zeitrechnung erarbeitete, den 25. Dezember des Jahres 1 "vor Christus" als Geburtstermin festlegt, mit dem Lukasevangelium den Beginn der Lehrtätigkeit auf das dreißigste Lebensjahr ansetzt und mit dem Johannesevangelium drei Jahre öffentlichen Wirkens annimmt, kommt man auf 2033.
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Raffael: Kreuzigung mit Sonnenfinsternis, um 1503)
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Jedoch hat Dionysius seine Rechnung mit allzu vielen Unbekannten gemacht. Sicher ist nur, dass Jesus starb, während Pontius Pilatus Statthalter und Kaiphas Hoherpriester war, das heißt zwischen 26 und 36 nach Christus. Alle Versuche, das Jahr festzulegen, beruhen auf der Angabe in den Evangelien, Jesus sei am Freitag vor dem Passahfest gestorben. Aber weder lässt sich der Festkalender dieser Jahre präzise rekonstruieren, noch muss die Angabe "Freitag" historisch zuverlässig sein. Die ersten Christen feierten am Sonntag die Auferstehung; da aus dem Alten Testament eine Frist von drei Tagen im Grab herausgelesen wurde, ergab das zurückgezählt den Freitag als Todestag.
Auch der Versuch, aus den Paulusbriefen einen spätest möglichen Termin herauszulesen, führt nicht viel weiter. Paulus wurde irgendwann Anfang bis Mitte der 30er Jahre bekehrt. Ganz hoffnungslos wäre es, das Datum der Sonnenfinsternis bei Jesu Tod berechnen zu wollen. Diese Sonnenfinsternis hat es nicht gegeben. Mit dem Geburtsjahr steht es womöglich noch schwieriger. Sicher ist hier nur eins: Ein Jahr "0" kommt nicht in Frage, ein solches Jahr gibt es in unserem Kalender nämlich nicht, auf "1 vor Christus" folgt unmittelbar "1 nach Christus".
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Giotto: Heilige drei Könige, um 1307
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Aus der Angabe bei Lukas, "im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius", also etwa 28 nach Christus, sei Jesus "ungefähr 30 Jahre alt gewesen", lässt sich, selbst wenn sie historisch sein sollte, nichts Genaues schließen. Auf den ersten Blick erfolgversprechend wirkt die Aussage, Jesus sei unter der Herrschaft des Königs Herodes geboren worden. Leider findet sich der Name Herodes nur in Geschichten, die ansonsten alle Anzeichen der Legende an sich tragen. "Historische" Ereignisse, die in den Evangelien mit Jesu Geburt in Verbindung gebracht werden, also die Volkszählung und der Kindermord? Beides ist in der Geschichte nicht nachweisbar. Mit dem Stern von Bethlehem steht es auch nicht besser. Es handelt sich weder um einen Kometen noch um eine Planetenkonjunktion, sondern um einen Wunderstern, der mit Astronomie ebenso wenig zu tun hat wie jene Sonnenfinsternis.
Während Jerusalem - genauer die Hinrichtungsstätte vor der Stadt - als Todesort immerhin außer Zweifel steht, ist der Geburtsort nicht ganz sicher. Nazareth in Galiläa, wo die Familie ansässig war, darf als wahrscheinlich gelten; die Aussage "Bethlehem" entstammt dem Alten Testament, das von den ersten Christen als Prophezeiung auf das Leben des Messias, also das Leben Jesu, gedeutet wurde. Eine Voraussetzung, die sich in den Evangelien Schritt für Schritt verfolgen lässt und es heute so schwer macht, diese Texte als Geschichtsquellen anzusehen. Bereits der älteste Teil, die Passionsgeschichte, besteht beinahe Vers für Vers aus Zitaten des Alten Testaments. Kurzum: Die Quellen schildern nicht den "historischen" Jesus, sondern des Christus des nachösterlichen Glaubens.
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Hans Holbein d. Ä.; Christus vor Pilatus (vom Kaisheimer Altar, 1502)
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Diese Differenz zweier Betrachtungsweisen zeigt sich am deutlichsten bei der Hinrichtung Jesu. Aus Sicht der Evangelisten musste Jesus sterben, weil die Juden nicht verstehen wollten, dass sich die alttestamentlichen Weissagungen in seiner Person erfüllten. Historisch wird es so gewesen sein, dass Jesus von der römischen Besatzungsmacht wegen vermeintlichen Aufruhrs zum Tode verurteilt wurde und dass die jüdische Religionsbehörde dabei irgendwie beteiligt war. Ganz und gar rätselhaft bleibt jene Episode, die den Romanautoren am intensivsten Anlass zur Ausschmückung geboten hat, der Verrat des Judas. Was kann Judas eigentlich verraten haben - etwa die Identität seines Meisters, der allem Anschein nach doch in aller Öffentlichkeit gepredigt hatte?
Auch was sich zwischen Geburt und Passion abgespielt hat, bietet den Möchte-gern-Biographen wenig präzise Anhaltspunkte. Oder ebenso viel Freiraum für Phantasie, und das schon seit den Anfängen des Christentums; im apokryphen Kindheitsevangelium nach Thomas sind allerlei wunderbare Taten schon des Knaben Jesus erzählt, zum Beispiel Erweckung von Spatzen aus Lehm zum Leben. Dass Jesus Wunder tun konnte, hat übrigens auch die antichristliche Polemik jüdischer Rabbinen nicht in Frage gestellt; der Zeit war selbstverständlich, dass dergleichen geschehen konnte.
