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kultur

10.04.2008 - DEUTSCHE LITERATUR

Das muss mit dem Teufel zugegangen sein

Vor 200 Jahren erschien Goethes "Faust I"

von Josef Tutsch

 
 

Johamm Wolfgang von Goethe

"Eine kleine Näherin wird verführt und unglücklich gemacht, ein großer Gelehrter aller vier Fakultäten ist der Übeltäter. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein? Nein, gewiss nicht! Ohne die Beihilfe des leibhaftigen Teufels hätte es der große Gelehrte nicht zustand gebracht." So kann man Goethes Gretchentragödie natürlich auch sehn, Friedrich Nietzsche jedenfalls wollte sie so sehen, mit etwas aufgesetzter Respektlosigkeit gegenüber dieser populärsten Dichtung der Deutschen. Populär zumindest, wenn man es an der Zahl der Geflügelten Worte misst, die daraus hervorgegangen sind. "Mein schönes Fräulein, darf ich’s wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?" Oder: "Uns ist ganz kannibalisch wohl als wie fünfhundert Säuen!"

Mitte April des Jahres 1808, zur Ostermesse, kam "Faust. Der Tragödie Erster Teil" im Verlag Cotta heraus. Goethe hatte seit Anfang der 1770er Jahre daran geschrieben. Am Anfang stand, angeregt durch ein vielgelesenes Volksbuch und ein volkstümliches Puppenspiel, die Figur des Gelehrten, der an seiner Wissenschaft verzweifelt: "Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert mit heißem Bemüh. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor." Faust, das war durch Volksbuch und Puppenspiel vorgegeben, musste sich mit dem Teufel verbinden, "dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält".

"... durchaus studiert mit hei-
ßem Bemühn": Faust im Stu-
diezimmer (Eugène Delacroix,
1825)

Bereits alle früheren Faustdichtungen hatten diese Gelehrtentragödie mit einer Liebesgeschichte verknüpft: Durch magische Künste sollte es Faust gelingen, die schöne Helena aus der antiken Mythologie zu beschwören. In Goethes Planungen schob sich aber sehr früh ein anderes Motiv davor. Im Januar 1770 hatte der junge Dichter in Frankfurt vermutlich die Hinrichtung einer Kindsmörderin miterlebt. Das traurige Ende dieser Susanna Margaretha Brandt muss ein Trauma ausgelöst haben. Goethe wurde Jahrzehnte lang von der Angst verfolgt, durch geschlechtliche Vereinigung schuldig zu werden. Nietzsche hat es ganz richtig gesehen: Dass Faust Gretchen verführen kann, wird im Stück tatsächlich vom Teufel bewerkstelligt. Mephisto lässt dem alternden Gelehrten in der Hexenküche einen Zaubertrank brauen: "Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, bald Helenen in jedem Weibe."

In Goethes erstem Entwurf, den wir heute unter dem Titel "Urfaust" kennen, stehen beide Themen noch unverbunden nebeneinander. Dieser Text wurde erst 1887 bekannt, nachdem sich im Nachlass eines Weimarer Hoffräuleins zufällig eine Abschrift gefunden hatte; irgendwann hatte Goethe ihr die Blätter zur Lektüre überlassen. Und das "Fragment", das der Dichter 1790, nach seiner Italienischen Reise, in einer ersten Gesamtausgabe der Werke herausbrachte, enthielt zwar schon die Hexenküche, aber es fehlte noch das entscheidende Bindeglied zwischen allem, der Teufelspakt.  Erst in den Diskussionen mit Schiller ging Goethe der zündende Funken auf. "Sie mögen sich wenden, wie Sie wollen", schrieb der Dichterfreund in einem Brief, "so wird ihnen die Natur des Gegenstandes eine philosophische Behandlung auflegen, und die Einbildungskraft wird sich zum Dienst einer Vernunftidee bequemen müssen."

