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03.04.2008 - PSYCHOTHERAPIE

500 Jahre Kampf gegen die Verdrängungskultur

Zwei Psychologen über die Befreier von Eros und Sexus

von Josef Tutsch

 
 

Alfred C. Kinsey (1894-1956)

Sigmund Freud meinte einmal, die Zukunft werde wahrscheinlich urteilen, dass die Bedeutung der Psychoanalyse als Wissenschaft des Unbewussten ihren Wert als Heilmethode weit übertreffe. Aber natürlich hoffen seelisch Kranke oder Beschwerte seit über hundert Jahren zunächst einmal auf ihre Heilkraft, nicht nur für sich persönlich, sondern für Gesellschaft und Kultur. Freuds Wunschtraum, stellen die beiden Tiefenpsychologen Josef Rattner und Gerhard Danzer in ihrer jüngsten gemeinsamen Publikation fest, "war es, ein intellektueller Befreier der Menschheit zu werden". Freud selbst verglich seine psychoanalytische Arbeit gern mit der Trockenlegung der Zuidersee, er dachte dabei an die Vision des greisen Faust: "Eröffn’ ich Räume vielen Millionen, nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen."

Rattner und Danzer verweisen auf Immanuel Kant, der in seiner "Anthropologie" feststellte, die Natur habe uns drei Hilfsmittel gewährt, um in den vielfältigen Bedrängnissen des Lebens bestehen zu können, den Schlaf, die Hoffnung und das Lachen. Ein viertes Hilfsmittel, Erotik und Sexualität, scheint der Königsberger Philosoph vergessen oder auch verdrängt zu haben. Weltliche und geistliche Obrigkeiten, stellen Rattner und Danzer fest, sind mit diesen vier Hilfsmitteln ihrer Untertanen ganz unterschiedlich umgegangen: "Gegen Schlaf und Hoffnung haben sie wenig Einspruch erhoben; beim Gelächter waren sie schon vorsichtiger, weil dieses sich gegen ihre Autorität richten konnte. Noch kritischer gingen sie gegen Eros und Sexus vor."

Pietro Aretino (1492-1556)
Befreier von Eros und Sexus: Vermutlich werden viele Zeitgenossen dabei an einen gewissen Dr. Sommer von der "Bravo" denken. Oder an Oswalt Kolle. Aber Rattner und Danzer wollen das Thema tiefer angehen, sie bieten 15 Lebensbilder vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Der Sinn dieser Publikation, die beiden Autoren gehen darauf nicht ein, ist wohl auch ganz praktisch gedacht: Junge Leute, die Schwierigkeiten haben, sich in ihre Geschlechtsrolle zu finden, suchen – vorausgesetzt, sie sind ein wenig an Ideengeschichte interessiert – nach großen Vorbildern, finden Beruhigung in dem Gedanken, nicht allein zu sein.

Über die Auswahl lässt sich natürlich streiten. Mancher wird Wilhelm Reich vermissen, den Theoretiker der "orgastischen Potenz". Oder Magnus Hirschfeld, den Klassiker der Schwulenbewegung. Den Anfang macht eine Randfigur der italienischen Renaissance, Pietro Aretino, der sich als Star-Journalist und eben auch als Pornograph einen Namen gemacht hat. Was das erste angeht: "Wer nicht zahlen wollte, lief Gefahr, dass Aretino die Wahrheit über sein Leben und Treiben verkündete." Kurzum, der Enthüllungsjournalist lebte von mehr oder weniger subtiler Erpressung.

"Mein schönes Fräulen, darf
ich's wagen ..." Illustration
zu Goethes "Faust", von
von Gustav Heinrich Naeke)
Und zum zweiten: In Aretinos Schriftstellerei findet sich so manche Passage, die späteren Lesern schlicht pornographisch vorkam. Kleine Kostprobe: "Die Beine breit! Damit genau ich sehe den schönen Hintern und die steife Möse; was für ein Arsch, der mir den Schwanz so stehen lässt! Was für eine Fotze, die mir das Blut erstarren lässt!" Mindestens ebenso schockierend wird der eine oder andere Tabubruch gewesen sein. Ein Herzog von Mantua, wird in einer Komödie geschildert, will zum Schein einem als homosexuell bekannten Höfling eine Ehe aufdrängen. Nach der Zeremonie entdeckt der unglückliche Bräutigam, dass die ihm angetraute junge Frau in Wirklichkeit ein hübscher Page ist.

Am liebsten schilderte Aretino Szenen hinter Klostermauern, solche Texte, resümieren Rattner und Danzer, "verkündeten die Botschaft, das die hochgestochene Sittlichkeit, die von der Kirche propagiert wurde, eine fromme Lüge war. Autoren wie Aretino plädierten für Ehrlichkeit und wurden damit zum Vortrupp der späteren Aufklärung." So weit, so plausibel. Man könnte sich freilich wünschen, die beiden Tiefenpsychologen hätten hier noch etwas tiefer geschürft. Es ist reichlich unwahrscheinlich, dass eine "hochgestochene Sittlichkeit", die nichts als "fromme Lüge" war, sich anderthalb oder zwei Jahrtausende lang hätte halten können. Auch eine Gegenbewegung gegen die "christliche" Sexualmoral wie die moderne sexuelle Revolution muss ihre Wurzeln haben, eben dort, wo sie aufgekommen ist, im christlichen Abendland.