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Peter Paul Rubens, Jesus mit Maria Magdalena, 1618
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Jesus hat gepredigt und geheilt und Jünger berufen, soviel steht fest, auch die Taufe durch Johannes den Täufer im Jordan wird historisch sein. Wie lange diese Lehrtätigkeit dauerte - wir wissen es nicht; das Johannesevangelium gibt drei Jahre an, die anderen Evangelien schweigen sich aus. In den Schulstreitigkeiten der Rabbinen scheint sich Jesus für eine weniger formalistische Interpretation der Reinheitsgesetze ausgesprochen zu haben. Aber offenbar hielt er sich mit seiner Arbeit in den Grenzen des Volkes Israel; eine Mission unter den "Heiden" wird erst in den Jahren nach Jesu Tod aufgekommen sein.
Was war der Inhalt seiner Botschaft? "Bekehrt euch, denn das Himmelreich ist nahe", hatte schon der Täufer gepredigt. Jesus radikalisierte diese Aussage: Das Gottesreich ist schon da, "in eurer Mitte" oder "mitten unter euch", übersetzen moderne Bibelausgaben. Martin Luther freilich hatte geschrieben, das Reich Gottes sei "inwendig in euch". Im Laufe der Neuzeit wurde daraus, so Albert Schweitzer, "der Jesus von Nazareth, der die Sittlichkeit des Gottesreiches verkündete und das Himmelreich auf Erden gründete". Schweitzer nannte es eine "Wahrhaftigkeitstat des protestantischen Christentums", dass historisch und philologisch arbeitende Theologen dieses Jesusbild destruierten.
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El Greco, Tempelreinigung, um 1573
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Jesus erwartete, unmittelbar bevorstehend, eine Verwandlung der Welt durch göttliches Eingreifen; auch das Problem der römischen Besatzung, gegen die seine militanten Zeitgenossen mit dem Schwert kämpften, hätte sich dadurch von selbst erledigt. Freilich ist Schweitzer der Versuchung nicht entgangen, den Text der Evangelien im Sinne dieser Erwartung letzter Dinge psychologisch auszudeuten. Jesus wäre durch das Ausbleiben der großen Verwandlung irritiert gewesen und dann gegen Jerusalem aufgebrochen, "einzig um dort zu sterben", nämlich "insofern sein Tod - endlich! - das Reich herbeizwingen" würde.
Dergleichen Rekonstruktionen verkneifen sich heutzutage auch Theologen, die auf den eschatologischen Charakter von Jesu Verkündigung großen Wert legen; die Einsicht, dass viele, sehr viele Verse in den Evangelien erst von der späteren Gemeinde gebildet wurden, ist zu weit fortgeschritten. Das gilt nicht zuletzt für die Hoheitstitel, mit denen die Evangelisten Jesu Rolle in der endzeitlichen Verwandlung schreiben wollen: Messias, Sohn Gottes, Menschensohn. Wahrscheinlich hat Jesus selbst keinen dieser Titel auf sich bezogen. Er verstand sein Auftreten als Zeichen des unmittelbar nahen Gottesreiches - alles weitere ist Spekulation.
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Selbstmord des Judas (15. Jh.)
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So muss auch die Frage, wie Jesu "Ethik" zu verstehen ist, also vor allem die Bergpredigt, offen bleiben. "Seht die Vögel des Himmels! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Speicher, und euer himmlischer Vater ernährt sie." Eine "Interimsethik", wie Schweitzer gemeint hat, nur für die ganz kurze Zeit bis zum Ende aller irdischen Dinge erfüllbar? Versucht man sich konsequent in das eschatologische Denken hineinzuversetzen, wäre wohl plausibel, dass die Frage nach einer Anwendbarkeit auf lange Perspektive sich gar nicht erst gestellt hat. Wie solche befremdlichen Aussagen in einer weiter bestehenden Welt verstanden werden könnten, war eines der zentralen Probleme in den zweitausend Jahren Christentum.
Und es wird ebenso plausibel, dass diese Eschatologie, die für alle protestantischen Theologiestudenten in den hundert Jahren seit Schweitzer und inzwischen natürlich auch für die katholischen Kollegen Lehrstoff gewesen ist, in den populären Leben-Jesu-Darstellungen keine große Rolle spielen kann. Insofern ist die Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts an den Darstellungen für das breite Publikum nahezu spurlos vorbeigegangen.
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Caravaggio, Grablegung, um 1603
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Theologen wie Rudolf Bultmann haben versucht, mit Kategorien der modernen Existenzphilosophie eine Lösung zu finden: Das eschatologische Christusereignis solle "stets jeweils gegenwärtig", der Augenblick der existenziellen Entscheidung, ganz paradox, auf Dauer gestellt sein. Albert Schweitzer hatte mit solchen Konzepten wenig im Sinn, er gestand offen ein, dass er keine Antwort wisse. Aus der Entdeckung der Eschatologie in Jesu Botschaft zog er später sehr uneschatologische Konsequenzen: "Die Ehrfurcht vor dem Leben gibt mir das Grundprinzip alles Sittlichen ein, dass das Gute im Erhalten, Fördern und Steigern von Leben besteht und das Vernichten, Schädigen und Hemmen von Leben böse ist."
Mehr im Internet: Zur Entdeckung des angeblichen Jesus-Grabes, scienzz 08.07.2007 Astronomische Spielereien mit dem NT, scienzz 08.07.2007 Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament, scienzz 16.09.2005 Die Passionsgeschichte und ihre Grundlagen, scienzz 23.03.2005 Die Weihnachtsgeschichte und ihre Grundlagen, scienzz 20.12.2004
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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