"Wir sehn die kleine, dann die große
Welt ...": Faust und Mephisto
(Eugène Delacroix, 1825)

Die Idee war von genialer Einfachheit. Nach 24 Jahren dürfe der Teufel mit seinem Leib und seiner Seele nach Gutdünken verfahren, hatte der Faust der "Historia" von 1587 unterschrieben. Goethe machte daraus eine Wette: "Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zu Grunde gehn!" Wenn – dann: Die Leser des "Ersten Teils" 1808 konnten allerdings noch nicht ahnen, wie Goethe diese Wette auflösen wollte. Als Margarethe im Kerker auf ihre Hinrichtung wartet, ist Faust von Rettung weit entfernt. Nur auf das Schicksal der Verführten fällt ein Lichtblick. Auf Mephistos triumphierendes "Sie ist gerichtet!" antwortet eine Stimme von oben: "Ist gerettet!"

Fünf Akte später, im Zweiten Teil, nach Faustens Tod, wird Mephisto sich wiederum durch den Chor der Engel düpiert sehen: "Die hohe Seele, die sich mir verpfändet, die haben sie mir pfiffig weggepascht." Der greise, inzwischen erblindete Faust hat seine Aktivitäten vom Erotischen aufs Ökonomische verlagert, durch Deichbau will er Millionen Menschen Raum schaffen, "nicht sicher zwar, doch tätig frei zu wohnen". Noch in dem Geklirr der Spaten, die auf Mephistos Geheiß sein Grab schaufeln, glaubt er Arbeiten am Deich zu hören und malt sich eine Utopie aus: "Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss! ... Solch ein Gewimmel möchte’ ich sehn, auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehn! Zum Augenblicke dürft ich sagen: Verweile doch, du bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn!"

"Main schönes Fräulein ...": Faust und
Gretchen (Peter Cornelius, 1811)

Faust sagt es nicht, er "dürfte" es bloß sagen, und damit, meinte Goethe 1820 zu einem Gesprächspartner, habe Mephistopheles seine Wette nur halb gewonnen, "so tritt das Begnadigungsrecht des alten Herrn zugleich herein, zum heitersten Schluss des Ganzen". Diese Idee steht schon hinter dem "Prolog im Himmel", den Goethe 1797 dichtete. Dort findet die irdische Wette zwischen Faust und Mephisto ihr himmlisches Gegenstück. "Der Herr" gibt Mephistopheles freie Hand, Faust in Versuchung zu führen: "Solang er auf der Erde lebt, solange sei dirs nicht verboten: Es irrt der Mensch, solang er strebt." Im Schluss des Zweiten Teils nimmt der Engelchor dieses Motiv wieder auf und kehrt es um: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!"

1832 erst, wenige Monate nach Goethes Tod, brachte die Cottasche Verlagsbuchhandlung die ganze Tragödie heraus. Der zweite Teil, in den Goethe so viel an antiker Mythologie, naturwissenschaftlichen Studien und Erfahrungen in seinem Ministerarbeit eingebracht hat, ist beim Publikum niemals populär geworden. Der Dichter ahnte es. Die Deutschen würden dieses Stück für "das langweiligste Produkt" seines Lebens erklären, sagte er zu einem Gesprächspartner. Dagegen wurde "Faust I" Goethes größter Erfolg. Dazu hat die Verwertbarkeit vieler Verse zu Geflügelten Worten beigetragen, vom "Uns ist ganz kannibalisch wohl als wie fünfhundert Säuen" der Studenten in Auerbachs Keller bis zum "Nachbarin, euer Fläschchen!" des schuldbeladenen Gretchens in der Domszene.