"Lady Chatterley", Film nach dem
Roman von D. H. Lawrence, 2006
In dem einen oder anderen dieser 15 Lebensbilder wird deutlich, dass die Emanzipation von der alten "Verdrängungskultur" keineswegs geradlinig verlaufen ist. Es ist bekannt, dass Goethe, der in seinem "Faust" das Schicksal Gretchens so erschütternd auf die Bühne gebracht hat, als Minister in Weimar dennoch das eine oder andere Todesurteil gegen Kindsmörderinnen unterzeichnete. Zeitgenossen bezeichneten manche Werke Goethes als unsittlich und "heidnisch". Der Dichter wehrte sich mit einem Argument,  das in seiner Verwendung des Ausdrucks "christlich", ob von Goethe beabsichtigt oder nicht, geradezu unheimlich wirkt: "Ich heidnisch? Nun habe ich doch Gretchen hinrichten lassen ... Ist das denn den Leuten noch nicht christlich genug? Was wollen sie noch Christlicheres?"

Daneben macht sich Heinrich Heines Aussage harmlos eindimensional: "Alle Menschen sind entweder Juden oder Hellenen, Menschen mit asketischen, bildfeindlichen und vergeistungssüchtigen Trieben oder Menschen von lebensheiterem, entfaltungsstolzem und realistischem Wesen." Rattner und Danzer zeigen am Beispiel von D. H. Lawrences Roman "Lady Chatterley", dass die Emanzipation sexueller Wunschträume nicht unbedingt zu humanen Ergebnissen führen muss: "Lawrence, der als Literat auszog, eine schönere und gerechtere Welt zu imaginieren, endete schließlich in einem Phalluskult, dessen grausamer patriarchalischer Hintergrund unverkennbar ist." Offenbar aufgrund einer Neurose, analysieren die beiden Autoren.

 
Elizabeth Barrett-Browning
(1806-1861)
Aber man darf fragen, ob es unbedingt pathologisch bedingt sein muss, wenn Erotik und Sexualität nicht bloß als beiderseits erfreulicher Zeitvertreib empfunden werden. Die englische Dichterin Elizabeth Barrett-Browning (dem deutschsprachigen Publikum sind ihre Sonette durch Rilkes Übertragung bekannt) wurde zeitlebens durch Depressionen geplagt. Waren diese Depressionen die Ursache, dass sie Liebe als eine dämonische Macht auffasste? Umgekehrt könnte man ebenso gut fragen, ob das Interesse des Biologen Alfred C. Kinsey am sexuellen Verhalten womöglich eine Frucht eigener Verdrängung war. In diesem Fall wissen Rattner und Danzer allerlei Anekdotisches zu berichten. So nahm Kinsey die Diskussion in einem urologischen Fachblatt, ob beim männlichen Orgasmus der Samen herausspritze oder vielmehr herauströpfele, zum Anlass, mehrere hundert junge Männer vor laufender Kamera masturbieren zu lassen.

Wie eigentlich zu erwarten, war das Resultat des Großversuchs wissenschaftlich bescheiden: Bei den einen spritzte es, bei den anderen tröpfelte es. "Es ist ein trauriges Faktum", so Rattner und Danzer, "dass gerade in der Sexualwissenschaft nicht selten sexuell irritierte Charaktere ihr Betätigungsfeld suchen." Und heben gegen Kinsey den "hochgeistigen und streng moralischen Sigmund Freud" ab, "der gerade aus einer höheren Moralität heraus seine Anklage gegen die Verdrängungskultur und ihre Verlogenheit erhob". Das freilich klingt doch arg nach Kompensationsbedürfnis; das nach "verdrängungskulturellen" Maßstäben Bedenkliche an der Tiefenpsychologie muss durch eine fleckenlose (im Wortsinn: "fleckenlose") Weste des Tiefenpsychologen ausgeglichen werden.

Sigmund Freud in seinem Behandlungs-
zimmer mit der berühmten Couch
Rattner und Danzer schließen ihre Folge von Lebensbildern mit einem Fazit über "notwendige Revolutionen der Zukunft" – intellektuelle Befreiung der Menschheit, im Sinne Sigmund Freuds. Ein Resümee, das sich die beiden Autoren wohl besser verkniffen hätten. "Das Personsein des Menschen", heißt es dort, "hat in der bisher bekannten Geschichte nur wenig Freunde und sehr viele Feinde gehabt." An Feinden werden aufgezählt: Militär, Kirche, Staat, Parteien, Familie, Schule, Wirtschaft. Das ist alles nicht ganz falsch, läuft aber auf die Argumentation hinaus, dass Vögel am besten fliegen könnten, wenn sie nicht mit dem Luftwiderstand zu kämpfen hätten.

Freud, auf den sich Rattner und Danzer so gern berufen, war da bescheidener. "Es scheint, dass sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht aufbauen muss" – eben nicht bloß die alte "Verdrängungskultur".  Nur: "Ein gewisser Anteil der verdrängten libidinösen Regungen hat ein Anrecht auf direkte Befriedigung und soll sie im Leben finden." Wahrscheinlich hat Freud Recht: Die Befreiung von Eros und Sexus hat eine unaufhebbare Grenze, einfach deshalb, weil "die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, im Plan der Schöpfung nicht enthalten" ist.


Neu auf dem Büchermarkt:
Josef Rattner/Gerhard Danzer: Eros und Sexus. Ihre Befreier von 1500 bis 2000,
Königshausen und Neumann, Würzburg 2007, ISBN 978-3-8260-3703-0, 19,80 €



Mehr im Internet:
Geschlechtergrenzen in der Antike, scienzz 19.06.2007  
Sexualpolitik des Nationalsozialismus, scienzz 15.11.2005
100.000 Jahre Sex, scienzz 21.04.2004





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

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