"Ach, neige, neige, du
Schmerzenreiche ...": Gret-
chen beim Gebet (Wilhelm
v. Kaulbach, 1859)

Und nicht zuletzt ein Missverständnis. Die Gretchentragödie, die breit ausgeführte, leicht eingängige "Liebesgeschichte eines Intellektuellen mit einer Kleinbürgerin", wie es Bert Brecht einmal genannt hat, ließ sich aus dem Zusammenhang lösen. Der bekannteste Fall: Charles Gounods Oper "Faust" von 1859, in Deutschland nicht ohne Grund unter dem Titel "Margarethe" bekannt. Vor Gretchens Schicksal konnte der Leser vergessen, dass es nur eine Station sein sollte in Faustens Weg "vom Himmel durch die Welt zur Hölle" und wieder zurück. Eine ausgezeichnete Station allerdings: Anders als Helena darf Margarethe als geläuterte Büßerin im Finale des Zweiten Teils wieder auftreten. "Komm, hebe dich zu höhern Sphären!", sagt die Himmelskönigin zu ihr, "wenn er (Faust) dich ahnet, folgt er nach." Trotz Gretchen: Die Kritik an Goethes "Faust" ist niemals verstummt. Aufklärer fanden darin Mystizismus, Romantiker Rationalismus, Fromme Blasphemie. Und alle miteinander stießen sich an den "Obszönitäten". Wenn die Moralisierer gewusst hätten, was an wieder getilgten Verse sich in Goethes Nachlass finden würde ... Mephisto in der Hexenszene auf dem Harz, mitten in der doch so zu Herzen gehenden Gretchentragödie, zu den "Ziegen": "Für euch sind zwei Dinge von köstlichem Glanz, das leuchtende Gold und ein glänzender Schwanz. Drum wisst euch ihr Weiber am Gold zu ergötzen und mehr als das Gold noch die Schwänze zu schätzen."

"O dass dem Menschen nichts
Vollkommnes wird ...": Faust
beschwört den Erdgeist (eigen-
händige Zeichnung Goethes)

 

Nun ja, es ist der Teufel, der so spricht. Ein Teufel, der am Ende des Stücks der Dumme sein wird und vorher doch so viel Kluges zu bemerken weiß, oft geradezu als Sprachrohr des Dichters. "Es war die Art zu allen Zeiten, durch drei und eins und eins und drei Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten" – Mephisto in der Hexenküche, ein Kommentar zu den logischen Schwierigkeiten der christlichen Dogmatik. "Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen" – über die Pedanterien im akademischen Wissenschaftsbetrieb. "Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft" – das zynische Kalkül des Teufels, Faust in seine Netze zu ziehen.

Die frömmelnden Kritiker hatten gar nicht so Unrecht: Goethes Mephisto ist vom Teufel der christlichen Dogmatik weit entfernt. "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft ..." Goethe orientierte sich an einem Buch des Alten Testaments, dem "Hiob", in dem Satan noch nicht das Radikal-Böse ist, sondern vielmehr ein Diener im himmlischen Hofstaat, der am Ende, auf Umwegen, doch noch den Willen Gottes verwirklicht. So endet der "Faust", der sich im Titel eine Tragödie nennt, denn auch nicht tragisch. "In dieser übrigens so äußerst platten Welt", schrieb Goethe in einem Brief, "kommt mir das Unversöhnliche ganz absurd vor."

Uraufführung 1829 in
Braunschweig

Mit dieser freundlichen Sichtweise auf das Ganze der Welt ist Goethe uns heute, nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, sehr fremd geworden. Katastrophen, an denen Faust nicht ohne Anteil war. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatten Generationen deutscher Germanisten den von Goethe so ambivalent gezeichneten Charakter zum nationalen Genius der Deutschen verklärt, ein Genie jenseits aller Moral, mit Gretchens Schicksal als einem beiläufigen Kollateralschaden, wie man heute so sagt. Während des Zweiten Weltkriegs gestaltete Thomas Mann in seinem Roman "Doktor Faustus" das alte Thema zum Symbol deutschen Rückfalls ins Primitive um. Es muss für den Goethe-Verehrer Thomas Mann eine schmerzliche Einsicht gewesen sein: Der Humanismus, wie er nicht nur Goethe, sondern auch dem fiktiven Erzähler des Romans eine Herzenssache war, hatte diesem Rückfall wenig entgegenzusetzen, fast nichts.


Mehr im Internet:
Faust I - Wikipedia
Das Volksbuch vom Doktor Faustus, scienzz 10.02.2005 
scienzz artikel Deutsche Literatur der Goethezeit




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

 

 

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